Keiner will den Stempel haben: Ich komme aus einer sozial schwachen Familie
In unserem Kandidatencheck zur baden-württembergischen Landtagswahl am 14. März 2021 stellen wir Ihnen heute den SPD-Kandidaten für den Wahlkreis Hohenlohe vor. Im Videochat mit GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann spricht Patrick Wegener über seine bewegte Kindheit, Pannen beim Homeschooling, Künzelsaus Privatschule und über alleinerziehende Mütter, die eine politische Lobby brauchen.
GSCHWÄTZ: Herr Wegener, auf Ihrer Internetseite kann man nachlesen, dass Sie, obwohl Sie erst 26 Jahre alt sind, bereits einige politische Erfahrung sammeln konnten, unter anderem sind Sie seit 2014 im Gemeinderat Öhringen, Sie arbeiten für den Bundestagsabgeordneten Josip Juratovic, sind an Universitäten tätig. Aber Sie geben darüber hinaus auch ganz offen sehr private Einblicke auf Ihrer Internetseite. Ihre Mutter war alleinerziehend und kam kriegsbedingt von Kroatien nach Deutschland. Inwieweit hat Sie das geprägt?
Keine politische Lobby für alleinerziehende Mütter
Wegener: Wenn ich mich mit meiner Mutter darüber unterhalte, wie das Ankommen in Deutschland damals in den 90er Jahren war, lernt man auch viel über eine Gesellschaft und eine Zeit, die sich 2015 [Anm. d. Red.: Flüchtlingskrise] ein bisschen wiederholt hat. Bei der Auswahl der Partei, war für mich klar, dass eine alleinerziehende Mama, die immer das Gefühl hat, keine politische Lobby zu haben, dass die SPD eine Partei ist, die solche Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Er saß im Deutschförderkurs und dafür gab es eigentlich keinen Grund
GSCHWÄTZ: Haben Sie persönlich Benachteiligungen gespürt als Kind einer Alleinerziehenden – auch im Hinblick auf Bildungschancen?
Wegener: In der sechsten Klasse sollte ich in den Deutschförderkurs geschickt werden. Warum das so war, weiß ich bis heute nicht. Eine Gesellschaft, die Menschen nur auf den Namen und die Herkunft reduziert, ist verdammt arm und verbaut sich sehr viele Chancen.
Bildungsschere klafft während dem Corona-Homeschooling weiter auseinander
GSCHWÄTZ: Es gibt auch diverse Studien, die darauf hinweisen, dass die Bildungsschere zwischen ärmeren und reicheren Familien im Corona-Homeschooling noch weiter auseinanderklafft. Wie sehen Sie das?
Wegener: Das würde ich unterstreichen. Wir sehen gerade beim Homeschooling die ungleichen Startbedingungen von Schüler:innen. In vielen Gesprächen habe ich festgestellt, dass es oft schon ein Problem ist, dass kein Drucker zu Hause vorhanden ist, weil vorher keiner gebraucht wurde. Man ist automatisch davon ausgegangen, dass die Menschen zu Hause einen Drucker haben. Der ein oder andere hat ein Lap Top zu Hause. Aber habe ich zwei Kinder, kann ich diese nicht parallel auf einem Endgerät arbeiten lassen. Deswegen brauchen wir starke staatliche Schulen, die bestens ausgestattet sind, damit jedes Kind ein optimales Lernumfeld vorfindet. Ich finde es richtig, dass Kinder, deren Familien sich die digitalen Endgeräte fürs Homeschooling nicht leisten kann, diese von der Schule bekommen. Aber mein persönlicher Anspruch ist, dass jedes Kind so ein Gerät über die Schule bekommt, damit eben nicht klar hervorsticht, welches Kind aus einer sozial schwachen Familie kommt. Diesen Stempel will keiner haben.
Keiner will den Stempel haben: Ich komme aus einer sozial schwachen Familie
GSCHWÄTZ: Sie waren vor kurzem auch in Künzelsau und haben sich das neue Sportzentrum, das hier gebaut wird, angeschaut. Dabei haben Sie Künzelsau gelobt, weil Eltern hier keine Kitagebühren zahlen müssen. Das möchten Sie gerne flächendeckend in Baden-Württemberg umgesetzt haben. Wer soll das denn bezahlen?
Wegener: Politik ist vor allem eine Frage der Prioritätensetzung. Ich möchte einfach nicht, dass ein Ortsschild darüber entscheidet, welche Bildungschancen ein Kind hat. Zudem werden durch eine gebührenfreie Kita Eltern effektiv entlastet. Frühkindliche Bildung beginnt nun mal im Kindergarten. Ich finde, das Land sollte dieses Geld setzen, weil wir nur dann stark sind, wenn wir die Ressourcen wirklich nutzen und fördern, die wir haben. Und das sind unsere Kinder. Bildung muss kostenfrei sind und qualitativ hochwertig und da ist Künzelsau ein gutes Beispiel, weil die Stadt einerseits die kostenfreien Kitas haben und andererseits trotzdem weiterhin in die Qualität investiert.
„Ein Ortsschild sollte nicht darüber entscheiden, welche Bildungschancen ein Kind hat“
GSCHWÄTZ: Wir haben hier auch eine sehr bekannte Privatschule in Künzelsau, die Anne-Sophie-Schule. Auch Politiker melden ihre Kinder hier an und nicht an staatlichen Schulen. Müssten die Politiker hier nicht mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Kinder auf die staatlichen Schulen schicken?
Wegener: Grundsätzlich glaube ich, dass man eine Wahlfreiheit braucht. Jeder soll entscheiden, welchen Weg sein Kind gehen soll. Ich möchte eigentlich, dass keine staatliche Schule im Schatten einer privaten Schule steht.
„Keine staatliche Schule sollte im Schatten einer Privatschule stehen“
GSCHWÄTZ: Finden Sie, dass im Zuge der Coronapandemie die Schulen genug gefördert wurden vom Land?
Wegener: Man sieht, dass aktuell mehr Geld ins System fließt. Aber ich war auf dem HGÖ [Anm. d. Red.: staatliches Gymnasium in Öhringen] und ich habe jahrelang gesehen, in welchem Gebäude wir unterrichtet werden. Und ich saß auf Stühlen, auf denen teilweise schon mein Onkel saß. Das ist ein Beispiel dafür, dass unsere Schulen vielleicht nicht genug Geld in der Vergangenheit gehabt haben, um ihre Gebäude und den Unterhalt zu finanzieren. Und da sind wir bei den Kommunen, die als Träger dieser Schulen in der Pflicht stehen, dafür Sorge zu tragen, dass diese Schulen gut ausgestattet sind. Wir bräuchten vielleicht mehr Geld im System. Wir bauen in Öhringen derzeit ein neues Hohenlohe-Gymnasium für 45 Millionen Euro und es gibt auch Landesförderung hierfür. Es wäre zu kurz gedacht, wenn wir sagen, das überlassen wir allein den Kommunen in der Trägerschaft, weil klar ist, dass wir bei 45 Millionen Euro im Gegenzug dafür das ein oder andere, was daneben noch anstünde, nicht berücksichtigen können. Corona zeigt uns vor allem eins: wo unsere Defizite sind. Es bringt halt nichts, und das sagt mir auch der ein oder andere Schulleiter, wenn jeder Schüler ein digitales Endgerät bekommt, das W-Lan zu Hause ausbaut, aber am Ende die Schule an einem Kupferkabel hängt und darüber nicht genug Leistung reinkommt. Da bräuchten wir einen Glasfaserausbau in der Fläche und ich wünsche mir, dass auch jeder Haushalt einen Glasfaseranschluss bekommt.
Am Ende scheitert das Homeschooling am zu schwachen Kupferkabel in der Schule
GSCHWÄTZ: wobei Sie da ja im Gleichklang mit vielen Parteien sind, unter anderem mit der FDP, die das auch dringend fordert.
Das war der erste Teil des Videotinterviews mit Patrick Wegener von der SPD. Weitere Teile unter anderem zum Thema bezahltes Ehrenamt folgen.
Zur Person Patrick Wegener
Patrick Wegener ist 26 Jahre alt und ist bereit mit 19 Jahren (2014) in den Stadtrat Öhringen gewählt worden, wo er seitdem aktiv ist. Seit 2019 ist er zudem Fraktionsvorsitzender der SPD-Fraktion im Öhringer Gemeinderat. Daneben ist er Referent bei Josip Juratovic, dem SPD-Bundestagsabgeordneten von Heilbronn sowie Lehrbeauftragter in Jena und Ludwigsburg. Der Landtagskandidat der SPD im Wahlkreis Hohenlohe 21 ist bei seiner alleinerziehenden Mutter groß geworden, die kriegsbedingt in den 1990er Jahren aus Kroatien nach Deutschland kam. Er tritt unter anderem ein für Chancen- und Bildungsgerechtigkeit. Mehr Informationen: https://patrick-wegener.de/ueber-mich/
Kandidaten, die wir in einem ersten Videochat bereits vorgestellt haben, sind: Arnulf von Eyb (CDU), Catherine Kern (Die Grünen), Anton Baron (AfD)









