Still standing
Seit 1914, also vor über 100 Jahren, soll sich der Muttertag allmählich in der westlichen Welt etabliert haben. Er wird immer am zweiten Sonntag im Mai gefeiert. In Coronazeiten sind die Mamis meist mehr gefordert wie andere Familienmitglieder – Managerin, Lehrer:in, Arbeitskraft, Ehefrau, Mutter, Hauswirtschafterin. Der Tag, der eigentlich von Frauenbewegungen auf der ganzen Welt forciert wurde, zeigt im Jahr 2021, dass nach wie vor die Lasten zu ungleich verteilt sind. Und es zeigt auch: Nur Frauen können dies ändern und mehr Gleichberechtigung einfordern.
Elternabende, auch digitale, scheinen nach wie vor Frauensache zu sein
40 Augen gucken die Lehrerin an. Allesamt weiblicher Natur. Auch vier männliche Augen sind dabei, die Männer dazu sitzen neben ihren ebenfalls anwesenden Ehefrauen. Der Anblick eines normalen Elternabends in Deutschland. Derzeit sieht man die Anwesenden coronabedingt lediglich per Videochat, aber auch hier ein ähnliches Bild – obwohl die Männer dieses Mal nicht die Ausrede haben, sie müssen auf die Kinder aufpassen, während Frau in die Schule geht. Elternabende scheinen nach wie vor Frauensache zu sein. Zumindest bei uns auf dem Land, im häufig noch stark konservativ geprägten hohenlohischen Kreis. Ob sich in Berlin ein anderes Bild abzeichnet? Man weiß es nicht, man hofft zumindest.
Das Kind muss zu Hause mehr lernen, sagt die Lehrerin zur Mutter – Wo ist eigentlich der Vater in dem Schulkosmos?
Auch bei Lehrer-Eltern-Gesprächen sitzt da häufig die Mutter, die sich anhören darf, was das Kind kann und was man noch üben müsse beziehungsweise die Mami mit ihm oder ihr üben muss. Väter scheinen in diesem wichtigen Kosmos gar nicht zu existieren. Und wenn, dann ist man nachsichtig. In der Hausarbeit freuen sich Frauen bereits über einen Ehemann, der die Spülmaschine ausräumt. Das ist dann quasi ganz nah dran an Gleichberechtigung. In den 1950er Jahren war das noch verständlich, als der Ehemann der Ehefrau noch ihren Beruf vorschlagen durfte, häufig waren sie aber Hausfrau und kümmerten sich um den Haushalt, während ihre Männer arbeiten gingen. Mittlerweile ist das anders. Fast jede/r zweite Uniabsolvent:in ist weiblich. Dennoch: Der Rest des Familienmanagements darf in ländlichen Regionen noch oft die Frau machen.
8 Bälle gleichzeitig jonglieren – auf Dauer unmöglich – aber wer fragt Frau schon?
Die nun fast 1,5 Ausnahme-Jahre in Coronazeiten haben nun Frauen auch noch zu Lehrkräften bestimmt, beziehungsweise war das nur indirekt Corona. Eigentlich waren es Entscheidungen von Politiker:innen, Politiker:innen, die vermutlich mehr männlich als weiblich waren. So hat Frau vorher 7 Bälle gleichzeitig jongliert, nun kam noch ein gewichtiger 8. dazu. Das geht eigentlich gar nicht. Aber es scheint auch keinen wirklich zu interessieren.
Annalena Baerbock als Vorbild
So richtig vertreten fühlen sich viele Frauen nicht in der aktuellen Politik – trotz einer (allerdings kinderlosen) Frau als Kanzlerin. Vielleicht ist daher die aktuelle Begeisterung um Annalena Baerbock so groß, hat sie es doch geschafft, trotz (!, so wird es leider derzeit immernoch häufig geschrieben von männlichen Journalisten) zweier jüngerer Kinder, Kanzlerkandidatin zu werden. Der Ehemann soll zu Hause das Homeschooling am Laufen halten. Ein unrealistischer Traum vieler Frauen in Deutschland und daher schauen auch viele bewundernd (hoffentlich nicht neidisch oder abwertend) auf Baerbock.
Deutschland: Schade, dess es überhaupt eine Frauenquote per Gesetz braucht
Alice Schwarzer und andere Feministinnen – oft belächelt, auch von Frauen – haben vor allem in den 1970er und 1980er Jahren den Weg bereitet, für ein anderes Selbstverständnis als Frau. Denn: Nur, wenn Frau ihre ungleichberechtigte Rolle erkennt, kann sie selbst etwas tun, um ihre Rechte einzufordern – so wie es jüngst geschehen ist mit der Frauenquote. Das, was in anderen Ländern scheinbar wie selbstverständlich funktioniert, braucht in Deutschland ein Gesetz. Schade eigentlich. Aber demnächst muss es zumindest für größere Unternehmen Pflicht sein, einen gewissen Anteil an Frauen in ihren Führungsebenen vorweisen zu können. Dasselbe täte auch der Politik gut.
Daher: Ein Hoch auf die Mamis dieser Welt, die wieder einmal in einer absoluten Weltkrise, die Räder am Laufen halten.
Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann zum Muttertag 2021.