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„Schluchtenartige Zugangswege zum Hauseingang“

Mit seinem Dank für die Möglichkeit einer „finalen Präsentation“ eröffnete Architekt Erich Kalis am Freitag, 28. Januar 2022, mit einem klaren Statement seine erneute Darstellung des Bauprojekts auf dem sogenannten „Sigloch-Areal“ zwischen Langenburger Straße und Kapellenweg vor dem Gestaltungsbeirat der Stadt Künzelsau. GSCHWÄTZ berichtete darüber, dass auf diesem Gelände fünf Häuser in einem steilen Hang errichtet werden sollen und damit eine stadtnahe Baulücke mit hochwertigen  Wohnungen gefüllt werden soll. Nach mehreren Anläufen in Gestaltungsbeirat und Gemeinderat ist das Projekt noch immer nicht entscheidungsreif.

Projekt noch immer nicht entscheidungsreif

Und auch an der aktuellen Präsentation durch Erich Kalis hatten die Mitglieder des Gestaltungsbeirats einiges auszusetzen. Zwar fand Mathias Hähnig durchaus wohlwollende Worte für das Projekt, so sei die Körnung eine „durchaus mit der Hangsituation verträgliche Besetzung“ und auch die Planungen mit je 2 Vollgeschossen und einem Penthouse „können wir mittragen“.

Hausaufgaben nicht gemacht

Aber er bemängelte auch – zwar mit freundlichen Worten, aber deutlich – , dass Kalis seine Hausaufgaben nicht gemacht habe: Er habe sich „nicht ausreichend mit der Hangsituation auseinandergesetzt“. Die Planung im aktuellen Stand ergebe zu steile Hänge, die mit zu vielen Stützmauern abgesichert werden müßten, schluchtenartige Zugangswege zum Hauseingang seien die Folge. Bereits in der letzten Sitzung war Kalis aufgefordert worden, für die tief im Hang stehende untere Gebäudereihe einen Zugang im 1. Obergeschoss statt im Erdgesch0ß zu prüfen – davon war in Kalis‘ Präsentation nichts zu sehen. Außerdem fehle ein landschaftsplanerisches Konzept. Prof. Christina Simon-Philipp, die Vorsitzende des Beirats machte deutlich: „Der Hang soll „nicht als Böschung sondern als Garten im Hang betrachtet werden. Dieser Prüfauftrag besteht weiterhin.“

Unbefriedigende Verkehrssituation

Die zusätzliche Verkehrsbelastung für die Langenburger Straße sei unbedeutend, befand der anwesende Verkehrsgutachter Dr. Jürgen Karajan. Streitpunkt war aber erneut die Zufahrt über den Kapellenweg, zu eng empfinden die Anwohner die Straße, um weiteren Verkehr zuzulassen. Karajan erläuterte in einem kurzen Gutachten die Verkehrssituation: Eine „Straße“ liege an dieser Stelle nicht vor, der Kapellenweg sei als „Wohnweg“ zu qualifizieren, so Karajan. Die Breite der Straße schwanke zwischen 3m und rund 4,7m, nur im oberen Teil des Wegs, also hinter der geplanten Einfahrt zur Tiefgarage, sei überhaupt ein Begegnungsverkehr von Kraftfahrzeugen möglich. Selbst ein Begegnungsverkehr mit KfZ und Fahrrad ist auf einem großen Teil der Straße nicht möglich, weswegen Karajan die Einordnung als „Spielstraße“ anregte. Folge wäre automatisch die Beschränkung der Geschwindigkeit auf Schritttempo sowie ein absolutes Halteverbot außer auf eingezeichneten Stellplätzen.

Absurder Streit um die Breite der Straße an den Engstellen

Regelrecht absurd wurde es allerdings, als über die Breite der Straße an den Engstellen gestritten wurde. Erhard Demuth verwies darauf, dass die Straße sogar unter 3m breit sei – und damit genaugenommen nicht einmal für die Feuerwehr zugänglich. Bürgermeister Stefan Neumann, selbst Feuerwehrmann, wollte dieses Argument schnell vom Tisch wischen: „Die Feuerwehr fährt da.“ Und auch Kalis zitierte ein aktuelles Aufmaß, das durchgehend eine Straßenbreite von mehr als 3m nachweist. Beide mussten sich allerdings von Christine Tritschler, der Stadtplanerin, die die Stadt Künzelsau in vielen Projekten begleitet, eines Besseren belehren lassen: Sie verwies darauf, dass die asphaltierte Straße teilweise über Privatgrundstücke verläuft, über die man in der Planung nicht verfügen könne. Weder der Stadt Künzelsau noch dem Künzelsauer Architekten Kalis und damit auch dem von ihm beauftragten Gutachter war dies wohl bewußt. Den Anwohnern allerdings schon: Sie hatten dieses Argument bereits früher vorgebracht.

