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„Meine linke Betthälfte ist leer, da wünsch‘ ich mir einen Traummann her“

Erfahrungsbericht einer Frau aus dem Kochertal (35) mit der Dating-App Tinder.

Eine 35-jährige ledige, karrierefixierte Mutter auf der Suche nach Prinz Charming und dem immer bleibenden Happy Ending der Liebe… so oder so ähnlich würde ich mich und meine aktuelle Lebenssituation beschreiben. Kurz gesagt: Mein linke Betthälfte ist leer, da wünsch‘ ich mir einen Traummann her.

Leider ist das in der heutigen Zeit der Unverbindlichkeit nicht so leicht. Wer will sich schon festlegen, wenn die Auswahl nach Alternativen so groß und dank der sozialen Medien sehr greifbar ist? Der Trend geht zu „friends with benefits“ – eine Freundschaft, die lediglich die Grenzen der Intimität überschreitet und zu „ONS“ (one night stand) – eine von vielen hippen Begrifflichkeiten für „eine Nacht mit dir ist ausreichend und Bedarf nicht der Wiederholung“.

Irreparable Schäden am Selbstbewusstsein

All diese schöne Unverbindlichkeit ist aus meiner Sicht der overkill für das Selbstbewusstsein. Für mich zumindest war es nach diversen Erfahrungen so…Meins ist noch immer in der Restaurationsphase – ein vollständiger Wiederaufbau kann nicht garantiert werden.

Nichtsdestrotrotz glaube ich an die wahre Liebe und den einen – gut, der war vermeintlich schon mal da, nicht umsonst war ich schon einmal verheiratet. Aber wer weiß, vielleicht ist da draussen noch mal ein anderer, der der eine werden könnte…wer weiss!

Nach monatelangem auf der Couch herumliegen, inklusive Netflix-Orgien, sank auch bei mir die Hoffnung, dass gewisser welcher bei mir an der Tür klopft.

Die Auswahl ist rar

Auch die Chancen beim Abends weggehen mit Freunden neue Kontakte zu knüpfen, sind sehr gering, da ich als Single-Mama mit einer 42-Arbeitsstunden-Woche und Haushalt selten weggehe und wenn es dann mal soweit ist, möchte man sich voll und ganz auf seine Freunde konzentrieren und sich nicht damit beschäftigen, ob der Typ an der Bar nun interessant ist oder nicht. Ausserdem steigen die Auswahlkriterien mit dem Alter und das Material ist rar.

Es bleibt nur eine Möglichkeit: Online-Singlebörsen! Da ich für kostenpflichtige Singlebörsen zu geizig bin und der Nutzen zu fraglich ist, gibt es für mich auch nur eine Alternative:
Der Klassiker Tinder. Gut, man hört von zwielichtigen Gestalten, die nur das eine wollen, aber in meiner Situation muss man an das Gute glauben. Es sind schließlich nicht alle gleich und vielleicht ist da jemand, der genauso denkt wie ich.

Wer will schon mit einer Lüge in eine neue Beziehung starten? Antwort: viele

Tag 1. Die Vorbereitungsphase. Erst einmal muss die App hierfür runtergeladen werden. Der einfache Teil der Geschichte… und schon startet die Profilerstellung. Der Kampf um das perfekte Wording und die Auswahl an Bildern, die dich in einem guten Licht darstellen sollen, aber auch nicht realitätsfremd sind. Wer will schon mit einem Fake in eine neue Beziehung starten? Hierbei sei gesagt: viele!

Nach meiner persönlichen Einschätzung und die der greifbaren Freunde habe ich meines Erachtens nach ein gutes Ensemble zusammengestellt, dass mich gut wiederspiegelt: ein Foto aus dem Urlaub am Meer, um meine Reiselust darzustellen, eins mit Dirndl, um meine Partyfähigkeit hervorzuheben und ein sehr natürliches Bild an einem Fluss mit Landschaft, um meine nicht vorhandene Outdoorfähigkeit aufzuzeigen. Ein Bild wähle ich tatsächlich nur aus, weil es witzig ist – ich mit Sonnenhut und leicht unvorteilhaft. Wir wollen ja die Erwartungshaltung nicht ganz hoch schrauben. Bilder mit meiner Tochter habe ich ausgelassen. Das gehört zu dieser Zeit noch nicht hierhin. Und nun zum Profilspruch, der alles über einen aussagen soll, der treffend sein sollte, witzig, charmant, nicht zu sexy, da man ja schon von Anfang Missverständnisse vermeiden will. Ich habe nach langem Überlegen letztendlich keinen angegeben und beschlossen, diesen Punkt auf einen anderen Zeitpunkt verlegen. Und schon geht’s los. Tinder sagt mir bereits, ich habe über hundert Männer, die mich „liken“. Erste Versuche, herauszufinden, wie das Ganze
funktioniert und wie ich die 100 sehen kann, scheitern.

Fühle mich geehrt und begehrt

Nach Rücksprache mit Tinderexperten im Freundeskreis erste Erkenntnis: Nichts ist umsonst im Leben. Auch Tinder hat eine Premiumversion. Es hilft also nichts, ich muss das selbst in die Hand nehmen. Erst einmal den Radius und das Alter der potentiellen Kandidaten einschränken und danach die erste Auswahl treffen und nach rechts swipen (man wischt am Smartphone nach rechts für „gefällt mir“ und nach links für „gefällt mir nicht“). Erste Fehlversuche und aus Versehen superliken (Inbegriff für: Du bist mein Traummann) mit inbegriffen. Zwei Stunden später habe ich meine Auswahl von 100 auf zehn dezimiert – man ist ja schließlich anspruchsvoll! Die ersten Matches trudeln ein und mein Handy pinkt unaufhörlich auf. Fühle mich geehrt und begehrt. Läuft bei mir!

