Die Professorin Anna-Maria Schärer (50) aus Weißbach und der an Multiples Sklerose erkrankte Markus Neugebauer aus Morsbach haben sich in diesem Jahr auf eine besondere Reise begeben. Sie sind unabhängig voneinander auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela gewandert. Schaerer sechs Wochen lang und Neugebauer, der an Multipler Sklerose leidet, ein paar Tage. Mit GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann sprachen sie über ihre Erlebnisse, Begegnungen, Tränen zwischendurch und warum sie sich vorstellen können, so eine Tour nochmal zu machen.

Karte vom Jakobsweg in Nordspanien. Anna-Maria Schärer ist fast den ganzen Jaokobsweg gelaufen. Foto: privat
GSCHWÄTZ: Ich möchte heute mit euch über eure Erfahrungen sprechen und was euch überhaupt auf den Weg gebracht hat. Anna-Maria, ich habe dir die schwierige Aufgabe gestellt, aus den vielen tausenden Fotos deiner Reise ein Bild auszuwählen, was dich besonders berührt oder geprägt hat.
Anna-Maria Schärer: Ich habe tatsächlich etwas gefunden. Das ist das Foto, das ich gleich am Anfang gemacht habe. Und das, denke ich, hat mich die ganze Reise über begleitet.
„Ich wusste nicht, wohin das führt“
GSCHWÄTZ: Das Foto zeigt einen Weg, rechts und links davon Wiese. Man sieht gar nicht, wohin der Weg führt, weil es so neblig ist.
Schärer: Genau richtig. Das beschreibt eigentlich so auch tatsächlich die Reise. Also ich wusste nicht, wohin das führt sowohl emotional als auch geografisch als auch sonst in keiner Weise. Also es war so unbekannt. Es gab immer einen Weg, aber man wusste nicht, wohin er führt.

Startpunkt: Hier beginnt der Jakobsweg. Foto: privat
GSCHWÄTZ: Du warst sechs Wochen unterwegs und bist fast den gesamten Jakosbweg gelaufen. Bis auf eine verletzungsbedingte Unterbrechung. Was hast du für Erwartungen an diesen Weggehabt?
Keine Erwarten gehabt
Schärer: Ich hatte tatsächlich keine. Das ist auch generell etwas, so gehe ich auch viele Sachen an, vor allem Unbekanntes. Da ist die Enttäuschung einfach auch kleiner, geringer beziehungsweise man vermeidet sie weitgehend, weil man eben nichts weiß. Ich wollte es wirklich einfach erleben. Ich hatte kein bestimmtes Ziel, also ein geografisches ja, aber kein persönliches Ziel. Es gab auch nichts Dramatisches, was ich verarbeiten musste. Ich wollte das einfach tun.

