Mit warmen Worten wurde eine Künzelsauer Lehrerin am 25. Juli 2020 auf der Bühne der Querdenken-Demonstration in Crailsheim begrüßt. Es war nicht ihre erste Querdenken-Rede (Zitate aus der Rede sind in kursiv). Ihr Thema: Wie Corona das schulische Leben verändert hat. Wir haben bei der Lehrerin nachgefragt, ob sie diese Themen nach wie vor so kritisch sieht, wie sie es damals formuliert hat. Sie wollte sich jedoch nicht dazu äußern, da sie negative Konsequenzen in ihrem beruflichen Umfeld befürchtet. Anbei veröffentlichen wir daher lediglich die wichtigsten Textpassagen mit redaktionellen Anmerkungen von unserer Seite.
Chilliges Nichtstun
Zu Beginn der Rede zeichnet sie ein idealisiertes Bild von der Normalität des Schulalltags: Fröhlichkeit, Lachen, chilliges Nichtstun, aber auch schmunzelnde Mißbilligung
In der Pause schlichten die Lehrer Streitereien, ziehen Schüler aus den Ecken, die dort heimlich rauchen oder scheuchen Mädchen raus, die zu fünft in einer Toilettenkabine sitzen.
Im Wesentlichen herrscht aber Gemeinschft und Harmonie:
Dazwischen wird Fußball gespielt, gefangen, geschubst, aus einer Flasche getrunken und vom gleichen Pausenbrot abgebissen.
Damit ist der Anker gesetzt, dieses Bild wird dem Zuhörer bis ans Ende der Rede im Gedächtnis bleiben.
Jetztzeit als fast dystopischer Kontrast
Ganz im Gegensatz dazu der Lehralltag im Juli 2020, als Corona ziemlich eingedämmt war. Ein geradezu dystopischer Zustand wird heraufbeschworen, beginnend schon am frühen Morgen ist die heile Schulwelt neuerdings geprägt von Verboten und Zwängen:
Morgens kurz vor 8 Uhr, ungefähr die Hälfte der Schüler sind anwesend, der Rest beginnt erst in der zweiten Schicht ab 10 Uhr. Die Schüler betreten nacheinander mit Maske das Gebäude und folgen dem Einbahnstraßensystem in das Klassenzimmer. Dort wird ausgiebig Hände gewaschen. Anleitungen hierzu hängen über jedem Waschbecken. Im Unterricht sitzen die Schüler an Einzeltischen mit 1,50 Meter Abstand. Gruppen- oder Partnerarbeit ist verboten, die Schüler müssen immer allein arbeiten.
Schlimm seien die fehlende Motivation der Schüler, leider von extern aufgedrängt und daher nicht beeinflußbar, sowie Kollegen, die konspirativ die Coronaregeln zu umgehen versuchen:
Das ist aber alles nicht dramatisch, da alle Schüler in das nächste Schuljahr versetzt werden. Da die Schüler dies bereits frühzeitig wussten, ist die Motivation, noch etwas zu arbeiten, sehr gering und sinkt mit jedem Tag weiter.
Pausen in denen alle zusammen sind, gibt es nicht mehr, der Lehrer entscheidet das individuell. Auch hier gilt das Einbahnstraßensystem und die Maske. Findige Kollegen verabreden sich heimlich mit anderen Kollegen, um zufällig gemeinsam Pause zu machen, so dass sich auch getrennte Klassen wieder sehen können.
Bereits bis hier eine harte Gegenüberstellung – sie macht ihren Zuhörern klar, dass niemand unter Coronabedingungen lernen oder lehren will. Aber es kommt noch eine Steigerung:
Über außerschulische Aktionen muss man gar nicht sprechen: Das gibt es nicht mehr. Damit gehen natürlich auch Jugendherbergen und Reiseveranstalter, die sich auf Klassenreisen spezialisiert haben, zugrunde und die Abschlussfeiern für die Abgangsklassen – ich verwende hier mal das Wort bizarr: Eltern und Schüler dürfen maximal zu dritt erst nach vorheriger Anmeldung teilnehmen. Sie haben zugewiesene Sitzplätze, das Gebäude darf nur mit Maske betreten, diese am Platz abgenommen werden. Es folgt eine kurze Rede, dann ganz schnell die Zeugnisübergabe, natürlich nicht direkt in die Hand des Schülers, sondern auf eine Ablage, wo es weggenommen werden muss. Kreative Schulen machen dass zb mit einer Pizzaschaufel.
