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„Wenn man sich trennt von einem Narzissten beginnt der Albtraum oftmals erst so richtig“

Innerhalb kürzester Zeit hat es Erika Schewsky geschafft, sich auf Instagram einen Namen als Narzissmus-Expertin zu machen. Über 18.000 Follower lesen Ihre Ratschläge und Tipps im Umgang mit Narzissten. Die 42-Jährige ist Mentaltrainerin und Buchautorin. Begonnen hat alles mit toxischen Strukturen in ihrem privaten Umfeld und der Lösung von diesen Strukturen, die auch mit schmerzhaften Verlusten verbunden war. Dr. Sandra Hartmann hat im Video-Interview mit Erika Schewsky über die grundlegenden Fragen rund um Narzissmus gesprochen: Woran erkenne ich einen Narzissten? Wie merke ich, dass meine Kinder manipuliert werden? Und: Können sich Narzissten ändern?

Kinder mit einem Narzissten – eine der größten Herausforderungen

Dr. Sandra Hartmann: Erika, zunächst einmal vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast für dieses Interview zu dem großen Thema Narzissmus. Das ist ja ein sehr weites Feld und wir werden heute sicher nicht alle Themen ansprechen können. „Kinder mit einem Narzissten“ – zu diesem Thema hast Du ja schon einiges veröffentlicht. Wenn man sich von einem Narzissten trennt und Kinder um Spiel sind, werden Kinder diese fast immer als Machtinstrument missbraucht. Sie werden häufig manipuliert und im schlimmsten Fall von dem anderen Elternteil entfremdet. Wir haben viele Betroffene in unserem LÖWINNEN-Netzwerk, die seit Jahren keinen oder nur noch minimalen Kontakt zu ihren Kindern haben. Woran erkennt man denn, wenn Kinder entfremdet werden oder wurden und wie kann man dagegen vorgehen?

Erika Schewsky: Eine sehr gute und sehr wichtige Frage, denn man glaubt immer, man würde das dann schon irgendwann merken. Das sei ein schleichender Prozess ist. Dem ist aber nicht so. Das Kind ist dem Vater oder der Mutter gegenüber dann auf einmal sehr negativ gestimmt. Es lässt nichts mehr an sich heran, möchte sich auch nicht mehr in den Arm nehmen lassen. Es ist kein Gespräch mehr möglich. Man merkt das auch, wenn die Kinder vom Umgang zurückkommen. Das Kind verhält sich frech, beleidigend, empfindet regelrecht Wut oder sogar Hass gegenüber dem anderen Elternteil. Sätze vom narzisstischen Elternteil werden übernommen und auch die Vorwürfe, die von diesem gegen einen selbst erhoben wurden. Wenn man versucht, den Sachstand richtigzustellen, stößt man beim Kind auf taube Ohren. Dann bekommt man, wenn überhaupt, nur als Antwort: „Du willst mir nur was einreden, mich belügen und mich täuschen. Du willst mich manipulieren. Ich glaube dir nicht. Ich will nichts hören von dir und“. Und natürlich sind diese Kinder auch häufig über das Handy ganz eng und beständig vernetzt mit dem narzisstischen Elternteil.

Dauerthema Manipulation und Entfremdung

Dr. Sandra Hartmann: Wenn Was kann man gegen derart massive Manipulationen tun?

Erika Schewsky: Wenn das Kind schon dicht gemacht hat, wird es sehr schwer werden, an das Kind wieder ranzukommen oder wieder Nähe zu schaffen. Und da hilft leider, leider, leider oft nur: akzeptieren und loslassen. Es bringt nichts, wenn man versucht, um ein Kind zu kämpfen, das schon entfremdet wurde, das eigentlich schon auf ja Gegenwehr oder gegen einen ist. Wenn man daran festhält und versucht zu kämpfen und zu kämpfen, geht man nur selbst daran kaputt. Man muss loslassen und Vertrauen haben in das Kind, dass es seinen Weg gehen wird, seine Erfahrungen machen muss und sich irgendwann auch wieder von selbst meldet, weil es sich Fragen stellt. So wie wir auch heute in unserer Generation. Wir stellen uns ja auch Fragen.

