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„Irgendwann möchte ich in einem echten Zuhause wohnen“

Geht man auf die Internetseite von Alea Horst aus Reckenroth, das zwischen Koblenz und Frankfurt liegt, lacht einen eine dunkelhaarige Frau aus einem Cockpit eines Segelflugzeuges an. Die Hochzeitsfotografin macht aber nicht nur Bilder von den schönsten Momenten im Leben, sondern auch von weniger schönen, teilweise entsetzlich bedrückenden Szenen. Für SOS-Kinderdörfer Sri Lanka war Horst etwa am Hafen von Bangladesch und fotografierte Kinder bei der Arbeit. Dort werden Schiffsschrauben gefertigt und Schiffe zurückgebaut, um Rohstoffe zu gewinnen.

„Dieses Projekt ist eines der emotionalisten, welches ich bisher fotografiert habe“

„Dieses Projekt ist eines der emotionalsten, welches ich bisher je fotografiert habe. In Bangladesch ist Kinderarbeit an der Tagesordnung“, schreibt Horst auf ihrer Homepage. Sie hat dort Kinder fotografiert, die mit dreckigen nackten Füßen, in einem Schiffsrumpf arbeiten, wie sie schweißen und hämmern. Es sind eigentlich unfassbare Fotos im 21. Jahrhundert.

Kleinkind in Bangladesh. Foto: Alea Horst

Weniger schöne, teilweise entsetzlich bedrückende Szenen

Alea Horst hat schon viel gesehen auf der Welt. Die 40-Jährige war in Syrien, Äthiopien, Jordanien und auch in Griechenland. Achtmal allein war sie in Lesbos. Allerdings nicht zum urlauben. Sie hat dort Kinder begleitet, unterstützt und fotografiert, die aus Syrien und anderen Ländern geflohen sind und nun in einem Auffanglager teilweise jahrelang verharren müssen. Entstanden ist daraus ein Buch mit dem Titel:

„Manchmal male ich ein Haus für uns. Europas vergessene Kinder.“

Zainab (12 Jahre, rechts) mit ihrer Freundin Nida. Sie lernten sich nach ihrer Flucht kennen und leben im Containerlager Kara Tepe. Foto: Alea Horst

Zainab: „Das Wichtigste in einer Freundschaft ist es, sich gegenseitig zu helfen und sich gegenseitig zu respektieren. In Nidas Familie gibt es nur eine Wärmflasche. Die bekommt dann immer ihr Bruder, wenn es nachts zu kalt ist. […] Wenn ich groß bin, möchte ich Ärztin werden, weil mein Papa ein Herzproblem hat. […] Ein perfekter Tag hätte nichts mit Warten zu tun. Es gäbe keine Fragen wie: Warum sind wir noch hier? Wann geht es weiter? Wir wären einfach angekommen.“

Dr. Sandra Hartmann hat mir der Fotografin über die Kraft der Bilder gesprochen und die Kraft dieser Kinder in den Lagern.

Alea Horst im Zataari Camp in Jordanien. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Wie oft waren Sie in den Flüchtlingslagern, allen voran Moria auf der griechischen Insel Lesbos, in den vergangenen Jahren?

Horst: „Achtmal bin ich vor Ort gewesen. Die Interviews in dem Buch sind letztes Jahr im Februar 2022 entstanden. Das erste Mal war ich im Januar 2016 dort, dann ab 2020 wieder häufiger. Dazwischen war ich für Hilfsorganisationen in Jordanien, Syrien und Äthiopien. Die Fotos werden von den Organisationen für Spenden verwendet.

Die Schwestern Asra (9 Jahre, links) und Tabasom (6 Jahre) kommen aus Afghanistan und leben im Containerlager in Kara Tepe auf der Insel Lesbos. Foto: Alea Horst

GSCHWÄTZ: Sie haben aber nicht nur fotografiert vor Ort.

Horst: Oft packe ich auch selbst mit an. In Lesbos habe ich sehr viel mit angepackt. Aber es sind immer ganz unterschiedliche Aufgaben, die einen erwarten. 2016 habe ich beispielsweise Nothilfe am Strand geleistet, 2020 habe ich Lebensmittel und Kleidung besorgt, Spenden aus Deutschland organisiert oder Kranke zum Arzt gefahren.

GSCHWÄTZ: Sie leisten hauptsächlich ehrenamtlich Hilfe. Wie finanziert man das als Privatperson?

Horst: Die meisten Einsätze freiwillig und ehrenamtlich. Ich habe das von meinen Rücklagen und meinem Ersparten bezahlt. Mittlerweile bin ich aber so bekannt, dass Organisationen kommen und Bilder abkaufen, aber das steht in keinem Verhältnis, was ich an Ausgaben habe.

Sie haben ein Fotobuch herausgebracht über Kinder in den Flüchtlingslagern auf Lesbos, allen voran aus dem bekanntesten Lager namens Moria, das es mittlerweile nach einem großen Brand nicht mehr gibt. Welches Foto hat Sie dabei am meisten bewegt?

Horst: Das Foto, das mich am meisten bewegt hat, ist ein Junge, der sich nach dem Feuer in Moria auf den Boden gelegt hat, weil es die Verzweiflung und die Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein der Kinder darstellt. Hinter ihm sieht man Schatten von Erwachsenen. Es zeigt, wie erschöpft und traumatisiert die Kinder sind und das andere bestimmen, andere Schatten über ihr Leben bestimmen.

Mohammad Martin (13 Jahre) ist allein mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester aus Aghanistan geflohen, wohnte erst im alten Moria Camp, jetzt im Zeltlager Kara Tepe. Foto: Alea Horst

Mohammad Martin: „Meine Familie und ich kommen aus Afghanistan. Aber dort kann ich nicht leben. Deshalb mussten wir hierherkommen. Wir haben uns das nicht wirklich ausgesucht. Der Weg hierher nach Lesbos hat mir viel Angst gemacht. Einmal habe ich meine Mama verloren an der türkischen Grenze. Ich habe überall nach ihr gesucht. Das war schrecklich. Ich habe keinen Papa. Wir sind nur mit meiner Mama hergekommen. Wenn man die dann verliert, das ist ganz schlimm. Die Flucht ohne Vater ist viel gefährlicher und schwieriger […] Moria ist ein schlimmer Ort. Jede Nacht gab es Krieg dort. […] Auch hier im neuen Lager sind wir schon ausgeraubt worden. Sie kommen nachts in die Zelte und klauen einfach alles, vor allem die Handys und das bisschen Geld.“

GSCHWÄTZ: Haben Sie selbst Kinder?

Horst: Ich habe zwei Kinder im Aller von 21 und 22 Jahren. Meine Tochter war mit mir schon einmal in Moria und hat dort zwei Monate als Englisch- und Deutschlehrerin gearbeitet.

GSCHWÄTZ: Wie nah kommt man den Kindern in den Lagern?

Horst: Ich arbeite viel mit Kindern, auch in anderen Ländern. Es dauert in der Regel nicht lange, dass man sich mit Kindern anfreunden kann, weil sie so ein Urvertrauen haben. Bei mir geht es immer schnell. Die spüren auch, wenn man es gut mit ihnen meint, wenn man versucht, Situationen nur ein kleines bisschen besser versucht zu machen. Sie erzählen, was sie für Sorgen machen, um ihre Mütter zum Beispiel. Wenn Sie spüren: Ich bin nicht irgendein Journalist, sondern ich bin wirklich interessiert an ihrer Geschichte.