Pilgerausrüstung: Wanderstiefel und Rucksack. Foto: privat
GSCHWÄTZ: Das heißt, eines Tages bist du aufgewacht und hast gesagt, noch in diesem Jahr mache ich mal diesen Weg.
Schärer: Also, das war vor zirka 15, 16 Jahren. Da habe ich mir überlegt, wie dieser Jakobsweg wohl ist. Und gedacht, das können wir ja auch mal machen. Da haben alle gelacht, weil ich tatsächlich auch dafür bekannt bin, dass ich auch so faul bin, dass sie so automatisiert Aktivitäten grundsätzlich ablehnen. Also Reisen im Rucksack und überhaupt in Frage stellen. Das ist gar nicht meins. Und deswegen war es eben so verwunderlich. Ich habe mich auch ein bisschen über mich gewundert. Woher kommt das? Wieso muss ich das jetzt tun? Aber ich hatte wirklich einfach das Gefühl, ich muss das tun. Ich habe viele Jahre später dann, als ich mich mehr damit beschäftigt habe, immer mal wieder einen Satz gelesen, in dem drinstand, dass der Jakobsweg angerufen hat, so komisch das auch klingt. Aber so habe ich es tatsächlich erlebt. Ich habe irgendwie in mir gespürt, ich muss das tun, ich muss den gehen und ich muss ihn wirklich vom Anfang, also vom Anfang des Camino Parsec, bis zum Ende gehen.
„Ich dachte, ich habe mich grandios vorbereitet“
GSCHWÄTZ: Hattest du eine spezielle Vorbereitung?
Schärer: Ich habe früher sehr viel Sport gemacht, so dachte ich, das ist überhaupt kein Problem. Dann habe ich überhaupt keinen Sport gemacht. Dann kamen auch diverse Erkrankungen dazu, die mich wirklich sehr, sehr faul gemacht haben. Ich spiele sehr viel Golf und dachte mir, da laufe ich ja noch viel, das wird schon gehen. Ich habe ein bisschen Respekt vor den Pyrenäen und habe dann diesen Sommer und den Lockdown genutzt und habe mich, wie ich dachte, grandios vorbereitet. Das sollte sich dann allerdings als falsch rausstellen. Ich habe meinen Hund geschnappt, bin einfach los. Ich habe angefangen so mit zehn Kilometer, 15 oder 20 Kilometer am Tag. Und das war der Knackpunkt, weil es ging nämlich super. Ich dachte eher, das Problem wird die Wiederholung sein, also das jeden Tag zu machen. Dann habe ich irgendwann gedacht, jetzt mit Rucksack. Ich habe diesen Rucksack beladen mit einem Gewicht, von dem ich dachte, dass es gut wäre für die Reise, das dabeizuhaben. Wie gesagt, ich habe gedacht, das Rätsel wird eben sein, das täglich zu machen. Das kann ich ja nicht üben. Also ich kann ja jetzt hier nicht jeden Tag 20, 25, 30 km