Milliarden im Umlauf: Bargeld im Briefumschlag
Jeder Anhänger eines unterklassigen Vereins hat es schon erlebt: Da verliert die eigene Mannschaft ausnahmsweise und völlig unverdient und schon kommt das Gerücht auf, dass der Gegner ja bestimmt viel Geld für die Spieler bezahlt und dass es „bei denen“ ganz sicher nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Das journalistische Recherchezentrum Correctiv hat sich dieses Themas angenommen und eine bundesweite anonyme Befragung in der „Amateurfußball-Szene“ durchgeführt.
Mehr als 10.000 Amateurfussballer:innen nahmen an der Umfrage teil
Es ist die bislang größte Befragung zu Finanzstrukturen im deutschen Amateurfußball, und sie zeigt erstmals das riesige Ausmaß einer Schwarzgeld-Kultur hinab bis in die Kreisligen. Hochrechnungen auf Grundlage einer ARD-Befragung unter mehr als 10.000 Fußballerinnen und Fußballern lassen den Schluss zu, dass unterhalb der Profiligen Jahr für Jahr mehr als eine Milliarde Euro gezahlt wird – die Hälfte davon mutmaßlich an der Steuer vorbei.
Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation von GSCHWÄTZ mit Correctiv und dem RBB, der für die Recherche federführend verantwortlich war.
Die Dokumentation „Milliardenspiel Amateurfußball: Wenn das Geld im Umschlag kommt“ wird am 19. Januar um 23:30 Uhr in der ARD ausgestrahlt und ist ab sofort auf der Themenseite zu sehen: https://www.sportschau.de/milliardenspiel
Die Online-Befragung hat die ARD mit Unterstützung des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv durchgeführt. Etliche Tageszeitungen, Fachzeitschriften und Fußballportale halfen, die Umfrage zu verbreiten und recherchierten in ihren Amateurvereinen vor Ort, ob und wie Geld gezahlt wird.
Unter den Teilnehmern waren 8.085 männliche Spieler im Alter von 18 bis 39 Jahren, darunter 1.529 aus Baden-Württemberg. Von ihnen haben 60,2 Prozent einmal oder öfter Geld dafür bekommen, in einem Amateurverein Fußball zu spielen. Sie erhielten monatlich einen Festbetrag und/oder Punkt- und Siegprämien. 36,9 Prozent von ihnen gaben an, im Beispielmonat Oktober 2020 Geld fürs Fußballspielen kassiert zu haben.
Auch in den unteren Klassen fließt Geld
Auch in tieferen Ligen ist es der Erhebung zufolge keineswegs ungewöhnlich, mit Fußball Geld zu verdienen. In der fünften Liga, im Württembergischen Fußballverband ist das die Oberliga, werden demnach 89,9 Prozent aller Spieler bezahlt, in Liga 6 76,6 Prozent, in der siebten Liga 50,9 Prozent. In der achten Liga – das ist die Bezirksliga – erhalten noch immer 36,4 Prozent der Spieler Geld.
Hochrechnung: Eine Milliarde Euro im Jahr
Geht man davon aus, dass Deutschlands Amateurfußballer im Schnitt etwa genauso viel Geld bekommen wie die Teilnehmer der bundesweiten Befragung, so ergibt die Hochrechnung der Daten für den Beispielmonat Oktober 2020 eine gewaltige Summe. In diesem Monat wurden in Deutschland rund 100 Millionen Euro an Amateurspieler bezahlt. Auf eine Saison mit zehn Verdienstmonaten gerechnet macht dies eine Milliarde Euro.
Die Hälfte davon „schwarz“?
Geht man zudem davon aus, dass der Anteil verdeckter Zahlungen, also „schwarz“ oder „im Umschlag“ ebenso hoch ist wie von den Spielern in der Befragung angegeben, dann würden pro Monat 50 Millionen, pro Saison 500 Millionen Euro mutmaßliches Schwarzgeld bezahlt.
