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KÜNfit kommt: „Wir wollen den Magnet im Sofa ausbauen“

Seit Anfang Juni 2020 wird im Heinz-Ziehl-Sportpark in Künzelsau fleißig gewerkelt. Die Mitglieder des TSV Künzelsau haben ihr Sportheim leergeräumt, alles Verwertbare auf einem Flohmarkt verkauft. Ende Juli soll mit dem Abriss des 1962 erbauten Gebäudes begonnen werden. „Das war früher eine Wirtschaft, aber die Verpachtung haben wir bereits vor 20 Jahren aufgegeben“, sagt Vereinspräsident Erwin Bergmann. Gleich nebenan sei schließlich das Tennisstüble. „Wir haben nur noch für private Feiern vermietet.“ Auch Reha-Sport, Yoga und Gymnastik fanden noch in den Räumlichkeiten statt. Nun stapelt sich der Bauschutt in dem sichtlich in die Jahre gekommenen Gebäude. „Eine Sanierung wäre zu teuer gewesen“, ist Bergmann überzeugt. Auch wenn Wehmut aufkommt: „Hier hat so mancher seinen Tanzkurs absolviert“, sagt Vizepräsident Robert Beck.

„Hier entsteht das erste SportVereinsZentrum in Hohenlohe“

Doch jetzt geht es auf zu neuen Ufern: Der TSV plant ein SportVereinsZentrum – das KÜNfit, das der Gesundheit, der Prävention und dem Vereinssport dienen soll. Der Spatenstisch soll im September 2020 erfolgen, das ganze Gebäude im Oktober 2021 fertig sein. Pünktlich zum 175-jährigen Jubiläum des Vereins. „Wir planen seit vier Jahren“, blickt Bergmann zurück. Damals gab es erste Gespräche mit Jan Philippiak, dem Vorsitzenden der Heinz Ziehl Stiftung, anschließend mit der Stadtverwaltung Künzelsau und Banken. Außerdem gab es eine Untersuchung, ob ein solches Zentrum überhaupt lukrativ ist. „In ganz Baden-Württemberg gibt es nur 50 solcher Zentren“, sagt Bergmann stolz. „Unseres wird das erste in Hohenlohe.“ Weitere gibt es beispielsweise in Calw und Rottweil. Die Kosten für das KÜNfit belaufen sich auf rund fünf Millionen Euro. 400.000 Euro davon übernimmt die Stadtverwaltung Künzelsau, 300.000 Euro kommen vom Württembergischen Sportbund. Hinzu kommen Eigenmittel des Vereins. „Die Finanzsituation war so, dass wir das tragen können“, so Bergmann. Rund 55 Euro monatlich soll zudem nachher der KÜNfit-Mitgliedsbeitrag kosten.

„Wir wollen den Magnet im Sofa ausbauen“

Die Ursprungsidee dahinter: Man wollte mehr Mitglieder gewinnen. Der Verein hatte im Laufe der Jahre immer weniger Mitglieder. Zudem werde die Altersstruktur in den Vereinen immer älter, glaubt Bergmann, der bedauert, dass im KÜNfit kein Platz mehr für eine Bewegungslandschaft für Kinder sei. „Die Vereine haben es bisher verschlafen, den Gesundheitssport aufzugreifen“, so Bergmann weiter. Das sei ein wachsender Markt, den die Vereine nicht den Fitnessstudios überlassen dürften. Deshalb soll der Schwerpunkt des KÜNfit auch auf dem Bereich Gesundheit liegen.“Wir wollen den Magnet im Sofa ausbauen“, lachen die beiden Vereinspräsidenten verschmitzt. „Man muss die Leute da hinlupfen.“ Hinterher würden sie dann schon merken, wie gut ihnen die Bewegung tut.

Die Handwerker auf der Baustelle sollen aus der näheren Umgebung sein

„Natürlich haben wir uns vorher schlau gemacht“, sagt auch Robert Beck. Die Studie wurde mit einem Fachbüro durchgeführt und man hat sich auch andere dieser Zentren angeschaut. Heraus kam: 800 Mitglieder muss der Verein mindestens haben, dann könne sich das Projekt in vier bis fünf Jahren armortisieren. Zurzeit hat der TSV 1350 Mitglieder und verwaltet mit dem FV Künzelsau insgesamt rund 1500. Der Gemeinderat stimmte dem Projekt 2019 zu, in einer außerordentlichen Hauptversammlung 98 Prozent der Vereinsmitglieder. Die Architektin vom Architektenbüro Auch und Binder in Weinstadt hat bereits Erfahrung in dem Sektor. „Da haben wir sehr positive Erfahrungen gemacht“, sind sich Bergmann und Beck einig. „Die Ausschreibung an den Generalunternehmer war top.“ Ganz wichtig ist den Vereinspräsidenten auch, dass die Handwerker, die auf der Baustelle arbeiten werden, aus der näheren Umgebung sind.