Text: Matthias Lauterer




Neue Ungereimtheiten bei Bebauung des Sigloch-Areals

Bereits die erstmalige Vorstellung der Pläne für die Bebauung des sogenannten „Sigloch-Areals“ zwischen Langenburger Straße und Kapellenweg endete im Gemeinderat mit einem Knalleffekt: Anwohner hatten gegen die Planungen mobil gemacht und die Gemeinderäte vorab von Ihrer Sicht auf die Planungen in Kenntnis gesetzt. Nachdem sich in der Sitzung noch herausstellte, dass ein Haus im Kapellenweg in den vorgelegten Umgebungsplänen nicht eingezeichnet war und dass sich der Gestaltungsbeirat nicht einmal vor Ort ein Bild über die örtlichen Verhältnisse gemacht hatte, blieb dem Gemeinderat nur die Option, das Vorhaben nochmals in den Gestaltungsbeirat zurückzuverweisen (GSCHWÄTZ berichtete mehrfach im Oktober 2020).

Im Februar Kompromiss in Sicht

Im Februar 2021, nach einer Ortsbegehung durch den Gestaltungsbeirat, schien ein Kompromiß greifbar: Eines der Häuser sollte deutlich niedriger werden als vorher geplant und so den Wünschen der Anwohner Rechnung tragen. Es war also damit zu rechnen, dass dem Antrag auf eine Änderung des Bebauungsplans in der Gemeinderatssitzung vom 30. März 2021 zugestimmt werden könnte. Doch weit gefehlt: Kurzfristig wurde das Thema von der Tagesordnung genommen, formale Gründe wurden als Begründung vorgebracht. Die Sitzungsunterlagen zum Thema ließen auch tatsächlich Fragen offen: Unter anderem wurde mit den Sitzungsunterlagen ein Verkehrsgutachten verteilt, das wenig Ortskenntnis zeigt: die Ausfahrt aus dem Kapellenweg zum Zollstockweg, die in Stoßzeiten sicherlich ein Engpaß ist, wird beispielsweise gar nicht erwähnt.

Erneuter Knalleffekt

Kurz vor Ende des öffentlichen Teils der Gemeinderatssitzung kam dann der wirkliche Knalleffekt: Erhard Demuth (SPD/GRÜNE) stellte der Verwaltung die Frage, wie es denn sein könne, dass der planende Architekt Marcus Bär Anwohner, deren Telefonnummer nicht im Telefonbuch steht, anrufen und sie mit seltsamen Formulierungen verunsichern könne. Aus der Formulierung Demuths läßt sich herauslesen, dass er vermutet, dass die Telefonnummern aus der Verwaltung weitergegeben worden sein könnten.

Fehler bei der Veröffentlichung?

Möglicherweise wurde ein Schreiben der Anwohner an die Stadtverwaltung, das auch Telefonnummern enthielt, versehentlich mit den Sitzungsunterlagen veröffentlicht. Nicht allein dieses wäre schon ein Knalleffekt, auch der von Demuth zitierte Inhalt eines Telefongesprächs läßt aufhorchen: „ich kann Ihnen auch was anderes da hinbauen“, soll Architekt Marcus Bär nicht unbedingt wörtlich, aber sinngemäß gesagt haben.

Bär bestätigt Anrufe

Bär bestätigt die Anrufe bei Anwohnern. Er ist von der Darstellung überrascht und beschreibt die Telefonate als informative Gespräche, die Angerufenen hätten sich sogar bedankt. Er sieht das Verfahren in einem Stadium einer „vorgezogenen Bürgerinformation“ und findet den Ablauf des Verfahrens nicht weiter ungewöhnlich.