Dr. Sandra Hartmann: Manche Kinder lassen sich schnell manipulieren und entfremden, andere scheinen geradezu immun dagegen zu sein. Woran liegt das?

Erika Schewsky: Mit dieser Frage habe ich mich auch schon beschäftigt. Ehrlich gesagt bin ich da nicht wirklich so gezielt auf eine Antwort gekommen. Meine Hypothese war, dass viel eher die erstgeborenen Kinder manipulierbar sind. Ich habe eine Umfrage gestartet und auch aus meiner Arbeit mit Betroffenen stelle ich fest, dass das aber nicht so ist. Viel eher ist es so, dass narzisstische Menschen ihren Kindern emotionale Wunden zufügen und später dann genau an diesen Wunden lecken und diese Wunde mit Aufmerksamkeit stillen und ihnen dann einreden: Du bist die Nummer eins und ich bin für dich da. Die Kinder bekommen auf einmal Zuwendung und Geschenke, vielleicht all das, was sie bislang nicht vom narzisstischen Elternteil bekommen haben. Deswegen ist es so wichtig, sich vorher schon mit diesem Thema als Mutter oder Vater zu beschäftigen und vorbeugend präventiv zu arbeiten und sich wirklich von außen, auch von Experten oder Kinderpsychologen, Hilfe zu holen, um Kinder bestmöglich unterstützen zu können. Denn hinterher, wenn die Manipulation erstmal gegriffen hat, wird es sehr schwer werden, ein Kind wieder aus diesem Manipulationsnebel herauszuholen.

Begleitete Umgänge wären ideal bei derartigen Persönlichkeitsstörungen

Dr. Sandra Hartmann:  Wir hören in unserem LÖW:INNEN-Netzwerk viele Geschichten von Sorgerechtsverfahren, in welcher die Betroffenen oftmals kläglich scheitern beim Versuch, ihre Kinder vor einem krankhaft malignen Narzissten zu schützen. Manche verlieren dabei sogar ihre Kinder. Wenn wir über Manipulation und Entfremdungsmethoden bei Kindern sprechen, wäre es dann nicht am sinnvollsten, dass der Umgang zwischen Kindern und dem narzisstischen Eltern begleitet erfolgen müsste, also mit ausgewiesenen Experten, damit eben nicht diese Manipulations- und Entfremdungstaktiken angewendet werden können?

Erika Schewsky: Ich denke schon, dass das eine gute Option wäre, Kinder auf diese Weise auch zu schützen. Nur müsste diese Umgangsbegleitung jemand machen, der diese Manipulationen sofort durchschaut und erkennt. Da müsste wirklich intensiv geschult werden und aufgeklärt werden über diese narzisstische Persönlichkeitsstörung. Vor Gericht ist das nicht so einfach, oder beim Jugendamt einen begleitenden Umgangskontakt zu bekommen. Es ist insgesamt im deutschsprachigen Raum so, dass man oftmals eher  Täterschutz betreibt, wenn man das so nennen möchte. Man kann einen Elternteil, der sich so verhält, nicht dazu zwingen, dass er an sich arbeitet. Deswegen liegt es hier auch in der Verantwortung des betreffenden Elternteil, der das Kind überwiegend betreut, sich Informationen einzuholen, sich beraten zu lassen, was man selbst tun kann. Denn man kann ein Kind natürlich auch selbst unterstützen und ein bisschen schützen, auch in diesem Trennungsprozess oder im Sorgerechtsverfahren.

Wenn man sich trennt von einem Narzissten beginnt der Albtraum oftmals erst so richtig

Dr. Sandra Hartmann: Ein gängiger Aberglaube ist auch: Wenn man sich getrennt hat von dem Narzissten, hat man das Schlimmste überstanden.

Erika Schewsky: Das ist so richtig typisch. Gerade nach der Trennung können Manipulation und Missbrauch sogar erst noch ihren Höhepunkt erreichen. Das ist ein ganz typisches Verhalten von Narzissten.

Dr. Sandra Hartmann: Was raten Sie Betroffenen nach einer Trennung von einem narzisstischen Partner?

