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„Wenn Politik schon am Versagen ist, dann müssen wir Bürger jetzt endlich liefern.“

Nachdem sie im ersten Teil des GSCHWÄTZ-Interviews über soziale Ökonomie gesprochen hat, gibt Sina Trinkwalder im zweiten Teil ganz viel von ihren inneren Überzeugungen preis, wenn sie über „Heimat“, die Entwicklung der bundesdeutschen Gesellschaft und die Möglichkeiten des Einzelnen spricht – und sie zeigt dabei Emotion.

GSCHWÄTZ: Ich würde ganz gerne noch auf deine Bücher, die das ja auch widerspiegeln…

Sina Trinkwalder: … ich schreibe grade schon wieder eines …

GSCHWÄTZ:  Um was geht es diesmal?

Sina Trinkwalder: Ein Plädoyer fürs Unternehmen. Und ich habe es extra so weit gefasst, weil Unternehmen das  Gründen mit einbezieht, aber auch wirklich, privat etwas zu machen. Einfach rauskommen aus dem Quark.

GSCHWÄTZ: Einfach etwas anderes machen?

Einfach nur etwas unternehmen

Sina Trinkwalder: Ja, denn die meisten Gründer … Du kannst auch im Beruf etwas unternehmen, die meisten machen ja nicht wirklich was, unternehmen nichts. Und wir wissen alle, wir würden so gerne, aber sie tun es dann nicht. Und da kann man sehr schön darüber philosophieren, wie es vielleicht doch geht. Aber das ist oft etwas, was, was mich die Menschen fragen: Mensch Meier, du machst jeden Tag was anderes und vor allen Dingen, Du machst es. Wie denn? Ja, es ist eigentlich nicht schwer, etwas zu machen. Du musst es halt tun.

GSCHWÄTZ: Jetzt sind wir doch schon wieder bei der Psychologie gelandet.

Sina Trinkwalder: Sind wir, genau.

Buchtitel Sina Trinkwalder

GSCHWÄTZ: Dein letztes Buch – also zumindest das letzte, von dem ich etwas gelesen und gehört habe – geht um die Heimat. Da hast du ja auch einen etwas erweiterten Heimatbegriff und nicht nur das eigene Dorf, sondern?

Ich habe kein eigenes Dorf, ich bin heimatlos

Sina Trinkwalder: Ja, ich habe überhaupt kein eigenes Dorf, das ist vielleicht das Interessante, weil ich im traditionellen Sinne heimatlos bin, so oft ich umgezogen bin als Kind. Also wie kann ich überhaupt nicht irgendwie dokumentieren, dass irgendein Landstrich meine Heimat geworden wäre. Ich sitze auch nicht diesen tradierten Begriff aus, Heimat ist da, wo man … ach, diese Kalendersprüche, sondern ich glaube einfach, dass Heimat wirklich der Raum ist, wo man sich begegnet, in Würde begegnet, wo auch Würde gedeiht. Wo wir wirklich auf auf dieser viel besagten Augenhöhe, was ich ja ganz furchtbar finde, dieses Wort aber in großem Respekt und in der Anerkennung der anderen Persönlichkeit begegnet.

GSCHWÄTZ: Aber du wohnst jetzt in Augsburg?

Sina Trinkwalder: Ich wohne in Hamburg

GSCHWÄTZ: In Hamburg, und die Firma ist in Augsburg, Und in Hamburg würdest du nicht eine Heimat im klassischen Sinn sehen für dich selber?

Sina Trinkwalder: Nein, ich kann auch morgen nach Amsterdam ziehen oder nach Tansania. Ich mache Heimat eben überhaupt nicht so fest an einer Lokalität.

GSCHWÄTZ: Dieser Heimatbegriff ist laut dem Klappentext eines Buchs oder dem, was der Verlag dazu schreibt, ist genau diese Fairness: Da steht „Menschen geben sich wechselseitig Heimat, wenn sie sich mit Wertschätzung und Fairness begegnen. Das funktioniert regional wie national und global“. Sagt der Verlag.

Sina Trinkwalder: Nein, das sage auch ich. Du wirst dich wundern, aber Klappentexte kommen meistens auch vom Autor.

GSCHWÄTZ: Ich habe noch kein Buch selber geschrieben. Ich fange das erst an mit der Schreiberei.

Sina Trinkwalder:  Ja, sehr gut.

GSCHWÄTZ: Diese Heimat ist ja auch ein Sinnbild für unsere heutige Gesellschaft in Corona-Zeiten. Das Buch ist geschrieben worden vor Corona, rausgekommen glaube ich 2020, in Corona oder vielleicht noch kurz davor. Und im Moment sieht unsere Gesellschaft nicht so aus, als würde man sich gegenseitig diese Heimat geben. Kriegen wir das wieder hin?

„Nicht einer völlig romantisierenden Vorstellung von Heimat oder von Gesellschaft aufsitzen“

Sina Trinkwalder: Na, ich bin kein Prophet, ich wünsch mir von Herzen, dass wir es wieder hinkriegen und ich gebe alles dafür und tu auch alles und mache alles dafür, dass wir wieder auf einen guten Weg kommen. Man muss, glaube ich, auch unterscheiden, dass wir nicht einer völlig romantisierenden Vorstellung von Heimat oder von Gesellschaft aufsitzen. Es gibt viele Individuen und alle Individuen haben ihre eigene Vorstellung ihres Lebensraums, ihrer, ihres Lebens überhaupt von allen. Was uns fehlt momentan, ist eine gemeinsame Basis, ein Wertesystem, wo wir alle zusammen sagen „so machen wir das jetzt“. Das nennt man übrigens auch Demokratie, lustigerweise. Das ist auch ein Wertesystem, eine Basis.

Gesellschaftliche Freiheit vs Freiheit eines Einzelnen

Wir müssten uns mal committen zu sagen „ich bin auch der Meinung, dass die individuelle Freiheit nicht ganz so viel wert ist wie die gesellschaftliche Freiheit und die Unversehrtheit eines Einzelnen“. Das ist ja unser Problem, was wir momentan haben. Und das bedingt, dass natürlich sehr viele Menschen sehr wütend werden. Wütend bin ich beispielsweise in der aktuellen Situation. Das Interview heute findet statt mit 65000 Coronafällen pro Tag, mit Übergriffen von Querdenkern auf Ärzte, mit Morddrohungen an Virologen. Wir haben auch das Gefühl, wir sitzen in einem völligen Kessel. Und ich bin nicht wütend, sondern ich bin wirklich verwundert, dass es Menschen gibt, die in einer ausentwickelten Industriedemokratie, wie es Deutschland ist … ja, wie soll ich sagen … intelligenztechnisch so abrutschen können. Es ist aber auf der anderen Seite tröste ich mich dann immer wieder und sage, gut in Ordnung, das gab es glaube ich immer und wir müssen das auch aushalten, auch wenn es momentan eben – und das ist eben das, was uns so schwer fällt – die Gesamtgesellschaft gefährdet.

Diejenigen, die aufs Gemeinwohl achten, müssen dagegenhalten

Umso mehr müssen wir, diejenigen, die aufs Gemeinwohl wirklich achtgeben, dagegenhalten und weiter mit Vernunft  agieren. Auch mir fällt es unglaublich schwer, mir fällt es wahnsinnig schwer. Wir haben auch beispielsweise bei manomama zwei, drei Leute, die Hygienemaßnahmen für den  Arsch und Masken völlig bescheuert finden und totale Impfgegner sind etc. Es ist wirklich sehr, sehr schwer. Wenn es nur um mich ginge, beispielsweise, man würde denken, rutsch mir den Buckel runter. Aber ich habe die Fürsorgepflicht für all die anderen, die bei uns sind. Und auf einmal bist du in einer Zwickmühle. Und beispielsweise, was mich wütend macht, ist die Politik, die total versagt, massiv versagt. Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Jegliche Entscheidungsprozesse, alles, was irgendwie Konsequenzen haben könnte, wird abgewälzt, auf Ärzte, auf Unternehmer.

„Es wird alles abgewälzt. Verantwortung wird total externalisiert.“

Es wird alles abgewälzt. Verantwortung wird total externalisiert. Und das geht halt nicht. Das funktioniert nicht. Das ist das einzige, was mich wütend macht. Aber ich bin nicht derjenige, der so negativ blickt. Weil vor Corona hatten wir auch schon eine Gesellschaft, die auseinander gedriftet ist. Da gab es die Geflüchtetenkrise, dann gab es die Ökokrise, dann gab es …. Es gibt immer irgendwas, warum Gesellschaften auseinanderdriften. Wichtig ist, dass wir genügend sind, die sie zusammenhalten.

GSCHWÄTZ: Wir hatten in der Geschichte der Bundesrepublik viele, viele Krisen …

Sina Trinkwalder: Aber wir leben noch.

GSCHWÄTZ: Das wollte ich gerade sagen. Die Gesellschaft hat sich doch immer wieder zusammengerauft in irgendeiner Form, teilweise wirklich gerauft. Ja, wir erinnern uns an Kernkraft-Demos, wo wirklich gerauft wurde. Aber siehst du da vielleicht im Moment eine andere Qualität als früher?

„Die Qualität, die wir momentan sehen in den Medien, die finde ich erschreckend.“

Sina Trinkwalder: Das kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Es steht mir auch nicht zu, es zu beurteilen, weil ich für Kernkraft, also Wackersdorf etc., da war ich fast zu jung. RAF, daa habe ich fast noch nicht gelebt. Ich kann das einfach nicht beurteilen. Ich kann nur für mich oder mir ein Bild machen zu sagen, die Qualität, die wir momentan sehen in den Medien, die finde ich erschreckend. In meinem Umfeld, im unmittelbaren Umfeld und im erweiterten Umfeld gefällt sie mir nicht, die Qualität. Aber sie ist nicht so, wie es in den Medien sehe. Trotzdem bin ich gnadenloser Optimist und sage, wir kriegen das trotzdem hin. Vielleicht nicht mit 100 prozent, aber mein Gott, wer muss denn immer 100 Prozent einsammeln. Angela Merkel wurde mit 20 Prozent der Bevölkerung Bundeskanzlerin. 16 Jahre. Also ich glaube, wir müssen uns auch von unserer Absolution irgendwann mal verabschieden. Wenn wir mehr als die Hälfte Menschen sind, die Gemeinwohl und Gesellschaft leben, dann ist das viel und das ist gut so. Und dann ist es stabil. Und wenn wir über 70 Prozent sind, ist es richtig super. Ja, nur die Quote könnte höher sein, da braucht man auch nicht diskutieren. Und dafür braucht es dann einfach auch mal Mittel, die politisch notwendig sind. Dann muss halt mal eine Impfpflicht her für alle. Bums aus, Amen, Fertig.

GSCHWÄTZ: Ich habe gerade gestern einen Beitrag veröffentlicht, der in die Geschichte geht, nämlich so die Zeit des ersten Impfgesetzes von 1874. Da ging es um die Pocken und das Interessante war, dass die Argumente der Impfgegner, die es damals auch gab und …

Sina Trinkwalder: Es gibt die immer.

GSCHWÄTZ: … die im Prinzip auch die damaligen sozialen Medien, nämlich alle möglichen Printprodukte, verwendet haben, genau die gleichen sind wie heute.

Ein Teil der Menschen hat augenscheinlich nichts gelernt

Sina Trinkwalder: Ja, aber dann kannst Du Dir natürlich deine Frage, ob der Mensch nicht gelernt hat, beantworten: augenscheinlich ein Teil nicht. Ich kann auch wirklich verstehen, wenn jemand sagt, ich weiß nicht, was da passiert oder ich bin mir da nicht sicher. Und ich kann auch nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die aus eigener Kraft nicht über dieses Stöckchen springen können. Ich habe Angst und muss da jetzt drüber und muss mich impfen.

Massives und andauerndes Versagen der Politik

Ja, ich glaube auch, dass unheimlich viel versäumt wurde an guter Kommunikation, einfach, auch wirklich massiv versäumt. Ich möchte ein schönes Beispiel geben, oben bei uns im Norden ist ja die Welt noch so halb in Ordnung im Vergleich zum Süden, wo ich ursprünglich herkomme. Ich pendel jede Woche oder jede zweite Woche zwischen Wahnsinn und Normalität momentan. Und wenn wir es hier sehen,  Bremen hat eine Impfquote bei den Erwachsenen über 90 Prozent. Aber wirklich an jeder Ecke hängen auch Plakate in 20 verschiedenen Sprachen. Lasst euch impfen, tut nicht weh. Bei uns in Bayern habe ich noch kein einziges Plakat gesehen. Doch: Es ist hochdeutsch, aber nicht ein einziges in Arabisch, auf Türkisch nichts. Warum? Ja, die Amtssprache in Bayern ist Deutsch. Was für ein Bullshit. Nehmt doch die Leute mit.

Was für ein Bullshit. Nehmt doch die Leute mit.