Der erste schüchterne Blick auf die ersten Matches*. Ich sehe eindeutig Potenzial und wage mich auch schon soweit aus dem Fenster, um anderen die negative Meinung über Tinder auszureden.

Handynummern austauschen ist meist der Anfang vom Ende

Die ersten Nachrichten. Ich bin sowas von gespannt… Kandidat eins fängt schon mal sehr freundlich an und fragt mich, wie es mir geht. Kandidat zwei bis fünf auch. Scheint eine gängige Nachfrage zu sein. Small Talk kann ich und stell‘ die Gegenfrage, danach stockt die Unterhaltung oder bricht ganz ab. Das kann ganz schön langatmig werden. Kandidat sechs betritt den Ring: Auf charmante und witzige Art werde ich ausgefragt. Eine nette Unterhaltung bahnt sich an. Man tauscht Handynummern aus. Wie ich später lernen sollte, ist dies meist der Anfang vom Ende. Nun geht es über Whatsapp weiter. Doch schon allein das Profilbild macht mich stutzig. Der sah doch ganz anders aus. Der Nachfrage nach einem Bild wird sofort nach gekommen. Und schon ist die Bestätigung da. Bei der Auswahl seiner Profilbilder hat er sich auf Bilder festgelegt, die weit in der Vergangenheit liegen und nicht mehr das wiederspiegeln, wie er eigentlich aussieht.

Sah der auf den Fotos nicht ganz anders aus?

Kurze Info an den Kandidaten, dass man enttäuscht ist und der Kontakt wird abgebrochen. Der nächste Kandidat scheint aber würdig zu sein und man tauscht wieder Handynummern aus. Das Profilbild geht schon mal klar. Kurzer Austausch von Nettigkeiten und unerwartet wird das Niveau gesenkt. Der Kandidat stellt gezielte Fragen zum Thema Bedürfnisse und Vorlieben und tut seine ebenfalls unaufgefordert kund. Unterstrichen wird das ganze von einem netten Bild seines besten Stückes. Der Kandidat ist auch raus. Dies wird mir aber noch mehrmals passieren. Die Frage stellt sich mir immer wieder, wer das toll finden soll und warum Männer der Meinung sind, das wir das sehen wollen. Selbst eine gute Freundin, die Tinder für genau solche Unverbindlichkeiten nutzt, ist not amused und würde auch gerne auf solche Holzfällermethoden verzichten.

Wer will schon unaufgefordert des beste Stück sehen?

Für heute reicht es mir. Ich muss nochmal über die ganze Sache nachdenken und gebe mir für morgen nochmal eine neue Chance. Gute Nacht. …Korrektur: Die Nacht ist nicht gut. Die ganze Zeit pinkt es neben mir und Tinder teilt mir mit, dass ich viele neue Freunde habe und alle mit mir schreiben wollen. Nachts um drei schalte ich Tinder lautlos. Aber jetzt: Gute Nacht.

Tag 2.
Auf zu neuen Taten. Die letzte Nacht muss erst einmal aufgearbeitet werden. Kurzer Check in der Warensammlung, ob neues brauchbares Material geliefert wurde. Danach Kandidatenauswahl im Chatraum checken. Tinder kostet mich jetzt schon verdammt viel Zeit. Nach gestrigem Desaster, habe ich beschlossen, meine Auswahl auf drei Kandidaten zu beschränken.
Die finalen Kandidaten:
1: Kandidat Beziehung vor Kennenlernen
2: Kandidat Freundschaft plus
3: Der Absager

Kandidat eins. ein vermeintlich gut aussehender großer blonder Mann hängt noch immer von gestern in meiner Nachrichtenbox und fragt wieder erneut nach meinem Befinden. Muss diese Konversation unbedingt auf ein neues Level bringen. Nach dezentem Hinweis, dass dies ein sehr langatmiges Gespräch wird, wenn er nicht bald mehr wissen will, als wie es mir geht, bringt die Sache endlich voran. Handynummern werden ausgetauscht und ein erstes Abchecken durch Selfie hin- und herschicken bestätigt zum Glück auch die Identität von uns beiden und wir sehen beide so aus, wie im Profil angegeben. Ein netter Dialog entsteht, vorsichtig werden die Fragen gestellt, um die Checkliste für das Anforderungsprofil der vakanten Stelle als potentieller Lebensgefährte abzuarbeiten. Schnell merkt man, dass der Gegenüber das gleiche Verhalten an den Tag legt. Nach einstündigem Hin- und Herschreiben vertagen wir die Unterhaltung auf den nächsten Tag, da man ja auch noch ein Sozialleben hat.

Gehen Singlemänner anders vor als Singlefrauen? Und: Findet unsere Singlefrau ihren Traummann bei Tinder? … Die Fortsetzung lesen Sie in der GSCHWÄTZ-Oktober Ausgabe die es ab Donnerstag, dem 27. September 2018, zu kaufen gibt.