Erika Schewsky: Kommunikation sollte nur noch in Bezug auf die gemeinsamen Kinder stattfinden und das auch nur schriftlich und per E-Mail. Diese Kommunikationsform ist am wenigsten manipulierbar. Alles andere, sobald es um Immobilien oder Unternehmen geht, würde ich an die Anwälte delegieren und gar nicht mehr mit dem narzisstischen Ex darüber sprechen. Die Kommunikation sollte im Allgemeinen kurz, knapp und sachlich bleiben und so wenig wie möglich Erklärungen und Rechtfertigungen enthalten.

Die Klügsten, die Schönsten und die Erfolgreichsten

Dr. Sandra Hartmann: Da haben wir ja nun schon einiges über Narzissmus erfahren und das Wort Narzisst ganz oft benutzt. Woran  erkenne ich jemanden, der eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat?

Erika Schewsky: Dieses Wort wird heutzutage sehr leichtfertig und auch verwendet. Es ist ja quasi schon ein Modewort. Es ist nicht ausreichend, wenn sich eine Person nur etwas egoistisch verhält, schon von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu sprechen. Es geht ja auch gar nicht darum, Diagnosen zu erstellen oder Labels zu verteilen, sondern es geht darum, diese Manipulationsmaschen bekannt zu machen, damit man diese erkennen kann. Diese Mechanismen und Verhaltensmuster sind immer dieselben. Diese Menschen verkraften es nicht, wenn man Kritik übt oder wenn man antworten möchte. Sie möchten sich niemals festlegen, aber den anderen, den möchten sie immer festnageln auf Aussagen oder sofort Antworten haben. Sie verkraften es auch nicht alles, wen etwas oder jemand an ihrem Ego kratzt. Sie haben keine Schwächen, keine Fehler. Sie sind unantastbar. Sie sind die Besten, die Klügsten, die Schlausten, die Schönsten, die Erfolgreichsten. Und alle anderen können ihnen nicht das Wasser reichen  und sie wissen einfach auch immer alles besser. Auch lästern, über andere herziehen, Gerüchte streuen. Schmierenkampagnen, das alles ist ebenfalls typisches nazistisches Verhalten.

Dr. Sandra Hartmann: Oft rutschen Betroffene auch wahnsinnig schnelle in derartige Beziehungen. Man bekommt schnell Kinder mit einem Narzissten, zieht schnell zusammen, wird schnell finanziell abhängig. Und auch bei Trennungen scheinen es Narzissten darauf anzulegen, alles schnell und zu ihren Gunsten abwickeln zu wollen.

Erika Schewsky: Die Manipulationsart, die du beschreibst, nennt sich fast forwarding. Sprich: Alles muss schnell gehen. Die Betroffenen fühlen sich dadurch nicht selten unter Druck gesetzt. Teilweise werden sie auch erpresst. Wenn man jemanden überrumpelt, ist derjenige ist ja oft völlig überfordert in der Situation und weiß überhaupt nicht, was er machen soll. Man sollte in jedem Fall auch nie Entscheidungen treffen, wenn man besonders traurig oder besonders glücklich ist. Da trifft man meistens die falschen Entscheidungen.

Und da kommen sie auch schon angeflogen: die berühmt-berüchtigten Flying monkeys

Dr. Sandra Hartmann:  Und Also lieber nochmal ein paar Nächte darüber schlafen. Ein beliebtes Mittel, das Narzissten nach einer Trennung einsetzen, sind ja auch so genannte Flying Monkeys. Das heißt, der Narzisst entsendet Freunde, Bekannte und/oder Verwandte, um seine Ziele durch seine verlängerten Arme irgendwie umzusetzen. Woran erkennt man denn als Betroffener, dass es sich da um einen Flying Monkey handelt?

Erika Schewsky: Das ist sehr schwierig. Deswegen wäre ich da auch sehr vorsichtig, wem ich mich anvertraue. Ich würde meinen Kreis sehr klein halten und mich generell dazu nicht groß äußern. Wenn sich jemand bei mir melden würde, würde ich das direkt abblocken, wenn da irgendetwas kommt. Stattdessen würde ich freundlich darauf hinweisen: ,Ich freue mich, wenn du dich bei mir meldest und du mir von deinem Leben erzählst. Ich würde mir aber wünschen, wenn wir das Thema um meinen Exmann oder die Trennungssituation aus unseren Gesprächen raushalten, denn das ist eine Sache zwischen ihm und mir.‘

Frau Schewsky, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 




„Narzismus wird oft nicht erkannt“

Gewissenlos, bösartig, empathielos, aber auch durchaus charmant & in seinen Augen grandios & fehlerlos: Narzissten von der ganz gemeinen Sorte. Psychotherapeutin Lucia Völlinger aus Malsch sprach mit dem Nachrichtenmagazin Rubikon unter dem Titel „Unsichtbare Gewalt“ über die verschiedenen Formen eines Krankheitsbildes, das in der Öffentlichkeit noch immer nicht wirklich anerkannt wird.

Wann ist es krankhaft?

„Wir brauchen alle gewisse narzisstische Anteile, um überhaupt überleben und uns abgrenzen zu können.“ Nein-Sagen sei dabei eine wichtige Eigenschaft, erklärt Lucia Völlinger in einem vor kurzem auf youtube veröffentlichten Interview mit dem Nachrichtenmagazin Rubikon. Doch wann ist Narzissmus krankhaft?

„Tragen eine gewisse Leere in sich“

„Wenn es krankhaft wird, tragen diese Personen eine gewisse Leere in sich, sie haben keine Identität. Sie manipulieren ihr Umfeld, das wird ausgesaugt und mit Schuldgefühlen belastet.“ Es findet also eine Entwürdigung des Opfers zur Selbstwertsteigerung des Täters statt?, fragt Jens Lehrich von Rubikon. Genau, sagt Völlinger. Diese Menschen bräuchten eine ständige Selbstwertbestätigung von außen. „Die Gründe hierfür lägen immer in der Kindheit.“

Kindheitstrauma

Narzissten werden auch gerne als Energievampire bezeichnet. Treffe dieser Begriff denn zu, fragt Lehrich. „In jedem Fall. Über Schuldgefühle wird manipuliert. „Ich bin schlecht. Der andere ist gut.“

Wie aber entsteht Narzissmus? „Schaut euch genau an, was ihr mit euren Kindern macht? Was wurde mit euch gemacht?“ Eltern müssen hier sehr genau reflektieren, mahnt Völlinger. Narzissten seien hochtraumatisierte Kinder, die von ihren Eltern auch missbraucht wurden. „Sie entwickeln Überlebensstrategien im Elternhaus. Die Eltern von Narzissten sind in der Regel auch Narzissten. Manchmal findet sich auch bei den Großeltern dieser Typus.“

Komplette Abhängigkeit

„Abwertung, Demütigung, Entwertung, Manipulation, das Kind so zu verbiegen, dass es in eine komplette Abhängigkeit gerät.“ Das alles machen narzisstische Eltern. Ihnen sei es wichtig, so Völlinger, dass nach außen alles perfekt scheine.  Hinter verschlossen Türen müsse ihr nahes Umfeld als Projektionsfläche für ihren Selbsthass herhalten.

Es stecke ein tiefer Selbsthass in Narzissten. „Diesen Selbsthass projizieren sie auf andere. „Alle negativen Anteile werden etwa auf das Kind projiziert.

„Hat der Narzisst eine Chance, zu erkennen, dass er einen Narzisst ist?“, fragt Lehrich. Die Psychotherpeutin lächelt. „Wer bei mir nach einem Termin anfragt, das sind alles keine Narzissten. Narzissten spüren oft nicht, dass etwas mit ihnen nicht stimmt.“ Diese Menschen schauen aus einem gewissen Selbstschutz heraus nicht auf ihren Schmerz, denn das, was da hochkommen würde, würde sie überrollen wie eine Tsunamiwelle.“

Tiefer Selbsthass

„Das heißt, um ihren eigenen Schmerz nicht fühlen zu müssen, übertragen sie diesen auf andere?“, fragt Lehrich. Völlinger nickt und ergänzt: „Selbsthass, Wut, Trauer. Eigentlich sollten sie mit dieser Kiste zu den Eltern gehen und sagen: Hier, nimm das. Aber der narzisstische Elternteil nimmt das nicht an.“

Die Gründe liegen immer in der eigenen Kindheit & Familie

Später drehen sie die traumatisierenden Szenen der Kindheit einfach um und werden vom Opfer zum Täter. „Es gibt da wohl kaum einen Ausweg, oder?“, fragt Lehrich.  Das Problem sei, dass dieses Krankheitsbild nach wie vor ein Tabuthema in der Gesellschaft sei. Für die Kinder bedeutet das oft nur zwei Wege: entweder Unterwerfung oder Co-Abhängigkeit.