Ich selbst habe es bei mir in der Firma gemerkt. Wir hatten zunächst auch gerade bei Menschen mit Migrationshintergrund einen großen Zweifel, ob das gut ist, was man da machen soll, in vielen einzelnen Gesprächen. Ich habe Menschen mit begleitet zum Impfen oder habe sie mit Kolleginnen hingeschickt, die deren Sprache sprachen. Die haben sich dann überzeugen lassen, weil sie einfach informiert wurden. Da ist viel kaputtgegangen. Und das ist mit Sicherheit und mit ganz großer Wahrscheinlichkeit wirklich der Politik anzulasten, dass sie damals sauber am Versagen waren. Und nach wie vor sind.

GSCHWÄTZ: Ich nehm das jetzt mal als Schlusswort …

„Wir müssen es halt selber in die Hand nehmen“

Sina Trinkwalder: Und dann kriegst Du mein finales Schlusswort: Wenn Politik schon am Versagen ist, dann müssen wir Bürger jetzt endlich liefern. Ja, gesellschaftlich, auch ökonomisch. Wir müssen es halt selber in die Hand nehmen, bis die Politik sich mal sortiert und sondiert hat und wir gucken, was da rauskommt.

GSCHWÄTZ: Eine kleine Revolution ist das, was du jetzt forderst.

Eine kleine Revolution reicht nicht

Sina Trinkwalder: Da brauchen wir schon eine große, momentan.

GSCHWÄTZ: Okay, aber DAS nehmen wir jetzt wirklich als Schlusswort. Und dann bedanke ich mich für dieses Gespräch.

Die Fragen stellte Matthias Lauterer




Jeans made in Germany: das Geheimnis ihres Erfolges

Sina Trinkwalder war Unternehmensberaterin, bevor sie um 2010 eine Textilmanufaktur in Augsburg aufbaute. Bekannt wurde sie durch Ihren Ansatz, dort Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance mehr gesehen haben, zu beschäftigen. Im ersten Teil eines GSHWÄTZ-Interviews spricht sie über ihr soziales Engagement und darüber, wie es möglich ist, heutzutage in Deutschland noch Bekleidung zu produzieren, unter anderem ihre Jeansmarke Augschburgdenim, die sie in ihrer Firma manomama produziert.

GSCHWÄTZ: Via Zoom ist mir Sina Trinkwalder zugeschaltet. Beim „Vorbildpreis 2016“ in Bayreuth hast du dein Publikum ein wenig schockiert. Kannst du die Situation mal kurz kurz erläutern?

„Ich bin dann präsent, wenn es notwendig ist“

Sina Trinkwalder: In Bayreuth war es folgendermaßen … und nicht nur in Bayreuth. Ich mache das öfters, um Menschen einfach wirklich am Körper spürbar zu vermitteln, was falsch bei uns in der Wirtschaft läuft. Oft dann, wenn ich beispielsweise unterwegs bin, auf Lesungen und Vorträgen, und ich habe eine große Bühne und stehe da drei, vier Meter über dem Publikum. Dann lasse ich sie aufstehen und sich wieder setzen und die meisten fragen sich, warum sie das jetzt machen sollten. Dann kann man wunderbar erklären, dass Menschen einfach das tun, was jemand, der über ihnen steht, einfach befiehlt, ohne selber darüber nachzudenken, ob es überhaupt Sinn ergibt. Das ist die Erklärung dafür.

Menschen tun das, was jemand, der über ihnen steht, einfach befiehlt

GSCHWÄTZ: Mich hat das unheimlich erinnert an den Film Männer von Doris Dörrie, wo auch ein Manager-Test vorkommt. Wo der Herr Ochsenknecht einen Papierhut falten, den dann aufsetzen und auf den Stuhl steigen muss und hinterher heißt es, ja, ein Manager setzt sich keinen Papierhut auf und stellt sich auf einen Stuhl, wenn man es ihm sagt. Haben die Leute nichts gelernt seit der Zeit? Der Film war doch sehr berühmt damals.

Sina Trinkwalder: Da muss ich jetzt sagen, ich kenne ihn auch nicht, den Film (lacht). Insofern finde ich, die Argumentation „Haben die Leute nichts gelernt?“ würde ja nur ab einem gewissen Alter, in einem gewissen Alter greifen. Es gibt jeden Tag neue Menschen auf dieser Welt und jeden Tag gibt es neue Standpunkte, neue Sichtweisen. Insofern glaube ich auch, „hat man nichts gelernt“ ist nicht unbedingt der richtige Ausdruck, sondern wir lernen jeden Tag aufs Neue. Das dürfen wir fragen, ob wir nicht bereit sind, jeden Tag aufs Neue lernen. Da würde ich unterschreiben. Nein, es gibt Leute, die sich dann ganz felsenfest auf den Standpunkt setzen „das haben wir immer schon so gemacht“, es wird anders gemacht und Ende. Und das ist auch momentan ein bisschen unser Dilemma.

