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„Es ist auch wahrlich nicht die Mitte der Gesellschaft, die spaziert“

Wer sind eigentlich die Menschen, die Montag für Montag in der ganzen Bundesrepublik – auch im Hohenlohekreis (wir berichteten) – auf die Straße gehen? Ist es ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung? Sind es Rechtsextreme? Oder sind es Leute, die guten Willens sind, aber von anderen für ganz andere Zwecke mißbraucht werden?

Die öffentliche Meinung messen und lenken

Wohl erstmals hat sich jetzt ein „Strategic research“-Institut – früher hätte man es Meinungsforschungsinstitut genannt – daran gemacht, die Menschen hinter den Spaziergängern näher zu untersuchen. Das Institut pollytix aus Berlin  „stellt die richtigen Fragen und liefert Antworten“ – so lautet jedenfalls die Werbeaussage auf der Homepage-  und ist ein auf gesellschaftliche und politische Fragen spezialisiertes Institut: „Wir messen nicht nur die öffentliche Meinung, sondern zeigen auch Wege auf, wie diese geändert werden kann, welche Zielgruppe dafür erreicht werden muss und in welcher Sprache diese angesprochen werden will.“, sagt Rainer Faus, der das Institut im Jahre 2012 gegründet hat. Ein Ansatz, wie man ihn von den bekannten deutschen Instituten eher nicht kennt, wie er aber beispielsweise in amerikanischen Wahlkämpfen gang und gäbe ist.  Wo andere Institute oder Agenturen auf ihrer Homepage stolz Referenzen angeben, ist über die Kunden und Auftraggeber von pollytix wenig bekannt. Bekannt ist, dass Faus unter anderem Autor einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über die Fragmentierung der Gesellschaft ist.

Repräsentative Studie über die Montagsspaziergänger

1.500 Menschen hat pollytix befragt – 95 Prozent kannten das Phänomen der Spaziergänger und konnten daher gezielt befragt werden. Besonders positiv werden die Spaziergänger von der Bevölkerung allerdings nicht wahrgenommen:

Nur 15 Prozent der Befragten könnte sich überhaupt eine Teilnahme an einem Spaziergang vorstellen, Verständnis für die Teilnehmer haben 30 Prozent der Befragten. Auf der anderen Seite haben 71 Prozent Angst vor einer Radikalisierung der Teilnehmer, fast genauso viele wünschen sich ein Eingreifen der Polizei gegen diese nicht angemeldeten Aufläufe. Und es gehen mehr Menschen von einer rechtextremistischen Beteiligung oder gar Steuerung aus als davon, dass es sich bei den Teilnehmern um einen Querschnitt der Bevölkerung handelt.

Das ist also der Blick von außen auf die Teilnehmer.  Aber wie sehen die Aufläufe „von innen“ aus? Auch darüber gibt die Umfrage einige teils überraschende Einblicke.

Stichprobe zu klein für „robuste Analyse“ der ‚Spazierenden‘

Allerdings sagt Rainer Faus: „Für eine robuste Analyse ist die Fallzahl der ‚Spazierenden‘ zu klein, werfen wir als Annäherung einen Blick auf die, die es sich vorstellen können, zu ’spazieren‘.“
Die folgenden Zahlen beziehen sich also nicht nur auf die Teilnehmer der Aufzüge, sondern auf die Gruppe der Teilnehmer und derer, die sich vorstellen können, auch einmal mitzulaufen.

Bildungsgrad spielt keine Rolle

Die Analysen von Altersgruppen und Bildungsgrad zeigen, dass die Anzahl derer, die sich eine Teilnahme vorstellen können, relativ gleichverteilt  ist – es sind jeweils rund 15% – einzig die Gruppe Ü60 zeigt eine geringere Bereitschaft. Eine Abhängigkeit vom Bildungsgrad ist nicht zu erkennen. Auffällig ist, dass die Bereitschaft im Osten rund doppelt so hoch ist wie im Westen:

Zeigt sich bis hier ein recht homogenes Bild der Teilnehmer, ändert sich das, wenn man parteipolitische Präferenzen hinterfragt: 

Unter den AfD-nahen Menschen können sich fast zwei Drittel vorstellen, an einem Montagsspaziergang teilzunehmen. Die Anhänger aller anderen Parteien sind dazu nur zu einem sehr geringen Teil bereit. Vielleicht kann man das so interpretieren, dass die AfD eine Partei ist, in der sich Menschen sammeln, die ohnehin mit der Gesellschaft nicht zufrieden sind. Rainer Faus zieht jedenfalls aus seiner Umfrage den Schluss: „Die These, es handle sich hier überwiegend um Grüne oder Linke ist also empirisch nicht haltbar und es ist auch wahrlich nicht die Mitte der Gesellschaft, die spaziert.“

„Der Effekt der Blase“

Faus hat allerdings auch festgestellt, dass 89 Prozent der AfD-Wähler:innen glauben, dass bei Spaziergängen ‚hauptsächlich Menschen wie Du und Ich mitlaufen‘ und 85 Prozent  Verständnis für Spaziergänger:innen haben. „Bei Wähler*innen der anderen Parteien ist das jeweils nur bei einer Minderheit der Fall.“, sagt Faus. Er bezeichnet das als „den Effekt der Blase“.

Einteilung der potentiellen Spaziergänger in gesellschaftliche Segmente

In  einer Studie „Kartografie der politischen Landschaft in Deutschland“ der Friedrich-Ebert-Stiftung hat Faus die Bevölkerung grob in 8 Gruppen eingeteilt:

Die potentiellen Teilnehmer der Demonstrationen gehören häufiger zu den mit der Politik unzufriedenen Gruppen. Das verwundert auf den ersten Blick nicht – man demonstriert ja meist, um seine Unzufriedenheit mit einer Situation auszudrücken. Es fällt aber auf, dass neben den „antimodernen Konservativen“, die mehr Nationalstaat wollen, gerade die Gruppen Sympathie für die Spaziergänge hegen, für die Faus Worte wie „prekär“ oder „wirtschaftlich bedroht“ gefunden hat:

Sind die Aufläufe am Montagabend also vielleicht nur vordergründig auf Corona bezogen und steckt vielleicht vielmehr ein Protest gegen die soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik dahinter? Diesen Schluß könne man nicht ziehen, meint Faus, „da es sich um eine Mischung aus verschiedenen Segmenten handelt, den antimodernen Konservativen geht es zum Beispiel wirtschaftlich ausgesprochen gut und sie sorgen sich auch nicht besonders um soziale Themen“.

Text: Matthias Lauterer