laufen. Weder habe ich Zeit und Muße noch irgendwas. Ich kann mich eh nicht vorbereiten, also muss ich jetzt gar nichts mehr machen. Ich bin ganz entspannt im Sommer in den Urlaub gefahren. Und da stand ich dann irgendwann am 16. August am Fuße der Pyrenäen und nach circa anderthalb Stunden dachte ich, das wars. Ich komme gar nicht mehr zurück. Also ich werde hier wahrscheinlich sterben auf dieser Erde. Nach drei Stunden habe ich dann ein Zwischenziel erreicht. Da habe ich dann gehört, dass man das so im Durchschnitt nach circa anderthalb Stunden erreicht. Aber ich brauchte tatsächlich drei Stunden dazu. Und dann hat man mir gesagt, ab jetzt wird es vielleicht leichter. Diese erste Etappe ist der schlimmste Teil der Strecke bei den Pyrenäen. Und jetzt wird es leichter. Und darauf wartete ich dann irgendwie, dass es jetzt leichter wird. Aber war wirklich furchtbar. Deswegen auch dieses Bild. Es war anders.

Waldweg zwischen Finisterre und Muxia. Foto: privat
GSCHWÄTZ: Markus Neugebauer ist auch hier bei uns. Seid ihr gemeinsam aufgebrochen oder bist du auch alleine los? Markus, du hast MS, also Multiple Sklerose, und hast gesagt, du machst es und du schaffst das auch.
Markus Neugebauer: Es war im Vorhinein schon klar, dass ich das nicht ganz schaffe aufgrund der Krankheit. Wir haben es reduziert auf fünf Tage. Also fünf Tage auf 15 Kilometern. Wir haben sozusagen aus dem Jakobsweg eine Route gemacht. Ich habe aber wirklich auch Menschen mit Rollstuhl gesehen. Ich habe Menschen gesehen mit nur einem Bein, die mich völlig fasziniert haben und die auch eine wahnsinnige Motivation für mich waren.
Man lernt sofort andere Menschen kenn
GSCHWÄTZ: Wie war das, dich selbst zu motivieren oder mit anderen ins Gespräch zu kommen?
Neugebauer: Also man lernt, wenn man es selbst nicht gerade völlig ablehnt, sofort andere Menschen kennen, mit denen man dann auch teilweise läuft. Wobei dieses teilweise laufen für mich jetzt so war, dass ich ungern mit jemandem tatsächlich zusammen gelaufen bin, sondern eher so morgens zusammen gestartet und dann abends oder nachmittags irgendwo angekommen bon. Jeder hat ein eigenes Laufziel. Und da wollte ich mich nicht unter Druck setzen. Jetzt mal ganz salopp ausgedrückt, das nervet alle Beteiligten. Also wenn einer schneller oder mal langsamer läuft oder ein Jahr Pause machen kann. Das bringt einen völlig aus dem Konzept. Etwas so einfaches Mitlaufen.

Hier geht’s lang: Wegweiser auf dem Jakobsweg. Foto: privat
Schärer: Ich habe sehr, sehr schnell, am dritten Tag zwei Damen aus Amerika kennengelernt, mit denen ich unheimlich viel gelaufen bin. Also gelaufen, wie ich es gerade beschrieben habe, aber tatsächlich wirklich aktiv gelaufen bin ich die meiste Zeit alleine. Und über was denkt man denn da so drüber nach? Ist wirklich so eine Reise zu dir selber. Lernt man sich da selber besser kennen? Oder ist es eigentlich eher so ein bisschen Idealisierung dargestellt, wenn man sowas abgeklärt? Ich denke ja. Also das ist jetzt natürlich eine wirklich völlig subjektive Wahrnehmung von mir. Ich persönlich habe es so empfunden. Ich hatte ja keine dramatischen, eigentlich überhaupt keine Erwartungen. Ich wollte das einfach machen. Ich wollte diese Erfahrung machen. Hat das was mit mir gemacht? Meine persönliche Meinung ist, dass sich das Leben nicht ändert auf dem Jakobsweg. Also da passiert was, aber keine Erleuchtung. Ich glaube, dass Leute, die so losgehen, vielleicht auch ein bisschen enttäuscht sind. Mit jedem Tag wird es immer irgendwie emotional, ohne dass ich es jetzt genau in Worte fassen kann, was da passiert. Also es passiert tatsächlich etwas mit einem. Aber ich kann nicht wirklich beschreiben was.
„Ich habe festgestellt, ich denke gar nicht mehr“
Neugebauer: Für mich war das so am Anfang: Ich bin losgelaufen und dann kamen die Gedanken wie, habe ich das jetzt beim Steuerberater abgegeben? Also salopp, habe ich dieses Formular abgegeben? Oder so Alltagsgeschichten wie ist die Waschmaschine ausgeschaltet? Und auf einmal habe ich dann festgestellt, ich denke gar nichts mehr. Der Kopf ist wirklich frei. Meditatives Gehen. Ja, es ist wirklich so. Aber es ist kein bewusster Prozess, sondern man läuft einfach und stellt es fest. Und ja, es bringt einen absolut runter, weil es sehr, sehr reduziert ist. Alles auf den Jakobsweg reduziert im Sinne von schlafen gehen, essen, laufen. Das sind die drei Probleme. Ich habe nicht in den Herbergen übernachtet. Also, dass diese Gemeinschaftsräume mit an die 20, 30 Menschen voll sind. Die letzte ist eine kleine Herberge, aber ansonsten sind auch gerne 50 oder 80 Leute da. Das war für mich die Horrorvorstellung schlechthin.
Schärer: Ich habe es schon nicht mit Jugendherbergen in meiner Jugend gehabt und jetzt schon gar nicht mehr. Also kein wirkliches No-go. Ich habe es tatsächlich mal probiert, wollte das mal erleben und habe dann sofort festgestellt: ganz schön, aber nein. Ich habe immer so übernachtet, dass ich immer ein Einzelzimmer hatte und ein eigenes Bad. Das habe ich vorher gebucht. Nicht weit im Voraus, teilweise wirklich an dem Tag, an dem ich gelaufen bin. Es gibt zahllose Apps, die sehr, sehr komfortabel sind und wo man einfach nur guckt: Wo laufe ich heute los? Wo will ich hinlaufen? Und da sieht man in der App, was ist. Welche Orte gibt es zwischendrin? Wie weit sind die entfernt voneinander? Man weiß zu jedem Zeitpunkt wo man ist. Wie weit habe ich jetzt bis zum nächsten Café? In diesem Ort gibt es dann auch noch eine Herberge, Pension, Gaststätte, Hotel. Muss ich Angst haben, dass ich auf der Wiese schlafen muss? Also das hatte ich wirklich nie.
„Das Pilger-Menü reduziert sich auf Hühnchen mit Pommes“
GSCHWÄTZ: Wie war das mit den Kosten? Wie viel habt ihr ausgegeben?
Schärer: Ich glaube, das günstigste, was ich beobachtet habe, war für 20 Euro. Aber es gibt eigentlich kein Limit. Die meisten kosten 30 Euro. Aber man kann das schon berechnen. Also ich bin bestimmt nicht repräsentativ, weil ich ganz anders gelaufen bin als viele andere, die in den dortigen Herbergen schlafen für im Schnitt zehn oder 15 Euro die Nacht. Ich würde sagen, im Schnitt habe ich bestimmt 40 Euro bezahlt. Das heißt also, da bin ich schon um ein Vielfaches höher und dann noch das Essen dazu.
Neugebauer: Ja, also dieses Pilger-Menü, das es überall gibt, das ist eher schlecht für jemanden, der nicht fragen kann. Das heißt Pirmin Menü und natürlich ist es nicht immer das gleiche, aber letztendlich ist es dann reduziert auf Hühnchen mit Pommes.

