„Das Schlimmste für uns alle ist: Wir müssen teurer werden. Und es wird dann für jeden Endverbraucher nochmal teurer“
Auf den ersten Blick abgelegen ist das Areal der Spedition Hamprecht in Kemmeten. Dort führt Rolf Hamprecht das Familienunternehmen, das schon sein Urgroßvater, Großvater und Vater geführt haben, weiter. Auch sein eigener Sohn arbeitet bereits im Unternehmen mit.
Kleinere mittelständische Spedition
25 LKWS fahren unter dem Namen des 64-jährigen, die Marktnische, die er bedient, ist der Verkehr in die Seehäfen und von den Seehäfen. „Es ist für mich wichtig, dass ich irgendwelche Nischenprodukte mache“, sagt er – denn als kleine Spedition kann er mit den „Großen“ der Branche nicht einfach mitschwimmen.
Zulieferern fehlen Teile
Spediteure merken es sehr schnell, wenn es der Wirtschaft gut oder schlecht geht – die Transportanfragen nehmen dann zu – oder eben ab, und so bemerkt Hamprecht: „Wir merken es relativ bald, weil wir sehr viele Seefracht-Vorläufe machen nach Hamburg, Bremen, Bremerhaven. Und da haben wir seit sechs sieben Wochen schon leichte Rückgänge und die Rückgänge werden immer mehr und drastisch. In den letzten 2 Wochen fahren wir noch mit drei LKW Hamburg, wo wir im Durchschnitt mit sechs LKW fahren, weil das Aufkommen in diesem Bereich schon relativ stark gesunken ist. Es ist halt auch das Problem, dass den Lieferanten sehr viele Zulieferer Teile fehlen und sie die Endprodukte nicht fertigstellen können.“
Alle Branchen betroffen
Dieser Rückgang ist nicht auf einzelne Branchen beschränkt, denn er fährt nicht nur spezielle Güter, sondern „alles. Alles, was mit Export zu tun hat, ob das Papier ist, ob das Maschinenteile sind, ob das Montage-Artikel sind, ob das Kunststoffe oder Ventilatoren sind. Es ist egal, was.“
Eine Nische, in der man Geld verdienen kann
GSCHWÄTZ: Vor der Corona- und der Kraftstoff-Krise, wie war das Standing im Markt als kleine Spedition? Gibt es irgendwas, wo Sie sagen, das kann ich viel besser als ein Großer und deswegen kann ich da auch mein Geld verdienen?
Rolf Hamprecht: Ich habe den Vorteil, dass ich direkt wirken kann, dass ich nicht über viele andere Schienen was abklären muss. Ich sage ja oder nein. Und ich kann auch nach Lösungen schauen, wo es die anderen Systeme einfach nicht möglich machen, weil da ein gewisser Ablauf herrscht. Und da kann ich kurzfristig anders reagieren und kann den Kunden zufriedenstellen. Es ist für mich wichtig, dass ich irgendwelche Nischenprodukte mache. Ich möchte auch nie ein Fotokopierer sein, sondern ich möchte einfach meine Eigenentwicklungen machen und das machen, wo ich merke, was die anderen vielleicht nicht so können.

Heute fährt Hamprecht mit modernen LKWS. Die Qualität der Fahrerkabine ist ihm wichtig. Foto: GSCHWÄTZ
In seinem Unternehmen stellt er die Sendungen, die meist kleiner sind als ein ganzer Container so zusammen, dass die Abladeorte im Hafen optimiert werden: „Das sind lauter LCL-Sendungen [less than container load, Red.], also Stückgut-Sendungen, die in Hamburg zu FCL-Sendungen [full container load, Red.], also zu Containern zusammengestellt werden.“ Das sei seine Nische, meint er: „Fahren können andere auch. Der Gedankengang bei mir ist, dass ich hier Waren von vielen verschiedenen Firmen sammle und diese auf möglichst nur 1 bis 2 Ladestellen pro LKW umwandle als Synergie.“
Flexibilität als Marktvorteil
Seine Flexibilität bringt seinen Kunden direkte Vorteile: „Wenn bei mir um 16:00 noch ein Kunde anruft, habe ich noch die Möglichkeit, dass das morgen früh um 6:00 in Hamburg sein kann. Da kann ich mich selber drum kümmern, was bei großen Dienstleistern etwas schwieriger ist, dieses umzusetzen. Und das sind auch meine Synergieeffekte: Ich kann da ganz anders reagieren. Ich kann zum Beispiel auch eine Sendung von Rottweil morgen früh in Hamburg haben, weil ich die einmal bei mir im Lager umschlage und der Fahrer mit voller Arbeitszeit vom Hof fährt.“ Die Fahrt von Kemmenten nach Hamburg dauert zwischen 7.5 und 8.5 Stunden, je nach Verkehr. „Somit habe ich keine Arbeitszeitproblematik und unsere Fahrer können es sauber abwickeln.“
Kemmeten als Standortvorteil
Das kleine Kemmeten bietet also einen Standortvorteil, da die Fahrer direkt und ohne die gesetzlich vorgeschriebene lange Pause die Seehäfen anfahren können.
Auf eigenen Füßen bleiben
Einem der großen Logistik-Netzwerke hat er sich deshalb auch nicht angeschlossen: „Da habe ich mich ferngehalten, weil ich mir sage, ich bin da nur so gut wie das schwächste Glied in dem Netzwerk. Und ich kann unseren Kunden nicht irgendwelche Sachen versprechen, wenn ich vielleicht davon ausgehen muss, dass es morgen doch nicht ankommt, wenn ich es verspreche“
Klare Worte schaffen gegenseitiges Vertrauen
„Für mich ist wichtig, was ich nicht machen kann, dann muss ich leider Nein sagen. Aber mit dem Wort Nein finden wir sofort neue Lösungen.“
Der Dieselpreis
Rolf Hamprecht: Uns betrifft es zurzeit die neue Marktlage ganz besonders, weil wir ja doch von den Verbrennungsmotoren sehr abhängig sind. Und natürlich hat keiner gerechnet, dass sich in der kurzen Zeit der Kraftstoff so erheblich verteuert.
Weitere Optimierungen sind kaum möglich
Zur Zeit versuchen wir, das Optimale zu machen, aber wir haben schon immer nach großen Synergien geschaut, um schon immer nach CO2-Ersparnissen zu schaunen. CO2-Ersparnis heißt für uns, dass wir nicht leer fahren, wenn wir entladen haben, sondern auch schon Teilpartien mitnehmen, um nicht auf der Autobahn halb leer zu fahren. Aus diesem Grund ist es für uns jetzt natürlich noch schwieriger, einzusparen.
Die umweltfreundlichsten LKW stehen still
Wen es ganz hart trifft, das sind unsere Kollegen mit den LNG-LKW, den Gas-LKW. Die haben sich ja vieles erhofft, weil man mit diesen Fahrzeugen auch Maut sparen konnte. Aber die sind so teuer geworden, weil der Gaspreis so überdimensional angestiegen ist, dass man sich das zurzeit aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr leisten kann.
GSCHWÄTZ: Das heißt, die allermodernsten und allersaubersten LKWs stehen im Moment?
Rolf Hamprecht: Ja, dadurch müssen viele dieser neuen Fahrzeuge stehen bleiben. Diese Unternehmen haben natürlich auch was für die Umwelt getan, haben investiert. Nicht gerade wenig, da einer dieser LKW bestimmt einen Mehrpreis hat von 30-000 bis 40.000 Euro. Und die dürfen jetzt parken, weil man nicht mehr in der Lage ist, den Gaspreis zu bezahlen.
Jetzt wirds politisch
Die hohen Kraftstoffpreise spielen in alle Lebensbereiche hinein, weiß Hamprecht. Er selber ist betroffen, wenn die Industrie seine Preise nicht bezahlen will, betroffen ist natürlich die Industrie selber, aber letzendlich auch jeder Verbraucher:
Rolf Hamprecht: Ich verstehe natürlich auch die Industrie, dass sie nicht immer mehr bezahlen können, weil sie auch schon die Verhandlungen mit ihren Kunden, Endkunden oder Lieferanten schon getätigt haben. Und da wurde bei der Preiskalkulation natürlich auch der hohe Kraftstoffpreis nicht berücksichtigt, weil es im Voraus keiner wusste.
Preiseffekt für alle
Das Schlimmste für uns alle ist: Wir müssen teurer werden. Und es wird dann für jeden Endverbraucher nochmal teurer, weil das umgesetzt werden muß. Wir haben natürlich sehr gute Verbände und auch sehr gute Leute in den Verbänden. Die haben mit der Regierung schon mehrere Gespräche geführt.
Grüne Politiker in der Verantwortung
Aber leider ist unsere Regierung und derzeitige Regierung nicht bereit, irgendwelche Sachen zu unterstützen. Ob bundesweit ist oder landesweit, ist ganz egal, weil die grüne Bundesregierung sagt: Wir wollen doch eigentlich, dass 2 bis 3 Euro für den Liter Diesel oder Benzin bezahlt werden muss. Wir wollen ja, dass weniger gefahren wird. Das ist ja alles okay. Aber diese Schritte kann man nicht innerhalb von drei Monaten umsetzen, weil da die ganze Infrastruktur gar nicht passt.
Und das nächste ist: Der grünen Regierung ist ja nicht mal klar, wer die ganzen Steuern bezahlt. Da sind Leute gewählt geworden, die wissen nicht, wie hart es ist, Gewinne zu tätigen und einen gewissen Erfolg zu haben. Da kommt nur die Aussage von ein paar Politikern, Deutschland ist ein reiches Land. Wir müssen gucken, dass wir wieder nach vorne kommen, dass nicht die anderen Industrieländer vorne sind, sondern dass Deutschland wieder vorne dabei war, wie früher auch.
GSCHWÄTZ: Also, ich schließe daraus, dass Sie bei der letzten Wahl eher nicht die Grünen gewählt haben.
Rolf Hamprecht: (lacht) Auf keinen Fall, weil ich auch schon wusste, in welche Richtung es geht.
GSCHWÄTZ: Wo steht denn Deutschland von der Gesamtwirtschaft her? Wo sollte denn Deutschland investieren? In welche Bereiche, damit es wieder nach vorne geht in Deutschland?
Rolf Hamprecht: Als erstes muss die Denkweise sich verändern. Es müssen in manchen Berufen die Mitarbeiter anders akzeptiert werden. Die Bezahlung sollte gleichmäßiger sein, nicht hohe Bezahlung und niedrige Bezahlung. Wir haben verschiedene Sparten, in denen noch ein hoher Jahresbonus gezahlt wird. Die niedrigbezahlten Leute kaufen sich dann irgendwann ein überteuertes Auto – und diese Leute stehen dann da und zahlen jahrelang ab und da passt das ganze Verhältnis nicht mehr. Die Akzeptanz der Menschen muss anders werden. Und auch die Bereitschaft der Mitarbeiter muss besser werden, dass man wieder mehr bereit ist zum Arbeiten. Sonst werden wir die Zukunft in Deutshland einfach nicht mehr positiv gestalten können.
GSCHWÄTZ: Was erwarten Sie denn von der Bundesregierung an Förderungsmaßnahmen zur Förderung der Wirtschaft, die sowohl Wirtschaft als auch Speditionen unterstützen könnten?
Rolf Hamprecht: Wir brauchen dann einen Industrie-Diesel oder einen Industrie-Kraftstoff, den wir in der Wirtschaft und auch in den beteiligten Verkehren nutzen können. Es muss für jeden den gleichen Marktvorteil geben, um wieder motiviert und positiv arbeiten zu können. Und wenn wir jetzt noch mehr Fahrzeuge verlieren – wie ich mitbekommen habe, wollen einige Spediteure kurzfristig oder in den nächsten zwei, drei Jahren aufhören – dann fehlt uns am Markt eine ganz große Menge.
GSCHWÄTZ: Der LKW mit alternativen Energieformen, sei es Wasserstoff, sei es Strom in welcher Form auch immer, bis wann sehen Sie den als marktreif und konkurrenzfähig gegenüber dem Diesel?
Rolf Hamprecht: Es ist so, es wird noch bis 2024 oder 2025 dauern, denn der Strom wird für uns im Sektor LKW keinen großen Wert haben. Vielleicht im Stadtverkehr. Aber was soll ich produzieren, wenn ich nicht mal weiß, wo ich die Batterie entsorgen soll? Und wir geben zurzeit bei den Entwicklungen Geld aus, wo es gar keinen Sinn macht. Ich begreife es nicht. Das einzige, was in Zukunft Sinn macht, ist eigentlich Wasserstoff. Aber man muss mal ganz deutlich sagen: Der Diesel ist zurzeit so sauber und wird niedergemacht von Politik. Ich weiß gar nicht … wenn man etwas Gutes hat, warum muss man da noch Geld kaputt machen? Es gibt einen Sprit, der 0,10 € teurer ist, der raucht nicht mal mehr. Das sind Kraftstoffe, die einfach hergestellt werden können ohne das man die Erde belasten muss mit Entsorgung von Batterien. Viele Menschenleben müssen leiden unter der Herstellung von Batterien. Ich weiß gar nicht, wer das verantwortet oder wer das verantworten soll.
GSCHWÄTZ: Reden Sie da von dem Care Diesel? [GSCHWÄTZ berichtete]
Zusammen umdenken
Rolf Hamprecht: Ja, genau.
Ich denke einfach, wir müssen alle zusammen umdenken. Das heißt, dass ich die Meinung von jedem schätze, aber man muß den Anderen auch mal erklären, dass es aus dem oder dem Grund nicht geht.
Familientradition soll erhalten bleiben
GSCHWÄTZ: Kommen wir zu einem anderen Thema: Kemmeten ist weit vom Schuß – haben Sie irgendwann einmal daran gedacht, woanders etwas aufzubauen?
Rolf Hamprecht: Kemmeten ist ganz dicht bei einem meiner größten Kunden – und in dieser Zusammenarbeit ist Nähe wichtig, darauf legt auch der Kunde großen Wert. Ich habe mir aber trotzdem Standorte im Kochertal angesehen. In den reichen Kochertalgemeinden: Niedernhall ist reich, Forchtenberg wird bald reich – nur Ingelfingen hat’s verschlafen. Aber ich gehöre zu Küau.
GSCHWÄTZ: Jetzt ist es ja auch so, dass die Spediteure den Markt immer mehr unter wenigen ausmachen wollen und viele kleinen Spediteure in einer Aufkaufwelle, zumindest bis vor Corona, aufgekauft wurden. Wie sieht es bei Ihnen aus? Hatten Sie solche Angebote auch schon?
Rolf Hamprecht: Ja, ich habe schon Angebote gehabt, aber ich möchte einfach das Unternehmen noch weiterführen, weil mein Junior Interesse hat. Und dem möchte ich das nicht verbauen. Der soll es in späteren Zeiten selber mal entscheiden, wie er das weiter ausbaut oder weniger macht. Das muss er die nächsten 2 bis 3 Jahre selber entscheiden.
Das Interview führte Matthias Lauterer




