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Ex-Mustang-Chef möchte nicht wieder in das Haifischbecken der Mode zurück

„W&LT hat nie Gewinne gebracht“

Heiner Sefranek verkaufte die Mehrheitsanteile von Mustang (damals 200 Mitarbeiter) vor sieben Jahren an Investoren, nachdem er es über 20 Jahre geleitet hat. Damals sagte er: „Der Standort Künzelsau wird durch den Verkauf gestärkt“ (Heilbronner Stimme, 05. Oktober 2011). Heute verfolgt er das Mustang-Geschehen nur noch am Rande, ist aber noch in ständigem Kontakt mit Geschäftsführer Dietmar Axt. Dr. Sandra Hartmann hat mit ihm über Mustangs Umzug nach Schwäbisch Hall, seinen größten Fehler und blanke Ärsche gesprochen.

Warum zieht Mustangs Verwaltung nach Schwäbisch Hall?

Sefranek: Das ist natürlich traurig. Aber die Räumlichkeiten in Künzelsau waren für die heutigen Verhältnisse viel zu groß. Es sind unglaublich viele Räume leergestanden. Der ganze Produktionsbereich ist nicht mehr da. Leider gab es keine passenden Angebote zur Miete in Künzelsau und Umgebung. Schwäbisch Hall ist noch relativ nah und damit auch zumutbar für die Mitarbeiter. Ich finde es toll, dass man zumindest in der Region bleibt.

 

Das Mustang-Outlet soll bleiben. Das Museum wackelt. Warum?

Sefranek: Das Gebäude, in welchem das Museum ist, gehört mir. Aber es kostet einfach wahnsinnig viel Geld, etwa für Personal, das Museum zu unterhalten. Das kann ich nicht privat stemmen. Ob die Investoren das Museum weiterbetreiben, stand zum Redaktionsschluss noch nicht fest.

 

Blickt man auf die Firmengeschichte Mustangs zurück, gibt es Höhen und Tiefen.

Sefranek: Die prestigeträchtige Designermarke Joop-Jeans war finanziell ein riesiger Erfolg. Mit der Marke W&LT wurden wir Innovationspioniere. Unsere Marke Mustang hat in Deutschland einen Bekanntheitsgrad von 94 Prozent. Somit können wir ja nicht alles falsch gemacht haben.

 

Gibt es denn etwas, dass Sie heute anders machen würden?

Sefranek: Mein Nachfolger, Theo Birkenmeyer, war keine Optimalbesetzung. Er war größenwahnsinnig, wollte zu schnell expandieren. Das Ganze verlief zu unkontrolliert, zu wenig fundiert.

 

Dietmar Axt hat 2017 in seiner Presseantwort GSCHWÄTZ gegenüber  betont, dass man sich nun wieder auf die Kernmarke konzentrieren werde.

Sefranek: Das kann ich nachvollziehen. Bogner-Jeans konnte an den Erfolg von Joop-Jeans nicht mehr anschließen. Und W&LT hat nie Gewinne gebracht.

 

Dennoch gerät Heiner Sefranek ins Schwärmen, wenn er von W&LT-Designer Walter van Beirendonck spricht, mit dem er viele Jahre eng zusammengearbeitet hat. Er war eine „Kultfigur“  und habe innovative Maßstäbe im Bereich Mode gesetzt, sagt er.

 

Ein ehemaliger Mitarbeiter sagte, Sie wollten Ihre Jeans nicht länger an Ärschen von Lkw-Fahrern sehen, sondern an einer jüngeren Klientel.

Sefranek: Das habe ich so nie gesagt. Aber es ist natürlich immer schöner anzuschauen, wenn junge Damen das tragen. Das ist aber nicht nur bei der Jeans so (lacht kurz, bevor er wieder ernst wird). Ich sehe Mustang aber als eine Marke wie VW und nicht wie Ferrari. Ich habe mich über jeden gefreut, der eine Mustang-Jeans getragen hat.

 

Warum dann das teure Verjüngungsexperiment mit W&LT?

Sefranek: Früher war die Jeans eine Form des Protests der Jugend gegenüber ihren Eltern. Dann wurde die Jeans für jedermann salonfähig. Sie verlor ihren Protestcharakter. Mit der Marke W&LT wollten wir eine neue Jugendkultur aufbauen.

