1

„Zum ersten Mal bezahlter Urlaub“

Mit Beginn des Jahres 2021 ging das medizinische Versorgungszentrum (MVZ) in Künzelsau in Betrieb. Betreiber ist die BBT-Gruppe, die auch das Hohenloher Krankenhaus in Öhringen betreibt. Laut ihrer Homepage betreibt die BBT-Gruppe bereits 15 weitere MVZ, darunter je eines in Wertheim und Bad Mergentheim. Derzeit praktizieren zwei Ärzte im neuen MVZ, der Gynäkologe Dr. Thomas Tischler und der Allgemeinmediziner Dr. Hans-Wilhelm Köhler.  Beide Ärzte waren bereits vorher in Künzelsau tätig.

GSCHWÄTZ hat mit Dr. Köhler über seine berufliche Veränderung gesprochen.

Nach mehreren Jahrzehnten selbständiger ärztlicher Tätigkeit hat der 67-jährige Dr. Köhler seinen Arztsitz an die BBT-Gruppe verkauft und ist jetzt im Angestelltenverhältnis als Arzt im MVZ für die BBT tätig. Auch seine Mitarbeiterin sei ab jetzt bei der BBT-Gruppe angestellt. Das sei natürlich eine große Veränderung nach mehreren Jahrzehnten selbständiger Tätigkeit, aber „zum erstenmal in meinem Leben habe ich jetzt bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall“, schmunzelt er.

„Ein MVZ ist nichts weiter als eine Gemeinschaftspraxis“

Weitere Vorteile für Ärzte sieht er darin, dass der Betreiber viele organisatorische Tätigkeiten übernimmt, was die Bürokratie für den Arzt verringere.

Er sieht einen Bewußtseinswandel in der Ärzteschaft: Nicht mehr jeder wolle selbständig tätig und rund um die Uhr ansprechbar sein. Als angestellter Arzt in einem MVZ könne möglicherweise durch feste Arbeitszeiten und durch moderne Arbeitszeitmodelle eine Work-Life-Balance, wie sie heutzutage von jungen Menschen gewünscht wird, erreicht werden. Gerade für junge Ärzte:innen mit Kindern könnten sich in einem MVZ Perspektiven ergeben.

Für den Patienten ergäbe sich, wenn viele Fachgebiete im MVZ tätig sind, der Vorteil kurzer Wege. Ein weiterer Vorteil könnte sein, dass die BBT-Gruppe Urlaubsvertretungen für die Praxis organisieren könne.

„Ein MVZ ist nichts anderes als eine Gemeinschaftspraxis“, meint Köhler. Und: „Wenn alle Fachgruppen vertreten sind, ist die Organisationsform für den Patienten egal.“

Ein Neurologe fehle in Künzelsau

Insbesondere fehlt seiner Ansicht nach in Künzelsau ein Neurologe, auch ein Arztsitz für einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt sei noch frei – beides sicher Fachgebiete, die ihren Platz in einem MVZ finden könnten.

„Für den Patienten ist mehr Zeit zur Verfügung, weil einige Zeiträuber nicht mehr da sind“

Das MVZ ist Anfang 2021 mit zwei Fachgruppen gestartet, die Organisation der BBT-Gruppe wird gerade eingeführt. So arbeiten die beiden Ärzte derzeit noch mit unterschiedlichen EDV-Systemen. Hier wird aber schnellstmöglich auf das bei der BBT in mehreren MVZ eingesetzte System umgestellt werden, um Verwaltungsvorgänge wie Materialbeschaffung und Abrechnung zukünftig für die ganze Gruppe einheitlich und zentral durchzuführen: „Für den Patienten ist mehr Zeit zur Verfügung, weil einige Zeiträuber nicht mehr da sind“, sieht Köhler diese Verlagerung von Prozessen ins „back-Office“ positiv.