Qutbuddin (8 Jahre) aus Afghanistan lebt mit seinen drei Brüdern, seiner Schwester Samira und seinen Eltern im Lager Kara Tepe. Foto: Alea Horst

Qudbuddin: „Im Zelt gibt es keinen Tisch und keine Stühle oder Betten. Es ist einfach nur Boden. […] Ich habe immer wieder Albträume. Die größte Angst ist dann, dass der Regen in unser Zelt kommt und das Zelt kaputtgeht oder wegfliegt. […] Ich träume dann, dass wir wieder auf der Straße sind, wie damals nach dem Feuer [Anm. d. Red.: im Lager von Moria] oder als wir in der Türkei aus dem Gefängnis gekommen sind. Oder ich träume, dass wir ins Meer treiben und untergehen, weil unser Zelt so nah am Wasser steht. Irgendwann möchte ich in einem echten Zuhause wohnen.“

GSCHWÄTZ: Wie traumatisiert sind die Kinder?

Horst: Ich hatte ein Gespräch mit der Kinderpsychologin von Ärzte ohne Grenzen. Manche Kinder haben ständige Angst vor Alpträumen. Sie träumen, was sie im Herkunftsland erlebt haben, von ihrer Flucht, von ihrem  Leben im Lager, von Vergewaltigungen. Sie sind retraumatisiert, ruhelos, rastlos. Ein Mädchen sagte mir: „Ich würde gerne mal eine Woche an einem ruhigen Ort sein, schlafen und alles vergessen.“ Sie sehnen sich nach einem Fels, nach einem Zuhause. Nach einem sicheren Ort.

Tajala (10 Jahre) aus Afghanistan lebte mit ihren Eltern und ihren vier Geschwistern vor dem Brand im alten Moria, zwischenzeitlich auf der Straße und jetzt im Zeltlager Kara Tepe. Foto: Alea Horst

„Ich habe noch Erinnerungen an das alte Moria. Erst hatten wir ein Iglu-Zelt. Das war natürlich für uns alle zu klein. Dann hat mein Papa angefangen, aus aus Holz und Plastikplanen eine Zelthütte zu bauen. Dann hatten wir mehr Platz. Aber dann kam das Fuer und alles ist verbrannt. Wir haben alles verloren. Wir waren dann 10 Tage auf der Straße. Wir konnten nirgendwohin, sondern mussten auf dem Bürgersteig bleiben. Die Polizei stand am Anfang und am Ende der Straße und hat den Weg versperrt. Die Polizei hat dann auch noch Tränengas geschossen. Das waren wirklich sehr schlechte Tage, und es war schwer für uns. Ihr müsst euch das so vorstellen: Wir hatten nicht genug zu essen. Wir hatten ja nicht mal Decken. Wir haben auf Pappe geschlafen, die wir irgendwo gefunden haben. Es gab nicht mal Wasser. Ich habe gedacht, dass uns die Polizei vielleicht etwas zu essen gibt, aber stattdessen kam das Tränengas.“

GSCHWÄTZ: Wie macht sich diese Retraumatisierung konkret bemerkbar?

Horst: Es gibt starke Verhaltensauffälligkeiten. Eine Junge sagte mir: „Ich weiß nicht mehr, wie spielen geht.“ Die Kinderpsychologin berichtet, dass Kinder auf einmal nicht mehr laufen können oder sie verletzen andere Kinder stark. Auf diesen Kindern liegt ein wahnsinniger Druck, die Familie hat das Land verlassen. Wir sind zu alt, um in einem neuen Land nochmal voll durchstarten zu können, aber du wirst das schaffen und du wirst das Geld für uns verdienen, um uns mitzufinanzieren. Die ganze Hoffnung der Familie ruht auf ihren Schultern. Ein Mädchen sagte: „Der Traum von einem guten Leben ist für mich vorbei“, weil sie so lange nicht zur Schule gegangen ist.

Fares (11 Jahre) lebt mit seinen vier Brüdern und Schwestern, seiner Mutter, seinem Vater sowie dessen Zweitfrau und Baby in einem Zelt im Zeltlager Kara Tepe. Foto: Alea Horst

Fares: „Alles hat angefangen, sagt mein Papa, als ich neun Jahre alt war. Da ist eine Bombe auf das Nachbarhaus gefallen. Mein Freund ist dort gestorben. Seitdem habe ich diese Schwierigkeiten mit den Gedanken. Ich habe keine Erinnerungen mehr, an nichts mehr. Ich kann mich nicht an Syrien erinnern und auch nicht an den Weg hierher. Es ist nichts mehr da. Morgens weckt mich meine Mama. Sie sagt immer, ich soll rausgehen, spielen. Aber ich kann nicht mehr spielen. Ich weiß nicht mehr, wie das geht.“

Was wäre ihr größter Traum?

Horst: Ich würde mir eine sofortige Auflösung der Lager wünschen. Die Menschen müssen evakuiert und sicher verteilt werden. Wir züchten dort Kriminalität. Ständige Retraumatisierung führt zu einem Verlust des Urvertrauens. Diese Menschen vertrauen anderen Menschen irgendwann nicht mehr. Wir entscheiden dass, das die Menschen dort kaputt gehen. In Afghanistan und im Irak droht den Menschen der Tod, aber überall anders werden sie teilweise auch verprügelt, haben die Krätze, werden von Ratten angefressen. Also lautet die Devise: Entweder lasse ich mich ausrauben oder raube selber aus. Die Menschen bekommen 70 Euro pro Person in einem Flüchtlingslager pro Monat in Griechenland. Es herrscht dort eine wahnsinnige Behördenwillkür. Ohne Rechtsbeistand sind die Chancen gleich Null, dass man einen positiven Asylbescheid bekommt.

Adonai (12 Jahre) aus dem Kongo lebt mit seinen Schwestern und seinen Eltern im Zeltlager Kara Tepe. Sein Bruder, von dem Adonai spricht, ist nicht mit im Camp. Foto: Alea Horst

Adonai: „Ich würde gerne etwas lernen. Aber ich gehe nicht zur Schule. Nicht eine Stunde Unterricht habe ich. Dabei möchte ich gerne etwas lernen. Mein Problem ist, dass ich ja älter werde. Die Zeit vergeht. Seit so langer Zeit bin ich jetzt hier und lerne nichts. Wie soll ich das alles irgendwann nachholen? Ich habe kein Wissen. […] Am meisten leide ich, wenn ich ohne Essen ins Bett gehe.“

Sie fahren, während wir telefonieren, zu ihrer nächsten Lesung.

Horst: Jetzt geht es nach Dresden, ich lese dort vor Schulklassen, von der vierten bis zur siebten. Und ich bekomme dabei immer viele Fragen gestellt. Krieg und Verfolgung ist oft ein Tabuthema zu Hause. Die Kinder wollen wissen, wie das ist, wenn man Angst hat, Angst um sein Leben. Sie sind total begeistert, wenn sie mit mir darüber sprechen können, wie es in einem Flüchtlingslager aussieht. Kinder verfallen dann nicht in eine lähmende Hilflosigkeit, wie es oft bei Erwachsenen der Fall ist, sondern bringen Ideen ein, wie sie helfen könnten, etwa mit Waffeln backen, verkaufen und das Geld dann spenden. Kinder haben immer tolle Ideen für Frieden und ein besseres Miteinander.

Zum ersten Mal seine Geschichte erzählt

Es sind viele Kinder mit Fluchterfahrung in den Klassen. Das hat ihnen sehr geholfen, sich zu öffnen. Ihre schreckliche Vergangenheit auch anerkannt zu bekommen. Ein syrischer Junge hat davon erzählt, wie man auf sein Boot geschossen hat und wie er in der Türkei seine Mama verloren hat. Seine Schulkameraden haben ganz gespannt zugehört, wie er zum ersten Mal seine Geschichte erzählt hat.

Verein

Hilfsprojeke, Bildung, Zukunftsbau: Alea Horst hat einen Verein gegründet mit dem Namen Alea e.V.