 

Eine neue Protestmarke also?

Sefranek: Nein. Die Generation der 90er ist keine Protestgeneration, sondern eine Do-it-Generation. Sie identifizieren sich nicht mehr mit den Erwachsenen, weil diese die Umwelt zerstören. Das war eine ziemlich starke Bewegung.

 

Manch ein Mitarbeiter kritisiert, dass Mustang in der Vergangenheit oft Jeans-Modelle, die gut gelaufen sind, von heute auf morgen eingestampft hat.

Sefranek: Gewisse Modelle entsprachen dem Zeitgeist einfach nicht mehr, aber ich habe noch nie erlebt, dass ein Produkt aus der Kollektion genommen wurde, das gut gelaufen ist.

 

Was glauben sie, wie es nun weitergeht mit Mustang?

Sefranek: Von der ganzen Ausrichtung her gesehen, produktionstechnisch und qualitativ gesehen, ist man auf einem guten Weg. Man ist nun keine Produktions-, sondern eine Handelsfirma, die selbst entwickelt und die national und in gewissem Umfang international wachsen möchte. Aber der Markt ist knallhart. Da bin ich mit 71 Jahren froh, dass ich nicht mehr in der Verantwortung stehe. Schauen Sie  nur die Marke Bench an, die pleite gegangen ist. Der Handel leidet unter den Billigketten.

 

Käufer kritisieren, dass die Qualität von Billig- und Markenjeans sich nur unwesentlich unterscheiden.

Sefranek: Diese Kritiker übersehen, dass es beispielsweise auch in China  völlig unterschiedliche Niveaus von Produktionsfirmen gibt. Irgendwann werden auch Flugzeuge in China hergestellt.

 

Wie kann man denn garantieren, dass man nicht mit Firmen zusammenarbeit, die die Umwelt extrem belasten oder Kinderarbeit zulassen?

Sefranek: Es ist immer eine Erwägung, mit welchen Lieferanten man zusammenarbeitet. Mustang arbeitet seit vielen Jahren mit denselben Firmen zusammen.

 

Firmen wir Trigema fertigen noch in Deutschland.

Sefranek: Wenn Sie ein Jeans komplett in Deutschland produzieren, zahlen Sie am Ende 800 Euro für eine Jeans.

 

Blaumann-Hosen werden auch in Deutschland gefertigt.

Sefranek: Blaumann-Jeans werden nicht gewaschen, dadurch entfällt das Finishing-Verfahren. Das ist intensive Handarbeit. Die Blaumann-Jeans kosten auch dementsprechend mehr und sind ein Nischenprodukt und ein Nebenerwerb für die Macher.

 

Die Blaumann-Macher entspringen teils dem Hause Mustang.

 

Wie hat sich der Modemarkt noch verändert?

Sefranek: Bei den Deutschen spielt Qualität keine Rolle mehr. Es zählen nur noch vordergründige Fashion-Effekte. Man kauft lieber fünf Teile, als ein Teil, das man länger trägt. Man will billig kaufen und dabei möglichst noch eine Moral hochhalten, zum Beispiel, Umweltbewusstsein. Der Trend geht zu leichten Stoffen, auch bei der Jeans. Man will keine dicken  Jeanshosen mehr. Die halten aber länger. Und es gibt keine eindeutigen Modetrends mehr, sondern nur noch ein individuelles Arrangieren von Teilen.

 

Sie sind ja ein Jeans-Träger – nur Mustang oder tragen Sie auch andere Marken?

Sefranek: Ich habe mir auch schon mal andere Marken gekauft, aber eher um zu schauen, wie sie geschnitten sind.

 

Gestatten Sie uns noch eine persönliche Frage zum Schluss. Es soll wohl früher ein Bild im  Mustang-Büro Ihrer Frau gehangen haben mit einem nackten  tätowierten Hintern – angeblich Ihrer.

Sefranek (lacht): Da hing ein Bild im Büro meiner Frau, aber das war kein nackter Hintern und erst recht nicht meiner. Tätowiert bin ich übrigens auch nicht.

 

Heiner Sefranek gab sich in unserem Telefoninterview am Donnerstag, den 26. Juli 2018, spontan, locker, redegewandt und offen.