Pilgerpause in einer Pilgerunterkunft in Donativo zwischen Finisterre und Muxia. Foto: privat
GSCHWÄTZ: Hast du nach Alternativen gesucht?
Schärer: Nein, es ist, wie Markus gesagt hat, das Menü. Das wird eigentlich überall angeboten. Meistens sind diese Gaststätte ja in wirklich kleinen Dörfern. Das ist sehr kostengünstig. Das sind irgendwie so elf oder zwölf Euro für drei Gänge mit einer Flasche Wein und Wasser natürlich. Für diesen Preis kann man nichts qualitativ Hochwertiges erwarten und so war es dann eben auch. Es ging wirklich mehr oder weniger um satt werden, also einfach um Kalorien und Energie. Es gab unterschiedliche Dinge, meistens drei oder vier Sachen sogar zur Auswahl. Aber so ziemlich alles war immer mit Pommes. Man braucht auch unterschiedlich viel Energie pro Tag. Denn das ist auch sehr sehr unterschiedlich, das liegt am Tempo. Ich wurde sehr langsam müde, auch weil ich mich dann zwischendurch verletzt habe und einfach nicht schneller gehen konnte. Das heißt also, ich bin im Schnitt zwischen 25 und 30 Kilometer am Tag und sehr, sehr langsam gelaufen zu den sehr heißen Zeiten. Also so 38 Grad war es dann tatsächlich morgens schon. Jedenfalls bin ich dann also auch noch im Dunklen losgelaufen, um dann eben nicht sehr lange Zeit diese Hitze zu haben. Und ich bin dann immer so gelaufen, dass ich am späten Nachmittag schon wieder angekommen bin. Ich bin aber wirklich ausgesprochen langsam gelaufen und ich habe viele Pausen gemacht.
„Auch im Nirgendwo stehen Getränkeautomaten“
GSCHWÄTZ: Bei 38 Grad überlege ich mir grad schon, wie deine Liste aussehen müsste für diesen Rucksack, den man dann da mitnimmt?
Schärer: Also dieser Rucksack war ja gar nicht meiner. Insofern hatte ich wirklich null Erfahrung. Ich wusste aber, da muss ich erst mal beim Rucksack anfangen muss, also ganz bei den Basics. Da muss ich auch tatsächlich verraten, dass ich keine Ahnung habe, worauf man achten muss. Also einfach ein Rucksack. Dann war es so, dass ich im Bekanntenkreis tatsächlich jemanden habe, der sich damit wahnsinnig gut auskennt und der mich sehr, sehr gut beraten hat. Und ich habe dann einen wirklich für mich passenden Rucksack gekauft. Durch zahlreiche YouTube-Videos habe ich auch gesehen, dass er leicht sein muss. Er sollte so circa nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts sein. Bei Frauen sagt man ja so so ungefähr fünf Kilo plus, weil dann ja auch noch die Getränke dazukommen. Sprich da sind ja erst mal die fünf Kilo nicht gerechnet, sondern da kommen noch Kleidung, Badeanzüge und so weiter dazu. Und dann muss man ja immer noch was zu trinken mitnehmen und das sind halt gerne je nach Strecke ein bis zwei Liter hoch oder runter. Oder man muss ständig was kaufen. Es gibt überall Bars und Cafés, Restaurants, Supermärkte, kleine Läden. Auch im Nirgendwo stehen Getränkeautomaten und man kann sich das dann alles ziehen. Rein theoretisch könnte man auch loslaufen morgens ohne was zu trinken, weil nach drei Kilometern spätestens kommt ja schon wieder was.