Würth verleiht Preis an Trinkhauser: „Unternehmerisches Herz“

GSCHWÄTZ: Ah ja, da nimmst Du was vorweg. Das ist nämlich einer der zwei Sätze, die meiner Meinung nach die deutsche Bekleidungsindustrie in den Ruin getrieben haben. Der eine ist „das haben wir noch nie so gemacht“ und der andere ist, „das haben wir schon immer so gemacht“. Aber das ein kleiner Vorgriff.

Du hast 2017 einen Preis bekommen mit einer Beziehung zu Künzelsau, nämlich den Preis Unternehmerisches Herz, der unter anderem von der WÜRTH-Gruppe verliehen wird, von der Wirtschaftswoche unter anderem  und der WÜRTH-Gruppe. Wiie fühlt man sich da, wenn man als relativ kleiner Unternehmer einen Preis bekommt von einer Zeitung und einem Unternehmen, das doch weltweit agiert und eigentlich Großindustrie ist?

Sina Trinkwalder: Wie fühlt man sich da? Ich habe ja, wenn du geguckt hast, sehr sehr sehr, sehr viele Preise bekommen und ich fühle mich danach auch nicht anders als die anderen, sondern „weitermachen“. Das ist mir eigentlich reichlich egal, wie groß oder klein jemand ist. Wenn jemand Notiz von der Arbeit nimmt, die wir in Augsburg machen, dann ist es doch wunderbar und dann begrüße ich das auch.

GSCHWÄTZ: Kannst Du vielleicht ganz kurz darauf eingehen, was du genau in Augsburg machst?

Sina Trinkwalder: Was ich in Augsburg mache? Seit vielen, vielen Jahren, seit nunmehr fast 12 Jahren produzieren wir in Augsburg wieder Bekleidung. Wir wertschöpfen Textilien dort, wo sie vor vielen vielen Jahrzehnten auch gewertschöpft wurden. In einer Zeit bevor man eben bevor man eben im Zuge der Globalisierung woanders hingegangen ist.

GSCHWÄTZ: In der Laudatio zu dem Preis von Würth steht das sehr genau drin: „Sie produziert in ihrer teuren Heimat, verwendet Stoffe aus Deutschland und gibt Langzeitarbeitslosen einen Job in einer Welt mit immer mehr Menschen und begrenzten Ressourcen. Müssen wir anders denken, um nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen? Und Trinkwalder zeigt, wie es gehen kann.“

Corona: „Ich musste niemand meiner Kolleg:innen nach Hause schicken“

Sina Trinkwalder: Ja, vielleicht. Was ganz spannend ist, auch in der Zeit der Krise, der Coronakrise, wo ja die ganzen globalen Ketten implodieren. Wir kamen die letzten eineinhalb Jahre komplett ohne Kurzarbeit aus, ich musste niemand meiner Kolleginnen und Kollegen nach Hause schicken. Wir machen weiter wie bisher. Und ja, es zeigt vielleicht auch, dass es nicht unbedingt die falscheste Entscheidung war, wieder in einer regionalen, beständigen Wertschöpfungskette zu produzieren. Vor allen Dingen ist es die ökologischste.

GSCHWÄTZ: Wie schaffst du das, Jeans auf den Markt zu bringen – Ich habe jetzt zum Beispiel gerade eine an, man sieht es aber nicht – die zum einen in einer sehr guten Qualität sind und zum anderen vom Preisniveau ungefähr auf dem Niveau liegen, wie es die großen Ketten auch anbieten, die dann die Jeans aber für 10 Euro aus Asien importieren.