Der Verein steht für soziale Gerechtigkeit, Gemeinwohl, Respekt, Gemeinschaft, Würde und Frieden. Damit werden unter anderem soziale internationale Projekt unterstützt. Der Verein freut sich über Spenden.

Das im März 2022 erschienene Buch: „Manchmal male ich ein Haus für uns. Europas vergessene Kinder“ von Alea Horst und Mehrdad Zaeri ist beim Klett Kinderbuchverlag erschienen. Für 16 Euro kann man es überall kaufen, unter anderem bei Amazon: https://www.amazon.de/Manchmal-male-ich-ein-Haus/dp/3954702630

Buchcover: „Manchmal male ich ein Haus für uns.“

Text: Dr. Sandra Hartmann




„Erst Zehntausende, dann Hunderttausende, dann Millionen“

Die Debatte in der Kreistagssitzung vom 09. Oktober 2020 über die beiden Anträge von GRÜNEN und SPD sowie der AfD zur Aufnahme weiterer Flüchtlingsfamilien aus Moria wurde von allen Beteiligten mit viel Emotion geführt. Bereits in seiner einleitenden Rede wies Landrat Dr. Neth auf die Polarisierung der Gesellschaft beim Thema Flüchtlingspolitik hin und holt sich Unterstützung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der kürzlich darauf hinwies: „Eine solche Polarisierung dient unserer Gesellschaft nicht.“ Neth beginnt in Europa, wenn er sagt „Auf den griechischen Inseln erkennen wir die Probleme europäischer Flüchtlingspolitik“, der fehlende Diskurs macht ihn traurig und er kommt zu dem Schluß, dass wir unserem europäischen Anspruch nicht gerecht werden und äußert Kritik an der Bundesregierung: Defizite sieht er vor allem bei der fehlenden Klarheit der Regelungen sowie der Nichtrückführung von Menschen, die rechtskräftig kein Aufenthaltsrecht in Deutschland haben.

„Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich“

„Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich“, zitiert er den ehemaligen Bundespräsidenten Gauck. „In unserer Empathie wollen unsere Herzen weit sein. Wir wollen helfen.“, sagt er. Er verweist aber auf den Spagat zwischen dem Wollen und der „Begrenztheit unserer Möglichkeiten“ sowie der „Bereitschaft der Bevölkerung diesen Kurs mitzutragen.“

War seine Rede bis dahin empathisch, ging Neth im Folgenden auf die trockene rechtliche Situation ein. Die Flüchtlinge werden den Kreis vom Land nach einem Verteilungsschlüssel zugewiesen. „Über eine höhere Zuweisung hat nicht der Landkreis zu entscheiden, sondern der Bund oder das Land.“ Der Handlungsspielraum des Kreistags sei beschränkt: „Der Kreistag hat kein allgemeinpolitisches Mandat, er kann seine Gestaltungsmacht in kommunalpolitischen Themen nutzen“ und belegt das ganz aktuell: „Das Innenministerium hat dem SWR heute mitgeteilt: Es besteht kein Handlungsbedarf – alle Ankommenden werden verteilt.“

Er schließt damit, dass er den Antrag von GRÜNEN und SPD als ein Zeichen versteht: „Ich verstehe Ihren Antrag so, dass sie damit ein Zeichen setzen wollen, dass unsere Herzen im Hohenlohekreis weit sind, bei aller Begrenztheit unserer Möglichkeiten.“ Erst zaghafter, dann breiter Beifall aus den Reihen des Kreistags begleitet das Ende seiner Rede.