Wenn einem jemand ständig sagt: „Du bist nichts wert, du bist dumm oder: du bist hässlich. Dann macht das etwas aus dir“, erklärt Völlinger.

Die Ursache dafür, dass manche Menschen sich das ihr Leben lang gefallen lassen, komme immer aus der Herkunftsfamilie. Aber: Wie schafft man das, aus so einer Verbindung zu treten und solche auch nicht mehr zuzulassen? „Der erste Schritt ist, dass ich das annehme“, sagt Völlinger. Und das sei zugleich der schmerzhafteste und schwerste Schritt.

Teil 2 des Interviews veröffentlichen wir in wenigen Tagen.

(6) RUBIKON: Im Gespräch: „Unsichtbare Gewalt“ (Lucia Völlinger und Jens Lehrich) – YouTube




„Du kannst nichts und du bist nichts ohne mich“

Häusliche Gewalt ist laut Studien in den vergangenen zwei Coronajahren stark angestiegen. Doch nicht immer äußert sich diese Gewalt in blauen Flecken oder gebrochenen Armen. Neben der physischen gibt es die in Deutschland auch vor Gericht noch weitgehend unterbewertete und vielfach unterschätzte psychische Gewalt, unter der Kinder und Partner leiden – oft mit jahrelangen schwerwiegenden psychischen Folgen.

Starke, immer wiederkehrende Abwertungen

Unter psychischer Gewalt versteht man unter anderem starke verbale und immer wieder kehrende verbale Abwertungen eines anderen Menschen in Form von Sätzen wie etwa: „Du bist ein Versager:in“ / „Du kannst / bist nichts (ohne mich)“ / „Du bist nur etwas durch mich“ / „Hau ab, du Fotze, mit deinem Balg“ / „Ohne mich wird es für dich nur noch abwärts gehen“ / „Du hast dankbar dafür zu sein, hier wohnen zu dürfen“ /

Wenig Empathieempfinden, starkes Geltungsbedürfnis

Es gibt einen speziellen Namen für Menschen, die andere ständig und in massiver Form abwerten, um sie zu verletzen und / oder um sich selbst dadurch vermeintlich besser darzustellen: der so genannte Narzisst.

Nicht selten notorische Lügner

Dieser Typus von Mensch hat im Allgemeinen wenig Empathieempfinden für andere Menschen, sein Wohlergehen steht im Mittelpunkt, er reagiert völlig überzogen auf Kritik, ist jedoch andererseits auch ein Meister der Manipulation und kann andere sehr schnell von Dingen überzeugen und für sich vereinnahmen. Für Außenstehende wirken Narzissten oft sehr sympathisch, sie sind gesellig und oftmals beliebt, allerdings kennen sie oft nur schwarz oder weiß. Wer nicht ihrer Meinung ist, kann schnell ausrangiert werden und sie lügen nicht selten ungeniert, um an ihre Ziele zu kommen.

Es gibt auch nette Narzissten

Dr. med Pablo Hagemeyer hat ein Buch über den Typus Narzisst geschrieben und ist auch selbst ein bekennender Narzisst, allerdings ein netter, wie er nach eigener Einschätzunng sagt. Hagemayer differenziert zwischen dem netten Narzissten, dessen Zentrum des Lebens zwar er selbst ist und dem psychopathischen, der sein Umfeld notfalls zerstört, um an seine Ziele zu gelangen beziehungsweise um nach außen gut beziehungsweise besser dazustehen (als andere).

„Gestatten, ich bin ein Arschloch“

Wegen des großen Erfolges des ersten Buches („Gestatten, ich bin ein Arschloch“) hat Hagemayer nun ein zweites Buch veröffentlicht, in welchem er „die perfiden Spiele der Narzissten“ aufdeckt.

