Kalt war es in der Stadthalle Künzelsau, als am Dienstag, den 13. Oktober 2020, der Gemeinderat tagte. Daher hatten sich einige Gemeinderäte warm angezogen. Beantragt war, einen Bebauungsplan für das so genannte „Sigloch-Areal“ zwischen Langenburger Straße und Kapellenweg aufzulegen, um dort fünf moderne Dreifamilienhäuser zu bauen (wir berichteten https://www.gschwaetz.de/2020/10/13/da-hat-man-aus-der-tiefgarage-eine-bessere-aussicht-als-von-uns/).
Bestehende Baupläne sind nicht mehr aktuell
Architekt Marcus Bär erläuterte die Überlegungen, die zu seiner Planung führten: Zwei bestehende Bebauungsbänder im Hang, die durch das leere Grundstück unterbrochen sind, könnten zu einer städtebaulichen Struktur vereinigt werden. Er präsentierte dem Gemeinderat und den anwesenden Bürgern seine Skizzen sowie einige Impressionen, wie die Häuser in der Realität aussehen könnten. Die Gebäude würden sehr hohe Ansprüche, „qualitativ als auch architektonisch“ erfüllen. Aufgrund der baurechtlichen Situation habe man sich entschlossen, einen „vorhabenbezogenen Bebauungsplan“ speziell für dieses Grundstück zu beantragen, die bestehenden Bebauungspläne aus den 60er-Jahren seien städtebaulich nicht mehr aktuell.
Hätte er sich nur auch warm angezogen, denn aus den Reihen des Gemeinderats wehte ihm sofort ein kalter Wind entgegen:
„Ohne Berücksichtigung der Topographie“
Schon die erste Wortmeldung von Erhard Demuth (SPD/GRÜNE) schloss mit den Worten: „Ich werde dem so nicht zustimmen.“ Demuth kritisierte: „Bänder ohne Berücksichtigung der Topografie“ und dass die Häuser zu hoch seien: „Die, die dahinter sind, interessieren keinen.“ Außerdem sieht er die Gefahr, dass der Muschelkalkhang bei derart intensiver Bebauung zum Problem werden könnte. Selbstkritisch merkt er auch an, dass der Gestaltungsbeirat, dessen Mitglied er ist, das Gelände gar nicht in Augenschein genommen habe. Außerdem stellt er die Frage, ob es so einfach möglich sei, über einen bestehenden Bebauungsplan – das bestehende Gebäude steht in einem Bereich, für den ein Bebauungsplan existiert – einen neuen Bebauungsplan zu legen.
Auch Robert Volpp (CDU) fordert, dass die oberen beiden Häuser niedriger ausgeführt werden müssten, um „nachbarschaftsverträglich“ zu sein.
Anwohner im Vorfeld schon aktiv geworden
Eine Gruppe von Anwohnern hatte im Vorfeld der Sitzung die Gemeinderäte in einem Brief über ihre Meinung zu dem Projekt informiert, einige Gemeinderäte hatten sich daraufhin vor Ort kundig gemacht. Die Anwohner hatten vor allem auf die Enge im Kapellenweg hingewiesen sowie auf die Höhe der oberen Häuser.
Gerhard Rudolph schließt sich bezüglich der Höhe der beiden hinteren Häuser seinem Fraktionskollegen an und bringt die Verkehrssituation des Kapellenwegs ins Gespräch. Außerdem schlägt er vor, die Ausmaße der geplanten Häuser mit Ballonen zu visualisieren.
Höhe der Häuser und Verkehrssituation im Focus
Reintraut Lindenmaier (SPD/GRÜNE) weist auf die Tatsache hin, dass der Kapellenweg der Schulweg für die Kinder aus dem Südhang ist – einen Gehweg gibt es nicht. Sie sagt, die Planung sei „für die Situation des Kapellenwegs nicht geeignet“.
Für Nachverdichtung ist Dr. Andrea Faust (Freie), der Entwurf gefalle ihr auch gut. Aber auch sie bemängelt die Höhe.
Und Wolfgang Schmelzle (FfK) hat auch Bedenken wegen des Fahrzeugverkehrs im Kapellenweg.