Braun (GRÜNE): Ein Zeichen setzen für Menschlichkeit

Im Anschluß begründet Martin Braun (GRÜNE) den Antrag: Er fordert eine schnelle und unbürokratische Reaktion auf die Situation auch im neuen Lager Moria: „Schlimmer geht immer“. Besonders der Schutz für Frauen und Kinder sei im neuen Lager Moria nicht mehr gegeben. „Der Hohenlohekreis hat sich Kapazitäten für eine weitere Flüchtlingswelle vorgehalten, diese können genutzt werden“, meint er. Die Kosten seien überschaubar. Er verweist darauf, daß eine gesamteuropäische Lösung in weiter Ferne liegt. „Gute und partnerschaftliche Wirtschaftsbeziehungen mit den Herkunftsländern auf Augenhöhe würden die Fluchtursachen verringern“ – stattdessen würden unsere Waffenexporte die politischen Verhältnisse vor Ort manifestieren und Fluchtursachen verstärken. Er ist sich klar, dass der Hohenlohekreis diese Probleme nicht lösen kann. Der Antrag soll daher einen kleinen Beitrag leisten und ein Zeichen setzen.

Baron (AfD): „Sie interessieren sich niemals für das Schicksal der Einheimischen“

Anton Baron (AfD) beginnt die Begründung seines Antrags, indem er den Konkurrenzantrag erst als „scheinbar maßvoll“ bezeichnet, dann aber umgehend auf dessen „fatalen Folgen“ eingeht. Zwar herrsche in den Herkunftsländern Armut, „aber für Radio, Fernsehen und Internet reicht es dann doch“, zumindest für die Mittelschicht. Die Ärmsten der Armen könnten sich die „Reise“ mit den Schleppern eh nicht leisten. Die Nachrichten würden eine Sogwirkung auslösen, der „erst Zehntausende, dann Hunderttausende, dann Millionen nachfolgen“. Er will „dem Sterben ein Ende bereiten, indem wir nicht noch mehr Menschen zu dieser Reise animieren“ und bezeichnet die Politik von GRÜNEN und SPD als „zutiefst inhuman und unklug“. Er verweist auf die Ursprungsländer, die ihre Mittelschicht durch Flucht verlören und auf das Leid der „einheimischen Bevölkerung auf Samos und Lesbos“: „Sie interessieren sich niemals für das Schicksal der Einheimischen sondern ausschließlich für das der Migranten. Damit tragen Sie zu einer weiteren Verschlechterung des Rufs unseres Landes bei“.  Das Ganze sei eine „Migration im Fluchtmantel“. Er fordert „Humanität und Rationalität statt gefährlicher Blauäugigkeit“.

Schenk (FDP): „Bankrotterklärung der europäischen christlichen geprägten Werteordnung“

Mit Michael Schenk (FDP) beginnt die Diskussion: „Menschlich gesehen können wir den Antrag der Grünen und der SPD verstehen“, er könne aber trotzdem nicht zustimmen, denn der Antrag könne die Probleme nicht lösen: „Nicht jeder Landkreis kann eine eigene Flüchtlingspolitik betreiben. Wir brauchen eine europäische Lösung“. Die Flüchtlingssituation sei eine „Bankrotterklärung der europäischen christlichen geprägten Werteordnung“. Der Hohenlohekreis komme seinen Verpflichtungen nach, die Aufgabe des Hohenlohekreises sei die Versorgung der zugeteilten Flüchtlinge. Er vermißt in der Bundesrepublik ein modernes Einwanderungsrecht. Auf den Antrag der AfD wollte er gar nicht eingehen.

Moll (AfD): „Anreiz, weitere Lager anzuzünden“

Jens Moll (AfD) bezeichnet den Antrag von GRÜNEN und SPD als „Gut gemeint ist nicht gut gemacht“. Für die derzeitige Lage in Moria seien die Flüchtlinge „aufgrund einer durch Brandstiftung selbst verursachten Brandkatastrophe“ verantwortlich. Er behauptet, dass die griechische Regierung den Transfer von Flüchtlingen nicht als humanitären Akt sondern als „Anreiz, weitere Lager anzuzünden“ verstehe. Er fordert zu Spenden für UNICEF auf, denn mit dem Geld, das man für einen Flüchtling aufwende, könne man 83 Kinder ernähren. Er und Anton Baron würden das Sitzungsgeld entsprechend spenden. Mit dem Appell, vor Ort zu helfen und den AfD-Antrag zu unterstützen, beschließt er seinen Beitrag.

