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Schneewittchen muss sterben

War der erste Pandemie-Shutdown im Frühjahr 2020 noch geprägt von Angst vor dem Virus (wir berichteten), tangiert der zweite Teil-Lockdown die Bürger nur noch peripher, wenn sie nicht selbst oder ein Angehöriger vom Coronavirus unmittelbar betroffen sind. Das ergaben mehrere Coronastudien, über die unter anderem die Wochenzeitung die Zeit berichtet hat (unter anderem: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-11/depression-corona-pandemie-psychische-gesundheit-einsamkeit-lockdow

Vielmehr überwögen mittlerweile Ängste hinsichtlich der Wirtschaft und dem drohenden Verlust des Arbeitsplatzes bedingt durch die Kurzarbeit in vielen Branchen und Firmen. Denn wie heißt es so schön: Nach der Kurzarbeit folgen nicht selten die Entlassungen.

Und in manchen Firmen haben diese gerade begonnen. Der Schraubenhändler Berner beispielsweise verabschiedet sich derzeit am Künzelsauer Standort von langjährigen Mitarbeitern, die mehrere Jahrzehnte in dem Unternehmen gearbeitet haben.

Aber nicht nur wirtschaftliche Ängste, auch die psychischen Belastungen, etwa durch die mehrmonatige Doppelbelastung vieler Familien mit Arbeit und homeschooling, addieren sich zu einem Gesamtpaket, bei dem aktuell nur noch wenig der Virus und die Pandemiebekämpfung im Mittelpunkt des Blickfeldes steht, sondern daraus resultierende individuelle Sorgen. Das ist verständlich.

Und doch: Die mediale Masken-Dauerberieselung und das ständig blinkende Covid-Warnsystem bewirkt eine mittelfristige Abstumpfung. Man hört die Zahlen, verfolgt sie und ansonsten kauft man halt die Weihnachtsgeschenke vermehrt bei Amazon anstatt beim Geschäft ums Eck. Was fehlt in dieser Coronaschmelze ist, so schlimm sich anhört, ein drastisches Beispiel für einen Krankheitsverlauf.

Denn das vorherrschende Vorgehen des Virus‘ ist nach wie vor das Prinzip Darwin: Die Alten, Schwachen, Vorerkrankten erwischt es in der Regel schlimmer als die Jungen und Gesunden. In der Regel. Doch gibt es auch Ausnahmen. Immer wieder liest man vereinzelt von Kindern, Jugendlichen, jungen Menschen – scheinbar ohne Vorerkrankungen, die es erwischt hat. Der Fall Schneewittchen – jung, schön, am Beatmungsgerät – würde viele aufrütteln, bewegen, mitleiden lassen. Doch solange sich noch kein Schneewittchen medial zeigt, die es erwischt hat, geht die gedankliche Coronakernschmelze weiter. Die Bürger schmieden wieder Urlaubspläne, ein Impfstoff scheint in greifbarer Nähe. Und wenn es einen unverhofft dann doch noch erwischt, bevor die Pandemie vorüber ist, wünscht man sich sehnlichst Schneewittchen an seine Seite.

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann