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„Nach dem Erkennen kommt das Entsetzen“

„Nach dem Erkennen kommt das Entsetzen“, sagt Lucia Völlinger, Psychotherapeutin aus Malsch, im Gespräch zum Thema Narzissmus in der Familie (wir berichteten) mit Jens Lehrich vom Nachrichtenmagazin Rubikon. Denn, so schmerzlich es auch für Betroffene ist, die unter Narzissten leiden, so klar und deutlich sei ebenfalls, dass der Samen hierfür in der Kindheit bereits mit ebenfalls narzisstischen Strukturen gesät wurde. Im zweiten Teil des Gesprächs geht es darum, wie man dies erkennt und nicht mehr Opfer dieser narzisstischen Strukturen wird.

Der schwierigste Punkt ist der Aufwachprozess

Der schwierigste Punkt ist laut Völlinger der Aufwachprozess. Sätze wie: „Das ist in doch in Ordnung, dass ich mit dir eine Woche nicht gesprochen habe“ oder: „Das ist doch in Ordnung, dass ich dich geschlagen habe“, die man früher als „wahr“ bewertet hat, werden nun zur Farce. Natürlich sind diese Dinge nicht in Ordnung. Diese Erkenntnis sei aber besonders schmerzhaft, trifft sie doch die innersten familiären Strukturen, nämlich die Beziehung zu den teilweise destruktiven Eltern oder den/die Partner:in.

Bösartigkeiten des Täters werden vom Opfer übernommen

Schlimmer noch: „Der Täter spiegelt seine Persönlichkeit so lange auf das Kind, bis das Kind diese Bösartigkeiten als eigene Charaktereigenschaften anerkennt“, sagt Völlinger. Sätze wie: „Du kannst nichts. Du bist nichts“ zeigen eigentlich, was der Täter von sich im Innersten hält oder über sich denkt, er möchte diese Gefühle aber unbewusst jemand anderem überstülpen, etwa seinem Kinder oder Partner. Die Opfer, etwa die Kinder, schämen sich und gehen deswegen nicht nach außen. „In der Familie ist das ein riesen Tabu“, weiß Völlinger.

„In der Familie ist das ein riesen Tabu“

Die Opfer leider auch nach der Trennung von einem Narzissten noch jahrelang unter einer traumatischen Belastungsstörung, die teilweise schlimmer ist wie eine posttraumatische Belastungsstörung. Denn bei letzterem ist zum Beispiel der Partner gestorben. Hierbei handelt es sich um ein einmaliges traumatisches Erlebnis. Bei einer Beziehung zu einem Narzissten handelt es sich laut Völlinger um eine Dauertraumatisierung. „Es finden rund um die Uhr, 24/7, Entwertungen statt, ständige Demütigungen, permanente Unsicherheit. Was sind heute die Regeln? Die Regeln ändern sich ständig. Das müssen die Kinder anhand der Mimik und Gestik herauskriegen. Man hat nie eine Sicherheit“, so Völlinger.

„Meine Klientinnen sind unfassbar starke Persönlichkeiten“

Ihre Klienten seien „unfassbar starke Persönlichkeiten. oft sehr erfolgreich  beruflich“, aber im Innenverhältnis nicht selten Opfer von toxischer Gewalt innerhalb der Familien.

Gewedelt werde dabei immer mit der „Karotte“ der Liebe

Warum aber lassen sich manche Menschen das alles gefallen? Gewedelt werde dabei immer mit der „Karotte“ der Liebe. Machst du das oder lässt du dir das gefallen, bekommst du vielleicht ein Stückchen Liebe, ein nettes Wort, eine kurze Umarmung. Aber das sei nicht Liebe, sondern Vortäuschung von Liebe. Narzissten seien häufig gar nicht fähig zu lieben.