Viele Mittel und Wege
Aus der Befragung wird deutlich, dass diese Zahlungen auf ganz unterschiedliche Weise stattfinden können. Der mutmaßlich gängigste Weg: Bargeld im Umschlag, ausgehändigt im Vereinsheim. Doch manchmal stecken auch private Geldgeber den Spielern das Geld bar zu. Andere haben Scheinarbeitsverhältnisse beim Sponsor und kassieren das Geld, ohne dafür zu arbeiten. Manchmal verrechnen die Vereine auch vorher vereinbarte Prämien mit dem Kilometergeld – auch wenn der Spieler zu Fuß zum Sportplatz kommt.
Bei der Befragung der ARD in Kooperation mit Correctiv gab fast jeder fünfte Spieler (18,2 Prozent) an, für das Fußballspielen auch schon mit Sachwerten und Dienstleistungen entlohnt worden zu sein. Die Vereine oder Sponsoren stellten eine Wohnung oder ein Auto zur Verfügung, übernahmen Handwerkerleistungen. Manche Spieler wurden auch zum Schein als Jugendtrainer engagiert – ohne irgendeine Mannschaft trainieren zu müssen.
Die Wege der Bezahlung sind also sehr vielfältig. Fest steht: Die Vereine nutzen das ganze Repertoire, Schwarzgeld gehört wie selbstverständlich dazu. Nachzuweisen sind Geldflüsse dieser Art meistens nicht, weil offenbar in vielen Vereinen schwarze Kassen existieren.
Professoren bestätigen die Aussagekraft der Umfrage
Der Statistik-Professor Andreas Groll von der TU Dortmund hat die Erhebung für die ARD ausgewertet. Groll sagt, eine Online-Befragung dieser Art könne natürlich nicht repräsentativ sein. Die Erhebung sei aber „statistisch und wissenschaftlich sauber durchgeführt“. Das Statistik-Labor der Ludwig-Maximilians-Universität München bescheinigt nach Prüfung der Hochrechnung, diese sei unter den getroffenen Annahmen „korrekt und nachvollziehbar“.
Der Münchner Sportrechtler Thomas Summerer erstellte ein juristisches Gutachten zu den Ergebnissen der Befragung. Er sagte, die Befragung werde „ein kleines Erdbeben auslösen, denn wenn es schwarze Kassen gibt, dann ist das per se schon ein Straftatbestand, nämlich Untreue“. Vereinen drohe dafür „der Entzug der Gemeinnützigkeit“. Ein Spieler, der Schwarzgeld annehme, könne laut Summerer „wegen Steuerhinterziehung bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe“ erhalten.
Auch die Region betroffen
Vor einigen Jahren waren zwei große Vereine aus der Region wegen nicht gesetzeskonformer Zahlungen an Spieler im Visier der Behörden. Im Umkreis des FSV Hollenbach wurden Durchsuchungen durchgeführt – laut der zuständigen Staatsanwaltschaft wurde in 303 Fällen wegen §266a StGB, juristisch nicht ganz korrekt unter „Hinterziehung von Sozialabgaben“ zusammengefasst, ermittelt. Das Amtsgericht in Öhringen verurteilte damals zwei „verantwortlich Handelnde“ zu Haftstrafen von 11 Monaten auf Bewährung – das Urteil wurde 2015 rechtskräftig. Der Zoll, als zuständige Ermittlungsbehörde, nennt weitere Fakten zu diesem Fall:
360.000 Euro Schaden in diesem Fall
