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„Wir gehen einfach auch davon aus, dass sich Stress oder Notsituationen, egal ob während der Schwangerschaft oder nach der Schwangerschaft, über die Mutter, über die Eltern, immer auch auf das Kind auswirken“

GSCHWÄTZ: Wir haben heute im Rahmen unserer Artikelserie über Schwangerschaftsabbrüche ein Interview mit drei Mitarbeiterinnen der Caritas in Heilbronn vereinbart zum Thema Schwangerschaftsberatung und allem, was sich so neben der Beratung bei den Beratungsorganisationen tut, was die Motivation der Frauen ist und was man ihnen raten kann.
Ich möchte Sie einfach bitten, sich vielleicht der Reihe nach ganz kurz vorzustellen.

Anette Wenk: Ja, ich fange mal an. Mein Name ist Annette Wenk, Stabsstelle Marketing und Kommunikation bei der Caritas Heilbronn-Hohenlohe. Ich bin die Schnittstelle zu den Medien und von daher haben wir auch den Kontakt gehabt und ich habe das Gespräch organisiert, halte mich aber inhaltlich dann voraussichtlich weitgehend zurück, weil ich da zwei sehr kompetente Kolleginnen heute dabei habe.

Ulrike Rein: Ich bin Ulrike Rein. Ich bin im Moment jetzt in Altersteilzeit, zuständig aber noch für die frühen Hilfen und habe aber 20 Jahre in der Schwangerschaftsberatung gearbeitet, also bis Ende letzten Jahres. Und bin deshalb hier mit dabei. Von Beruf bin ich Diplom-Sozialpädagogin.

Franziska Hafen: Dann mache ich doch direkt weiter. Ich bin Franziska Hafen. Ich bin Sozialarbeiterin und ich bin jetzt seit … im April sind es vier Jahre, bin ich mit dabei in der Schwangerschaftsberatung und bin seit diesem Jahr auch in Künzelsau direkt vor Ort in der Schwangerschaftsberatung. Ich bin aber auch noch in Heilbronn der Schwangerschaftsberatung. Ich bin in beiden Stellen und da ich in Künzelsau vor Ort gerade die Nachfolge von Frau Rein angetreten habe in der Schwangerschaftsberatung, bin ich heute mit dabei.

GSCHWÄTZ: Dankeschön. Vielleicht wäre es für den Anfang am einfachsten, sie würden ganz kurz die Rolle, die die Caritas in der Schwangerschaftsberatung abdeckt, mal kurz skizzieren.

Caritas stellt keinen „Beratungsschein“ aus

Franziska Hafen. Foto: Privat

Franziska Hafen: Soll ich einfach mal starten? Was klar ist, das hat die Frau Wenk Ihnen schon mitgeteilt, dass wir keinen Nachweis nach einer Schwangerschaftskonfliktberatung für den Abbruch, der ja Voraussetzung für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch ist, den Klienten ausstellen, da ist ja die Caritas in der Diözese Rottenburg-Stuttgart zum 01.01.2001 aus dem staatlichen Beratungssystem ausgestiegen.  Dies geschah damals auf Weisung des Papstes Johannes Paul II., dem die deutschen Bischöfe nach langem Ringen gefolgt sind. Die bischöflichen Richtlinien untersagen uns das einfach. Deswegen sind wir damals ausgestiegen und bieten natürlich trotzdem Konfliktberatungen an. Das Angebot gibt es, aber eben ohne diesen Nachweis.

Wenige Konfliktberatungen

Das hat leider dazu geführt, dass wir recht wenig Beratungen im Schwangerschaftskonflikt haben. Was vielleicht vor 2000 war, da weiß vielleicht die Frau Rein ein bissle mehr. Wir haben wenig Nachfrage für die Konfliktberatung einfach aus dem Grund, dass wir einfach keinen Nachweis ausstellen können. Viele Frauen müssten sonst natürlich auch doppelt in Beratung gehen, um den Nachweis zu bekommen, dann bei einer anderen Stelle. Wir haben andere Schwerpunkte.
Unsere Rolle in dem Thema Schwangerschaftskonfliktberatung ist doch eine sehr kleine. Das Angebot gibt’s trotzdem, dass Frauen in allen Notlagen gern zu uns kommen können. Beratung schützt das Leben von Mutter und Kind. Wir begleiten die Frau in ihrer Notsituation. Wir versuchen mit ihr eine Perspektive für ein gemeinsames Leben mit dem Kind zu entwickeln, weil das ungeborene Lebewesen einen eigenen Anspruch auf Leben hat und schützenswert ist. Gleichzeitig ist die Beratung ergebnisoffen. Aber trotzdem ist es eine Hürde, dass wir einfach keinen Nachweis ausstellen.

Ulrike Rein: Ich würde einfach ergänzen: Das Gesetz schreibt ja ein plurales Angebot in der Schwangerschaftsberatung vor und wir sind Teil dieses pluralen Angebots. Das heißt, es gibt Beratungsangebote bei kirchlichen Trägern Diakonie, Caritas, es gibt Beratungsangebote bei anderen Trägern, bei der Pro Familia zum Beispiel. Es gibt Beratungsangebote beim Gesundheitsamt, also bei uns im Hohenloher Kreis ist Gesundheitsamt, Caritas und Diakonie, die das Beratungsangebot Schwangerschaftsberatung vorhalten. Und damit ist ein gewisses plurales Angebot einfach vorhanden. Und in diesem pluralen Angebot sind wir einfach der katholische Träger, der die Beratung mit diesen eigenen Charakteristika, wie sie jetzt die Kollegin Franziska Hafen beschrieben hat, anbietet. Wir sagen auch, Konflikte in der Schwangerschaft beziehen sich nicht nur auf diesen, sage ich jetzt mal, existenziellen Schwangerschaftskonflikt in diesen ersten 12 Schwangerschaftswochen, sondern es gibt Not- und Konfliktsituationen auch auch mit weitreichenden Entscheidungen während der gesamten Schwangerschaft. Und dafür stehen wir einfach bereit, in diesen Situationen Frauen zu begleiten, zu beraten, mit ihnen diese Konfliktsituationen einfach anzugehen, zu bearbeiten, Lösungen zu finden.