Im GCHWÄTZ-Gespräch.
v.l.: Dr. Sandra Hartmann, Matthias Lauterer, Dr. Hans-Wilhelm Köhler

Text: Matthias Lauterer




Keine Mehrversorgung, lediglich eine Verschiebung

Vor nicht allzu langer Zeit von Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann als Gesundheitscampus angekündigt, gehofft und auch gewünscht. Nun tritt das ein, was viele bereits befürchtet hatten. Als Ausgleich für das wegrationalisierte Krankenhaus öffnet nun ein lange versprochenes MVZ (medizinisches Versorgungszentrum) mit 2 Ärzten, die sowieso schon in Künzelsau praktizieren.

Pilotprojekt Notfallpraxis wurde schnell wieder beendet

Nachdem das Künzelsauer Krankenhaus am 15. November 2019 im Zuge von Sparmaßnahmen des Landes Baden-Württemberg und des Hohenlohekreises geschlossen wurde, da es laut dem Kreistag rote Zahlen schrieb (wir berichteten), kündigte Künzelsaus Rathauschef einen Gesundheitscampus für die Kreisstadt mit einem MVZ im ehemaligen Krankenhausgebäude als Alternative an. Doch bereits die ersten Maßnahmen hierzu waren erfolglos.

Eine Notfallpraxis als Pilotprojekt befanden diverse Kreistagsmitglieder, darunter allen voran Niedernhalls Bürgermeister Achim Beck, für nicht tauglich und beendeten unlängst nach nur wenigen Monaten das Pilotprojekt im ehemaligen Krankenhausgebäude (wir berichteten).

Die Kosten in Öhringen scheinen eine eher untergeordnete Rolle zu spielen

Währenddessen gruben sich Bauarbeiter und Archäologen durch die Untiefen neben dem Öhringer Krankenhausgebäude, da unter der Fläche, auf dem ein neues Krankenhausgebäude für Öhringen und den gesamten Hohenlohekreis entstehen sollte, wertvolle Funde aus der Römerzeit lagerten. Während weiter mit einem spitzen Bleistift in Künzelsau gerechnet wurde und immernoch wird, scheinen die Kosten in Öhringen indes nur eine untergeordnete Rolle.

Ursprünglich sollte das Künzelsauer Krankenhaus erst geschlossen werden, wenn der Neubau in Öhringen fertig ist. Auch dieses Versprechen wurde wie zahlreiche weitere nicht gehalten. I2023 soll der Neubau in Öhringen fertig sein. Im Kreistag fiel diesbezüglich nun der ursprünglich von Künzelsaus Bürgermeister Neumann eingeführte Begriff Gesundheitscampus – allerdings nicht nur Künzelsau, sondern für Öhringen.

BBT Belsebub und Heilsbringer zugleich

Die BBT-Gruppe als Mehrheitseigner des Hohenloher Krankenhauses seit 2019 ist hier Belsebub und Heilsbringer zugleich. Unter der Federführung der BBT zusammen mit dem Hohenlohekreis fiel das Krankenhaus Künzelsau, aber gleichzeitig ließ sie nun ein MVZ im ehemaligen Krankenhausgebäude entstehen – mit sich selbst als Eigentümer. Das bedeutet: die Ärzte, die in das MVZ mit ihrer Praxis ziehen, arbeiten nicht mehr länger selbstständig, sondern als Angestellte der BBT. Das wollen viele Ärzte nicht, erklärte Dr. Krist vor nicht all zu langer Zeit in einem GSCHWÄTZ-Interview.

Mittlerweile haben sich mit dem Allgemeinmediziner Dr. Köhler und dem Gynäkologen Dr. Tischler nun aber doch zwei Ärzte gefunden für das MVZ. Dies bedeutet jedoch keins bessere Gesundheitsversorgung für Künzelsau, da beide bereits in Künzelsau praktizieren.

Ein Mehrwert für Künzelsau stellt dagegen das Hospiz dar, das ebenfalls in das alte Krankenhausgebäude kommen soll, wenn die nötigen Umbauten abgeschlossen sind. Für Sterbenskranke zweifellos ein Segen, so nah sein Hospiz zu haben. Für die alltägliche Gesundheitsversorgung bietet das neue und vollmundig angekündigte MVZ, das ab 2021 an den Start gehen soll, bislang allerdings noch keinen Mehrwert.

Text: Dr. Sandra Hartmann