Nach Ende der Veranstaltung darf keiner bleiben, denn dann kommt das Desinfektionsteam, um alle Flächen zu reinigen und das dauert einige Zeit. Nicht länger als 30 Minuten, denn dann kommt die nächste Gruppe dran.
Reisebüros, die sich nicht auf Klassenreisen spezialisiert haben, leiden übrigens auch. Und noch schlimmer – nicht einmal vor dem Klassenfoto macht der Virus halt, mit kaum überhörbarem Sarkasmus folgt eine letzte Steigerung:
Ein Klassenfoto zum bestandenen Abschluss, wie es immer war, wird es wohl nicht geben. Wobei auch da manche Schulen äußerst kreativ sind. Wie wäre es mit einem Maskenfoto oder – um den Abstand zu gewähren – Kreise oder Ringe auf dem Boden, in denen die Kinder stehen müssen. Natürlich kann da nur die Hälfte der Klasse aufs Bild, aber in schwierigen Zeiten wie diesen muss man eben Opfer bringen.
Die Dystopie ist perfekt, die Rednerein hat ihr Ziel erreicht: Das Publikum ist regelrecht schockiert über die Zustände in den Schulen. Jetzt noch ein Fallbeispiel und dann kann man übergangslos wie aus dem Lehrbuch zu den verschwörungstheoretischen Folgerungen übergehen:
Hier sei nur ein Beispiel aus der Nähe von Bruchsal genannt, wo eine Grundschullehrerin positiv getestet wurde und und zwei Klassen mit 46 Schülern in Quarantäne müssen. Die Begründung hierfür ist: Die Kinder seien zu der Lehrerin Kontaktpersonen ersten Grades gewesen, das heißt mindestens 15 Minuten mit positiv getesteter Person in Kontakt ohne 1,50 Meter fünfzig Abstand und Maske, bedeutet konkret: alle 46 Kinder sind Kontaktpersonen ersten Grades. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, dass in einer Grundschulklasse mit mehr als 20 Schülern jedes dieser Kinder direkten Kontakt zur Lehrerin hatte.
Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse
In Grundschulen gab es tatsächlich keine Maskenpflicht, das bedeutet aber auch, dass jeder Huster die Viren eines infizierten und infektiösen Schülers über mehrere Meter in den Klassenraum trägt. Der „direkte Kontakt“ ist gar nicht notwendig, wissenschaftliche Untersuchungen über die Reichweite gibt es genug, auch verständliche Simulationen der Ausbreitung von Tröpfchen und Aerosolen haben wir genügend gesehen. Auch im Juli war das schon bekannt, denn bereits im März sagte mir ein Künzelsauer Arzt: „Wenn Sie sich im Bus auf die Rückbank setzen und husten, dann hats der ganze Bus.“ Hier findet also eine explizite Leugnung der Gefahren statt.
Argumentation, wie man sie von Verschwörungstheoretikern kennt
Vielleicht ist dies ein etwas seltsamer Einzelfall, vielleicht wird hier aber auch versucht, durch Erhöhung der Testungen ein Szenario zu schaffen, um erneute Schulschließungen durchsetzen zu können – und das alles auf dem Rücken der Kinder, die sich widerstandslos fügen müssen.
Hier ist dann der Beginn des verschwörungstheoretischen Ansatzes: Zu Beginn ein Fallbeispiel, das nur ein paar Angaben zu wenig enthält, um es zu recherchieren. Danach wird ein Szenario, das der Rednerin als Horrorszenario erscheint, in den Raum gestellt (übrigens ohne zu begründen, warum dies überhaupt ein Horrorszenario sein soll) und dann unterstellt die Rednerin einer unpersönlichen und anonymen höheren Macht, dass diese genau dieses Horrorszenario herbeiführen will. Der Vorwurf, dass dies alles auf dem Rücken der Kinder geschieht, ist wirkmächtig. Er ist gleichzeitig ein wenig absurd, schiebt die Rednerin doch auch immer das Wohl der Kinder vor. Die ungenannte Macht würde die eventuellen Schulschließungen sicherlich auch mit dem Wohl der Kinder begründen.