Unterschiedliche Motive bei den Schwangeren für ein Beratungsgespräch

GSCHWÄTZ: Was sind denn die Motive der Frauen, die zu ihnen kommen?

Franziska Hafen: Das sind tatsächlich ganz unterschiedliche Probleme. Das können finanzielle Sorgen sein, weil das Geld für eine Babyausstattung oder für Baby-Kinderzimmer nicht reicht, dass vielleicht eine größere Wohnung gesucht wird oder eben finanziert werden muss. Das Thema Kaution. Es ist ein sehr großes Spektrum, das den finanziellen Bereich betrifft. Es gibt Lebenssituationen, die schwierig sind, aufgrund von nicht vorhandenem Geld … da einfach hingehen, zu unterstützen,  auch sozialrechtlich zu beraten, zu gucken, was für Hilfen oder sozialrechtliche Hilfen gäbe es denn eventuell für die Familie … oder auch eben in Konflikten oder in Notlagen zu helfen.

Staatliche und kirchliche Fördermittel

Es gibt staatliche Fördermittel, auf die alle Beratungsstellen zugreifen können. Und wir von der Caritas haben noch kirchliche Fördermittel, die wir in Notlagen Frauen mit kleinen Kindern oder schwangeren Frauen anbieten können, so dass diese Notlagen nicht zu Existenzbedrohung werden. Wir können Frauen /Paare dahingehend  unterstützen, dass sie sich gut auf die Geburt vorbereiten können oder gerade wenn  bereits kleine Kinder in der Familie sind, zur Entlastung beizutragen und die Notsituation ein bisschen zu lindern. Dahingehend ist bei uns viel Nachfrage, aber auch das ganze Thema Frühe Hilfen, wenn da Fragen kommen, da können wir unterstützen.
Es gibt auch Familienhebammen, die wir vermitteln können. Es gibt bei uns ein ganz großes Netz innerhalb der Caritas. Das wir nicht nur das Thema Schwangerschaftsberatung anbieten, sondern auch Migrationsberatung, psychologische Familien- und Lebensberatung. Es gibt ja ganz viele Stellen, wohin wir intern vermitteln können, je nachdem, was eben passend ist für die Frauen.

Sozialrechtliche und psychosziale Fragestellungen

Viele Anfragen betreffen tatsächlich die sozialrechtliche Unterstützung, die wir  anbieten können, aber auch psychosoziale Themen, die oftmals gekoppelt sind bei solchen Themen.
Psychosozial kann wirklich jegliches Anliegen sein. Es muss ja nicht nur ein Konflikt in der frühen Schwangerschaft sein, es gibt auch PND Beratung, also Pränataldiagnostik. Es gibt ganz viele Dinge, zum Beispiel Beratung, wenn eine Frau sich zu einer vertraulichen Geburt entscheidet, natürlich wird daauch psychosozial beraten. Oder auch Konflikte mit dem Partner, mit Eltern, Probleme mit der Arbeitsstelle. Da gibt es viele Dinge, wo man psychosozial beraten kann, ohne dass ein reiner Schwangerschaftskonflikt vorliegt.

Ulrike Rein. Foto: privat

Ulrike Rein: Diese finanzielle Hilfe, zum Beispiel einen Antrag stellen bei der Bundesstiftung „Mutter und Kind“, ist oftmals so ein niedrigschwelliger Zugang zur Beratungsstelle. Da kommt man einfach mal, lässt prüfen, habe ich einen Anspruch auf finanzielle Hilfe für diese Babyausstattung. Aber das ist auch eine  Chance, tiefer einsteigen zu können. Man lernt die Beraterin kennen, die Beraterin kann in diesem Gespräche  eine Beziehung zur Klientin aufbauen, oder auch zu diesem Paar, und es ergeben sich weitere Themen: Wir versuchen immer wieder, nicht nurBeratung auf diese finanzielle Hilfe zu begrenzen, sondern es ist immer die gesamte Lebenssituation Thema. Und wenn man dann Vertrauen aufbauen konnte über dieses Thema finanzielle Hilfen, ist es oft auch möglich, an Beziehungsprobleme zu kommen, an Ängste, an soziale Isolierung, an Überforderung vielleicht von Frauen, die Angst haben vor Überforderung durch dieses Kind, durch dieses weitere Kind. Und dann weitet sich der Kreis und wir können noch viel mehr, nämlich gerade diese psychosoziale Beratung anbieten als nur die finanzielle Hilfe. Und man sieht das auch daran, dass viele Frauen nicht nur einmal kommen, um diesen Antrag zu stellen, sondern dann mehrmals kommen oder nach der Geburt oder später in der Schwangerschaft wiederkommen, um einfach auch andere Themen, andere Nöte noch anzusprechen und einzubringen.

Frauen kommen nicht nur einmal

Wir haben Frauen, die in  mehreren Schwangerschaften kommen. Aber wir begleiten auch Frauen von der Schwangerschaft, manchmal mehrere Jahre über die Geburt hinaus, dass man auch noch diese erste Phase der Familiengründung mit begleitet.

GSCHWÄTZ: Sie liefern mir ein Stichwort nach dem anderen. Sie haben das Wort Paar genannt. Ja, kommen denn auch viele Väter mit zu so einer Beratung?

