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Baden-Württembergs Artenschutzprogramm für Lehrer & die ewige Unterrichtsdiskussion

Auf seiner Stippvisite durch Hohenlohe (wir berichteten) hat der Ministerpräsident von Baden-Württemberg in Kupferzell auch zum Thema Schulöffnungen Stellung bezogen. Winfried Kretschmann befürwortet die „möglichst weitgehende Öffnung von Schulen und Kindergärten“. Er gibt aber zu bedenken: „Das Problem wird sein: Haben wir genügend Lehrkräfte?“ Es sei Aufgabe von Kultusministerium und Kommunen, möglichst viele Lehrkräfte und Erzieher zu gewinnen, so Kretschmann.

Nur wie soll das funktionieren, so lange Lehrer wie derzeit kaum eine andere Berufsgruppe unter Artenschutz steht? So fällt derzeit laut der baden-württembergischen Landesregierung rund jeder fünfte Lehrer im Schnitt aus, weil er unter die Corona-Risikogruppe fällt. Das bedeutet: Entweder hat diese Person Voererkrankungen, ist schwanger oder ist über 60 Jahre und hat daher die Möglichkeit, von zu Hause aus im home office zu arbeiten oder seinen Lehrerkollegen im Klassenzimmer hinter den Kulissen zuzuarbeiten. Und warum ist das in Covid-Zeiten so? Weil man diese Berufsgruppe nicht anstecken möchte.

Die Übriggebliebenen stemmen die Mehrbelastung

Aber was ist mit all den anderen Berufsgruppen? Wenn man dies in jedem Bereich konsquent durchziehen würde, müssten die übriggebblieben diese Mehrbelastung stemmen, aber nach einer gewissen Zeit würde das nicht mehr funktionieren. Denn wenn vorher 100 die Aufgaben gemacht haben und danach nur noch 80 von ihnen hat das dementsprechende Auswirkungen. Das System würde irgendwann zusammenbrechen.

Kinder sind keine Super-Spreader

Die Krux dabei: Jüngst hat erst eine Studie der Landesregierung gezeigt, dass Kinder (zumindest Grundschulkinder, auf welche sich die Studie bezog) nicht die Super-Spreader sind wie über Monate behauptet, sondern im Gegenteil: Sie übertragen weit weniger den Virus als Erwachsene,weil sie ihn weniger häufig in sich tragen. Doch noch immer hält man am Artenschutz des Lehrers fest. Warum? Haben Lehrer eine besonders starke Lobby hierzulande?

Suche nach Rentnern im Kampf gegen Covid – hier scheint die Ansteckungsgefahr zweitrangig zu sein

Ist es nicht für jede Krankenschwester, jeden Pfleger, jeden Arzt und jede Ärztin, jeder Supermarktkraft, die täglich im Kampf mit Covid an vordersterer Front stehen, ein Schlag ins Gesicht, zu hören, das andere sich dieser Gefahr entziehen können? Hat man nicht erst vor nicht allzu langer Zeit auch in Hohenlohe, einen öffentlichen Aufruf gestartet, dass man auf der Suche auch nach Rentnern ist, die man eventuell gerne für das Gesundheitssystem wieder „reaktivieren“ könnte im Kampf gegen das Virus? Hat hier jemand besonders Rücksicht auf Risikgruppen genommen? Und überhaupt: Wer ist systemrelevanter? Lehrer oder Krankenschwestern? Nun, wir kennen die Antwort inzwischen. Und trotzdem werden manche besser geschützt als andere. Das ist schlicht und ergreifend nicht in Ordnung.

Noch paradoxer wird es, wenn man sich überlegt, was das eigentlich im Alltag bedeutet: Eine Klientel (Krankenschwester) arbeitet weiter während Covid und hat möglicherweise noch Kinder, also auch homeschooling. Wie nennt man das? Ein Job gewollt, zwei bekommen und ungeschützt an allen Fronten. Diese Krankenschwester bekommt dann vielleicht noch ein Schreiben von der Schule ihrer Kinder, dass teilweise die Lehrer ihrer Kinder keinen Präsenzunterricht abhalten, weil sie zur Risikogruppe gehören. Was wohl eine Krankenschwester in so einem Moment denken mag?

Unterricht als Staatsaufgabe? Geschenkt.

Die Schulen waren die mit am längsten geschlossen von allen Einrichtungen – bis vielleicht auf manche Rathäuser. Im Grundgesetz steht: Kinder haben ein Recht auf Bildung. aber wen interessiert das schon in einer Zeit, in der alles außer Kraftgesetzt scheint, was vor wenigen Monaten noch als wichtig erachtet wurde. Wir erinnern uns: Homeschooling war in Deutschland bislang strikt verboten – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern-. Die Bildung des Kindes war in diesem Land vor Corona absolute Staatsaufgabe. Das alles ist nun Schnee von gestern – wie so vieles.