„Am ersten Tisch habe ich geweint“
Im April 2021 hat sie für ziemliches Aufsehen gesorgt: In einem emotionalen Video-Post auf ihrer Facebook-Seite hatte Kristina Kolenkovic, Betreiberin des Stadt Café in Forchtenberg, auf ihre Situation in der Corona-Pandemie und nach monatelanger Schließung aufmerksam gemacht (GSCHWÄTZ berichtete unter https://www.gschwaetz.de/2021/04/22/die-lassen-uns-verrecken-und-ausbluten/). Ein paar Wochen später blickt die 34-Jährige optimistischer in die Zukunft, denn mittlerweile darf sie wieder Gäste in ihrem liebevoll eingerichteten Café empfangen: „Bis 30. Juni habe ich samstags und sonntags geöffnet, auch wenn ich noch nicht weiß, ob sich das überhaupt lohnt.“ Denn es sei schwierig zu kalkulieren.
„Angst, dass die Werte wieder hochgehen“
Dass sie wieder öffnen dürfe, fühle sich gut an, sie sei aber auch nervös und unsicher. „Ich habe Angst, dass die Werte wieder hochgehen“, sagt die zweifache Mutter. Ab Anfang Juli wolle sie wieder zurück zu ihren üblichen Öffnungszeiten: mittwochs bis sonntags ab 9 Uhr. Unter der Woche bis 17 Uhr und am Sonntag bis 16 Uhr. Montag und Dienstag sind Ruhetage.
„Ich wollte keine Zielgruppe“
Wer im Stadt Café drinnen sitzen möchte – beispielsweise unter der alten Leiter mit den Kronleuchtern oder auf dem grünen Samtsofa – muss über eins der drei G verfügen: genesen, geimpft oder getestet sein. Was eigentlich den Vorstellungen der gelernten Hotelfachfrau widerspricht: „Ich wollte keine Zielgruppe, zu uns sollte jeder kommen dürfen.“ Wegen der Corona-Verordnung musste sie allerdings schon Leute wieder wegschicken, denen nicht bewusst war, dass sie einen negativen Corona-Test brauchen. So kann sie knapp 30 Personen in ihren Gasträumen empfangen. Etwas anders sieht es auf ihrer großen Terrasse aus: Hier dürfen die Gäste mittlerweile ohne Test Platz nehmen. Und hier gibt es auch keine behördliche Grenze hinsichtlich der Anzahl. Allerdings müssen alle, die durch die Räume laufen, eine Maske tragen – natürlich auch die Bedienungen.
„Am ersten Tisch habe ich geweint“
Das erste Wochenende, an dem sie wieder geöffnet hatte, sei sehr emotional gewesen. „Am ersten Tisch, den ich bedient habe, habe ich geweint“, erzählt sie. „Alle haben es genossen – die Gäste und ich auch.“ Die Leute seien glücklich gewesen, wieder „Freiheit genießen“ zu können. Viele Touristen seien darunter gewesen und auch Gäste aus der näheren Umgebung. „Auch manche meiner Gäste hatten Tränen in den Augen. Es war komisch-schön.“ Auch mit ihren Mitarbeiterinnen hatte sie großes Glück: „Alle sind wieder mit dabei.“
„Ich bin auch betrieblich verschuldet“
Dennoch bleibt ein gewisser Rest an Unsicherheit: „Ruckzuck steigen die Zahlen wieder über 100“, meint sie. Für sie sei das realistisch. Außerdem: Die meisten Gastronomen bräuchten eine längere Vorlaufzeit, bis sie ihren Laden wieder öffnen könnten. „Doch die meisten sind nach der langen Schließzeit verschuldet, träge und psychisch labil“, findet die Café-Betreiberin. „Ich bin auch betrieblich verschuldet, privat zum Glück nicht.“ Ein Drittel ihrer Berufskollegen könnten mittlerweile noch nicht mal mehr Ware bestellen, weil sie kein Geld auf dem Konto haben, schätzt sie. Auch sie habe die staatliche Unterstützung für Januar noch nicht erhalten. „Erst im Mai gab es außerdem den Beschluss zum Unternehmerlohn“, sagt sie. Den Antrag für die Monate Januar bis Juni habe sie erst in der Woche zuvor gestellt. „Ich kenne keinen, der es schon bekommen hat.“
„Ich glaube aber nicht, dass die große Masse der Menschen betrügt“
Demnächst möchte Kristina Kolenkovic selbst Corona-Tests anbieten, hat eigens dafür eine Schulung gemacht. Dann könnten die Leute auch spontan zu ihr kommen. „Ich verstehe das, ich gehe selbst nur spontan aus“, erklärt sie. Die meisten Gäste kämen zwar getestet, aber viele verstünden das System nicht. „Hier geht’s ja noch, aber stellen Sie sich einen großen Biergarten vor“, gibt sie zu Bedenken. Hinzu komme, dass sie nicht wisse, was sie eigentlich darf: „Darf ich die Ausweise der Leute zur Kontaktnachverfolgung überhaupt kontrollieren?“. Schließlich müsse jeder weiterhin seine Kontaktdaten hinterlegen. Bis jetzt seien ihre Gäste „brav“ gewesen. Im vergangenen Jahr hätte sie einige „Donald Ducks“ gehabt. Doch sie findet ganz pragmatisch: Das Land habe die Regeln aufgestellt, nun solle es sich auch um die Einhaltung kümmern. „Ich glaube aber nicht, dass die große Masse der Menschen betrügt“, sagt sie.
„Jetzt will ich Menschen um mich herum haben“
„Jetzt freue ich mich tierisch auf den Sommer“, gibt die Café-Betreiberin zu. Sie wolle durchgehend öffnen und auch auf den Sommerurlaub verzichten. „Ich hatte in den vergangenen Monaten viele mentale Tiefpunkte, jetzt will ich Menschen um mich herum haben“, strahlt sie. Dann sei sie den ganzen Tag gut gelaunt. Im vergangenen Jahr sei eine gewisse Grundgereiztheit unter den Menschen spürbar gewesen. Jetzt aber sei null Unsicherheit da. „Keiner hat gemeckert“, sagt sie. „Die Leute wissen das jetzt eher zu schätzen.“
Text: Sonja Bossert

Das Stadt Café besticht durch seine gemütliche Atmosphäre, die an Omas gute Stube erinnert. Foto: GSCHWÄTZ

Für die Plätze auf der großen Terrasse brauchen die Gäste keine Corona-Tests. Foto: GSCHWÄTZ