Franziska Hafen: Tatsächlich recht häufig, ja. Sehr, sehr oft. Das ist oft dem geschuldet, dass die Frauen nicht so gut Deutsch sprechen und die Männer dann zum Übersetzen mitkommen. Das ist tatsächlich oft die Realität, dass Männer auch beim Übersetzen helfen. Aber es kommt auch ansonsten vor, dass die Männer mit dabei sind und involviert sind. Ja, das ist keine Seltenheit.

„Ich glaube, die jetzigen werdenden Väter übernehmen auch zunehmend Verantwortung.“

Ulrike Rein: Und wenn ich jetzt mal als ältere, erfahrene Beraterin was dazu sagen darf. Ich meine, das hat sich verändert, dass zunehmend mehr Männer mitkommen. So hab ich’s erlebt. Ganz, ganz subjektive Erfahrung. Ja, ich glaube, die jetzigen werdenden Väter übernehmen auch zunehmend Verantwortung. Vielleicht ist es auch die Frage Elterngeld und Elternzeit, die auch immer wieder die Väter mit betrifft, wo die Informationen wollen. Ich habe so das Gefühl, dass sich das im Laufe der letzten 20 Jahre verändert hat und zunehmend mehr Väter auch mit in die Beratung kommen. Nicht nur aus sprachlichen Gründe, das auch, aber ja, auch aus anderen Gründen.

GSCHWÄTZ: Zweites Stichwort, ist jetzt auch schon mehrfach gekommen, ist Migrationshintergrund. Sind denn im Verhältnis zur Bevölkerung mehr Frauen mit Migrationshintergrund in ihren Beratungen? Oder wie würden sie die Situation von Frauen mit Migrationshintergrund generell einschätzen?

Franziska Hafen: Tatsächlich haben wir einen deutlich höheren Anteil von Frauen mit Migrationshintergrund. Also sehr, sehr hoch. Sehr viele Frauen kommen auch aus dem nicht europäischen Ausland.

Ulrike Rein: Hängt vielleicht auch damit zusammen: Zumindest in Künzelsau haben wir ja auch Migrationsberatung, einen Kollegen, der Migrationsberatung macht. Da ist natürlich die Beratungsstelle bekannt, da ist der Zugang leichter, da vermittelt man den Kollegen. Und ja, vielleicht ist auch das ein Grund, aber ich glaube, dass es allgemein so zu beobachten ist, auch in der Diözese, wenn man andere Beratungsstellen hört, dass ein hoher Migrationsanteil bei der Caritas ist, ja.

Caritas in Künzelsau- Foto: privat

GSCHWÄTZ: Sie haben jetzt gesagt, dass es den Frauen auch bekannt ist, dass die Caritas nicht den Beratungsschein ausstellt. Und trotzdem beraten sie ergebnisoffen. Wie würden Sie das beschreiben, was in einer Frau vorgeht, die in so eine Beratung geht, wo auch im Hinterkopf ist, dass das Kind gegebenenfalls nicht das Licht der Welt erblicken wird?

Franziska Hafen: Für uns als Beraterin oder was meinen Sie? Wie wir da hineingehen?

GSCHWÄTZ: Welche Eindrücke Sie von Frauen haben und was die Frauen bewegt, wenn doch immer im Hinterkopf ist, dass das Kind vielleicht nicht ausgetragen wird.

Franziska Hafen: Dadurch, dass die Erfahrungswerte dann doch nicht so hoch sind, weil wir recht wenige Beratungen in dem Zusammenhang haben, kann ich da gar nicht aus großer Erfahrung schöpfen. Tatsächlich muss ich sagen, ich persönlich hatte bisher nur eine Konfliktberatung, weil die Nachfrage doch sehr gering ist. Diese Frau war auch in einer anderen Beratungsstelle, aber eben auch bei der Caritas, weil sie einfach wusste, sie braucht das Gespräch. Sie möchte reflektieren, sie möchte einfach gucken, was für Chancen, was für Hilfen gäbe es mit Kind oder eben auch ohne Kind.

„Die Entscheidung muss die Frau am Ende immer selber treffen.“

Und da kann man ja immer auch beides beleuchten. Die Entscheidung muss die Frau am Ende immer selber treffen. Wir beraten und begleiten sie dahingehend, dass sie eine tragfähige Entscheidung für sich am Ende treffen kann. Aber wir Beratungsstellen, ob wir jetzt den Beratungsschein ausstellen oder nicht, würden niemals die Entscheidung der Frau abnehmen.

GSCHWÄTZ: Das heißt, in dem Fall, den Sie gerade geschildert haben, ist eine Frau bewusst zu zwei Stellen gegangen: Zu einer, wo sie vorher wusste, dass sie eventuell einen Beratungsschein kriegen kann und zu einer Beratungsstelle, wo sie wusste, dass die eher zum Leben rät und Hilfestellung anbietet für in finanzieller oder sonstiger Art?

„Ich kann ihr nur sagen, was man anbieten kann, aber im Endeffekt ist es ihre Entscheidung“

Franziska Hafen: Von den gesetzlichen Grundlagen her dient die Arbeit aller Schwangerschaftsberatungsstellen dem Schutz des ungeborenen Lebens. Beratung kann heißen der Frau zu helfen, Panik zu überwinden, zusammenstürzende Lebensplanungen zu verstehen, Loyalitäten, innere  „Aufträge“ oder Verletzungen zu erkennen, um gemeinsam Lösungen für den jeweiligen Konflikt und bestenfalls eine tragfähige Lebensperspektive für Mutter und Kind zu finden. Und manchmal spielen auch finanzielle Probleme eine Rolle.  Aber wir beraten immer offen, das wäre ja auch dieser Zwang. Das ist auch vielleicht das, was viele Leute im Kopf haben: Katholisch – wir beraten immer nur zum Baby.

