„Wir wollen uns mehr öffnen“
Bärbel Kapfer trägt weiße Sneakers bei unserem Interviewtermin, keine Pumps. Auf einem der Firmenfotos lächelt die Geschäftsführerin mit einer Hawaiibluse in die Kamera. Anlass war ein Mottotag, an dem sich alle rund 200 Mitarbeiter:innen dementsprechend kleiden dürfen. Die Veith-Familie ist ihr wichtig und dass sich jeder wohl fühlt in dem Unternehmen, das sie gemeinsam mit ihrem Bruder leitet. Vor zehn Jahren ist sie in das Familienunternehmen eingestiegen, mittlerweile (seit zirka 2 Jahren) haben sie es von ihrem Vater übernommen. Sie sind nun die vierte Veith-Generation. Zuvor hat Kapfer bei GEMÜ in Criesbach gearbeitet, zunächst im Rahmen eines Stipendiums als Werkstudentin.
Bärbel Kapfer ist nicht eine von vielen, sondern öfter mal eine von wenigen Frauen.
Als sie Wirtschaftsingenieurwesen an der Reinhold-Würth-Hochschule in Künzelsau studiert hat, waren sie „drei Frauen unter vielen Männern“, erinnert sie sich lachend. „Das war spannend“, fügt sie mit einem Augenzwinkern (Wiederholung drei Sätze später) hinzu. Seit zehn Jahren leitet sie nun bei Veith die Produktion, ihr Bruder die Verwaltung. „Ich liebe die Fertigung, bin gerne bei den Kunden und auf den Messen.“ Da kann es schon mal passieren, dass sie von dem ein oder anderen als „nettes Beiwerk des Verkaufsleiters“ betrachtet wird oder von potenziellen Kunden angesprochen wird, ob sie noch einen Kaffee bringen könne. Aber „man lernt, damit umzugehen“, sagt Kapfer mit einem Augenzwinkern. In der höheren Führungsebene in der Produktionsbranche gibt es noch immer überwiegend Männer. „Ich glaube, das Thema Familie und Karriere kommt sich noch in die Quere“, sagt sie. Sie selbst ist seit zehn Jahren verheiratet, hat keine Kinder – nicht wegen der Karriere, sondern weil schlicht der Wunsch noch nicht da war. In ihrem Unternehmen arbeiten aber auch Mütter in höheren Positionen, können flexibel arbeiten und sich die Stunden selbst einteilen. Das ist ihr wichtig. Sie weiß: „Der Fachkräftemangel ist ein großes Problem. Wenn man sich da nicht öffnet, hat man keine Chance, zu bestehen.“ Freizeitausgleich, home office, Elternzeit für Väter. „Leider noch immer eine Seltenheit heutzutage“, findet Kapfer.
Seit 2017 nicht nur im Veith-Club, sondern auch im Rotary Club
Seit 2017 ist die 35-Jährige nach Einladung eines Schulfreundes Ihrer Eltern Mitglied im Rotary Club Künzelsau-Öhringen. Der Vorschlag eines Mitglieds, in dem Fall der Schulfreund von Kapfer, ist Voraussetzung für eine Aufnahme. Und auch hier: ein ähnliches Bild. 2 Frauen unter 72 Männern. Aber Bärbel Kapfer freut sich, hier Dinge bewegen zu können, die ihr wichtig sind. Kapfer hielt bei ihrem ersten Treffen einen Vortrag über positive Verstärkung in der Personalentwicklung. Sie ist kein Freund von Bestrafung und Überwachung, sondern setzt auf Vertrauen und positive Beziehungen. Die zweite Frau neben ihr ist Martina Feuchter von Dorn Bestattungen in Öhringen und Künzelsau. „Rotary ist seit vielen Jahren eine reine Männerdomäne gewesen. Manche Clubs nehmen bis heute keine Frauen auf“, sagt sie und schüttelt etwas verständnislos den Kopf.