Es geht um Macht und Kontrolle

Einem Narzissten geht es demnach oftmals um Macht und Kontrolle. Es gibt aber immer einen Partner, der dieses Spiel mitspielt. In seinen Büchern berichtet Hagemeyer aus seiner psychotherapeutischen Praxis, von Frauen, die vermeintlich alles tun, um ihrem narzistischen Mann keine Bühne zu geben, an die Decke zu gehen: die richtige Kleidung, das korrekte Duschgel, das richtige Waschmittel, richtig putzen, richtig kochen, richtig lachen, richtig sprechen. Oft sind es Alltagsdinge, an denen ein Narzisst im wahrsten Sinne hochgehen kann, wenn sie nicht seiner Vorstellung entsprechen.

Das falsche Duschgel, das falsche Waschmittel und schon kann der Narzisst ungemütlich werden

Die Partner, die das Spiel mitspielen, haben nicht selten Verlassensängste und / oder ein geringes Selbstwertgefühl. Und oft liegen, wer hätte es gedacht, sowohl beim Narzissten als auch beim Partner, die Ursachen eines solchen extremen Verhaltens in der Kindheit. Auch ein Narzisst hat zumeist ein sehr geringes Selbstwertgefühl, das er gerne mit einem großen Auftritt überpinselt. Zu viel oder zu wenig Liebe und traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit können Ursachen derartiger Verhaltensweisen – sowohl von Seiten des Narzissten, als auch von dessen Partner – sein.

Ein toxischer Narzisst (also kein netter) ist zu Anfang einer Beziehung laut Hagemeyer (4 Phasen einer Beziehung mit einem Narzissten):

  • oft extrem nett und aufmerksam, gibt seinem/r Partner:in nicht selten das Gefühl, dass er/sie sich das erste Mal so richtig wohl in einer Beziehung fühlt („love bombing)“. Verhält sich der Partner/in aber nicht so wie erwartet, hagelt es Beschimpfungen und / oder der Narzisst spricht tagelang nichts mit dem Partner. Der Partner wiederum wünscht sich den vorherigen Zustand zurück und passt sich immer mehr so an, dass der Narzisst nichts zu beanstanden hat
  • Der Narzisst übt regelmäßig Kritik an der Partnerin, konfrontiert sie regelmäßig mit Änderungswünschen, treibt sie in die Isolation, wertet sie ab, erlegt ihr Zwänge und Pflichten und erteilt ihr einen Maulkorb („Du kannst gerne anderer Meinung sein als ich, aber dann behalte sie für dich und äußere sie nicht“)
  • „Gaslighting“: Destabilisierung der Partnerin (Wahrheiten werden um 180 Grad ins Gegenteil verkehrt, etwa: „Nicht ich habe dich angeschrien, sondern du mich“) „Hoovering“: Bemühen, den fliehenden Partner wieder an sich zu binden; Senden von „Flying Monkeys“: Freunde, die die Drecksarbeit für den Narzissten machen, um den Ex einzuschüchtern und gewalttägige Äußerungen / Handlungen
  • Hat der Narzisst sämtliche Macht über seine Partnerin verloren, bleibt nur noch die Rache durch Zerstörung – psychisch, physisch, finanziell und juristisch.

Meister der Manipulation

Um eine narzisstischen Beziehung zu verlassen, sollte der Kontakt am besten wenn möglich vollständig zu dem Narzissten abgebrochen werden. Jedweder Kontakt und jede Information wird der Narzisst laut Hagemeyer komplett ins Gegenteil verkehren und gegen den Expartner richten. Gespräche sollten daher nur noch schriftlich oder im Beisein von Dritten erfolgen. Narzissten brauchen Grenzen. Expartner sollten sich daher wehren, wenn Grenzübertritte in jedweder Form erfolgen und sie sollten Fachleute hinzuziehen, die sie mit dem Verhaltensmuster des toxischen Narzissten auskennen. Denn nach wie vor kann der Narzisst nach außen hin wie der nette Nachbar von nebenan wirken – was die Glaubwürdigkeit des Expartners nicht selten untergräbt.

Denn Narzissten sind vor allem eines: Meister der Manipulation.

Text: Dr. Sandra Hartmann