„Wir akzeptieren die Frau und ihre Entscheidung, egal wie.“

Natürlich ist die Haltung der katholischen Kirche „Ja zum Leben“. Aber wir akzeptieren die Frau und ihre Entscheidung, egal wie. Wenn die Frau aus dem Gespräch rausgegangen wäre, und mir gesagt hätte, ich  möchte das Kind trotzdem nicht, dann hätte ich diese Entscheidung akzeptieren müssen. Ich kann mit ihr reflektieren, was ist der Konflikt, der hinter der Entscheidung steht, ich kann ihr sagen, was man anbieten kann, aber im Endeffekt ist es ihre Entscheidung: Trotzdem ist es wichtig, das Leben mit und ohne Kind angucken. Es ist  einfach ein offenes Beratungsgespräch undes ist das Baby im Fokus und die Frau in ihrer jeweiligen Notsituation, man schaut beides an mit der Frau. Das ist unser Verständnis von ergebnisoffen, dass eine Frau sich nicht gedrängt fühlt. Sie wollte für sich noch mal ein Gespräch, ein zweites Gespräch, führen, um sich noch einmal mehr abzusichern, ob denn die vermeintliche erste Entscheidung nach dem ersten Gespräch immer noch die richtige Entscheidung ist.

Ulrike Rein: Ich glaube, dass Frauen, die sagen „ich bin mir sicher, dass das Kind nicht zur Welt kommen wird. Ich werde mich mit Sicherheit für den Abbruch entscheiden“, sich nicht nochmal bei der Caritas für ein Gespräch anmelden. Frauen, die jetzt bei uns ankommen, sind die Frauen, die sich ganz bewusst noch mal für ihre Beratung bei der Caritas unter diesen Bedingungen entschieden haben. Denn es kommt keine Frau, die nicht spätestens am Telefon bei der Terminvereinbarung darüber informiert worden ist, dass es diesen Beratungsnachweis hier nicht gibt. Und wenn jetzt eine Frau sagt ich brauche den aber vielleicht doch, dann wird sie den erste Termin nicht bei uns machen, sondern zu einer anderen Beratungsstelle gehen und vielleicht zu einem anderen Termin noch mal kommen.

GSCHWÄTZ: Sie liefern mir Stichworte am laufenden Band. Sie haben noch etwas Interessantes angesprochen und das ist dann die Zeit nach der Entscheidung. In Ihrem Falle hat die Frau das Kind bekommen. Die Entscheidung, ein Kind zu kriegen oder nicht zu kriegen, ist in jedem Fall eine Entscheidung fürs weitere Leben. Dass die Entscheidung bleibt einem, haben sie dann Erfahrungen gemacht mit Leuten, die gesagt haben, sie hätten das Kind vielleicht besser nicht bekommen oder vielleicht zur Adoption freigegeben. Haben Sie da Beispiele? Schicksale?

Alternativen zum Abbruch: Adoption und vertrauliche Geburt

Franziska Hafen: Ich selbst hab da kein Beispiel, dass eine Frau nach jeglicher Entscheidung noch mal zu mir persönlich in die Beratung kam. Ich selbst hatte eben nur einen Fall mit einer Frau, mit einer vertraulichen Geburt. Da sind wir aktuell noch im Prozess. Da gibt es noch kein Resümee, quasi kein großes. Da war ich viel mit eingebunden, als es um das Thema Adoption ging. Aber  Frauen, die sich jetzt bewusst für das Kind entschieden haben, trotz Konfliktberatung, da hatte ich bis jetzt tatsächlich keinen konkreten Fall. Ob die Frau Rein einen speziellen Fall hatte, über den sie berichten kann?

„Die Frauen gehen und wir wissen nachher nicht, wie sie sich entschieden haben.“

Ulrike Rein: Also wo es wirklich im existenziellen Konflikt war, war vielleicht einmal, wo ich es mitbekommen habe. Das ist ja so: Die Frauen gehen und wir wissen nachher nicht, wie sie sich entschieden haben. Sie gehen vielleicht wieder zu einer  andere Beratungsstelle oder sie lassen sich woanders weiter begleiten. Das war einmal.
Aber das sind natürlich auch Frauen, die man aus einer anderen Schwangerschaft kennt, die wieder schwanger werden, auch ungewollt schwanger werden, aber für die das jetzt nicht ein Schwangerschaftskonflikt in dem Sinne war, dass sie sagen, für mich steht wirklich Abbruch im Raum. Sondern die vielleicht am Anfang noch mit dieser Situation hadern, schwanger zu sein und zu fragen, wie kann ich das jetzt alles schaffen, wie soll es weitergehen? Das gab es so auch immer wieder. Und die waren dann  dankbar für diese Unterstützung, wenn man Wege aufzeigt, wie ein Leben mit diesem weiteren Kind auch möglich sein kann.

GSCHWÄTZ: Aber sie kriegen schon ab und zu das Feedback, dass dann eine Frau mit Kinderwagen kommt und sagt „Danke für die Beratung“?

Franziska Hafen: Ja, sehr oft ja, tatsächlich oft.

Frauen kommen und stellen ihr Kind vor. „Das ist immer wieder was ganz Erfreuliches.“

Ulrike Rein: Oder mal eine Karte, dass das Kind jetzt geboren ist, dass Frauen kommen und ihr Kind vorstellen, das Kind nach der Geburt zeigen. Ja, natürlich, das ist immer wieder vorgekommen. Das ist immer wieder was ganz Erfreuliches.

GSCHWÄTZ: Wenn wir noch mal ganz zum Anfang zurück kehren. Sie haben über die finanziellen Hilfen gesprochen. Sind die in ihren Augen ausreichend oder wo würden sie Defizite sehen, in welchen Bereichen?

Franziska Hafen: Meinen Sie Sozialrechtliches? Oder die Unterstützungsmöglichkeiten, die wir anbieten könnten?

GSCHWÄTZ: Sowohl sozialrechtlich, also alles, was „übers Amt“ geht und natürlich auch das, was von ihnen in Anführungszeichen aus freiwilligen Quellen angeboten werden kann.

Franziska Hafen: Die Dinge, die wir intern beantragen können, sehe ich als sehr hilfreich. Wir besprechen solche Themen im Team, gucken einfach drauf, was kann man der Frau anbieten, in dem in dem aktuellen Fall?(Den Satz würde ich raus lassen: Und da würde ich wirklich sagen, haben sind wir schon sehr große Freiheit, zu schauen, was wir der Frau anbieten können, damit wir ihr Problem lösen.) Damit die Frau den Kopf frei hat für sich, für die Schwangerschaft, für die Geburt. Da können wir wirklich viel anbieten und können auch gezielt schauen, was macht Sinn.

„Gerade beim Thema Elterngeld, wo wir auch beraten, muss man sich entscheiden.“

Sozialrechtlich … klar, da kann man sich drum streiten. Gerade beim Thema Elterngeld, wo wir auch beraten, muss man sich entscheiden: Möchte ich Elterngeld für ein Jahr, für zwei Jahre? Es ist klar, wenn ich es auf zwei Jahre nehme, bleibt nur die Hälfte. Frauen oder Familien müssen sich einfach darüber bewusst sein, dass dann Einkommen fehlt, wenn die Frau weniger arbeitet. Manche Frauen haben auch einen Zugewinn, wenn sie vorher Hausfrau waren und kein Einkommen hatten, haben sie eben durch das Elterngeld doch wieder ein kleines Einkommen, was sich dann auch wieder positiv sich auswirkt.
Thema Kindergeld, das ändert sich ja auch immer wieder. Es steigt ja auch immer wieder an. Trotzdem sagen viele Familien, die ich in der Beratung habe, es ist natürlich nicht die Welt, man könnte immer mehr haben. Die Preise steigen ja auch, alle Lebenshaltungskosten. Aber trotzdem sind sie dankbar, dass es überhaupt Kindergeld, Elterngeld, dass es überhaupt eine finanzielle Unterstützung in der Form gibt.
Mit dem Jobcenter sind wir auch viel im Kontakt: Wir unterstützen Frauen, dass sie Babyausstattung beim Jobcenter beantragen können oder beispielweise Kaution für eine neue größere Wohnung. Da sind wir auch mit dabei. Wir helfen auch bei Widersprüchen. Genau da setzen wir uns für die Frauen ein, dass sie die Leistungen, die ihnen zustehen, auch bekommen.

„Es wird eine Wendung geben, durch eine Entscheidung.“

Franziska Hafen: Da sind wir wieder bei dem Thema Krisen. Meistens sind es Krisen, die Frauen durchleben. Ob das eine Krise ist mit dem Partner, vielleicht auch mit dem Baby … es muss ja nicht unbedingt nur das Thema Konflikt sein. Das griechische Wort Krisis heißt übersetzt ins Deutsche Entscheidung. Es wird eine Wendung geben, durch eine Entscheidung. Das kann wiederum eine Chance sein, etwas Positives. Aber auch etwas Negatives, es kann beides mit sich bringen. Da können wir einfach nach den Frauen sehen.

Wie gesagt, Krisen können ganz unterschiedlich sein. Es kann auch eine ganz einfache Krise sein, dass sie in Wohnungsnot zum Beispiel sind. Sie brauchen eine größere Wohnung, das ist je nach subjektivem Empfinden aktuell eine Krise für die Familie, für die Frau. Eine Krise ist eine Situation, in der jemand mit Lebensumständen konfrontiert ist, die er momentan nicht bewältigen kann, in der Frauen psychosoziale Unterstützung brauchen.

„Wir sind einfach da, mit als Wegbegleiter.“

Bei vielen Frauen ist auch eine Fehlgeburt oder Totgeburt ein Thema, an dem psychosozial intensiv gearbeitet wird. Das hatte ich auch schon. Und ich habe immer wieder Fälle, wo Frauen einfach öfter vorbeikommen, wirklich eine Gesprächspartnerin suchen. Wir haben ja auch Fortbildungen zu dem Thema gemacht, das wir gezielt Fragen stellen können. Wir bieten ja nicht die Lösung an. Jede Frau muss ihre Krise natürlich selbst  durchleben. Wir sind einfach da, mit als Wegbegleiter. Also sagen wir ihr das auch: Wir sehen uns auch als Wegbegleiter, entweder für längere Zeit oder für kürzere Zeit. Das entscheidet die Frau auch für sich, wie oft sie kommen möchte oder wie lang sie kommen möchte.
In manchen Konstellationen macht man tatsächlich Biografie-Arbeit mit den Frauen, schaut wirklich danach: Gibt es vielleicht auch Dinge, die von ganz früher herrühren? Es gibt auch Familienaufstellungen im Angebot bei der Caritas. Also da gibt es schon recht viele Möglichkeiten.
Wir Beraterinnen haben auch eine Supervision, wo wir für uns diese Fälle mit einer Supervisorin besprechen können. Auch wenn wir mal sagen, wir wissen nicht mehr weiter, können wir uns mit Kolleginnen austauschen: Was gibt’s denn vielleicht noch für Ideen, für methodische Ideen, mit den Frauen zu arbeiten? Aber manchmal ist es wirklich ganz einfach nur dieses Beratungsgespräch: Man hört viel zu. Man stellt gezielt Fragen, dass die Frauen vielleicht selbst ihre Lösungen oder Wege finden, dass sie mit dieser Krise gut umgehen,  die Krise bewältigen können.

GSCHWÄTZ: Vereinfacht: die Erfahrungen, die auch andere gemacht haben, weitergeben und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen? Als ersten einfachen Schritt?

„immer das Ziel, dass die Frau selbst einen Weg findet.“

Franziska Hafen: Die Lösungsmöglichkeit vorgeben, das ist ja das, was wir Berater nicht machen. Eigentlich wollen wir Berater dafür da sein, dass Frauen eigenständig auf die Lösung kommen, und wir nur  dahingehend beraten, begleiten oder anregen, dass die Frauen im Laufe des Prozesses auf diese Lösungsmöglichkeit kommen. Auch wenn wir vielleicht schon am Anfang des Gesprächs eine Ahnung haben, was der Frau vielleicht helfen würde … aber das muss auch nicht das Richtige sein. Deswegen ist immer das Ziel, dass die Frau selbst einen Weg findet.

GSCHWÄTZ: Sie haben von Familienaufstellung gesprochen. Sie haben vorhin von Ängsten gesprochen. Sie haben  von der Historie, von der Persönlichkeitshistorie. Da sind wir ja schon ganz tief im Bereich der Psychologie. Haben Sie denn auch Psychologen oder ist das auch Aufgabe eines Sozialarbeiters oder einer Sozialarbeiterin?

Caritas kann durch interne und externe Vernetzung unterschiedlichste Unterstützung anbieten

Franziska Hafen: Wir in der Schwangerschaftsberatung sind in der Regel Sozialarbeiterinnen oder Sozialpädagoginnen, wir haben alle die Fortbildung zur psychosozialen Beratung absolviert und können dahingehend beraten. Aber wenn es -ich habs ja vorhin schon erwähnt: wir sind bei der Caritas gut aufgestellt und haben beispielsweise eine psychologische Lebensberatung – dann tatsächlich doch zu intensiv wird, dann kommen wir auch an Grenzen. Wenn man für die Klienten den besten Weg finden muss, dann haben wir gute Möglichkeiten, uns intern zu vernetzen oder Frauen intern weiter zu vermitteln an die Kolleginnen, unter denen auch Psychologen sind. Es sind unterschiedliche Kolleginnen, Sozialarbeiterinnen, aber auch Psychologinnen. Die Familienaufstellung macht eine andere Kollegin, die eine spezielle Fortbildung gemacht hat, das wird nicht von uns durchgeführt.

GSCHWÄTZ: Sie haben deutlich gemacht, dass die Caritas allein durch ihre Größe diese verschiedensten Angebote hat, die vielleicht eine andere Beratungsstelle nicht anbieten kann, die sich nur auf Schwangerschafts(konflikt)beratung spezialisiert hat. Sehen Sie das auch so, dass die Caritas einen Mehrwert bieten kann gegenüber manch anderen?

Franziska Hafen: Gegenüber manch anderen … wir würden uns jetzt nicht vergleichen mit anderen Beratungsdiensten, aber das ist natürlich prinzipiell etwas, was uns ausmacht, dass wir viele verschiedene Dienste anbieten können in unserer Region. Die Caritas ist ein großer Arbeitgeber, der größte Arbeitgeber Deutschlands, wenn man alles unter einen Hut fasst. Allein bei uns in der Region Heilbronn Hohenlohe haben wir viele Dienste und das macht vieles für uns einfacher, wenn man intern gut vernetzt ist. Aber trotzdem sind wir auch extern gut vernetzt. Es gibt ja immer auch Arbeitskreise mit anderen Beratungsstellen, mit anderen Trägern. Und da sind wir da allgemein gut vernetzt, nicht nur intern.
Aber wir haben viel Gott sei Dank viele Dienste, die wir intern anbieten können und vermitteln können.

Ulrike Rein: Und jeder andere Träger darf natürlich auch Klientinnen an die Dienste der Caritas vermitteln. Es steht ja nicht nur den Frauen offen, die bei uns ankommen, sondern das steht allen offen, die den Bedarf haben. Natürlich kann man sagen, es fällt leichter, wenn man schon mal den Zugang zur Caritas hatte, ist vielleicht ein bisschen niedrigschwelliger, aber im Prinzip stehen die Angebote allen anderen auch offen.

Leichter Zugang zu den Angeboten der Caritas

GSCHWÄTZ: Niedrigschwellig ist das nächste Stichwort, das Sie mir in den Mund legen, das ist ja wunderschön heute. Für wie niedrigschwellig halten Sie Ihr Angebot?  Haben Sie den Eindruck, dass die Frauen, die Sie brauchen, auch zu Ihnen finden? Oder sehen Sie eher, dass das doch noch viele Frauen, denen Sie helfen könnten, gar nicht zu Ihnen kommen?

Franziska Hafen: Möchtest du was sagen? Ulrike, oder?

„Ich glaube immer noch, dass manche Frauen gar nicht ankommen, denen wir helfen könnten.“

Ulrike Rein: Hm, schwierig, ich glaube immer noch, dass manche Frauen gar nicht ankommen, denen wir helfen könnten, aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ankommen. Trotzdem denke ich, kommen viele Frauen bei uns an, gerade was diese finanziellen Hilfen angeht. Das macht einen Zugang möglich, der, weil das Finanzielle für Frauen oft Thema ist, der vielleicht jetzt in eine andere Beratung so nicht möglich wäre. Wenn es jetzt um die psychologische Familien- und Lebensberatung geht, ist es sicher noch einmal ein anderer Zugang, als wenn es um finanzielle Hilfen geht. Dennoch höre ich auch oder habe ich auch immer wieder gehört, „wenn ich doch schon früher gewusst hätte, dass es dieses Angebot gibt. Das hätte mir auch schon in der Schwangerschaft davor oder wie auch immer weitergeholfen.“ Aber man muss auch sagen, wenn ich so zurückdenke … wie kommen Frauen zu uns? Also ganz, ganz viel über Empfehlung, Mund zu Mund Propaganda. Das ist der Weg, wie sie eigentlich zu uns finden. Und von daher denke ich auch, wenn wir jetzt Frauen in sozial schwächere Milieus erreichen können, die erzählen das wieder anderen … ja, dann ist der Zugang doch schon auch für viele möglich.