So rechnet sich die Herstellung einer Jeans

Sina Trinkwalder: Na ja, das Geheimnis ist ganz einfach Du hast es schon gesagt: In einer sehr guten Qualität. Wir würden gar nicht überleben, wenn wir nicht sehr gute Qualität produzierten. Naja, und das zweite ist, dass wir völlig anders kalkulieren. Wenn man sieht, wie heute eine Jeans kalkuliert ist, übrigens jedes textile Produkt … Vor ungefähr fünf bis sieben Jahren war es noch so, dass man sagte der Herstellungspreis mal 3 plus Mehrwertsteuer. Also wenn wir 10 Euro Herstellungspreis oder Fabrikabgabepreis haben, dann wärst du da bei 30, 35 Euro plus Mehrwertsteuer bis bei 45 Euro, salopp gesagt. Die hat aber damals schon 100 Euro gekostet. Mittlerweile sind die Kalkulationen auf das sieben- bis achtfache. Also die Jeans ist nicht teurer geworden bzw. nur minimal teurer geworden. Aber mittlerweile zahlst du 120 bis 150 Euro für dieselbe Geschichte.

Augschburgdenim-Jeans im manomama-Webshop.

Warum? Weil natürlich zum einen die Unternehmen das wirklich brauchen, weil sie sich im Internet um die Reichweite schlagen und einen Haufen in Werbung stecken. Die haben überhaupt gar keine Kohle für Werbung. Und zum Zweiten ist es so, dass sie auch den Verwaltungs- und auch den ökologischen Apparat bedienen müssen. Also so eine Logistik-Geschichte, die kostet ja richtig Geld. Mittlerweile sind wir bei 20.000 Dollar für einen Container. Das wird alles teurer. Das ist bei uns hier nicht teurer geworden. Und das einzige, was teuer ist, aber „teuer“ empfinde ich als völlig falschen Ausdruck, ist Arbeitskraft. Ich setze oder ich richte meine Unternehmen alle volkswirtschaftlich aus. Und volkswirtschaftlich gesehen ist es genau das einzig Richtige zu sagen, dass wir jedem Menschen auch wieder ermöglichen, seinen Erwerb zu erwirtschaften.  Egal wie jung oder alt er ist, wie groß, wie klein, wie dick, wie dünn, wie  gehandicapped oder wie nicht gehandicapped. Das ist die Aufgabe für mich als Unternehmer. Und dass es teurer in der Herstellung ist, ist natürlich klar, auch weil wir ausschließlich ökologische Materialien und regional verarbeiten. Aber im Endeffekt langfristig gesehen, vom Blick unserer Enkel und Enkelskinder gesehen oder Enkelsenkel gesehen, ist es eine richtig günstige Hose.

Marketingkosten über 50 Prozent

GSCHWÄTZ: Meine nächste Frage ja schon teilweise angesprochen. Eigentlich steckt ja in den „Industrietextilien“ teils 50 Prozent Marketingkosten drin.

Sina Trinkwalder: Das wird wahrscheinlich nicht mal mehr reichen. Ja, das Marketing bei manomama bin ich [lacht]. Mehr ist nicht drin.

GSCHWÄTZ: Nunja, das ist ja auch ein Gesicht und eine Person, die bekannt ist. Da braucht man dann keine Fußballspieler mehr?

„Wenn Leute sagen, das geht nicht, dann ist es deren Begrenzung.“

Sina Trinkwalder: Ja, manchmal wäre mir es ganz recht, wenn es anders wäre. Aber es ist völlig in Ordnung. Ich habe mich wie gesagt vor 12 Jahren für das soziale Projekt entschieden. Heute ist wirklich ein stabiler Mittelständler daraus geworden und wir sind alle stolz. Wir haben ja jetzt auch gerade die Diskussion mit Mindestlohn 12 Euro. Klappt das oder klappt es nicht? Das ist für uns beispielsweise überhaupt gar keine Diskussion. Wir sind gestartet, als es gar keinen Mindestlohn gab. Und auch jetzt, wir haben vor eineinhalb Jahren schon gesagt, wir müssen uns so aufstellen und so umstrukturieren und wir müssen so Produkte produzieren, dass wir auch die Löhne erwirtschaften, dass die Menschen davon leben können.

Kann „überhaupt nicht verstehen, dass wir hier in Deutschland um Mindestlöhne diskutieren.“

Und wenn Leute sagen, das geht nicht, dann ist es deren Begrenzung. Ja, es geht schon, wenn man will. Dazu braucht es auch wirklich tolle Partner. Wir produzieren ja beispielsweise auch viele Einkaufstaschen für die Edeka, Tegut, DM und auch die gehen den Weg, weil auch dort wissen die Einkäufer, alles wird teurer. Niemand kann erwarten, dass immer alles gleich bleibt. Aber wenn alles teurer wird, müssen auch die Löhne steigen. Insofern kann ich die Diskussion überhaupt nicht verstehen, dass wir hier in Deutschland um Mindestlöhne diskutieren.