Auf beiden Seiten: Kinder als Mitel zum Zweck
Dass die Rednerin die Logik der im Juli umlaufenden Informationen über die vom Kultusministerium geplanten Maßnahmen nicht versteht, kann man ihr nicht vorwerfen. Zu widersprüchlich waren einige der Äußerungen. Und der Ministerpräsident und die Kultusministerin machten damals wirklich den Eindruck, dass sie nicht miteinander sprechen, sondern nur unkoordiniert mit der Presse. Was aber folgt, ist die Unterstellung, dass dies ein bewußt eingesetztes Mittel zu Verunsicherung der Bevölkerung sei:
aber mit der Aufhebung der Abstandsregel in den Klassen erhöht sich auch wieder die Chance, irgendwo positive Fälle zu finden und die entsprechend Betroffenen in die Isolation zu schicken. Keiner soll sich sicher fühlen, wie war das nochmal mit der zweiten Welle?
Zweiter klassischer Ansatz der Verschwörungstheoretiker: Der böse Staat arbeitet gegen das Volk. Bei Trump ist es der „Deep State“, gegen den jeder anzugehen hat, hier ist es die Landesregierung: Denn eine in böswilliger Absicht gegen die Bevölkerung handelnde Regierung rechtfertigt jede Aktion, so der nicht ausgesprochene, aber in den Zuhörern sicherlich getriggerte Argumentationsstrang.
2 Coronatests für jeden Lehrer
Auch dass die Landesregierung jedem Lehrer und jeder Lehrerin zwei kostenlose Coronatests zur Verfügung stellen wollte, wird als perfide Maßnahme zur künstlichen Erzeugung der zweiten Welle gewertet:
Um die Schulbediensteten zu beruhigen, gibt es von August bis September zwei kostenfreie Coronatests für alle und ich kann mir gut vorstellen, dass viele diese in Anspruch nehmen – und schon ist sie da, die zweite Welle. Oder sie kommt erst im späten Herbst, wenn sonst immer die Erkältungszeit ansteht und es ganz normal ist, dass einige erkranken und auch wieder gesund werden. Aber auch hier wird man durch gezieltes Testen in Schulen fündig werden und Corona aufstöbern.
Die Rednerin beschreibt anschließend völlig korrekt drei Szenarien, wie der Schulbetrieb nach den Ferien denkbar wäre:
Szenario 1: Regelbetrieb, der mit begleitenden Hygienemaßnahmen wie beispielsweise regelmäßiges Lüften sowie dem Tragen von Mund-Nasenschutzmasken in den Pausen und auf den Gängen flankiert wird-
Szenario 2: Rollierendes system: Wechsel zwischen Präsenz- und Fernunterricht
Szenario 3: Fernunterricht aufgrund temporärer lokaler, regionaler oder überregionaler Schulschließungen.
Sie stellt dann fest:
Es dürfte jedem klar sein, dass unter solchen Umständen kein regulärer Schulbetrieb stattfinden kann.
Nein, das ist überhaupt nicht klar. Warum sollte ein Präsenzunterricht mit Lüften und einigen Hygienemaßnahemen kein „regulärer Schulbetrieb“ sein? Es ist sicher nicht derselbe Schulbetrieb wie in der Vergangenheit. Auch ein Fernunterricht kann „regulär“ sein, wenn die technischen und pädagogischen Voraussetzungen erfüllt sind, Australien kann hier als Vorbild dienen. Dass beide Voraussetzungen trotz der Warnungen vor einer zweiten Welle von den Verantwortlichen nicht geschaffen wurden, steht auf einem anderen Blatt. Wenn sie mit
Wohl auch um möglichen Klagen vorzubeugen, hat Kultusministerin Eisenmann daher für das kommende Schuljahr die Aussetzung der Schulpflicht angeordnet.
fortfährt, erreicht und erregt sie damit Ihr Publikum. Das ändert aber nichts daran, dass diese Aussage schlicht falsch ist. Nicht die Schulpflicht ist ausgesetzt, sondern die Präsenzpflicht. Und die Schulen sind sogar in die Pflicht genommen, auch einen Unterricht für diejenigen Schüler anzubieten, die nicht zur Schule kommen. Schulpflicht und Anwesenheitspflicht sind zwei verschieden Dinge. Das Demo-Publikum war jedenfalls entsetzt und brachte das Entsetzen wie gewünscht auch zum Ausdruck.
Behauptungen werden zu Fakten erklärt
Das sind die Fakten.
sagt sie und erklärt damit die vorhergehenden Falschinformationen, Umdeutungen und Unterstellungen schnurstracks zur unumstößlichen Wahrheit. Sie manifestiert ihr Gedankengebäude und schließt jeden Widerspruch aus. Und das ist die Vollendung der verschwörungstheoretischen Argumentation. Wer hier als Zuhörer noch argumentativ mitgeht, hat keine Chance mehr auf ein Entkommen. Das sicherlich ein wenig vorgeprägte Publikum widersprach nicht.
