Die Sorgen der Eltern liegen der Pharmaindustrie scheinbar nicht am Herzen
GSCHWÄTZ berichtete kürzlich, dass beliebte Fiebersäfte für Kinder momentan in Apotheken kaum noch verfügbar sind. Verschiedenste Gründe dafür wurden von Ärzte- und Apothekerverbänden sowie des zuständigen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vermutet, die genauen Gründe wissen diese Institutionen nicht.
GSCHWÄTZ hat bei der Industrie nachgefragt
GSCHWÄTZ hat daher direkt bei den Herstellern Ratiopharm (IBU ratiopharm), Zentiva (Ibuflam), Reckitt Benckiser (Nurofen) und Johnson&Johnson (Dolormin) nach den Gründen für den Mangel gefragt, insbesondere weil bei anderem Medikamenten mit denselben Wirkstoffen offenbar kein Mangel besteht. Außerdem wollten wir wissen, bis wann die Säfte wieder ausreichend verfügbar sein werden und welche Alternativen die Hersteller empfehlen.
Kein Interesse
Drei der angefragten Firmen haben nicht einmal geantwortet – die Sorgen der Eltern scheinen diesen Firmen nicht am Herzen zu liegen.
Schwammige und nichtssagende Antwort
Geantwortet hat einzig Reckitt Benckiser, der Hersteller der Marke Nurofen. Allerdings antwortet nicht etwa ein Repräsentant des Unternehmens, sondern eine „Junior Account Executive“ einer vom Unternehmen beauftragten Werbe- und Marketingagentur: „Wir haben diese [Presseanfrage, Red.] einmal mit unserem Kunden abgestimmt und nun Rückmeldung erhalten. Generell ist die Entwicklung der Nachfrage nach Nurofen Fieber- und Schmerzsäften derzeit nur schwer vorauszusehen und es kann in Ausnahmefällen zu gelegentlichen, punktuellen Lieferverzögerungen und -engpässen kommen.“ Eine Marketingagentur wirbt ja bei Ihren Kunden damit, dass sie die Märkte ihrer Kunden gut kennt – insofern erscheint diese Antwort sehr schwammig.
An der Realität vorbei
Und sie trifft auch nicht die Realität: Von „punktuellen Lieferverzögerungen und -engpässen“ kann nicht die Rede sein, wenn in ganzen Bundesländern diese Medikamente nicht mehr verfügbar sind und sich beispielsweise in Nordrhein-Westfalen bereits der Landtag mit dem Problem beschäftigt.
Vertiefende Nachfrage führt nicht zu tiefergehender Antwort
Eine vertiefende Nachfrage mit dem Verweis auf bundesweite Nichtverfügbarkeit wird nicht mehr von der „Junior Account Executive“ beantwortet, sondern von einer „Consultant“ der Agentur: „Da der Saft als Einnahmeart bei Kindern einfach besonders beliebt ist, bestehen die Lieferengpässe eben genau bei diesem Produkt.“ Das klingt nach „Die Ware ist knapp, weil sie knapp ist“, denn die Beliebtheit dieser Säfte war auch vor der Knappheit bekannt. Die Gründe, warum die Nachfrage das Angebot derzeit übersteigt, will auch die Consultant nicht nennen. Gerade von einer Werbe- und Marketingagentur hätte man vielleicht erwarten können, dass sie kompetente Aussagen über den Markt treffen kann.
Gründe weiter unklar
Eine Knappheit der Wirkstoffe kann kaum die Ursache der Nichtverfügbarkeit der Säfte sein, denn die Wirkstoffe Ibuprofen und Paracetamol sind in anderen Darreichungsformen gut verfügbar. Die reine Produktion im fernen Ausland und die Schwierigkeiten mit dem Schiffsverkehr dürfte auch nicht die Ursache sein – denn die anderen Darreichungsformen kommen größtenteils ebenso von dort.
Lieferbarkeit und Alternativen
Auch das Thema, wann die Säfte wieder ausreichend verfügbar sein werden, wird nur sehr schwammig beantwortet: „Nurofen ist zuversichtlich, die Nachfrage der Kund*innen, Verbraucher*innen und Patient*innen trotz dieser kurzzeitigen Einschränkungen weiterhin zur vollen Zufriedenheit zu bedienen.“
Immerhin die Frage nach den Alternativen wird konkret beantwortet: „Eine gute Alternative zu Säften stellen die Nurofen Zäpfchen für Kinder und für Kinder ab 6 Jahren die Nurofen Schmerztabletten dar.“
Text: Matthias Lauterer

„Es bleibt kein Kind in Deutschland unversorgt“, beruhigt Ulrike Funke. Sie empfiehlt Zäpfchen oder Schmelztabletten als Ersatz. Jedoch sind die handelsüblichen Schmelztabletten ,mit 200mg Wirkstoff für Kinder sehr hoch oder sogar zu hoch dosiert. Außerdem, so die Schloß-Apotheke in Ingelfingen, gebe es auch dort schon Lieferprobleme. Das BfArM hat jetzt festgelegt, dass unter bestimmten Voraussetzungen die Apotheken die Säfte selbst herstellen dürfen. „Wir haben das aber noch nicht gemacht“, ist aus der Schloß-Apotheke zu vernehmen.