GSCHWÄTZ: Du hast eben gesagt, Deine soziale Firma. Wie äußert sich das ursprünglich? Wenn ich das recht in Erinnerung habe, waren ja diese Taschen im Prinzip der Einstieg, durch den du den Leuten bekannt geworden bist.

„Du kannst das und komm, wir gehen gemeinsam den Weg“

Sina Trinkwalder: Es ist. Wir machen bis heute zum großen Teil ungefähr 60 bis 65 prozent Einkaufstaschen aus Bio-Baumwolle. Einkaufstaschen für die großen Kooperationspartner, weil das auch der Qualifikations- Einstieg für meine Menschen ist. Für jemand, der noch nie an der Nähmaschine gesessen ist, ist das ein überschaubares Projekt. Das sind Handgriffe, die man erlernen kann. Und über diese Handgriffe hinweg, finden sie wieder Selbstvertrauen und  Selbstwertgefühl, dass sie was drauf haben.
Wenn man bedenkt … Du musst dir vorstellen, wenn dir 500 mal jemand erzählt, du bist zu blöd für irgendwas, du kannst gar nix, ich will dich nicht einstellen, dann glaubt man das irgendwann und dann ist das Selbstwertgefühl komplett weg, das Selbstvertrauen nicht mehr da. Und das müssen wir erst mal wieder aufbauen und sagen „Doch, da gibt’s was und du kannst das und komm, wir gehen gemeinsam den Weg“. Und so fing das Ganze eben an..

GSCHWÄTZ: Es waren also Mitarbeiter, die zu dem Zeitpunkt in irgendeiner Weise krank waren, vielleicht auch psychisch Probleme hatten, die du da ursprünglich eingestellt hast?

„Und bis heute stellen wir Menschen ein, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht einfach haben.“

Sina Trinkwalder: Und bis heute stellen wir Menschen ein, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht einfach haben, wir haben sehr viele Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, also Barrieren in der Sprache oder im Lesen beispielsweise. Wir haben Menschen, die vermeintlich zu alt sind, zu wenig leistungsfähig in den Augen der Human-Resources-Abteilungen. Wir haben körperlich gehandicapte. Psychisch gehandicapte haben wir weniger, weil wir ja keine Therapie-Einrichtung sind, den Schuh ziehen wir uns auch nicht an. Psychisch gehandicapte Menschen oder psychisch beeinträchtigte Menschen, die brauchen professionelle Hilfe. Das sind wir der falsche Ansprechpartner. Das darf man eben nicht verwechseln. Weil am Ende des Tages sind wir auch eine Unternehmung, die die schauen muss, dass sie schwarze Zahlen schreibt. Das machen wir seit Jahren. Wir haben keine Bankkredite, keine Fördermittel, nichts. Und das wollen wir auch weiterhin so behalten. Aber wir sind eben keine therapeutische Einrichtung.

GSCHWÄTZ: Bekleidungsnäherinnen zu finden dürfte im Moment schwierig sein, weil es den Beruf in der Ausbildung praktisch nicht mehr gibt in Deutschland?

„Wir haben wieder angefangen, auszubilden“

Sina Trinkwalder: Ja, das war von Anbeginn schwierig, es gibt sie nicht mehr, wie du richtig gesagt hast, aber wir haben wieder angefangen, auszubilden. Und wir selbst bilden in Augsburg Bekleidungsfertiger aus,  Modeschneider, Modenäher und schaffen uns selbst unsere Manufaktur Kolleginnen.

GSCHWÄTZ: Wie viele Mitarbeiter hast du im Moment im Produktionsbereich?

Sina Trinkwalder: Es gibt keinen anderen Bereich bei uns. Wir haben keinen großartigen Verwaltungsbereich. Wir haben da zwei Halbtagskräfte und das ist natürlich … momentan sind wir zirka 130 Leute.

GSCHWÄTZ: Das ist ja keine ganz kleine Firma mehr.

Sina Trinkwalder: Nee, so klein ist sie nicht, sie war schon auf 150. Wir haben aber dann auch jetzt die letzten zwei Jahre im Zuge der Pandemie mit Abständen und Tralala und weiß der Geier was alles zum Einen und zum Zweiten auch aufgrund der Tatsache, dass wir bereits viele Ladies und Gentlemen mit in die Rente begleiten durften, gesagt, wir machen jetzt erst mal halblang, um wirklich zu gucken, dass wir alle gesund durch diese Krise kommen.