Kern (LINKE): Rohstoffe, Öl, Machtinteressen vor Ort

Ernst Kern (LINKE) ist erschüttert über seinen Vorredner. „Wenn gesagt wird, daß es inhuman ist, Menschen hierherzubringen“ beginnt er und bezeichnet die Menschen in Moria als „eingesperrt“. Er zitiert das Grundgesetz mit „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und sieht dies nicht erfüllt. Er fordert auf, ein Zeichen zu setzen: „Ein Zeichen, dass wir bereit sind, mehr zu tun.“  Die Politik an sich müsse an ganz anderen Punkten ansetzen: Rohstoffe, Öl, Machtinteressen vor Ort. „Damit werden Menschen zerstört – ich sehe nichts, was wir dagegen tun.“

Kircher-Wieland (SPD): „Es geht um die moralische Verpflichtung“

Irmgard Kircher-Wieland (SPD) „muß tatsächlich tief durchatmen, wenn ich die AfD höre und ich schäme mich dafür:“ Sie will mit ihrem Antrag Druck nach oben erzeugen, dass man sich bewegt, „und Politiker über uns aufrütteln.“ „Es geht um die moralische Verpflichtung, hier geht’s gar nicht mehr ums Recht. Wir kennen unsere Grenzen.“, legt sie Wert auf den Symbolcharakter des Antrags. „Wir müssen unsere Stimme erheben, um in den Köpfen der Menschen anzukommen, auch in den Köpfen der AfD.“

Kern (GRÜNE): „Wir können für ein paar Menschen Sicherheit geben.“

Catherine Kern (GRÜNE) sieht „draußen auf den Straßen ein Stück weit Hilflosigkeit“.  Die Menschen würden sich fragen, was können wir machen. „Wir können keine europäische Politik machen, aber wir können für ein paar Menschen Sicherheit geben.“

Schmidt (AfD) spricht von Brandstiftern und Straftaten

Für die AfD antwortet Thomas Schmidt: Er sieht zwar den menschlichen Aspekt, verweist aber auf Menschen in Hohenlohe, denen zu helfen sei, zum Beispiel Obdachlose oder flaschensammelnde Rentner. „Es kann nicht sein, dass wir von Moria die Brandstifter herüberholen. Die Leute, die das fordern, die sollen doch die Familien zu sich nach Hause holen als Patenschaft und lebenslang für alle Straftaten zahlen und für die Kosten aufkommen.“

Dubovy (FWV) sieht gerade Politiker von GRÜNEN und SPD in Regierungsverantwortung in der Pflicht

Auch Thomas Dubowy (FWV) kann den Positionen der AfD nichts abgewinnen: „Nach den flachen Worten fällt es mir schwer, sachlich zu bleiben.“  Er versteht sehr gut, dass man konkret über die Hilfe für Notleidende nachdenkt. Er bemängelt am GRÜNEN/SPD-Antrag, dass damit der „Gegenseite“ ein unnötiges Forum gegeben würde. Das, was er von AfD-Seite gehört hat, hätte ihn beinahe noch umgestimmt. Allerdings sieht er den politischen Erfolg, vielen Menschen zu helfen, mit einem lokalen Antrag nicht erreicht. „Wir brauchen eine europäische, eine bundesrepublikanische oder zumindest eine Landeslösung.“ Er sieht auch gerade die Politiker der GRÜNEN und der SPD, die ja auch in Regierungen vertreten sind, in der Pflicht.

Böhnel (FWV): „Was mir noch fehlt, ist der positive Ausblick“

Sein Fraktionskollege Robert Böhnel hat „viele pathetische Worte“ gehört. „Was mir noch fehlt, ist der positive Ausblick, den der Antrag von GRÜNEN und SPD widerspiegelt: Dass Zuwanderung einen positiven Aspekt für uns haben kann.“ Er berichtet von guten Erfahrungen: „Wir haben uns entschlossen, gerade Familien zu uns zu holen, weil die am einfachsten zu integrieren sind.“ Er fordert den Abbau bürokratischer Hemmnisse, um Familien leichter integrieren zu können und stellt mit Verweis auf die Altersstruktur des Landes fest: „Wir brauchen diese Familien“.

