Unter dem Motto „Warum immer ich?“ steht eine Aktion des Polizeipräsidiums Heilbronn, die bei Jugendlichen das Verständnis für die Arbeit der Polizei und bei Polizisten das Verständnis für das Verhalten von Jugendlichen schaffen soll. So erklärte es Hans Becker, der Polizeipräsident von Heilbronn, am 22. Oktober 2021 bei einer Informationsveranstaltung in der Peter-Bruckmann-Schule, einer gewerblich-hauswirtschaftlichen Berufsschule, in Heilbronn. „Auslöser war die Stuttgarter Krawallnacht vom 19. Juni 2020“, sagt Becker.
„Kann das auch bei uns in Heilbronn passieren?“
„Die Polizei hat ihren Job gemacht – aber das Problem ist nicht gelöst“. Damals habe er sich gefragt, ob das auch in Heilbronn passieren könne, denn auch in Heilbronn habe man eine Zunahme von Gewalt, Beleidigungstatbeständen sowie einen Mangel an Respekt gegenüber der Polizei zu verzeichnen. Seine Überlegungen führten zu der Erkenntnis: „Wir müssen in die Kommunikation mit den Menschen kommen.“ Einerseits soll Jugendlichen die Rolle der Polizei und die gesetzlichen Grundlagen ihres Handelns erläutert werden, andererseits wollen die Polizist:innen zuhören, warum die Wahrnehmung der Polizei bei den Jugendlichen so negativ ist. Sie wollen verstehen, woher diese Abneigung kommt.
Polizist:innen suchen den direkten Kontakt zu Schüler:innen
Aus diesem Grund wurde das Projekt „Warum immer ich?“ ins Leben gerufen. Jeweils zwei junge – „nicht so Alte, Gesetzte wie ich. Die Jungen haben einen ganz anderen Zugang als wir Alten.“ – Junge Beamt:innen gehen in die Klassen und reden mit den Schüler:innen über die Polizei. Grundlage der Gespräche ist eine anonyme Befragung über den Eindruck, den die Jugendlichen von der Polizeiarbeit und von den Polizist:innen haben.
„Prävention geht nur gemeinsam“
180 Schüler habe man bisher in Wertheim und Heilbronn erreicht, die jetzt als Multiplikatoren wirken sollen. „Jeder, der versteht, was die Polizei tut, ist ein Gewinn“, meint Weber. Er sieht das Programm als einen Erfolg an und meint, „Prävention geht nur gemeinsam“.

Dr. Christoph Franz, Direktor der Ernst-Bruckmann-Schule (li.) und Polizeipräsident Hans Becker.
Umgang mit den Sozialen Medien, Handynutzung, Gewalt und Drogen – all das hängt zusammen
In dieselbe Kerbe schlägt Dr. Christoph Franz, der Direktor der Peter-Bruckmann-Schule. Er fasst den Präventionsbegriff allerdings noch weiter: Der Umgang mit den sozialen Medien, Handynutzung, Gewalt und Drogen – all das hängt für ihn zusammen. Zusammen mit den Schulsozialarbeiterinnen versucht die Schule, hier aufzuklären und präventiv zu wirken. Er berichtet von einem Schüler, der mit Drogen aufgegriffen worden sei und anschließend die Durchsuchung gewaltsam verhindern wollte. Er sei dann von seinem Ausbildungsbetrieb entlassen worden. Solche Fälle seien „ganz, ganz selten“ – man sieht ihm an, dass er jeden solchen Fall als einen Fall zu viel ansieht. Daher will er für eine frühzeitige und niederschwellige Prävention sorgen. Man müsse jungen Menschen etwas vorleben – „die passen sich an“. Innerhalb der Schule sei Gewalt daher kein großes Problem.
„Die müssen das machen“
Gianni Alessio, ein Schüler, hatte selber noch keine Erfahrungen mit der Polizei. Allerdings hätten ehemalige Freunde Drogen genommen und Kontakt mit der Polizei gehabt. Er selber wollte ursprünglich sogar Justizwachtmeister werden, daher „war ich immer an Polizeiarbeit interessiert“ – jetzt habe er gelernt, „die müssen das machen“. Auch sieht er Berichte in den sozialen Medien inzwischen kritischer: „Man sieht, dass Polizisten schlagen, aber man weiß nicht, wie es angefangen hat.“ Er sieht das Projekt positiv: „Ich hab schon immer verstehen wollen, wie Menschen handeln. Ich weiß jetzt, wie wichtig gegenseitiger Respekt ist.“
Emirhan hatte schon vor dem Projekt ungemütlichen Kontakt mit der Polizei, Anlaß war ein tätlicher Übergriff. Er hat das Verhalten der Polizei als korrekt empfunden: „Ich mußte dann auf die Wache kommen – die haben mir sogar was zu essen und zu trinken angeboten“. Aber er berichtet auch, dass seine Freunde ganz andere Erfahrungen gemacht hätten.
Migrationshintergrund
Dass oft das Wort Migrationshintergrund fällt, ist laut den Schulsozialarbeiterinnen kein Wunder: Die jungen Menschen würden oftmals in engen Wohnverhältnissen leben und würden sich daher gerne im Freien treffen. Dass es dann zu Kontakten mit der Polizei komme, beispielsweise weil sich Anwohner über Lärm beklagen, sei nicht ungewöhnlich.
Polizei kann gegen die schlechte Wahrnehmung etwas tun
Polizeipräsident Weber ist auch klar, dass die Polizei für ihre schlechte Wahrnehmung durchaus eine Mitverantwortung trägt: Beispielsweise durch unnahbar erscheinende Beamte, die für die Bevölkerung nur noch im Streifenwagen sichtbar und nicht ansprechbar sind, Berichte von Polizeigewalt in den sozialen Medien oder Berichte über ein Rassismusproblem in der Polizei. Er wolle zwar auch verstärkt Fußstreifen, aber dazu fehlten ihm derzeit Ressourcen. Und er versichert, dass eventuelle Straftaten von Polizeibeamt:innen auch verfolgt würden. Trotz allem legt er Wert darauf: „Hinter der Uniform steckt ein Mensch“.
Aber: Es sind nicht nur die Jugendlichen!
Weber betont, dass nicht nur die Jugendlichen der Polizei oft ablehnend gegenüber stehen. Es gebe ganze Bevölkerungsgruppen, die dem gesamten Staat negativ begegnen, stellt er fest, und benennt explizit Querdenker und deren Umfeld: „Bei Querdenker-Demonstrationen haben wir ein negatives Vorgehen gegenüber staatlichen Vorgaben festgestellt“, berichtet Becker. Sein Problem: „Wie bringt man die Leute dazu, Restriktionen einzuhalten?“
Projekt wird weitergeführt
Aufgrund der Erfahrungen mit den ersten 180 Schüler:innen sieht Weber ein „gelungenes Projekt. Wir werden diesen besonderen Weg fortsetzen“. Er will versuchen, das Projekt im gesamten Bereich des Polizeipräsidiums Heilbronn auszurollen. Möglicherweise werden daher auch Schulen im Kocher- oder Jagsttal bald Besuch von der Polizei bekommen.
Text: Matthias Lauterer