GSCHWÄTZ: Wenn man jetzt sich die Lage der Bekleidungsindustrie in Deutschland generell vorstellt: Wir haben keine ausgebildeten Mitarbeiter mehr, die Maschinenindustrie ist im Prinzip abgewandert, bei der Deutschland absolut führend war, weil es einfach keine Partnerfirmen mehr gegeben hat. Siehst du irgendeinen Weg, diese Industrie zum Teil wieder zurückzuholen nach Deutschland?

Bekleidungsindustrie in Deutschland: „Ich glaube, zurückkommen wird keiner mehr.“

Sina Trinkwalder: Nein, ich glaube, zurückkommen wird keiner mehr, zumindest nicht unter den Voraussetzungen, wie wir es bei manomama machen. Monomama, der Name kommt von Manu, die Hand, und Mama, die Mutter. Aus den Händen der Mütter. Bei uns steht auch der Manufaktur-Gedanke sehr groß im Vordergrund. Manufaktur deshalb, weil du dir vorstellen musst, wenn du etwas mit den Händen erarbeitest, dann gibt es auch eine intrinsische Motivation. Diese viel besagte intrinsische Motivation, die Selbstwertgefühl vermittelt und die einfach ein gutes Gefühl gibt, dass du etwas drauf hast, dass du etwas kannst.
Was mit Sicherheit wieder zurückkommt –  was wir bei Adidas schon gesehen hatten, wobei die schon wieder weg sind – ist vollautomatisierte Schuhproduktion, vollautomatisierte T-Shirt-Produktion. Da brauchst du dann nicht 10 Menschen, um beispielsweise einen Hoodie zu produzieren, sondern einen halben, der parallel fünf Maschinen bedient und fünf Mal aufs Knöpfchen drückt. Das ist in meinen Augen nicht menschenfreundlich, weil niemand Bock hat, den ganzen Tag nur aufs Knöpfchen zu drücken. Ja, das ist auch nicht zielführend für die Motivation, sondern das ist einfach ein Handlanger der Automatisierung. Das, glaube ich, kann wieder nach Deutschland kommen, gerade im Hinblick auf implodierte Lieferketten, dass man versucht, so viel wie möglich zu automatisieren.
Aber das ist genau den Weg, den wir nicht gehen, sondern wir wollen, dass der Mensch im Hintergrund steht, dass eine menschliche, kreative Schaffenskraft im Vordergrund steht, dass wir nach wie vor auf der Wurzel sind, wie ich manomama auch gegründet habe: Wirtschaft FÜR  Menschen und nicht durch Menschen. Wir sind eine 130-Leute-Manufaktur und es bleiben wir auch immer.

GSCHWÄTZ: Ist das Manufakturwesen möglicherweise für Deutschland eine Zukunft in verschiedensten Industriebereichen?

Die Renaissance des echten Handwerks

Sina Trinkwalder: Bin ich ganz, ganz sicher, dass dem so ist und wir sind auch mittendrin in einer Renaissance, in einer beginnenden. Wenn man sieht, junge Menschen bekennen sich wieder zum Bäckerhandwerk, zum Fleischerhandwerk, zu ganz archaisch bodenständigen Handwerksgebilden. Ich glaube, dass wir auch in großen Teilen diesen Zenit an Industrialisierung echt überschritten haben. Es wurde alles standardisiert, es wurde alles ge-DIN-Normt. Der Mensch hat keinen Bock mehr auf standardisierte Scheiße. So wird Konsum auch nicht mehr funktionieren. Dass wir Konsum brauchen, da brauchen wir nicht drum herumreden und dass wir ihn auch ein bisschen wollen, ist ja auch in Ordnung. Die Frage ist, wie gestalten wir ihn so, dass wir nicht Raubbau an Mensch, Tier, Umwelt treiben. Und ich glaube, wenn wir wieder viele Kleine nach vorne bringen, durchaus auch mit den Regularien von großen Industrien, wenn es um Lebensmittelsicherheit geht, um Arbeitsschutz geht und und und, dann kann das eine ganz wunderbare, vielfältige Geschichte werden. Wir brauchen auch Vielfalt in der Wirtschaft. Ja, ich finde Einfalt oder Monopolismus und Monopolstellungen finde ich ganz, ganz ganz gefährlich.

Im zweiten Teil des Interviews spricht sie über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Verwerfungen in der Bundesrepublik und die Chancen, die sich daraus auch ergeben können.

Die Fragen stellte Matthias Lauterer