„Du kannst nichts und du bist nichts ohne mich“
Häusliche Gewalt ist laut Studien in den vergangenen zwei Coronajahren stark angestiegen. Doch nicht immer äußert sich diese Gewalt in blauen Flecken oder gebrochenen Armen. Neben der physischen gibt es die in Deutschland auch vor Gericht noch weitgehend unterbewertete und vielfach unterschätzte psychische Gewalt, unter der Kinder und Partner leiden – oft mit jahrelangen schwerwiegenden psychischen Folgen.
Starke, immer wiederkehrende Abwertungen
Unter psychischer Gewalt versteht man unter anderem starke verbale und immer wieder kehrende verbale Abwertungen eines anderen Menschen in Form von Sätzen wie etwa: „Du bist ein Versager:in“ / „Du kannst / bist nichts (ohne mich)“ / „Du bist nur etwas durch mich“ / „Hau ab, du Fotze, mit deinem Balg“ / „Ohne mich wird es für dich nur noch abwärts gehen“ / „Du hast dankbar dafür zu sein, hier wohnen zu dürfen“ /
Wenig Empathieempfinden, starkes Geltungsbedürfnis
Es gibt einen speziellen Namen für Menschen, die andere ständig und in massiver Form abwerten, um sie zu verletzen und / oder um sich selbst dadurch vermeintlich besser darzustellen: der so genannte Narzisst.
Nicht selten notorische Lügner
Dieser Typus von Mensch hat im Allgemeinen wenig Empathieempfinden für andere Menschen, sein Wohlergehen steht im Mittelpunkt, er reagiert völlig überzogen auf Kritik, ist jedoch andererseits auch ein Meister der Manipulation und kann andere sehr schnell von Dingen überzeugen und für sich vereinnahmen. Für Außenstehende wirken Narzissten oft sehr sympathisch, sie sind gesellig und oftmals beliebt, allerdings kennen sie oft nur schwarz oder weiß. Wer nicht ihrer Meinung ist, kann schnell ausrangiert werden und sie lügen nicht selten ungeniert, um an ihre Ziele zu kommen.
Es gibt auch nette Narzissten
Dr. med Pablo Hagemeyer hat ein Buch über den Typus Narzisst geschrieben und ist auch selbst ein bekennender Narzisst, allerdings ein netter, wie er nach eigener Einschätzunng sagt. Hagemayer differenziert zwischen dem netten Narzissten, dessen Zentrum des Lebens zwar er selbst ist und dem psychopathischen, der sein Umfeld notfalls zerstört, um an seine Ziele zu gelangen beziehungsweise um nach außen gut beziehungsweise besser dazustehen (als andere).
„Gestatten, ich bin ein Arschloch“
Wegen des großen Erfolges des ersten Buches („Gestatten, ich bin ein Arschloch“) hat Hagemayer nun ein zweites Buch veröffentlicht, in welchem er „die perfiden Spiele der Narzissten“ aufdeckt.
Es geht um Macht und Kontrolle
Einem Narzissten geht es demnach oftmals um Macht und Kontrolle. Es gibt aber immer einen Partner, der dieses Spiel mitspielt. In seinen Büchern berichtet Hagemeyer aus seiner psychotherapeutischen Praxis, von Frauen, die vermeintlich alles tun, um ihrem narzistischen Mann keine Bühne zu geben, an die Decke zu gehen: die richtige Kleidung, das korrekte Duschgel, das richtige Waschmittel, richtig putzen, richtig kochen, richtig lachen, richtig sprechen. Oft sind es Alltagsdinge, an denen ein Narzisst im wahrsten Sinne hochgehen kann, wenn sie nicht seiner Vorstellung entsprechen.
Das falsche Duschgel, das falsche Waschmittel und schon kann der Narzisst ungemütlich werden
Die Partner, die das Spiel mitspielen, haben nicht selten Verlassensängste und / oder ein geringes Selbstwertgefühl. Und oft liegen, wer hätte es gedacht, sowohl beim Narzissten als auch beim Partner, die Ursachen eines solchen extremen Verhaltens in der Kindheit. Auch ein Narzisst hat zumeist ein sehr geringes Selbstwertgefühl, das er gerne mit einem großen Auftritt überpinselt. Zu viel oder zu wenig Liebe und traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit können Ursachen derartiger Verhaltensweisen – sowohl von Seiten des Narzissten, als auch von dessen Partner – sein.
Ein toxischer Narzisst (also kein netter) ist zu Anfang einer Beziehung laut Hagemeyer (4 Phasen einer Beziehung mit einem Narzissten):
- oft extrem nett und aufmerksam, gibt seinem/r Partner:in nicht selten das Gefühl, dass er/sie sich das erste Mal so richtig wohl in einer Beziehung fühlt („love bombing)“. Verhält sich der Partner/in aber nicht so wie erwartet, hagelt es Beschimpfungen und / oder der Narzisst spricht tagelang nichts mit dem Partner. Der Partner wiederum wünscht sich den vorherigen Zustand zurück und passt sich immer mehr so an, dass der Narzisst nichts zu beanstanden hat
- Der Narzisst übt regelmäßig Kritik an der Partnerin, konfrontiert sie regelmäßig mit Änderungswünschen, treibt sie in die Isolation, wertet sie ab, erlegt ihr Zwänge und Pflichten und erteilt ihr einen Maulkorb („Du kannst gerne anderer Meinung sein als ich, aber dann behalte sie für dich und äußere sie nicht“)
- „Gaslighting“: Destabilisierung der Partnerin (Wahrheiten werden um 180 Grad ins Gegenteil verkehrt, etwa: „Nicht ich habe dich angeschrien, sondern du mich“) „Hoovering“: Bemühen, den fliehenden Partner wieder an sich zu binden; Senden von „Flying Monkeys“: Freunde, die die Drecksarbeit für den Narzissten machen, um den Ex einzuschüchtern und gewalttägige Äußerungen / Handlungen
- Hat der Narzisst sämtliche Macht über seine Partnerin verloren, bleibt nur noch die Rache durch Zerstörung – psychisch, physisch, finanziell und juristisch.
Meister der Manipulation
Um eine narzisstischen Beziehung zu verlassen, sollte der Kontakt am besten wenn möglich vollständig zu dem Narzissten abgebrochen werden. Jedweder Kontakt und jede Information wird der Narzisst laut Hagemeyer komplett ins Gegenteil verkehren und gegen den Expartner richten. Gespräche sollten daher nur noch schriftlich oder im Beisein von Dritten erfolgen. Narzissten brauchen Grenzen. Expartner sollten sich daher wehren, wenn Grenzübertritte in jedweder Form erfolgen und sie sollten Fachleute hinzuziehen, die sie mit dem Verhaltensmuster des toxischen Narzissten auskennen. Denn nach wie vor kann der Narzisst nach außen hin wie der nette Nachbar von nebenan wirken – was die Glaubwürdigkeit des Expartners nicht selten untergräbt.
Denn Narzissten sind vor allem eines: Meister der Manipulation.
Text: Dr. Sandra Hartmann