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„Mobbing ist für Homosexuelle immer noch ein Thema“

Intersexuell, Transsexuell, Bisexuell: Erzieher Falk Sulek setzt sich für eine geschlechtsneutrale Sprache ein, damit sich jeder angesprochen fühlt. 
Die Gleichberechtigung aller Menschen – Gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts oder sexueller Neigung – sollte eigentlich für alle selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Wir sprachen mit Falk Sulek über die Gender-Queer-Thematik und über seine persönliche Situation. Der Erzieher und psychologischer Berater lebt und arbeitet in Künzelsau. 

GSCHWÄTZ: Herr Sulek, können Sie unseren Lesern die Begriff Gender und Queer erklären?
SULEK: Wollen wir die sexuelle Identität eines Menschen beschreiben, unterscheiden wir drei Kategorien: das biologische Geschlecht (Sex), das soziale und psychische Geschlecht (Gender) und das sexuelle Begehren (Desire). Der Begriff Queer wurde immer unterschiedlich definiert. Manchmal bezieht es sich nur auf schwul-lesbische Identitäten. In der Regel schließt er heute auch Bisexuelle, Trans*Personen sowie intersexuelle Menschen ein. Queer umfasst alle Menschen, die nicht den heteronormativen Regeln unserer Gesellschaft entsprechen.

 

GSCHWÄTZ: Wird über diese Thematik heutzutage häufiger gesprochen?
SULEK: In den aktuellen Medienberichten hört und liest man mehr darüber. Es gibt positive wie auch kritische Standpunkte.

 

Aber natürlich sind diese Leute ganz normal Teil der Gesellschaft.

 

GSCHWÄTZ: Ist das Thema ein Anliegen von Ihnen, weil Sie selbst schwul sind?
SULEK: Auch, aber nicht nur, denn es geht uns alle etwas an. Jeder sollte so leben und sich äußern können, wie es ihm entspricht. Es geht um Demokratie, Gleichberechtigung, Menschenrechte und die Akzeptanz von Vielfalt in unserer Gesellschaft.

 

GSCHWÄTZ: Gibt es in Hohenlohe eine Homosexuellen-Szene?
SULEK: Überall da, wo es Menschen gibt, die homosexuell sind, gibt es meist auch eine homosexuelle Szene. Aber natürlich sind diese Leute ganz normal Teil der Gesellschaft. Sie treffen sich und
tauschen sich untereinander aus. Aber das ist ja überall so. Szenen sind schließlich nichts anderes als soziale Netzwerke.

 

Für mich ist es wichtig, alle Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind.

 

GSCHWÄTZ: Wie sieht es mit Mobbing Homosexueller aus?
SULEK: Ich persönlich habe Mobbing in Hohenlohe so bisher noch nicht erfahren. Andere haben da vielleicht andere Erfahrungen gemacht. Mobbing ist für viele
Homosexuelle leider immer noch ein Thema. Aber hier ist man im Allgemeinen sehr offen. Für mich ist es wichtig, alle Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Wenn jemand meiner Person gegenüber eine kritische Meinung hat, kann ich das akzeptieren, solange er mir meine Würde lässt und meine Rechte nicht verletzt.

 

GSCHWÄTZ: Auch die Eltern in der Einrichtung, in der Sie tätig sind, gehen damit ganz normal mit um?

SULEK: Ich bin noch nie Eltern begegnet, die sich mir gegenüber negativ geäußert hätten. Auch die Kinder sind da sehr offen.

 

Gendergerechte Sprache hat für mich mit Gleichberechtigung zu tun

 

GSCHWÄTZ: Sie haben kritisiert, dass die Medien – auch unser Magazin – Leute ausschließen, da sie nur die männliche Terminierung verwenden.
SULEK: Mir ist aufgefallen, dass in der Personenbeschreibung mehrheitlich das generische Maskulinum auftaucht. Und ich frage mich, warum das so ist. Hat das einen Sinn? Ist das einem bewusst? Gendergerechte Sprache hat für mich mit Gleichberechtigung zu tun, aber auch mit einer wertschätzenden Ansprache und Angesprochen-Sein – und letzten Endes auch mit Inklusion und Geschlechtergerechtigkeit.

 

GSCHWÄTZ: Wie könnte eine Umsetzung aussehen?
SULEK: Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Man kann das Geschlecht neutralisieren – zum Beispiel die Teilnehmenden statt Teilnehmer. Oder man verwendet das Binnen-I, das die männliche und die weibliche Form einschließt. Der Gender-Star und der Gender- Gap schließlich versuchen, die Vielfalt der Geschlechter zu berücksichtigen.

 

Das ist für mich ein Ausdruck von Respekt.

 

GSCHWÄTZ: Und Sie glauben, dass sich dann niemand ausgeschlossen fühlt?
SULEK: Es ist zumindest ein wichtiger Schritt, einen wertschätzenden Umgang miteinander zu etablieren. Das ist für mich ein Ausdruck von Respekt.

 

GSCHWÄTZ: Fühlen Sie persönlich sich in Publikationen ausgeschlossen? 

SULEK: Ein Akt des Meinens ist misslungen, wenn diese Personen sich nicht angesprochen fühlen. Bei mir persönlich sind das beispielsweise Veröffentlichungen, die nur von Erzieherinnen sprechen, ich bin aber Erzieher und frage mich dann, warum bin ich nicht gemeint.

 

GSCHWÄTZ: Glauben Sie, dass sich das irgendwann durchsetzen wird?

SULEK: Ich würde mir wünschen, dass wir uns alle darüber Gedanken machen, wie wir Diskriminierung abbauen und verhindern können und welche wichtige Rolle die Sprache dabei spielt. Es wird aber immer Personen geben, die das nicht für wichtig erachten.

 

Hintergrund:

Falk Sulek hat vor einiger Zeit auf unserer Facebook-Seite unser GSCHWÄTZ kommentiert. Er findet es bedauerlich, dass wir nur männliche Leser ansprechen, etwa nur „Schüler“ anstatt auch
„Schülerinnen“ schreiben. Wir haben ihn gefragt, ob wir ihn zu diesem Thema interviewen dürfen. Falk Sulek war ein sehr angenehmer Gesprächspartner, nichts desto trotz gehen auch in unserer
Redaktion die Meinungen zu diesem Thema auseinander. Sie lesen nun einen Kommentar von unserem Redaktionsmitglied und Oberstudienrat a.D. Jürgen Bitsching:

 

Gleiche Toiletten für alle

 

Die deutsche Sprache ist schön und im Allgemeinen verständlich, zeigt aber im Gegensatz zur englischen Sprache eine Schwierigkeit: die geschlechtergerechte Sprache. Es geht um die männliche Form als Bezeichnung für alle gemeinten Personengruppen. Mit dem so genannten Splitting hat man schon im 19. Jahrhundert beide Geschlechter gesondert angesprochen (Schüler(innen)). Es
folgte in den 1960er Jahren eine Schreibweise mit Schrägstrich (Schüler/-innen). Der zweiten Frauenbewegung seit den 70-er Jahren reichte dies nicht, um auch Frauen gebührend mit einzubeziehen und entwickelte das Binnen-I (SchülerInnen). Damit wurde der Unterschied zwischen Männlichem und Weiblichem beachtet, nicht jedoch alle anderen Geschlechterformen – so jedenfalls die queere Kritik. Falls sie diesen Begriff nicht kennen: Queer kommt aus dem Englischen und benennt Personen, die von der sexuellen Norm abweichen, so wie Transgender und Transsexuelle. Das sind Menschen, die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau festlegen.

 

Gendersternchen im Koalitionsvertrag mit der SPD und den Linken

 

Nun haben die Grünen auf ihrem Parteitag in Berlin beschlossen, sich um dieses Problem zu kümmern, weil diese Gruppe bisher unsichtbar gemacht und somit diskriminiert würden. Ein Genderstern, der für alle möglichen Geschlechterformen steht, soll Abhilfe schaffen, und das funktioniert so: Die Politiker*innen. Schüler*innen usw.. Emsig und im Bewusstsein moralischer Notwendigkeit wurde dann auch das Gendersternchen im Koalitionsvertrag mit der SPD und den Linken auf 251 Seiten 298mal verwendet. Der neue Berliner Justizsenator Dirk Behrendt will „weitere Hürden im Alltag beseitigen“: Statt wie bisher getrennte Toiletten für Männer und Frauen soll es Unisex-Toiletten geben, damit sich keiner mehr über Diskriminierung beklagen kann. So müssen sich die wenigen Transvestiten nicht mehr entscheiden, auf welche Schüssel sie sich setzten sollen. Wie denkt wohl die Mehrheit der Berliner*innen darüber, die sich eindeutig entweder als Mann oder als Frau fühlt?

 

Erschienen in unserem Print-Magazin Ausgabe 05 / März 2017.