Kübler (SPD): „Es ist leicht, Verantwortung auf andere zu wälzen.“

Nachdem Martin Braun (GRÜNE) nochmals bekräftigte, dass der Antrag ein Zeichen auch für andere Städte und Kreis setzen soll, kommt als letzte Rednerin der Debatte Sabine Kübler (SPD) zu Wort: „Mich nimmt diese Diskussion echt mit. Wir haben alle Verantwortung und es ist leicht, Verantwortung auf andere zu wälzen.“ Sie verweist auf christliche und humanitäre Verantwortung und schließt mit „diese Diskussion tut mir richtig weh.“

CDU leistete keinen Debattenbeitrag

Nur von der CDU hat sich kein Vertreter zu Wort gemeldet.

Neth geht auf persönliche Hilflosigkeit ein

Die Hilflosigkeit, von der Catherine Kern sprach, nahm Landrat Dr. Matthias Neth in seinem Schlußwort nochmals auf: „Jeder von uns muß klären, wie er mit dieser Hilflosigkeit umgeht, dass wir eine Dimension der Flüchtlingskrise haben, die so weit über dem steht, was hier mit unseren Möglichkeiten vor Ort zu bewältigen ist.“

Wie bereits berichtet, wurde der Antrag von GRÜNEN und SPD mit 16 gegen 19 Stimmen abgelehnt, den AfD-Antrag wurde mit 3 gegen 32 Stimmen abgelehnt.

Text: Matthias Lauterer

 

 

Coronabedingte Sitzordnung. Foto: GSCHWÄTZ

 

Thomas Schmidt (AfD): „… und lebenslang für alle Straftaten zahlen und für die Kosten aufkommen.“ Foto: GSCHWÄTZ

 

Sabine Kübler (SPD) und Fraktionskollege Hans-Jürgen Saknus im Gespräch. Foto: GSCHWÄTZ

 

 




Moria – Eine Frage der Ehre für den Hohenlohekreis

Der Kreistag des Hohenlohekreises kommt am 09. Oktober 2020 zusammen, um über den Antrag der Grünen/SPD abzustimmen, vier weitere Flüchtlingsfamilien – bevorzugt aus dem Flüchtlingslager Moria mit seinen katrastrophalen Verhältnissen – aufzunehmen. Die AfD hat einen Gegenantrag gestellt, mit dem Ziel, diesen Antrag abzulehnen.

GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann hat in ihrem Kommentar eine klare Meinung zu dieser Entscheidung.

Als „lächerlich“ bezeichnet Hartmann die Diskussion über die Aufnahme von vier weiteren Familien aus dem Krisengebiet, angesichts dessen, dass dort laut diversen Medienberichten rund 12.000 Menschen auf engstem Raum unter katastrophalen Bedingungen ausharren – darunter Kinder, Frauen, Kranke, Menschen mit Behinderung. Auch das neue geschaffene Flüchtlingslager soll nicht wirklich besser sein. „Also um was reden wir hier eigentlich? Ob wir vier Familien im Hohenlohekreis Zuflucht bieten können/wollen/dürfen? Hier geht es nicht um kulturelle Fragestellungen, nicht darum, von vie Familien „überrannt“ zu werden, sie möglicherweise nicht integrieren zu können, sondern lediglich um die eine zentrale Frage: Wie menschlich sind wir? Die Entscheidung des Kreistags müsste klar sein.“

Für Euch vor Ort: GSCHWÄTZ – Das Magazin | Wir lieben unser Ländle | www.gschwaetz.de

 

Katastrophale Zustände herrschen laut diversen Medienberichten in dem Flüchtlingslager Moria.

GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann