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„Die Eidechsen sind gelaufen“

Im Ingelfinger Bürgermeisterwahlkampf kam bei Gesprächen das Thema des Öfteren auf die Umsiedlung der Eidechsen bei der Rebflurneuordnung am Hohen Berg. Obwohl die Flurneuordnung längst beendet ist (GSCHWÄTZ berichtete), scheinen sich die Ingelfinger Bürger:innen noch immer mit dem Thema zu beschäftigen. Interessante Geschichten waren zu hören, beispielsweise von Hubschrauberflügen für die Eidechsen. GSCHWÄTZ hat bei Friedrich Küßner, dem Leiter des Flurneuordnungsamts nachgefragt, was es mit den Hubschrauberflügen auf sich hat und wie es den umgesiedelten Eidechsen heute geht.

Dienstleister für die Land- und Forstwirtschaft

Das Flurneuordnungsamt beschreibt Küßner als einen Dienstleister, insbesondere für die Landwirtschaft. Aufgabe sei es, die Arbeitsbedingungen für die Land- und Forstwirtschaft zu verbessern, beispielsweise durch Bau und Unterhalt von Wegen. „Eine flächendeckende Planung im gesamten Flurneuordnungsgebiet berücksichtigt alle bedeutsamen Belange. Dies sind neben der Neuordnung und Erschließung der Gemarkung beispielsweise Rückhaltebecken, die Sicherung ökologisch wertvoller Flächen, die Neuanlage von Biotopen, aber auch Ortsgestaltung, Straßen, Radwege, Gewässerrenaturierung und vieles mehr“, schreibt das Landratsamt auf seiner Webseite.

„Das Vorkommen der Zauneidechse war vorab nicht bekannt“

Anlage von Querterrassen in Ingelfingen. Foto: LRA Hohenlohekreis

Im Ingelfinger Hohen Berg waren die Weinbauflächen stark zerstückelt, eine moderne maschinelle Arbeitsweise war kaum möglich. Daher entschloß man sich, eine Rebflurneuordnung in Zusammenarbeit mit den Grundstückseigentümern in Angriff zu nehmen, die unterschiedlichste Maßnahmen beinhaltete: Zusammenlegung von Flächen, Anlage von querterrassierten Weinbergen, eine Wasserversorgung der Weinberge – und natürlich die Schaffung von Ausgleichsflächen für seltene Tier- und Pflanzenarten. „Die alten Trockenmauern waren natürlich ein Lebensraum, das mußte ausgeglichen werden.“ Alles war geplant, der erste Spatenstich hatte bereits stattgefunden, Rebflächen waren bereits gerodet – da streckte erstmals eine Zauneidechse ihren Kopf aus einem Loch: „Das Vorkommen der Zauneidechse war vorab nicht bekannt“, sagt Küßner. Ein Baustopp war die Folge.

Ein Jahr mehr Ausfall für die Weingärtner

„Verstimmt“ seien die Grundstückseigner, aber auch die Naturschutzorganisationen gewesen, meint Küßner, sein Lächeln deutet an, dass es vereinzelt wohl mehr als nur eine „Verstimmung“ gegeben haben muß. Verständlich, bedeutete doch der Baustopp für die Weingärtner einen Ausfall von einem weiteren Jahr.

Die Verstimmung kann Susanne Schmetzer vom Weingut Gaufer in Ingelfingen bestätigen: Nicht nur, dass die Ausfallzeit länger als geplant war, auch die Kosten für die Grundeigentümer sollten aufgrund der Artenschutzmaßnahmen deutlich steigen: „Waren anfangs rund 200 Euro pro ar angesetzt, stieg die Summe zwischenzeitlich auf gut 300 Euro.“ Ein deutlicher Brief der Eigentümer an das Land führte dazu, dass das Land die Fördersumme erhöhte: „Das Land hat sein Versprechen gehalten“, so Susanne Schmetzer. Sie sagt aber auch: „In Niedernhall haben sich die Eidechsen in den neuen Weinbergterrassen sofort wieder angesiedelt und fühlen sich wohl.“

Mit dem Büro für Landschaftsarchitektur Laufer wurde einer der anerkannten Reptilienexperten ins Boot genommen – und der hatte die Aufgabe, das Projekt ohne Gefahr für die Eidechsen fortzusetzen. Seine Vorschläge, die zusammen mit den Eigentümern erarbeitet wurden, lauteten, dass erst ein Gelände für die Eidechsen hergerichtet werden soll und die Eidechsen dann aus ihrem alten Lebensraum „vergrämt“ und in den neuen Lebensraum umgesiedelt werden sollten.