Vorgeschichte

Der Kern des Problems scheint tiefer zu liegen: So hatten Anwohner vor der Gemeinderatssitzung ihre Standpunkte nochmals per Brief an die Verwaltung und die Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat formuliert, worauf es am Sonntag, den 28. März 2021, zu einem „Auflauf von Gemeinderäten“ – so formuliert es ein Bürger- gekommen sei. Bereits zu diesem Zeitpunkt sei klar gewesen, dass der Tagesordnungspunkt nicht behandelt werden soll. In der Bekanntmachung der Stadtverwaltung war der Tagesordnungspunkt allerdings wenige Minuten vor der Gemeinderatssitzung noch enthalten.

Text: Matthias Lauterer

 




SIGLOCH-Gelände: Kompromiss über Neubebauung in Sicht

Wie bereits vor der nichtöffentlichen Sitzung des Gestaltungsausschusses, die am Freitag, den 26. Febraur 2021 um 18:00 stattfindet,  bekannt wurde, zeichnet sich bei der Bebauung des Siglochgeländes zwischen Langenburger Strasse und Kapellenweg ein Kompromiss zwischen Anwohnern und Bauherren ab.

Verzicht auf ein Stockwerk?

Dieses geplante Haus war den Anwohnern zu wuchtig – jetzt wird es wohl etwas niedriger geplant werden. Bild: Stadt Künzelsau

Geplant waren 5 Mehrfamilienhäuser, von denen zumindest eines so hoch geplant war, dass Anwohner laute Kritik an der Planung äußerten (GSCHWÄTZ berichtete ). Der Gemeinderat hat das Bauvorhaben am 13. Oktober 2020 zur Neubewertung an den Gestaltungsausschuß zurückverwiesen. GSCHWÄTZ erfuhr nun vorab, dass die Bauherren bei diesem Gebäude möglicherweise auf ein Geschoß verzichten werden.

Ob man auch bezüglich der Zufahrt über den Kapellenweg, die wegen der Enge von den Anwohnern ebenfalls kritisiert wurde, zu einem Kompromiss gekommen ist, ist noch nicht bekannt.

Text: Matthias Lauterer




„Enttäuscht, dass Mitglieder der Gremien plötzlich dagegen waren“

„Überrascht“ zeigt sich Architekt Marcus Bär darüber, „dass Mitglieder der Gremien plötzlich dagegen waren“ und meint damit den Gestaltungsbeirat, der das Projekt Sigloch-Areal vor der Präsentation im Gemeinderat mehrfach besprochen hatte (wir berichteten https://www.gschwaetz.de/2020/10/15/wir-koennen-auch-alles-weglassen/. Die heftige Wortwahl, von „dumm verkaufen“ war die Rede, habe ihn sehr getroffen.

Haben hier etwas Einmaliges

Von der Qualität seiner Pläne ist er überzeugt: „Wir haben hier etwas, was es auf dem Markt nicht gibt, die Wohnungsgröße ist ein Alleinstellungsmerkmal“. Damit will er vor allem zwei Zielgruppen ansprechen: Einerseits Familien mit Kindern, die eine Wohnungsgröße von über 150 qm benötigen, aber auch altere Menschen, die aus einem Haus mit Garten kommen und den Aufwand für das Haus im Alter nicht mehr leisten können oder wollen. Angesprochen darauf, ob er aufgrund der sicherlich hohen Preise für die Wohnungen die Gefahr einer Gentrifizierung (Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird) sieht, sagt er „Nein, das ist kein Projektziel.“

Baugesuch nach wie vor für 2021 geplant

Bär kann die Einwände der Anwohner verstehen, gegen eine sachliche Diskussion hat er nichts einzuwenden, aber er betont: „Ich verstehe Baurecht“ und wenn innerhalb des alten, einstöckigen Bebauungsplans Häuser bereits so umgebaut sind, dass sie zwei Vollgeschosse und ein Dachgeschoß haben, dann möchten er und der Bauherr auch so bauen. Das Penthouse sei kein Vollgeschoß, man habe sich hier an die „2/3“-Regel gehalten, insofern sei sein Entwurf durchaus vergleichbar mit der umgebenden Bebauung.

Das Baugesuch sei noch immer für nächstes Jahr geplant, an reiner Bauzeit veranschlagt er mindestens 18 Monate.

Text: Matthias Lauterer

So sollen die Wohnungen auf dem ehemaligen privaten Sigloch-Areal ausschauen. Quelle: Sitzungsunterlagen

Kapellenweg in Künzelsau. Auf dem ehemaligen privaten Sigloch-Areal sollen die geräumigen Wohnungen entstehen. Foto: GSCHWÄTZ

 




„Wir fühlen uns als Menschen zweiter Klasse“

Fünf „Klötze“ sollen ihnen vors Haus gesetzt werden, so empfinden Anwohner aus dem Kapellenweg das Bauprojekt „Sigloch-Areal“ (wir berichteten). Vorgesehen sind fünf laut dem Architekten sehr hochwertige Häuser mit je 2 Vollgeschossen und einer Penthouse-Etage und insgesamt 30 Tiefgaragenstellplätzen. Das erscheint auf den ersten Blick als moderat, werden doch anderswo in Künzelsau höhere Gebäude errichtet. Den Anwohnern ist das zuviel: Eines der Häuser würde den Kapellenweg so weit überragen, dass es bei einem Wohnhaus oberhalb des Kapellenwegs die Höhe der Regenrinne erreichen würde. Zusätzlich plant das Architekturbüro eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Penthauses, die nochmals 1,20m hoch sein darf.

Der bestehende Bebauungsplan sieht in dem Gebiet eingeschossige Bebauung vor, keine dreigeschossige. Kein Wunder, dass die Anwohner mit dieser Planung nicht zufrieden sein wollen.

Anwohner sehen manipulatives Vorgehen

Besonders verärgert zeigen sie sich darüber, dass ausgerechnet das am meisten betroffene Gebäude in den Unterlagen des Architekturbüros gar nicht eingezeichnet ist. „Wie sollen Gemeinderäte korrekte Entscheidungen treffen, wenn Informationen unterschlagen werden?“, fragt eine Anwohnerin, die nicht genannt werden will. Die Anwohner unterstellen dem planenden Architekturbüro manipulative Absicht, denn diese Unterlagen wurden dem Gemeinderat als Entscheidungsgrundlage vorgelegt.

„Wir fühlen uns als Menschen  zweiter Klasse“, sagen uns die Anwohner und deshalb haben sie noch vor der entscheidenden Gemeinderatssitzung reagiert und die Gemeinderäte über ihre Sicht der Dinge informiert. Einige Gemeinderäte haben sich  daraufhin die Situation persönlich angesehen. „Aus der Tiefgarage hat man dann eine bessere Aussicht als von uns“, findet ein Anwohner und ist empört. Schließlich habe man das Haus im Vertrauen auf den bestehenden Bebauungsplan erworben und habe dementsprechende Renovierungen begonnen.

Auch wenn es baurechtlich keinen Anspruch auf Aussicht gibt, meint einer der Anwohner: „Den Campanile werde ich dann nicht mehr sehen“ und meint damit den markanten Turm der Pauluskirche.

Gefährliche Situation für Fußgänger

Nicht nur die schiere Höhe des Gebäudes und die wegfallende Aussicht verstört die Anwohner: Der Kapellenweg ist sehr schmal und bietet keine Möglichkeit, dass Fahrzeuge aneinander vorbeifahren können. Selbst wenige weitere Fahrzeuge, immerhin zwanzig Stellplätze sind über den Kapellenweg geplant, könnten an der Einmündung zum Zollstockweg einen regelrechten Stau erzeugen. Bereits heute ergäben sich gefährliche Situationen, wenn Autos und Fußgänger sich begegnen. Besonders schlimm ist das für die Schulkinder, denn „die Fußgänger müssen in Türeingänge flüchten“, beobachtet ein Anwohner die heutige Verkehrssituation. „Der Kapellenweg ist der Hauptschulweg für die Kinder aus dem Südhang.“

Nach der Gemeinderatssitzung vom 13. Oktober 2020 zeigen sich die Anwohner erleichtert: „Wir haben uns vom Gemeinderat gut vertreten gefühlt.“

Text: Matthias Lauterer

So stellen sich die Architekten die geplanten Häuser vor. Bild: Stadt Künzelsau / Sitzungsunterlagen

Vorher-Nachher: Die schraffierte Fläche entspricht ungefähr dem geplanten Neubau. Montage: GSCHWÄTZ

Lageplan der geplanten Häuser. Bild: Stadt Künzelsau / Sitzungsunterlagen

 




„Wir können auch alles weglassen“

Kalt war es in der Stadthalle Künzelsau, als am Dienstag, den 13. Oktober 2020, der Gemeinderat tagte. Daher hatten sich einige Gemeinderäte warm angezogen. Beantragt war, einen Bebauungsplan für das so genannte „Sigloch-Areal“ zwischen Langenburger Straße und Kapellenweg aufzulegen, um dort fünf moderne Dreifamilienhäuser zu bauen (wir berichteten https://www.gschwaetz.de/2020/10/13/da-hat-man-aus-der-tiefgarage-eine-bessere-aussicht-als-von-uns/).

Bestehende Baupläne sind nicht mehr aktuell

Architekt Marcus Bär erläuterte die Überlegungen, die zu seiner Planung führten: Zwei bestehende Bebauungsbänder im Hang, die durch das leere Grundstück unterbrochen sind, könnten zu einer städtebaulichen Struktur vereinigt werden. Er präsentierte dem Gemeinderat und den anwesenden Bürgern seine Skizzen sowie einige Impressionen, wie die Häuser in der Realität aussehen könnten. Die Gebäude würden sehr hohe Ansprüche, „qualitativ als auch architektonisch“ erfüllen. Aufgrund der baurechtlichen Situation habe man sich entschlossen, einen „vorhabenbezogenen Bebauungsplan“ speziell für dieses Grundstück zu beantragen, die bestehenden Bebauungspläne aus den 60er-Jahren seien städtebaulich nicht mehr aktuell.

Hätte er sich nur auch warm angezogen, denn aus den Reihen des Gemeinderats wehte ihm sofort ein kalter Wind entgegen:

„Ohne Berücksichtigung der Topographie“

Schon die erste Wortmeldung von Erhard Demuth (SPD/GRÜNE) schloss mit den Worten: „Ich werde dem so nicht zustimmen.“ Demuth kritisierte: „Bänder ohne Berücksichtigung der Topografie“ und dass die Häuser zu hoch seien: „Die, die dahinter sind, interessieren keinen.“ Außerdem sieht er die Gefahr, dass der Muschelkalkhang bei derart intensiver Bebauung zum Problem werden könnte. Selbstkritisch merkt er auch an, dass der Gestaltungsbeirat, dessen Mitglied er ist, das Gelände gar nicht in Augenschein genommen habe. Außerdem stellt er die Frage, ob es so einfach möglich sei, über einen bestehenden Bebauungsplan – das bestehende Gebäude steht in einem Bereich, für den ein Bebauungsplan existiert – einen neuen Bebauungsplan zu legen.

Auch Robert Volpp (CDU) fordert, dass die oberen beiden Häuser niedriger ausgeführt werden müssten, um „nachbarschaftsverträglich“ zu sein.

Anwohner im Vorfeld schon aktiv geworden

Eine Gruppe von Anwohnern hatte im Vorfeld der Sitzung die Gemeinderäte in einem Brief über ihre Meinung zu dem Projekt informiert, einige Gemeinderäte hatten sich daraufhin vor Ort kundig gemacht. Die Anwohner hatten vor allem auf die Enge im Kapellenweg hingewiesen sowie auf die Höhe der oberen Häuser.

Gerhard Rudolph schließt sich bezüglich der Höhe der beiden hinteren Häuser seinem Fraktionskollegen an und bringt die Verkehrssituation des Kapellenwegs ins Gespräch. Außerdem schlägt er vor, die Ausmaße der geplanten Häuser mit Ballonen zu visualisieren.

Höhe der Häuser und Verkehrssituation im Focus

Reintraut Lindenmaier (SPD/GRÜNE) weist auf die Tatsache hin, dass der Kapellenweg der Schulweg für die Kinder aus dem Südhang ist – einen Gehweg gibt es nicht. Sie sagt, die Planung sei „für die Situation des Kapellenwegs nicht geeignet“.

Für Nachverdichtung ist Dr. Andrea Faust (Freie), der Entwurf gefalle ihr auch gut. Aber auch sie bemängelt die Höhe.

Und Wolfgang Schmelzle (FfK) hat auch Bedenken wegen des Fahrzeugverkehrs im Kapellenweg.

Manipulationsvorwurf an den Architekten

Schweres Geschütz fuhr anschließend Erhard Demuth auf: In den gezeigten Schaubildern sei die Situation des oberen Hangs „bewusst ausgeblendet“, wirft er dem Architekten vor und fordert die Erstellung eines Massenmodells für den Gesamthang, das auch die Umgebung mit abbildet. Ins selbe Horn stößt Verena Löhlein-Ehrler von den Freien: Sie findet es zwar prinzipiell gut, dass die Parkplätze auf dem Grundstück geplant seien, sagt aber: „Wir sind schon einmal auf schöne Nachtbilder reingefallen.“ In den Nord-Süd-Schnitten seien „sinnigerweise die Nachbarhäuser weggelassen“. Auf sie wirken die Häuser „wie aufgeblasen“ und sie fordert auf, „mit Fingerspitzengefühl nachzuarbeiten“.

„Und dann haben wir das, was wir nicht wollen“

Auch für Herbert Schneider (FfK) „geht der Zugang vom Kapellenweg nicht“ und er kündigt an, dem Antrag nicht zuzustimmen. Er habe seine Erfahrungen gemacht: Da werde da und dort noch etwas geändert „und dann haben wir das, was wir nicht wollen“.

Boris d’Angelo (UBK) bemängelt den Schritt „von eingeschossiger Bauweise zu massiver Bauweise“. Da generell in Zukunft Änderungen der Bebauungspläne aus den 60ern anstünden, dürfe man jetzt so ein Projekt nicht mit Gewalt durchziehen. Für ihn  ist das Projekt „ein Signal für die Zukunft: „Wenn wir verändern, dann gehen wir mit Augenmaß und Sorgfalt vor.“ Er beantragt, das Projekt an den Gestaltungsbeirat zurückzuverweisen.

Auf die vorgetragenen Argumente reagiert Marcus Bär: Der alte Bebauungsplan sein nie fortgeschrieben worden, viele Häuser seien verändert, hätten Dachgauben, es herrsche eine „ungeordnete städtebauliche Situation“ vor. Diese will er mit den Neubauten ordnen „und dazu machen wir einen Bebauungsplan“. Die geplanten Häuser hätten nur zwei Vollgeschosse und ein Dachgeschoss, das hätten andere Häuser oberhalb auch. „Wenn andere das dürfen, dann dürfen wir das auch.“ Die Höhe der Häuser sie zwangsläufig: „Das würde so niedrig, da fühlen Sie sich beengt, da könnten wir mit unserer Architektur nicht punkten.“ Das Erstaunen im Gemeinderat über diese Worte war spürbar.

Architekt: „Ich denke, die Aussicht ist doch ganz gut.“

Das Problem mit der Höhe und der Beeinträchtigung eines Nachbarhauses sehe er inzwischen auch, etwa 60 Zentimeter könne er die Höhe reduzieren, mehr gehe nicht. „Das Sichtfeld nach Osten ist eingeschränkt, aber nach Südwesten ist es weiterhin gegeben. Ich denke, die Aussicht ist doch ganz gut.“

Es ist nicht zu überhören, dass Bär auf die Kritik an seiner Planung nicht vorbereitet war, er wirkt geradezu schnippisch, als er zur Parkplatzsituation anmerkt: „Wir bauen auch gerne weniger Stellflächen, wenn Sie damit ein Problem haben.“

Immerhin kann er die Anwohner des Kapellenwegs beruhigen: Die geplante Baustelle soll komplett „von unten“, also über die Langenburger Straße erschlossen werden, Lkw-Verkehr im schmalen Kapellenweg sei nicht zu erwarten.

Löhlein-Ehrler: „Ich habe das Gefühl, dass ich für dumm verkauft werden soll“

Erhard Demuth betont nochmals, dass die gezeigten Grundrisse nicht zur städtebaulichen Begründung des Architekturbüros passen würden und fürchtet, dass die rechtlich erlaubten Höhentoleranzen voll ausgenutzt werden könnten und merkt an: „Photovoltaik kommt auch noch auf die Dächer, also nochmals 1,20 Meter.“

„Ich habe das Gefühl, dass ich für dumm verkauft werden soll, ich wünsche mir ein bisschen mehr Ehrlichkeit“, ist Verena Löhlein-Ehrlers Eindruck.

Neumann übt Kritik an Gestaltungsbeirat

Bürgermeister Stefan Neumann greift  ein und fragt sich, warum es eigentlich einen Gestaltungsbeirat gebe, wenn Themen nicht angesprochen werden. „Wir wollen eine Stadt sein und reden, als ob wir ein Dorf wären. Wir müssen aufpassen, wie man hier redet und was man kaputtmacht, wenn wir Investoren haben“, appelliert er an den Gemeinderat.

Architekt Bär antwortet weiterhin schnippisch

Architekt Bär antwortet weiterhin schnippisch, zum Beispiel sagt er: „Wir hätten ja auch ein Pultdach planen können“, dann wäre die Photovoltaik noch höher. Auf den Vorschlag von Wolfgang Schmelzle, auf das eine Gebäude ganz zu verzichten, reagiert er: „Wir können auch alles weglassen.“ Er betont auch, dass es sich um ein Familienprojekt handele: „Wirtschaftliche Interessen stehen nicht im Vordergrund.“

Rainer Süßmann (Freie) ist Mitglied im Gestaltungsbeirat und sagt selbstkritisch, dass der Gestaltungsbeirat das Offensichtliche nicht bemerkt habe. Süßmann vermisst bei Bär die Lösungsorientierung. Er sieht einen „Battle zwischen Architekten“ und langweilt sich bei einer Diskussion, die er nicht versteht. In der letzten Gemeinderatssitzung reagierte Süßmann übrigens auf die Forderung von Demuth, dass der Gestaltungsbeirat in der Regel öffentlich zu tagen habe, dass er das „ungeachtet Paragraph XY“ nicht wolle. Eine öffentliche Sitzung des Gestaltungsbeirats unter Einbeziehung der Anwohner hätte der Diskussion im Gemeinderat möglicherweise die aufgekommene Schärfe genommen.

Nicht gelangweilt ist Werner Schneider. An Bär wendet er sich mit den Worten: „Es kommt mir so vor, als würden Sie sich nicht bewegen. 50 Zentimeter tiefer, das ist für mich keine Lösung.“

„Der Gestaltungsbeirat, das sind die Ästheten“

Auch Bürgermeister Stefan Neumann sieht inzwischen, dass das Thema „Sichteinschränkung“ nicht ausdiskutiert ist und schlägt eine Visualisierung vor.

„Der Gestaltungsbeirat, das sind die Ästheten“, kommentiert Boris d’Angelo die Tatsache, dass der Gestaltungsbeirat das Projekt dreimal diskutiert und die zutage getretenen Probleme nicht erkannt habe. Er beantragt daher nochmals eine Rückverweisung an den Gestaltungsbeirat mit dem Ziel, einen neuen Vorschlag zu erstellen.

Nach einer Sitzungsunterbrechung, in der die Fraktionen intensiv diskutierten, schlägt Bürgermeister Neumann eine „frühzeitige Anhörung“ anzusetzen. Das ist ein Verfahren, in dem auch andere Beteiligte gehört werden können sowie ein Massenmodell des Hangs anfertigen zu lassen.

Zuerst muss aber über den Antrag von Boris d’Angelo abgestimmt werden: Dieser wird mit 12 zu 8 Stimmen angenommen, sodass über Bürgermeister Neumanns Vorschlag nicht mehr abgestimmt wird. Das Projekt wird also zurückverwiesen an den Gestaltungsbeirat, der jetzt sicherlich die Örtlichkeit in Augenschein nehmen wird.

Auf den neuen Vorschlag darf man gespannt sein, die Anwohner und die Gemeinderäte sind auf jeden Fall sensibilisiert.

Text: Matthias Lauterer

Ob die Wohnungen für die abgebildete Bevölkerungsgruppe erschwinglich sein werden? Quelle: Stadt Künzelsau

Eindrucksvolle Nachtbilder vom Sigloch-Areal.
Quelle: Stadt Künzelsau

Lageplan der geplanten Häuser. Bild: Stadt Künzelsau / Sitzungsunterlagen

Vorher-Nachher: Die schraffierte Fläche entspricht ungefähr dem geplanten Neubau. Montage: GSCHWÄTZ