Der Rotary Club wird in diesem Jahr 50. Wofür aber steht dieser Club, den von vielen als elitär und geheimnisumwoben betrachtet wird?
Zunächst: Der Rotary-Club unterstützt mit Spenden diverse soziale Projekte. In Künzelsau-Öhringen werden mit den gesamten Spenden 50 Prozent lokale / regionale Projekte unterstützt und 50 Prozent internationale. Die Rotarier spenden dabei nicht nur selbst, sondern rufen auch zum Spenden auf, betreiben also auch selbst Fundraising.
Etwas abgeben an diejenigen, denen es weniger gut geht
Für Kapfer war klar: Sie möchte helfen. „Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man etwas abgeben und teilen mit Menschen, denen es weniger gut geht.“ Aber auch Freundschaften haben sich aus ihrer Mitgliedschaft heraus entwickelt und gute Gespräche. „Ich liebe es, mich mit langjährigen Mitgliedern auszutauschen, die Firmen aufgebaut haben.“
Als der Ukraine-Krieg begann, schob sie gemeinsam mit einem weiteren Clubmitglied einen Einkaufswagen durch den Großmarkt in Heilbronn, um Konserven und andere Dinge, die in der Ukraine benötigt wurden, als Spende im Namen des Rotary Clubs einzukaufen. Am Kriegsgeschehen selbst hatten sie einen direkten Verbindungsmann eines dortigen Rotary-Clubs, der ihnen mitgeteilt hat, was die Menschen vor Ort brauchen. Ein Apotheker und ebenfalls Mitglied im Rotary Club stellte Medikamentenpakete von mehreren tausend Euro zusammen.
Medikamente für mehrere tausend Euro für die Ukraine
Bei der Öhringer Messe präsentierte und warb der Club für die Shelter Box und den Verein, der dahintersteht. „Wir möchten uns als Club mehr nach außen öffnen und zeigen, wer wir sind und was wir tun“, erklärt Kapfer. Die Shelter Box ist eine grüne Box, die alles zum Überleben beinhaltet, etwa nach einer Naturkatastrophe. Ein Survival Kit findet sich darunter, ein kleiner Herd, ein Zelt, eine Plane, Nägel, eben alles, um ein Obdach zu schaffen. Diese Boxen kann man sogar vom Flugzeug abwerfen, wenn man in die betroffenen Gebiete nicht mehr vordringen kann. Auch für Wasserprojekte setzt sich der Club ein.
Zum 50-jährigen Jubiläum nun spendet der Rotary Club „50 für 50“: an 5 regionale / internationale Projekte gehen 10.000 Euro.
Vorträge über aktuelle Themen
Viermal im Monat hören die Rotarier Vorträge, vor kurzem in Sindringen zum Thema: Unterstützung der ukrainischen Flüchtlinge und die Arbeit von Ehren- und Hauptamtlichen. Ab Juli 2022 ist Bärbel Kapfer ein Jahr lang für die Vorträge verantwortlich. Die genauen Themen sind noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber es sind Dinge, die ihr wichtig sind, Menschen inspirieren und denjenigen eine Plattform geben sollen, die etwas zu sagen haben.
Rotary Club Künzelsau-Öhringen
Der Rotary Club Künzelsau-Öhringen wurde am 21.09.1972 gegründet, der Club feiert in diesem Jahr 50-jähriges Bestehen. Derzeit besteht er aus 74 Mitgliedern, darunter zwei Damen. „Unsere Mitglieder gestalten den Serviceclub nach den Grundsätzen von Rotary International. So pflegen wir Freundschaften, fördern Bildung und helfen in sozialen Notlagen. Unsere Schwerpunkte hierbei sind aktuell die Ukrainehilfe, das weltweite Projekt End Polio Now sowie die internationale Organisation Shelter Box“, erklärt Sascha Haas, der bei Rotary zuständig ist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Text: Dr. Sandra Hartmann