Gerade noch rechtzeitig

Steinlinsen als Lebensraum nicht nur für die Zauneidechse. Foto: GSCHWÄTZ

So wurden an einer der steilsten Stellen des Hanges 35 sogenannte „Steinlinsen“ angelegt, dazu jeweils ein Sandplatz zur Eiablage und ein Holzhaufen als Jagdplatz und Versteck. An dieser Stelle kommt der Hubschrauber ins Spiel: Erstens, so Küßner, sei die Zeit schon weit fortgeschritten gewesen und den Weingärtnern drohte ein weiteres Jahr Verzug. Und zweitens sei die Arbeit mit LKWs und Baggern in dieser steilen Hanglage gar nicht oder nur sehr teuer und unter großen Gefahren möglich gewesen. Man habe sich daher entschlossen, die Materialien für die Steinlinsen zielgenau mit einem Hubschrauber anliefern zu lassen. „Das war letztlich deutlich die wirtschaftlichste Lösung gewesen“. Und nein – er kennt die Erzählungen vom Lufttransport der Tiere auch – der Hubschrauber habe wirklich nur Material geliefert, „die Eidechsen sind gelaufen“. Ihr altes Habitat sei mit Folie abgedeckt worden, vorab angebrachte Reptilienzäune hätten die Eidechsen zum neuen Gelände geführt. Gerade noch rechtzeitig, dass die Bepflanzung der Weinberge mit jungen Reben noch möglich war und kein weiteres Ausfalljahr notwendig wurde.

Monitoring

Rotflügelige Ödlandschrecke. Foto: Photographed in the ZSM by Tanja Kothe, CC BY-SA 3.0

Ein 5-jähriges Monitoring des Bestandes schloß sich der Umsiedlung an. In den ersten drei Jahren stieg die Population stark an, danach sank sie wieder ab. Küßner sieht für das Absinken mehrere Gründe: Zwei trockene Jahre seien das gewesen, dazu hätte der Schäfer vielleicht etwas zuviel des Guten getan, vermutet Küßner. Man habe daher nachgesteuert und zusammen mit dem Schäfer Maßnahmen getroffen: Im Eidechsengebiet sollen keine Ziegen mehr grasen und die Gehölze sollen nicht mehr so stark zurückgenommen werden. Die Eidechsen haben damit mehr Verstecke und sind für ihre Freßfeinde, das sind beispielsweise diverse Vogelarten, dazu Marder, Füchse und Igel, aber auch die mit umgesiedelte Schlingnatter, nicht mehr so leicht erkennbar.

Großer Erfolg

Insgesamt hält Küßner die Rebflurbereinigung für einen Erfolg. Der neu geschaffene Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten, er nennt neben der Zauneidechse die rotflügelige Ödlandschrecke und die Weinbergtulpe, schaffe einen neuen und komplexen Lebensraum, von dem auch das Landschaftsbild profitiere. Aber auch die technischen Aspekte der Neuordnung seien sehr gelungen: Die Querterassen schützen vor Abtragung bei Starkregen, lange Weinbergzeilen ermöglichen den Einsatz moderner Maschinen und die Bewässerungsanlage sorgt dafür, dass es auch bei Trockenheit noch einen Ertrag gibt.

Text: Matthias Lauterer




Zum Schutz der Zauneidechse

Zum Abschluss der Rebflurneuordnung in Ingelfingen hat der Vorstand der Teilnehmergemeinschaft gemeinsam mit den Bearbeitern im Landratsamt Hohenlohekreis, Flurneuordnungsamt, eine Erinnerungstafel aufgestellt, schreibt das Landratsamt in einer Pressemitteilung. Auf der Tafel sind die wichtigsten Ergebnisse des Verfahrens beschrieben. „In diesem Verfahren waren sehr viele Herausforderungen zu bewältigen. Das Endergebnis ist nicht nur vorzeigbar, sondern auch beispielgebend für die dauerhafte Bewirtschaftung auch schwierigster Steillagen im Weinbau“, fasst Friedrich Küßner, Leiter des Flurneuordnungsamts, den langen Prozess zusammen.

Es wurden Querterrassen und neue Wirtschaftswege angelegt, einzelne zerstreute Grundstücke zusammengelegt sowie eine gemeinschaftliche Bewässerungsanlage gebaut und umfangreiche ökologische Ausgleichsmaßnahmen durchgeführt. Auch Herausforderungen wie geologische Schwierigkeiten im Hang oberhalb Ingelfingens und aufwändige Maßnahmen zum Schutz von Zauneidechsen konnten bewältigt werden.

Quelle: Pressemitteilung des Landratsamtes Hohenlohekreis