Sieben Tage in der Woche trainieren

In dem neuen zweigeschossigen Gebäude soll im oberen Stock neben einem Gymnastikraum eine 300 Quadratmeter große Trainingsfläche mit modernen Trainingsgeräten entstehen. Durch dessen große Glasfront wird es einen weiten Blick auf das Sportgelände und den Kocher geben. Zum Treffpunkt für alle Generationen soll eine Theke, an der Getränke ausgegeben werden, werden. Im Untergeschoss findet ein weiterer kleiner Gymnastikraum ebenso Platz wie Lager- und Besprechungsräume. Für die Fußballer wird es einen separaten Bereich mit einer Outdoor-Küche für die Stadionwurst geben. Und schließlich das Highlight für viele: eine Sauna mit Garten. „Wir werden ein volles Kursprogramm anbieten und sieben Tage die Woche ganztags geöffnet haben“, blickt der Präsident voraus. „Dazu haben wir einen hauptamtlichen Trainer und qualifizierte Mitarbeiter, am Ende fünf bis sieben Leute, die sich um die Sportler kümmern.“ Momentan seien die Mitglieder ehrenamtlich tätig, die dafür eine Übungsleiterpauschale erhalten. Auch die TSV Geschäftssstelle, die noch im Gersthaus residiert, soll in das neue Zentrum einziehen.

„Wegen Corona ist die Suche nach Sponsoren schwierig“

Im Rahmen einer Bachelor-Arbeit hat der Sportverein eine weitere Studie erstellen lassen, in der es vor allem um die Öffentlichkeitsarbeit für das KÜNfit ging. „Wir wollten wissen, was wir als pre-Opening machen können“, erklärt Vizepräsident Beck. Über Pressearbeit und Social Media-Kanäle soll das neue Zentrum beworben werden. Es soll Baustellenbesichtigungen geben und außerdem könnte sich der Verein bei der Fernsehsendung „Kaffee oder Tee“ präsentieren. Zudem will man das Projekt beim Weihnachtsmarkt, auf dem Stadtfest nächstes Jahr und natürlich beim Jubiläumsfestakt im April 2021 vorstellen. Außerdem soll es im September 2021 eine Ausstellung in der Sparkasse Hohenlohekreis geben – über diese Bank werden die Kredite abgewickelt. Noch ist der Verein auf der Suche nach Sponsoren. „Wir wollen Bausteine verkaufen, was im Moment wegen Corona schwierig ist“, erklärt Bergmann. Im Eingangsbereich des KÜNfit soll eine Sponsorentafel aufgehängt werden.

„Mehr Beweglichkeit für die Kunden“

Das Vereinspräsidium will die Kooperationsvereine integrieren, deren Mitglieder ebenfalls im KÜNfit trainieren können. Auch die Hochschule will der Verein erreichen, ebenso wie die Jugendlichen. „Die wollen sich heute nicht mehr binden“, sagt Vizepräsident Beck. „Zu uns können sie flexibel kommen.“ Die große Masse der Leute bekomme man heutzutage nicht mehr, da immer weniger Bindung an den Verein da sei. Auch deshalb brauche es mehr „Beweglichkeit für den Kunden“. Interessenten an einer Mitgliedschaft im KÜNfit können bereits jetzt eine Absichtserklärung, die noch kein Vertrag ist, abgeben. Überhaupt setze der TSV Künzelsau viel auf Kooperationen mit anderen Vereinen. Silvia Hertweck betreut die Geschäftsstellen der beiden Sportvereine in Künzelsau und Ingelfingen – „das funktioniert wunderbar“. Mit anderen Vereinen teile man sich die Kosten für die Trainer, die dann hauptamtliche Profis seien. Der TSV Künzelsau sei zu klein und schon deswegen müsste er mit anderen Vereinen zusammenarbeiten. „Kooperationen sind immer besser“, sind die Vereinspräsidenten überzeugt. Doch bei manchen Kirchturmvereinen sei das nur schwer anzubringen.

Text: Sonja Bossert

Das alte Sportheim des TSV Künzelsau soll einem modernen SportVereinsZentrum weichen. Foto: GSCHWÄTZ

Die Vereinspräsidenten Erwin Bergmann (links) und Robert Beck freuen sich auf das neue KÜNfit. Foto: GSCHWÄTZ

 

Das leergeräumte alte Sportheim vor dem Abriss. Foto: GSCHWÄTZ