Sozialkonfomes Verhalten wird angeprangert
Ich bemerke, die Schüler haben sich verändert. Ich bin erschrocken, mit welcher Selbstverständlichkeit das Maskentragen im Schulgebäude akzeptiert wird und wie verzweifelt manche Schüler sind, wenn sie mal ihre Maske vergessen haben.
Dass sich Kinder in einer Krise verändern, ist erwartbar. Jeder von uns hat sich in irgendeiner Form der Krise angepaßt. Vielleicht haben die Schüler verstanden, welchen Nutzen eine Schutzmaske hat. Ganz so schwierig ist das nicht zu verstehen, dass Masken sowohl die Menge der eventuell verbreiteten Viren als auch deren Reichweite beträchtlich vermindern. Wenn man das verstanden hat, trägt man die Maske aus Verantwortlichkeit gegenüber seinem Nachbarn.
Ich bemerke zum einen bei den Kindern einen fast schon devoten Gehorsam und auch eine Art Denunziantentum, besonders bei jüngeren Kindern. Viele sind extrem verunsichert, kommen mir vor wie ferngesteuert, zeigen kaum noch eigenen Antrieb, erwarten ständig Vorgaben des Lehrers. Zudem sinkt die Motivation vieler Schüler beträchtlich.
Die Unsicherheit mag daher kommen, dass die Vorbilder der Kinder – unter anderem die Lehrer – uneinheitlich handeln und sich teilweise über gesellschaftliche Regeln hinwegsetzen. Nur eine Minderheit, wie die Rednerin betrübt feststellt:
Ich kenne zum Glück einige Kollegen, die ähnliche Ansichten haben wie ich und die nicht länger schweigen wollen und können. Dennoch ist das leider eine verschwindende Minderheit. Die meisten setzen die Anordnung um, ohne kritisch zu hinterfragen und sich zu überlegen, welche Schäden die Kinder davontragen.
Aber sie zeigen damit, wie wenig ihnen Regeln wert sind … aber HALT:
Kinder brauchen die Interaktion mit einer festen Bezugsperson. Sie brauchen Regeln und Struktur, um zu wachsen. Sie brauchen den Lehrer als Vertrauensperson, der sie unterstützt und begleitet.
Wenn Kinder Regeln brauchen, dann sollten ihnen diese Regeln vorgelebt werden, in einer Schulgemeinschaft dadurch, dass sich die Lehrerschaft auf gewisse Grundregeln und Erziehungsziele einigt und jeder Lehrer diese Ziele selbstverständlich verfolgt. Wenn einzelne Lehrer dies nicht tun, dann werden die Schüler unsicher und verlieren ihr Selbstbewußtsein. Die Rettung ist dann die Flucht zu einer Vertrauensperson, der sie ihre Verwirrung schildern. Und das wird dann dieses „Denunziantentum“ sein.
Mehrere Studien, unter anderem die COACTIV Studie aus dem Jahr 2009 belegen klar, dass der wichtigste Garant für erfolgreiches Lernen ein intaktes Lehrer-Schüler-Verhältnis ist. Kinder brauchen die Interaktion mit einer festen Bezugsperson. Sie brauchen Regeln und Struktur, um zu wachsen. Sie brauchen den Lehrer als Vertrauensperson, der sie unterstützt und begleitet.Was sie nicht brauchen, ist ein Leben in Isolation, fern von ihren Klassenkameraden und ihren Lehrern, vor einem Endgerät, das ihnen Arbeitsblätter ausdruckt oder Videos vorführt.
Das Leben in Isolation brauchen wir alle nicht. Und dass Corona die Schülergeneration prägen wird, ist klar, wie jede Generation durch ihre Umgebung geprägt wird. Aber ein Leben in selbstbestimmter Isolation ist sicherlich für eine Zeitlang lebenswerter als ein fremdbestimmtes Leben auf der Intensivstation. Im Juli war die Situation nicht so schlimm wie heute: Heute sollten mehr als 250 Coronatote pro Tag Mahnung genug sein.
Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Bildung. Es ist ein Menschenrecht, das bereits in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 verankert ist und in einer Reihe verbindlicher Übereinkommen wie etwa der UN-Kinderrechtskonvention garantiert wird. Es ist ein elementares Recht, weil es die Grundlage für Teilhabe und Chancengerechtigkeit schafft. Dieses Recht ist momentan für viele Kinder, gerade auch solche aus ärmeren Familien, ausgesetzt. So genannter Digital- und Fernunterricht, auch Homeschooling genannt, soll jetzt die Lösung der Zukunft sein.
Zunächst einmal war und ist auch heute noch der Fernunterricht in den derzeit ausprobierten Formen nur eine Notlösung für den Moment. Ob er sich als Lösung der Zukunft durchsetzen kann, ist zu diskutieren. Forderungen, auch politischer Parteien, die alles digitalisieren wollen, stehen im Raum. Die Gegenposition ist ebenfalls medial stark präsent und die Diskussion läuft. Die Voraussetzungen für flächendeckenden Fernunterricht sind bisher auf mehreren Ebenen nicht geschaffen. Corona bietet allerdings die Chance, die eine oder andere Voraussetzung zu schaffen und die Diskussion über leistungsfähige Konzepte für den Fernunterricht in Gang zu bringen. Die Rednerin unterstellt implizit, dass die Bildungsgerechtigkeit vor Corona vorhanden war. Dem stehen Forschungsergebnisse gegenüber, denen zufolge der Schulerfolg auch von der Finanzkraft der Eltern abhängig ist.
Vor einigen Jahren haben wir, damals ausgelöst von Minister Friedrich, eine gesellschaftliche Diskussion um das „Supergrundrecht“ Sicherheit miterlebt und haben gelernt, dass es ein derartiges „Supergrundrecht“ in unserem Staatsverständnis nicht gibt. Auch das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit ist also kein Supergrundrecht, warum sollte also das Recht auf Bildung höherwertig als das Recht auf Leben sein? Hier konkurrieren tatsächlich zwei Grundrechte, aber in einem echten Notfall, wie Corona einer ist, kann man das Recht auf Bildung eher ein Jahr zurückstellen als das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.
Berechtigterweise stelle ich mir hier die Frage: Wozu braucht es denn noch eine klassische Schule und den klassischen Lehrer?
Diese Frage stellt sich auch Gunter Dueck in seinem Buch „Lean Brain Management“. Er kommt tatsächlich zu dem Schluß, dass es möglich sein könnte, Inhalte durch wenige „Brains“ festzulegen und aufzuarbeiten und durch fachlich deutlich weniger qualifizierte Lehrer als heute vermitteln zu lassen. Er nimmt aber nicht Stellung dazu, ob das ein empfehlenswertes Ergebnis ist.
Mehrere Studien, unter anderem die COACTIV Studie aus dem Jahr 2009 belegen klar, dass der wichtigste Garant für erfolgreiches Lernen ein intaktes Lehrer-Schüler-Verhältnis ist. Kinder brauchen die Interaktion mit einer festen Bezugsperson. Sie brauchen Regeln und Struktur, um zu wachsen. Sie brauchen den Lehrer als Vertrauensperson, der sie unterstützt und begleitet.
Eine COACTIV-Studie von 2009 konnten wir bei unseren Recherchen nicht finden, möglicherweise liegt hier eine falsche Quellenangabe der Rednerin vor. Es gibt eine COACTIV-Studie aus 2003/2004, die sich aber selber als „Pisa-Test für Mathematiklehrer“ bezeichnet und einen anderen Schwerpunkt hatte.
Gegen Ende Ihrer Rede führt sie die losen Enden wieder zusammen und unterstellt wieder politische Absichten hinter Corona.
Dass Schüler und Lehrer als Versuchskaninchen für die bildungspolitische Forschung missbraucht werden, ist nicht neu. Mich erschrecken allerdings die Dimensionen, mit denen das geschieht. Besondere Sorgen bereitet mir dabei die anstehende Maskenpflicht ab dem kommenden Schuljahr. Diese ist meines Erachtens nicht nur sinnfrei und unlogisch, sondern auch eine politische Gängelung, damit ja niemand denken sollte, die Gefahr einer Pandemie sei vorbei.
Zu guter Letzt besinnt sie sich darauf, dass die anfangs angesprochene anonyme Macht möglicherweise ihr eigener Dienstherr sein könnte und legt Wert auf die Feststellung:
Als ich Lehrerin wurde, habe ich einen Eid auf das Grundgesetz geleistet und zwar, dieses zu achten und zu schützen, besonders in Krisenzeiten. Hinter dieser Treuepflicht stehe ich zu 100 Prozent.
Nicht dass der Dienstherr vielleicht noch reagiert.
Text: Matthias Lauterer