Burn-out

Das Opfer müht sich derweil immer mehr ab, um zu gefallen. Dies mündet nicht selten in einem Burn-out. „Ich kann machen, was ich will. Es wird sich nie etwas verändern.“

„Stell dich nicht so an“

Das Problem sei auch, dass Außenstehende häufig das Leid gar nicht nachvollziehen können. Schließlich gäbe es in der Regel keine blauen Flecken, keine sichtbaren Blessuren. Da heiße es dann häufig lapidar: Er: „Stell dich nicht so an.“ Oder: „So war er doch schon immer.“ Vielen werde auch nicht geglaubt.“ Selbst viele Therapeuten wüssten zu wenig um das Machtgefüge in einer toxischen Beziehung. Dabei berichtet Völlinger von einer Klientin, die lange in Therapie war und sich am Ende von ihrer damaligen Therapeutin habe anhören müssen: „Was, wenn Ihre Mutter doch recht hat?“ Das führe dann noch mehr in die Verzweiflung. Menschen, die ohnehin schon oft jahrelang mit Schuldgefühlen von dem Täter beladen wurden, seien am Ende doch wieder an allem allein Schuld.

„Die normalen Therapeuten wissen gar nicht, was da an Dynamik abläuft“

„Wir haben hier einfach eine Besonderheit. Die normalen Psychotherapeuten haben relativ wenig Ahnung und wissen gar nicht, was da an Dynamik abläuft. Traumatherapeuten oder jemand, der selbst betroffen ist, weiß, dass das eine ganz eigene Welt ist. Da gibt es ganz eigene Regeln“, betont Völlinger.

Und immer liege die Wurzel von allem, so bitter es für die Opfer auch sein mag, in der eigenen Herkunftsfamilie. Es finde eine Schuldumkehr bereits in frühester Kindheit statt nach dem Schema: „Mit dir stimmt etwas nicht. Mit mir ist alles in Ordnung.“

Häufig seien ihre Klient:innen umgeben von „hochgradig toxischen Persönlichkeiten und diese Person, die bei mir in der Praxis sitzt, hat sich irgendwann entschieden: Ich nehme das alles auf mich. Die Opfer arbeiten sich dabei an Themen ab, die gar nicht ihre eigenen sind.“

„Man sollte sich in Sicherheit bringen“

Was aber rät die Psychotherapeutin diesen Opfern? Kontaktabbruch? „Man sollte sich in Sicherheit bringen. Manchmal geht es nicht komplett, aber soweit als möglich. Beim Elternhaus sollte man zumindest für eine gewisse Zeit einen Cut machen und sich sehr gut anschauen: Wer hatte welche Funktion innerhalb der Familie?“

Besteht die Möglichkeit, dass Narzissmusopfer und Täter auf gesundem Wege wieder zusammenkommen? „Der einstmals coabhängige Teil muss die Regeln für ein Treffen aufstellen. Früher war es ja gerade andersherum.“ Das sei wichtig, so Völlinger. Aber sie betont ebenso: „Die bedingungslose Liebe von narzisstischen Eltern werde ich nie bekommen. Sie sind dazu nicht in der Lage. Sie haben ja gar nicht diese Empathiefähigkeit.“

Da ist diese Urangst

Wichtig sei für die Betroffenen, dass sie letzten Endes aus dieser erlernten Hilflosigkeit herauskämen. „Die Menschen glauben, dass sie an ihrer Lebenssituation nichts ändern können und dass sie selbst das verursacht haben. Wenn ich in einem toxischen Umfeld groß werde, dann gibt es dieses Familiensystem und da drin hast du zu spuren. Sonst fliegst du raus. Das ist diese Urangst. Ich bin es nicht wert und zugleich wollen sie Anerkennung. Dann gehen sie doch wieder in ihr Elternhaus zurück und dann kommt aber wieder die Klatsche am Tisch. Und dann denkt man: Ja, ich habe es ja auch nicht anders verdient.“

Sich Menschen zuwenden, die einem gut tun

Die Kunst sei, irgendwann sich diese Klatschen nicht mehr zu geben und sich anderen Dingen beziehungsweise Menschen zuzuwenden, die einem gut tun. Am Ende warte ein riesiges Geschenk, so Völlinger: „Die Menschen fangen an, ihr eigenes Leben zu leben. Das ist wie ein Befreiungsschlag.“