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„Die lassen uns verrecken und ausbluten“

Kristina Kolenkovic betreibt seit 2018 das Stadtcafé in Forchtenberg. Auch sie ist wie so viele andere von den monatelangen Schließungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie betroffen. Nun hat sie auf ihrer Facebook-Seite ein emotionales Video gepostet, mit dem sie auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam machen will. „Wir haben im Café alle Regeln beachtet“, sagt sie im Gespräch mit GSCHWÄTZ. Bis sie wegen der Pandemie schließen musste, sei alles gut verlaufen. „Wir hatten keine Kontaktnachverfolgung.“

Konto von der AOK gepfändet

„Ich hab die Schnauze voll“, sagt Kristina Kolenkovic in dem Video unter Tränen. „Für alle, die noch glauben, hier ist alles toll und wir kriegen so viel Geld und es geht uns so gut: Nein, uns geht es nicht gut. Ich habe gestern eine Förderung vom September 2020 bekommen. 2.000 Euro.“ Heute kam ein Anruf von ihrer Bank: Die AOK habe ihr Konto gepfändet. Obwohl sie der Krankenkasse zwei Wochen vorher einen Brief geschrieben hat mit der Information, dass sie die Beiträge für ihre Mitarbeiter erst bezahlen kann, wenn sie die Förderung erhalten hat.

„Das ist unmenschlich und herzlos“

Fünf Minijobber und eine Festangestellte arbeiten im Stadtcafé, insgesamt handelt es sich um eine Summe von 1.000 Euro. „Dabei ist der Januar noch nicht einmal beantragt“, so die Gastronomin weiter. Deshalb habe sie die AOK um Stundung gebeten. Der Sachbearbeiter erklärte ihr aber, dass das nicht gehe und schlug stattdessen eine Ratenzahlung vor. „Bevor er pfändet, hätte er auch mal anrufen können“, moniert sie. Das Verhalten des Mannes sei für sie einfach nur unmenschlich und herzlos.

„Es reicht, es reicht, es reicht“

In dem Video bricht es mit Galgenhumor aus der zweifachen Mutter heraus: „Tja, die nächste Förderung ist weg, liebe Verpächter, lieber Steuerberater – ihr müsst noch ein bisschen warten.“  Sie sei eigentlich kein Mensch für Videos, aber „es reicht, es reicht, es reicht“. Und: „Das Video soll für alle sein, die ihren Mundschutz tragen und meinen, sie retten damit die Welt und alles ist hier in Deutschland in Ordnung und uns Selbstständigen geht es ja so brillant, weil wir ja so viel Geld kriegen.“

„Das macht die Nerven kaputt“

„Nein, die lassen uns verrecken und ausbluten.“ Das sei kein Scherz, aber keinen würde das interessieren. „Wie kann man im Lockdown Gastronomen, die seit sechs Monaten kein Geld verdienen, pfänden?“, fragt die 34-Jährige in dem Facebook-Post. Sie habe jetzt auch keine Lust mehr auf „Liebe, Frieden und Freiheit“. Es sei schlicht „zum Kotzen“. Es sei für sie demütigend und es gehe an ihre Substanz und mache die Nerven kaputt. Jedem Unternehmer, von dem sie höre oder mit dem sie rede, gehe es genauso.

„Wir müssen zusammenhalten“

Und Kristina Kolenkovic stellt die Frage in den Raum: „Wie lange wollen wir das machen? Bis wir alle aufgeben und tot sind?“ Ob schon mal jemand darüber nachgedacht habe, „was wir dann machen“? Doch sie gibt auch ihrer Hoffnung Ausdruck: „Dass wir endlich zusammenhalten, Hand in Hand.“ Man müsse nicht heute schon alle Maßnahmen aufheben, aber man „muss menschenwürdige und überlebensmögliche Maßnahmen machen“. Und nicht den Menschen, die eh schon am Boden liegen, nochmal eins obendrauf geben. „Uns geht’s doch schon beschissen genug.“

„Ich zahle der Reihe nach“

Die Café-Betreiberin will sich nicht unterkriegen lassen, aber es werde Zeit, „dass sowas mal publik wird“. Mittlerweile hat ihr der AOK-Mitarbeiter erklärt, dass sie bei der Krankenkasse einen Antrag für fünf Monate Stundung stellen könne. „Das hätte der auch gleich sagen können, telefonischen Kontakt gab es ja“, regt sie sich auf. „Ich zahle meine Rechnungen der Reihe nach, wie es geht.“ Der Verpächter mache ihr glücklicherweise keinen Druck.

Essen zum Mitnehmen

Aber auch die Anträge, die ein Steuerberater stellen muss, kosten Geld: jeweils zwischen 500 und 900 Euro. Sie gibt offen zu: „Ich habe ja jeden Monat Fixkosten, da ist das Konto grundsätzlich im Minus.“ Samstags und sonntags biete sie Essen zum Mitnehmen an: Frühstück, Mittagessen und Kuchen. Aber das decke bei weitem nicht alle Kosten. „Da habe ich für mich noch nichts verdient.“ Zum Glück sei ihr Mann nicht in der Gastronomie und verdiene sein Geld anderweitig.

„Das sind keine Kollateralschäden“

„Man gibt sich Mühe, in der Mitte zu bleiben, aber das musste auch mal gesagt werden“, erklärt die gelernte Hotelfachfrau ihren Ausbruch. Mittlerweile sei sie müde. „Das kostet sehr viel Energie.“ Zumal sie ja auch nichts für die Situation könne. „Es gehen so viele Existenzen kaputt, das sind doch keine Kollateralschäden.“ Und sie meint: „Unsere ganze Kultur ist kaputt.“ Ihr Appell dafür, dass sie ihr Café irgendwann endlich wieder aufmachen darf: „Die Leute müssen wieder selbst verantwortlich werden.“

Text: Sonja Bossert