Nach 30 Tagen hängt man sich Kochlöffel um den Hals und trommelt damit auf einer Gurkenreibe, die am Bauch baumelt
Ein TikTikok-Video, das derzeit viral geht, zeigt eine Mutter, die diverses Küchengeschirr an ihrem Bauch baumeln hat: zwei Töpfe an Schnüren hängend vor ihren Brüsten, eine Gurkenreibe an einer Schnur befestigt an ihrem Bauch, mit Kochlöffel trommelt sie auf den Töpfen und der Gurkenscheibe ein Lied, während sie durchs Wohnzimmer marschiert. Der Ehemann sitzt auf der Couch und kann kaum glauben, was seine Frau da macht. Betitelt ist das das Ganze mit: Nach den Sommerferien ist vor den Sommerferien.
Die Sommerferien. Der August. Am 23. Tag dieser Ferien hat man dann als Eltern gefühlt auch so alles durch, was das kreative Repertoire hergibt – Freizeitpark, Spaßbad, backen, wandern, Maislabyrinth, Kino, Gesellschaftsspiele, auf die irgendwann mal so gar keiner mehr Lust hat, dazwischen noch ein Urlaub (must have in der heutigen Zeit) und nebenbei arbeiten – und noch immer liegen zwei Wochen Sommerferien vor uns. Der August ist der Horrormonat vieler Eltern in Baden-Württemberg – weil der Spagat zwischen Ferien, Freizeit, täglichem Animationsprogramm für den Nachwuchs und parallel oftmals arbeiten – stark an den Corona-Spagat von vor drei Jahren erinnert.
Nur dass dieser Spagat Eltern jedes Jahr aufs Neue bevorsteht. Denn Deutschlands Bildungswelt hat es noch immer nicht geschafft, wie in anderen Ländern adäquate Ferienprogramme in diesen 6 Wochen anzubieten – mal ganz davon abgesehen, dass wir im Jahr in Baden-Württemberg insgesamt auf über 14 Wochen Ferien kommen – also 3,5 Monate. Umgerechnet sind das 105 Ferientage – bei 30 Tagen Urlaub, wenn man als Arbeitnehmer bei einem Unternehmen beschäftigt ist, wie die meisten Deutschen (und nicht etwa selbstständig).
Glücklich das Doppelverdiener-Ehepaar, das sich dann abwechseln kann mit Urlaub und so auf bis zu 60 abgedeckte Ferientage kommt (was aber immer noch nicht reicht) und/oder die Großeltern mit einbeziehen kann. Auch das Hausfrau/Haumann-Modell kann diese hohe Anzahl an Ferien abdecken. Aber viele andere können es nicht. Etwa Alleinerziehende, die nur 30 Tage Urlaub on the wohle zur Verfügung haben.
Wie soll das funktionieren, will man nicht irgendwann mit einer Gurkenreibe um den Bauch hängend das Animationsprogramm für die Kids trommeln, während man gedanklich schon beim nächsten Geschäftsmeeting ist?
Die Schulen und Kindergärten sind in der Hauptferienzeit geschlossen. Alternativprogramme gibt es seitens öffentlicher Bildungseinrichtungen kaum. Diese weisen nur ständig darauf hin, dass man einen „kontrollierten Medienumgang“ mit den Kindern pflegen soll, also sie nicht 8 Stunden vor einem medialen Endgerät parken, sondern optimalerweise auch noch jeden Tag idealerweise mit den Kindern lesen und ein paar Aufgäbchen von der Schule nacharbeiten soll. Die Praxis schaut – verständlicherweise oft ganz anders aus.
Wie Eltern diesen Tanz auf dem Vulkan meistern, interessiert in Deutschland, dem Land, das bekannt ist für familienfreundliches Auftreten (Achtung, Ironie) auch nicht wirklich.
Manche größeren Firmen auch im Hohenlohekreis bieten nun Activity-Wochen für die Kinder von ihren Arbeitnehmern an – damit die Arbeitnehmer adäquat arbeiten können in dieser Zeit. Das ist löblich, aber nicht jeder arbeitet bei einem derart fortschrittlichen Unternehmen.
Daher ist es an der Politik, Kinderbeschäftigungswochen, zumindest zwei, in den Sommerferien anzubieten oder zumindest staatlich zu fördern, wie etwa Reiterferien, Golf-Camps oder Wanderwochen. So einfach sähe im Grunde die Lösung aus, damit nicht jedes Jahr im August der gefühlte kollektive Zusammenbruch der Familien droht.