Gästebuch eines Donativos. Foto: privat
GSCHWÄTZ: Nimmt man dann auch einen kleinen Verbandskasten mit oder so, falls man verletzt wird? Oder kriegt man das auch überall?
Schaerer: Ich hatte nichts dabei. Bei der Verletzung wusste man zuerst nicht, was es ist. Aber es war dann tatsächlich eine Überreizung der Achillessehne. Dabei hilft auch kein Pflaster. Es waren unheimlich viele Amerikaner auf dem Weg, die haben mich so belächelt. Die hatten Riesen-Rucksäcke dabei, alles mögliche. Und da hab ich auch gedacht, Leute, ihr seid in Europa. Wir sind nicht in der Wüste. Es gibt überall Geschäfte. Aber es gibt tatsächlich Streckenabschnitte, die sogenannte BPK, da kommt dann wirklich lange Kilometer nichts. Ich glaube, auf der längsten Strecke, wo von einem Ort bis zum nächsten tatsächlich gar nichts kommt, das sind knapp 17 Kilometer. Da gibt’s eben keine Apotheke, kein Supermarkt, kein irgendwas. Da bin ich dann auf Hilfe von anderen angewiesen. Also genau das muss man wissen. Aber auf der anderen Seite, was soll ich denn mitnehmen? Also so für alle möglichen Eventualitäten, die vielleicht eventuell auftreten könnten. Und dann sind da na noch 40 Grad da und dann ein Rucksack mit 40 Kilo. Eine Zahnbürste und noch was zum Waschen und etwas Kleidung, das hatte ich noch so dabei. Wobei, auch das habe ich letztendlich nicht gebraucht, weil überall sind diese Waschmaschinen. Da gibt es auch Waschmittel. Ein paar Sachen, die ich am Anfang dabei hatte, habe ich dann auch verschenkt. Oder liegen lassen in der Herberge. Das kann dann sonst jemand mitnehmen. Weil ich dann gemerkt habe, ich brauche es nicht.
GSCHWÄTZ: Wie war das bei dir, Markus?
Neugebauer: Ich habe noch Medikamente zum Beispiel mitnehmen müssen. Es sind relativ viele Medikamente und die Packliste war relativ lang. Man muss auf das Notwendigste reduzieren. Den Rucksack muss man immer mal wieder wiegen. Am Anfang war es noch deutlich zu viel.
„Mir hat es unheimlich gefallen“
GSCHWÄTZ: Ihr habt mit Sicherheit auch einige interessante Persönlichkeiten auf dem Weg getroffen oder Menschen, die euch so ein bisschen was erzählt haben. Oder sind da alle schon so geschlossen und für sich?
Schärer: Ich habe wirklich viele Menschen kennengelernt, dadurch, dass ich am Anfang des Camino losgelaufen bin, bin ich ja sehr lange mit den Menschen gelaufen und habe die interessanterweise auch immer wieder mal getroffen. Obwohl man eigentlich sagen müsste, dass es so viele ohne Handy oder irgendwas gibt, dass man sich jetzt auf einmal wiedersieht. Gefühlt gab es unheimlich viele Amerikaner. Für mich war das die größte Gruppe neben den Spaniern. Und das ist etwas sehr Interessantes. Da sind ja total viele Leute unterwegs und ich habe nie irgendwie Deutsche getroffen. Ein paar Briten, aber ansonsten wirklich alles Amerikaner. Andere haben es ganz anders erlebt. Die waren nur von Deutschen umgeben. Aber letztendlich habe ich drei oder vier Leute getroffen. Dann sitzt man abends mal mit anderen zusammen und redet über den Weg oder was einen hierher gebracht hat. Also ich war in diesen sechs Wochen nur ein einziges Mal alleine. Man ist immer umringt von Menschen. Doch mir hat es ganz gut gefallen. Es bilden sich dann auch Grüppchen mit Leuten, die man drei, vier Mal auf dem Jakobsweg getroffen hat. Also mir hat es unheimlich gefallen. Es gab Gruppen, die haben jeden Tag Lagerfeuer gemacht und mit Gitarre gesungen. Das ist jetzt nicht so meins. Ich bin mehr oder weniger klassisch mit drei, vier Leuten am Tisch gesessen und habe mit denen zusammen Abend gegessen. Über Gott und die Welt uns unterhalten. Wir hatten einfach eine gute Zeit. Abends gegen zehn war es dann auch meistens schon wieder vorbei, weil der nächste Tag beginnt ja schon wieder morgens um sechs oder halb sechs.

Impressionen einer Reise: Sonnenuntergang in Muxia. Foto: privat
GSCHWÄTZ: Und redet man auch darüber, warum man diesen Weg macht oder sind es eher die persönlichen Geschichten?
Schaerer: Das ist unterschiedlich. Also man fragt hier und da, warum sie damit angefangen haben und alle sagen sehr Unterschiedliches. Aber ich habe gemerkt, auf dem Jakobsweg wird das selten in Frage gestellt werden. Man erzählt, was man erzählen möchte. Aber keiner sagt: Wer bist du, wo kommst du her, was machst du beruflich? Wie viel Kinder hast du? Haus, Hypothek, blablabla? Irgendwann ist mir das richtig aufgefallen, weil ich dann zum Beispiel jemand gefragt hatte. Nicht, weil ich gedacht habe, dass ich jetzt schon ein paar Tage mit XY zusammen gelaufen bin, dann sag ja, was macht die da, wo kommt die her? Es ist irrelevant, was sie beruflich macht. Es spielt keine Rolle. Und das ist etwas, was mir unheimlich gut gefallen hat auf dem Jakobsweg, dass man tatsächlich den Menschen kennengelernt hat, ohne diese ganzen Baco.
GSCHWÄTZ: Aber interessiert es eigentlich auch, warum dieser Mensch diesen Weg macht?
Schaerer: Nein, weil ich war so mit mir beschäftigt meistens. Man ist die meiste Zeit mit Überleben beschäftigt. Da ist es ja wichtig, warum jemand anders läuft und was man laufend besser machen kann. Also, Hauptsache ich komme an. Am Anfang ist es nicht leicht bei uns, zu erzählen, dass ich am Anfang gerne alternativ dazu gedacht habe. Ich dache, ja, es ist vorbei. Ich werde hier sterben.
„Ich dachte, es ist vorbei“
GSCHWÄTZ: Wie kam es denn dazu, dass es dann doch sechs Wochen wurden? Was hat dich angetrieben, weiterzumachen?
Schaerer: Wie gesagt, ich habe mich grandios vorbereitet mit Youtube-Videos, Büchern und sonstiger Lektüre. Ich habe dort auch etwas mal gelesen oder gehört. Und zwar, dass jeder Pilger mindestens einmal auf dem Jakobsweg weint. Und ich sagte so im Vorfeld, bitte lass das noch nicht am ersten Tag sein. Danach ist schon okay. Und bei mir war es dann tatsächlich so, dass ich am ersten Tag drei Mal geweint habe. Ich war da auf den Pyrenäen, da war ich wirklich auf der Spitze. Da dachte ich, jetzt ist es einfach vorbei. Da hab ich mich auf einen Stein gesetzt und sozusagen Frieden mit mir geschlossen. Ich konnte nicht mehr. Es ging nicht mehr. Ich habe immer im Hinterkopf gehabt, wenn du nicht mehr kannst, dann dann rufst du ein Taxi oder irgendwas. Aber ich war ja in den Pyrenäen. Streckenweise war er ja der Weg tatsächlich auf der Straße. Bloß da, wo ich dann saß, da war schon stundenlang keine Straße mehr. Dann hab ich irgendwann auf mein Handy geguckt und irgendwann war die Batterie leer. Also ich konnte niemanden anrufen und ich hatte keine Ahnung, wo ich bin. Also hier GPS. Und da dachte ich, so jetzt bleib ich auch hier. Und dann gibt es diese Selbstgespräche. Du kannst niemanden rufen und hast bestimmt seit Stunden niemanden gesehen. Normalerweise sind Horden von Pilger unterwegs, da war aber niemand mehr. Logisch, weil ich so langsam gelaufen bin und alle schon längst vorbeigezogen sind. Und dann ist es so, dass man sich dann aufmacht und sagt: Ja, ich muss, ich muss. Also dann noch mal! Nein, ich habe ein ungutes Gefühl, weil ich gerade mitten im Wald bin. Und ich wollte wirklich ankommen, bevor es dunkel wird. Also das war dann der Zeitpunkt, wo ich auf diesem Stein saß und dachte, dann hast du jetzt auch eine Option, jetzt stirbst du, Kleines. Und dann bin ich halt irgendwie weiter gelaufen. Es sind ja auch überall Wegweiser, die anzeigen, wie weit es bis zum nächsten Ort ist. Und das waren dann noch so sechs Kilometer und ich dachte, das schaffe ich doch. Man läuft einfach weiter, es gibt keine Alternative.