In die Beratung kommen nicht nur sozial belastete Familien

GSCHWÄTZ: Und schon wieder haben sie mir das Stichwort gegeben, das Milieu. Es ist wirklich erstaunlich heute. Wir haben jetzt immer gesprochen von Frauen, die finanzielle Hilfen brauchen. Das ist klar, dass das einen großen Teil Ihrer Arbeit darstellt. Gibt es denn auch Frauen, die jetzt nicht wegen finanzieller Probleme kommen, sondern wegen anderer existenzieller Probleme oder Probleme, die für sie in dem Moment als existenziell erscheinen?

Franziska Hafen: Tatsächlich. Wenn es wirklich reine psychosoziale Themen sind. Weil es mit dem Partner aktuell Probleme gibt, Probleme nach einer Fehlgeburt oder eine Totgeburt. Oder … es ist es eine neue Schwangerschaft da und die Geburt davor war eine Fehlgeburt oder eben eine Totgeburt. Die Frauen habe dann große Unsicherheiten, „die ganze Schwangerschaft über holt mich das wieder ein“.
Da kommen auch ganz viele Frauen aus dieser Richtung, wo es gar nicht um finanzielle Hilfen geht. Es kommen auch viele zur Elterngeldberatung zu uns – da geht es natürlich auch um finanzielle Hilfen. Aber wenn beide Eltern arbeiten, dann geht es nicht um die finanzielle Unterstützung von beiden, sondern die wollen sich einfach beraten lassen, wollen Informationen zum Elterngeld:  Was für Möglichkeiten haben wir? Wie läuft es mit der Elternzeit? Der Elterngeld-Antrag, wie machen wir das?
Da haben wir wirklich hohe Nachfragen und beraten und unterstützen nicht nur sozial belastete oder benachteiligte Familien.

GSCHWÄTZ: Ich glaube, ich habe meine Fragen so weit durch und habe auch einiges gelernt. Danke! Gibt’s denn von Ihrer Seite noch etwas auf, was Sie unbedingt Wert legen, dass es in dem Gespräch noch vorkommt?

„Ergebnisoffen und wertschätzend beraten“

Franziska Hafen: Wichtig ist auf jeden Fall, dass wir immer – das wurde ganz oft schon gesagt –  ergebnisoffen und wertschätzend beraten und dass wir nie Frauen verurteilen würden oder irgendwie mit Vorbehalten in Gespräch gehen würden, weil sie vielleicht einen Schwangerschaftsabbruch gemacht hat oder in Erwägung zieht. Das finde ich etwas ganz Wichtiges! Ich finde das etwas sehr Wertvolles und die Werte der christlichen Nächstenliebe sind eine Stütze. Uns ist es wichtig, bei Menschen in Not zu sein. Und das macht uns eben auch als Sozialarbeiterin, als Beraterin aus, dass wir immer wertschätzend gegenüber den Frauen sind. Die Frauen melden uns auch immer wieder zurück, dass sie,  egal was für Situationen sie haben oder mitbringen, immer das Gefühl haben, sie können einfach alles auf den Tisch legen. Und dass sie nicht verurteilt werden durch das, wie sie sich entschieden haben oder wie sie handeln.

Babylotsin im Öhringer Krankenhaus

Anette Wenk: Ein Stichwort, was wir bisher noch nicht gestreift haben, aber das wäre dann auch wieder ein komplett neues Thema, das ist der Aspekt frühe Hilfen. Dass  die Beratungsangebote und Unterstützung durchaus nach der Geburt in den ersten Lebensjahren des Kindes noch weitergehen können. Und dass das auch ein ganz interessantes Angebot ist. Ich weiß nicht, ob Sie davon schon gehört haben: Die Babylotsin, die es beispielsweise am Hohenloher Krankenhaus in Öhringen gibt. Das ist eine Kollegin, die Frauen auf der Geburtsstation schon in den ersten Tagen nach der Geburt aufsucht und fragt, ob irgendwelcher Unterstützungs- oder Beratungsbedarf oder Gesprächsbedarf besteht. Und da sieht man, dass das auch so eine gewisse Kontinuität ist.

„Frühe Hilfen“: Bis zu drei Jahre Begleitung der Familien

Das sind auch durchaus Frauen, die jetzt nicht vorher in der Schwangerschaftsberatung waren. Aber was die Kolleginnen so erzählt, ist, dass halt, dass sie sich freuen, wenn mal jemand kommt. Weil ja manche Fragen oder manche Themen auch erst nach der Geburt auftauchen. Es gibt ja auch Frauen, die waren vorher ganz happy mit ihrer Schwangerschaft und auf einmal denken sie „Oje, jetzt kommt noch das und das, wo ich auch noch eine Beratung brauchen könnte.“ Und da kann man auch sagen, es wird auch fortgeführt. Also das ist auch so ein psychosozialer Aspekt.

GSCHWÄTZ: Sie begleiten also unter Umständen eine Frau oder eine Familie ein paar Jahre lang,

Franziska Hafen: Ja, bis zum dritten Lebensjahr des Kindes können wir beraten und begleiten.

„Wir gehen einfach auch davon aus, dass sich Stress oder Notsituationen, egal ob während der Schwangerschaft oder nach der Schwangerschaft, über die Mutter, über die Eltern, immer auch auf das Kind auswirken.“

Ulrike Rein: Wir gehen einfach auch davon aus, dass sich Stress oder Notsituationen, egal ob während der Schwangerschaft oder nach der Schwangerschaft, über die Mutter, über die Eltern, immer auch auf das Kind auswirken, auf die Beziehung zum Kind oder aufs Kind, wenn noch während der Schwangerschaft. Unser Bestreben ist es deshalb, möglichst solche Situationen zu entschärfen und mit einem Angebot den Frauen und Familien zur Verfügung zu stehen. Sei es die Beratung während der Schwangerschaft um Not- oder Konfliktsituationen zu lösen, sei es nach der Geburt, mit der Babylotsin in der Klinik, zu schauen: Wo können wir andocken um möglichst stark zu sein? Vorhin haben wir gefragt, wie niedrigschwellig ist es. In die Klinik geht fast jede Frau zur Entbindung. Auch dort kann man sie erreichen. Das ist besonders niedrigschwellig, um auch frühe Hilfen anzubieten: Über die Familienhebamme oder  Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. Wir sind ja vernetzt im Arbeitskreis Frühe Hilfen, mit anderen Anbietern, die frühe Hilfen machen. Einfach zu gucken, wo kann man Familien unterstützen in der Familiengründungsphase, in der  Schwangerschaft über die Geburt und die ersten Jahre, um möglichst Stress und Notsituationen einfach zu entschärfen oder darin zu unterstützen.

GSCHWÄTZ: Also, wenn sie nichts dagegen haben, dann empfinde ich das als ein ganz tolles Schlusswort. Dann bedanke ich mich bei Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Matthias Lauterer




„Solche Eingriffe werden ausschließlich dann vorgenommen, wenn das ungeborene Kind so schwere Fehlbildungen aufweist, dass es nicht lebensfähig sein wird“

Ein Schwangerschaftsabbruch ist für jede betroffene Frau ein traumatisches Erlebnis. Keine Schwangere entscheidet sich leichtfertig dafür. Außerdem gibt es gesetzliche Hürden, die vor einem solchen Eingriff überwunden werden müssen. Doch warum auch immer sich eine Frau für einen Abbruch entscheidet – es gibt immer weniger Ärzte, die einen solchen vornehmen. Was den Frauen die Situation zusätzlich erschwert.

Wie sieht die Situation in den Krankenhäusern aus? Werden dort Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen? GSCHWÄTZ hat nachgefragt: beim Diakoneo KdöR, dem Träger des Diak in Schwäbisch Hall, bei der BBT-Gruppe, die das Hohenloher Krankenhaus Öhringen und das Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim betreibt und den SLK-Kliniken in Heilbronn.

Bisher zehn Eingriffe in 2021

Am Diak in Schwäbisch Hall werden demnach durchaus Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. „Am Diakoneo Diak Klinikum Schwäbisch Hall werden solche Eingriffe ausschließlich dann vorgenommen, wenn das ungeborene Kind so schwere Fehlbildungen aufweist, dass es nicht lebensfähig sein wird“, schreibt Christin Kohler, PR-Referentin beim Diakoneo KdöR, in ihrer Antwort-Mail. So seien dort im Jahr 2017 sieben, ein Jahr später neun und 2019 drei Abbrüche vorgenommen worden. Im Jahr 2020 waren es ebenfalls drei und in diesem Jahr bisher zehn Eingriffe.

Kontakte zu Beratungsstellen

Vor einem Schwangerschaftsabbruch muss jede betroffene Frau eine umfangreiche Beratung in Anspruch nehmen. Dazu schreibt Christin Kohler: „Selbstverständlich bestehen Kontakte zu Institutionen, die Schwangere beraten, darunter Caritas und pro familia. Wir informieren betroffene Schwangere über Möglichkeiten der Beratung.“

Keine Abbrüche in Öhringen oder Bad Mergentheim

Im Hohenloher Krankenhaus in Öhringen dagegen werden keine Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. „Weder im Hohenloher Krankenhaus Öhringen noch im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim wurden in den vergangenen Jahren Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen“, schreibt Pressesprecherin Ute Emig-Lange. „Auch in den anderen Krankenhäusern der BBT-Gruppe werden in der Regel keine Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt.“ Diese würden „der Überzeugung der BBT-Gruppe als einem Träger in der katholischen Kirche, dass das menschliche Leben vom Zeitpunkt seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende zu schützen ist“, widersprechen.

Keine Beratung

Die beiden Krankenhäuser bieten auch keine Beratung in solchen Fällen an, sie arbeiten allerdings  „in verschiedenen Netzwerken mit unterschiedlichen Trägern von Beratungsstellen zusammen“. Darunter können auch Anbieter der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung gehören – beispielsweise Diakonie, Caritas, Donum Vitae oder pro familia. „Insofern arbeiten wir sicherlich mit diesen Institutionen zusammen, aber nicht explizit in deren Angebot der Schwangerenkonfliktberatung“, so die Pressesprecherin weiter. „Dies hängt damit zusammen, dass die Begleitung Schwangerer in aller Regel in der ambulanten Versorgungswelt stattfindet und von dort aus die Kontakte zu den Beratungsstellen hergestellt werden.“ So beziehe sich die Zusammenarbeit eher auf die „frühe Hilfen“. Hierzu gehöre beispielsweise das Angebot der Babylotsin in den beiden Häusern.

Zehn bis 20 Abbrüche jährlich

In den Heilbronner SLK-Kliniken werden laut Pressesprecher Mathias Burkhardt Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt – „im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben“. Burkhardt sagt: „Im Zeitraum der vergangenen drei Jahre wurden jährlich zwischen zehn und 20 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt.“ Dafür arbeitet der Krankenhausträger mit Institutionen zusammen, die die schwangeren Frauen vor dem Abbruch beraten: „Ohne die daraus erfolgten Bescheinigungen wäre diese Art der Behandlung nicht möglich.“ In diesem Fall sind das pro familia, Diakonie, Caritas und das Landratsamt Heilbronn.

Text: Sonja Bossert, die Fragen stellte Matthias Lauterer