„Beschuldigte in den Ermittlungsverfahren, die damals rechtskräftig verurteilt wurden, waren zwei Spieler (wegen Leistungsbetrugs) sowie zwei vereinsverantwortlich tätige Personen (wegen Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt). Der von den Kollegen der Finanzkontrolle Schwarzarbeit in diesem Zusammenhang ermittelte Schaden, der bei der Deutschen Rentenversicherung entstanden war, belief sich auf über 360.000 Euro. Gegenstand der Verfahren waren insgesamt 303 Taten, die abgeurteilt wurden (Tatbegehung über mehrere Monate hinweg und mehrere betroffene geschädigte Krankenkassen). Neben Haftstrafen auf Bewährung für die beiden vereinsverantwortlich tätigen Personen erhielten diese Geldstrafen in Höhe von 18.000 und 9.000 Euro. Ein Spieler wurde zu einer zwölfmonatigen Freiheitsstrafe mit zweijähriger Bewährungszeit verurteilt. Der Schaden gegenüber Leistungsträgern betrug in diesem Fall ca. 25.000 Euro. Der andere Spieler erhielt einen Strafbefehl von 50 Tagessätzen á 30 €. Der Schaden betrug bei diesem Spieler ca. 4.000 Euro. Die Verurteilten erhielten auch die Auflage, den entstandenen Schaden an die Leistungsträger zurückzuzahlen.“
Über eine halbe Million Schaden
Weniger lange her ist der öffentlich bekanntgewordene Fall der Neckarsulmer Sport-Union: 2016 wurden im Vorfeld eines Fußballspiels Befragungen durchgeführt. Das Verfahren gegen den damaligen Vorstand der NSU wurde 2019 gegen Auflagen eingestellt: Er mußte 100.000 Euro an gemeinnützige Vereinigungen bezahlen sowie die Ansprüche von Berufsgenossenschaft, Rentenversicherung und Finanzamt erstatten. Damals ging man von Ansprüchen bis zu 200.000 Euro aus. Dass auch die Zahlungsempfänger in Konflikt mit dem Gesetz geraten können, weiß die Heilbronner Staatsanwältin Mareike Hafendörfer: Es wurden „im Zusammenhang mit dem Neckarsulmer Sportunion e.V. auch knapp ein Dutzend Ermittlungsverfahren gegen Fußballer und Abteilungsleiter sowie einige gegen Handballerinnen wegen des Vorwurfs der Beihilfe zum Veruntreuen von Arbeitsentgelt geführt, die teils mit, teils ohne Auflagen eingestellt wurden.“
Der Zoll nennt konkrete Zahlen: „Der dabei [bei den Ermittlungen, nicht unbedingt im Urteil, die Red.] festgestellte Schaden (Steuerschaden: 98.000 Euro und Schaden bei der Deutschen Rentenversicherung: mehr als 437.000 Euro) betrug damals über eine halbe Million Euro.“ und teilt weitermit, dass insgesamt gegen 11 Personen ermittelt wurde. Das Ergebnis: „Die Verfahren wurden sowohl gemäß § 153 a) StPO (Zahlung von Geldstrafen, für eine vereinsverantwortlich agierende Person in Höhe von 100.000 Euro und in Höhe von 1.000 bis 3.000 Euro für andere Beschuldigte) als auch teilweise gemäß § 153 StPO eingestellt.“
Legale Möglichkeiten gibt es auch
Laut DFB-Spielordnung dürfen Amateurfußballer nicht mehr als 250 Euro pro Monat an Auslagenerstattung und/oder Aufwandsentschädigung bekommen. Fließt mehr Geld, muss ein Amateurvertrag abgeschlossen werden. Damit werden dann auch Steuern und Sozialabgaben gezahlt. Doch auf mehr als 700.000 Amateurspieler kamen vergangene Saison gerade mal rund 8.500 Amateurverträge.
In geheimer Mission unterwegs
Die ARD-Reporter schickten während ihrer Recherchen auch einen Lockvogel in zwei Amateurvereine. Der Spieler handelte vor versteckter Kamera die Bezahlung aus. Beide Vereine boten ihm Geld, das sie teilweise oder komplett bar im Briefumschlag bezahlen wollten.
Text: Wigbert Löer, Arne Steinberg (correctiv) und Matthias Lauterer