Statue von Ernest Hemingway in seiner Lieblingsbar in Pamplona. Foto: privat
In den Kuhmist gefallen: „Das war einfach furchtbar“
Schaerer: Ich bin dann irgendwann über die Wiesen, also einfach den ausgewiesenen Weg gelaufen. Es hatte auch geregnet und das war einfach furchtbar. Auf jeden Fall bin ich ausgerutscht und in Kuhmist gefallen. Dann wieder ausgerutscht und zurückgeschlittert. Das war das zweite Mal, dass ich geweint habe. Und ich dachte mir, was ist mit dir los? Was stimmt mit dir nicht? Du könntest jetzt irgendwo im Süden Europas schön gemütlich in irgendeinem schönen Beach Club sitzen. Dann bin ich erst mal weiter gelaufen und irgendwann habe ich festgestellt, dass ich mich umziehen muss. Aber da gibt’s ja keine Umkleidekabinen und kein Versteck. Das heißt, man zieht sich einfach mitten auf dem Weg um. Und jetzt muss ich mich umziehen und mich auch waschen. Deswegen war ich übrigens sehr froh, dass ich Getränke dabei hatte. Die habe ich dann nicht zum Trinken genutzt, sondern um mich zu waschen. Na also, Schuhe raus, Socken raus, Hose runter – gewaschen und mit dem Handtuch abtrocknen. Natürlich so mit meinem Rucksack und so. Damit ich im Sauberen sitze. Habe das alles gemacht und war da gerade wieder am Anziehen. Aber es war halt wirklich so, dass ich damit in Unterwäsche und T-Shirt dasaß. Und dann kamen aus dem Nichts Pilger. Alle standen da, grinsten mich an. Da war eine Frau dabei. Die war so ganz begeistert, mich wiederzusehen. Und ich dachte so Mensch, siehst du denn nicht, dass diese Situation völlig irre ist? Lauf einfach weiter. Das Ganze war mir peinlich, weil sie hatte zwei junge Männer dabei. Die haben wiederum sehr gut kapiert, was gerade Sache ist. Und irgendwann sind wir dann auch weitergezogen. Ich bin dann weiter gelaufen und hab die ganze Zeit überlegt, was haben die sich jetzt wohl gedacht, was ich da mache? Diese Geschichte begleitete mich eine Zeitlang (lacht).
„Es war überraschend gut“
GSCHWÄTZ: Aber nach den sechs Wochen ist man dann nicht unheimlich stolz, oder?
Schaerer: Es war dann hinterher schon auch so, dass man gesagt hat, super gemacht. Es gibt ja überall am Weg Zeichen, wo angezeigt wird, wie weit es noch ist bis Santiago. Man fängt an in Santiago mit 790 Kilometern. Wobei ab Rosses, das ist die erste Station in Spanien, da sind es 790 Kilometer und insgesamt sind es über 800. Wenn wenn man dann noch über die Pyrenäen gelaufen ist, dann sind es 300, 200, 150. Und als ich dann wirklich einige hundert Kilometer hatte, da dachte ich: Das ist unglaublich. Also bis jetzt über 600 Kilometer. Das ist unglaublich. Es war eigentlich auch schon überraschend gut, dass ich wirklich immer und immer weiter gelaufen bin, obwohl das gar nicht meine Art zu reisen ist. Ich war so froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Ich habe wirklich das aller Allerwichtigste dabei gehabt. Ebenso wenig braucht man dann zum Leben. Ich sagte, ich habe drei Wochen und drei Wochen, sechs Wochen in drei T-Shirts und zwei unterteilt. Ich hatte eine Wanderhose, die man umbauen kann zu Shorts. Ich hatte noch eine Jacke dabei und Socken. Und alle T-Shirts passten genau dazu. Aber es war völlig egal und das fehlte mir auch nicht. Als wir dann in Santiago angekommen sind und andere Menschen gesehen haben, also nicht Pilger, da dachte ich: Oh, die tragen richtige Kleidung. Die haben richtige Schuhe und da war ich schon so sehr neidisch und wollte auch gerne mal irgendwas tragen, was jetzt nicht nach Rei in der Tube riecht. Ich konnte es irgendwann auch nicht mehr sehen und nicht mehr riechen. Aber wirklich gefehlt hat es mir überhaupt nicht. Es war wichtig, dass wir das gemacht haben, nicht Markus, die zwei Tage auch frei gelaufen. Wer hätte gedacht, dass wir das so hinbekommen?

Pilgerbar in Finisterre. Foto: privat
Neugebauer: Die zwei Tage waren schon ein Ding. Natürlich haben wir uns Zeit genommen. So einen kleinen Einblick zu bekommen genügt, um den Jakobsweg etwas zu erfahren. Das heißt, es könnte auch sein, dass wir noch mal diesen Jakobsweg laufen, vielleicht ein anderes Stück. Das heißt, es bleibt nicht bei diesem einem Mal.
GSCHWÄTZ: Und ich glaube, er ist für alle eine Bereicherung, die euch auf diesem Weg begleiten dürfen oder die euch dort treffen, weil ihr so tolle Persönlichkeiten seid. Und ich möchte nochmal ganz herzlich danken.

Straßenschild kurz vor Muxia. Foto: privat

Skulptur der alljährlichen Stierläufe in Pamplona. Foto: privat

Ab und zu hat es auch geregnet. Foto: privat

Sonnenuntergang am Cap Finisterre. Foto: privat

Am Ziel: die Kathedrale von Santiago de Compostela. Foto: privat