Manipulationsvorwurf an den Architekten
Schweres Geschütz fuhr anschließend Erhard Demuth auf: In den gezeigten Schaubildern sei die Situation des oberen Hangs „bewusst ausgeblendet“, wirft er dem Architekten vor und fordert die Erstellung eines Massenmodells für den Gesamthang, das auch die Umgebung mit abbildet. Ins selbe Horn stößt Verena Löhlein-Ehrler von den Freien: Sie findet es zwar prinzipiell gut, dass die Parkplätze auf dem Grundstück geplant seien, sagt aber: „Wir sind schon einmal auf schöne Nachtbilder reingefallen.“ In den Nord-Süd-Schnitten seien „sinnigerweise die Nachbarhäuser weggelassen“. Auf sie wirken die Häuser „wie aufgeblasen“ und sie fordert auf, „mit Fingerspitzengefühl nachzuarbeiten“.
„Und dann haben wir das, was wir nicht wollen“
Auch für Herbert Schneider (FfK) „geht der Zugang vom Kapellenweg nicht“ und er kündigt an, dem Antrag nicht zuzustimmen. Er habe seine Erfahrungen gemacht: Da werde da und dort noch etwas geändert „und dann haben wir das, was wir nicht wollen“.
Boris d’Angelo (UBK) bemängelt den Schritt „von eingeschossiger Bauweise zu massiver Bauweise“. Da generell in Zukunft Änderungen der Bebauungspläne aus den 60ern anstünden, dürfe man jetzt so ein Projekt nicht mit Gewalt durchziehen. Für ihn ist das Projekt „ein Signal für die Zukunft: „Wenn wir verändern, dann gehen wir mit Augenmaß und Sorgfalt vor.“ Er beantragt, das Projekt an den Gestaltungsbeirat zurückzuverweisen.
Auf die vorgetragenen Argumente reagiert Marcus Bär: Der alte Bebauungsplan sein nie fortgeschrieben worden, viele Häuser seien verändert, hätten Dachgauben, es herrsche eine „ungeordnete städtebauliche Situation“ vor. Diese will er mit den Neubauten ordnen „und dazu machen wir einen Bebauungsplan“. Die geplanten Häuser hätten nur zwei Vollgeschosse und ein Dachgeschoss, das hätten andere Häuser oberhalb auch. „Wenn andere das dürfen, dann dürfen wir das auch.“ Die Höhe der Häuser sie zwangsläufig: „Das würde so niedrig, da fühlen Sie sich beengt, da könnten wir mit unserer Architektur nicht punkten.“ Das Erstaunen im Gemeinderat über diese Worte war spürbar.
Architekt: „Ich denke, die Aussicht ist doch ganz gut.“
Das Problem mit der Höhe und der Beeinträchtigung eines Nachbarhauses sehe er inzwischen auch, etwa 60 Zentimeter könne er die Höhe reduzieren, mehr gehe nicht. „Das Sichtfeld nach Osten ist eingeschränkt, aber nach Südwesten ist es weiterhin gegeben. Ich denke, die Aussicht ist doch ganz gut.“
Es ist nicht zu überhören, dass Bär auf die Kritik an seiner Planung nicht vorbereitet war, er wirkt geradezu schnippisch, als er zur Parkplatzsituation anmerkt: „Wir bauen auch gerne weniger Stellflächen, wenn Sie damit ein Problem haben.“
Immerhin kann er die Anwohner des Kapellenwegs beruhigen: Die geplante Baustelle soll komplett „von unten“, also über die Langenburger Straße erschlossen werden, Lkw-Verkehr im schmalen Kapellenweg sei nicht zu erwarten.
Löhlein-Ehrler: „Ich habe das Gefühl, dass ich für dumm verkauft werden soll“
Erhard Demuth betont nochmals, dass die gezeigten Grundrisse nicht zur städtebaulichen Begründung des Architekturbüros passen würden und fürchtet, dass die rechtlich erlaubten Höhentoleranzen voll ausgenutzt werden könnten und merkt an: „Photovoltaik kommt auch noch auf die Dächer, also nochmals 1,20 Meter.“
„Ich habe das Gefühl, dass ich für dumm verkauft werden soll, ich wünsche mir ein bisschen mehr Ehrlichkeit“, ist Verena Löhlein-Ehrlers Eindruck.
Neumann übt Kritik an Gestaltungsbeirat
Bürgermeister Stefan Neumann greift ein und fragt sich, warum es eigentlich einen Gestaltungsbeirat gebe, wenn Themen nicht angesprochen werden. „Wir wollen eine Stadt sein und reden, als ob wir ein Dorf wären. Wir müssen aufpassen, wie man hier redet und was man kaputtmacht, wenn wir Investoren haben“, appelliert er an den Gemeinderat.
Architekt Bär antwortet weiterhin schnippisch
Architekt Bär antwortet weiterhin schnippisch, zum Beispiel sagt er: „Wir hätten ja auch ein Pultdach planen können“, dann wäre die Photovoltaik noch höher. Auf den Vorschlag von Wolfgang Schmelzle, auf das eine Gebäude ganz zu verzichten, reagiert er: „Wir können auch alles weglassen.“ Er betont auch, dass es sich um ein Familienprojekt handele: „Wirtschaftliche Interessen stehen nicht im Vordergrund.“
Rainer Süßmann (Freie) ist Mitglied im Gestaltungsbeirat und sagt selbstkritisch, dass der Gestaltungsbeirat das Offensichtliche nicht bemerkt habe. Süßmann vermisst bei Bär die Lösungsorientierung. Er sieht einen „Battle zwischen Architekten“ und langweilt sich bei einer Diskussion, die er nicht versteht. In der letzten Gemeinderatssitzung reagierte Süßmann übrigens auf die Forderung von Demuth, dass der Gestaltungsbeirat in der Regel öffentlich zu tagen habe, dass er das „ungeachtet Paragraph XY“ nicht wolle. Eine öffentliche Sitzung des Gestaltungsbeirats unter Einbeziehung der Anwohner hätte der Diskussion im Gemeinderat möglicherweise die aufgekommene Schärfe genommen.
Nicht gelangweilt ist Werner Schneider. An Bär wendet er sich mit den Worten: „Es kommt mir so vor, als würden Sie sich nicht bewegen. 50 Zentimeter tiefer, das ist für mich keine Lösung.“
„Der Gestaltungsbeirat, das sind die Ästheten“
Auch Bürgermeister Stefan Neumann sieht inzwischen, dass das Thema „Sichteinschränkung“ nicht ausdiskutiert ist und schlägt eine Visualisierung vor.
„Der Gestaltungsbeirat, das sind die Ästheten“, kommentiert Boris d’Angelo die Tatsache, dass der Gestaltungsbeirat das Projekt dreimal diskutiert und die zutage getretenen Probleme nicht erkannt habe. Er beantragt daher nochmals eine Rückverweisung an den Gestaltungsbeirat mit dem Ziel, einen neuen Vorschlag zu erstellen.
Nach einer Sitzungsunterbrechung, in der die Fraktionen intensiv diskutierten, schlägt Bürgermeister Neumann eine „frühzeitige Anhörung“ anzusetzen. Das ist ein Verfahren, in dem auch andere Beteiligte gehört werden können sowie ein Massenmodell des Hangs anfertigen zu lassen.
Zuerst muss aber über den Antrag von Boris d’Angelo abgestimmt werden: Dieser wird mit 12 zu 8 Stimmen angenommen, sodass über Bürgermeister Neumanns Vorschlag nicht mehr abgestimmt wird. Das Projekt wird also zurückverwiesen an den Gestaltungsbeirat, der jetzt sicherlich die Örtlichkeit in Augenschein nehmen wird.
Auf den neuen Vorschlag darf man gespannt sein, die Anwohner und die Gemeinderäte sind auf jeden Fall sensibilisiert.
Text: Matthias Lauterer

Ob die Wohnungen für die abgebildete Bevölkerungsgruppe erschwinglich sein werden? Quelle: Stadt Künzelsau

Eindrucksvolle Nachtbilder vom Sigloch-Areal.
Quelle: Stadt Künzelsau

Lageplan der geplanten Häuser. Bild: Stadt Künzelsau / Sitzungsunterlagen

Vorher-Nachher: Die schraffierte Fläche entspricht ungefähr dem geplanten Neubau. Montage: GSCHWÄTZ