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„Ich wurde im Zug angesprochen, als ich 12 zwölf war“

Die 20-jährige Jasmin Beyer aus Kupferzell arbeitet seit vier Jahren als Model. Im September 2021 geht es nach Mailand. Wie sie wurde, was sie ist und warum GNTM nicht das Gelbe vom Ei sein muss – darüber haben wir mit der Abiturientin gesprochen.

GSCHWÄTZ:  Wurdest Du klassisch irgendwo auf der Straße angesprochen?

Beyer: Ich wurde tatsächlich zweimal angesprochen im Zug, da war ich 12 Jahre alt. Das war von einer Agentur in Würzburg.

GSCHWÄTZ: Dann stimmt es schon, wenn man sagt, es gibt klassische Schönheitsmerkmale, die man als Model mitbringen muss, oder?

Beyer: Man sagt, es gibt nicht mehr die klassischen Schönheitsmerkmale. Es gibt bestimmte Typen und es gibt Agenturen für bestimmte Typrichtungen.

GSCHWÄTZ: Was bist du für ein Typ?

Beyer: Ich bin in meiner Agentur mittlerweile wieder ein anderer Typ als die anderen Modellkolleginnen. Rund 600 Modelkolleginnen gibt es in der Agentur, fast alle haben lange Haare, so wie ich früher.

GSCHWÄTZ: Auf früheren Fotos hast Du lange leicht gewellte braune Haare. Was hat Deine Agentur zu Deiner Typveränderung gesagt?

Beyer: Es war meine Entscheidung, sie abzuschneiden (lacht). Eigentlich muss ich das aber alles absprechen mit meiner Agentur. Ich bin durch Künzelsau gelaufen und ich dachte, ach, machste mal eine Typveränderung. Und dann habe ich mir die Haare abschneiden lasse zu einem Shortbob in einem Friseurgeschäft in Künzelsau. Meine Agentur fand es im Nachhinein sehr gut. Blond färben oder Strähnchen wären aber nicht so doll gewesen. Ich mache teilweise High Fashion / Fashion und teilweise commercial. Ich bin quasi multifunktionell einsetzbar.

GSCHWÄTZ: Du bist nun seit rund zwei Jahren bei der Modelagentur Most wanted Models mit Sitz in München und in Hamburg. Wie hast Du den Einstieg ins Modellbusiness letztendlich geschafft?

Beyer: Mit 16 Jahren hat meine Nachbarin ein Shooting  gemacht und ich habe dann die Bilder geliked bei Instagram. Der Fotograf hat mich daraufhin angeschrieben, ob ich auch ein Shooting machen möchte bei ihm. Da war ich dann schon aufgeregt. Man muss schließlich wissen, wie man sich bewegt und welche Posen gut ausschauen.

GSCHWÄTZ: Hast Du dafür Geld bekommen?

Beyer: Nein. So etwas nennt sich TFP (time fot prints). Das bedeutet, dass das Modell und der Fotograf beide kostenlos arbeiten. Nach dem Shooting können die Fotos beide nutzen, um ihr Portfolio zu erweitern. Andere Fotografen sind danach auf mich zugegangen und ich auf sie. So habe ich immer mehr Fotos für eine professionelle Fotomappe sammeln können. Es gibt sehr viele, die modeln möchten. Man muss selbst schon sehr viel Eigeninitiative mitbringen. Viel lief bei mir über Instagram, viel connecten, viel social networking. Auf sich aufmerksam machen. So verbessert man sich auch und baut eine immer größere Reichweite auf (Anm. d. Red.: Auf Instagram folgen Jasmin Beyer bereits über 11.000 Menschen). Mittlerweile hat mich die Agentur angeschrieben, dass ich auch andere Plattformen bedienen soll, youtube und Tiktok zum Beispiel.

GSCHWÄTZ: Das heißt, Bewegtbild spielt auch im Modellbusiness eine immer größere Rolle?

Beyer: Ja, auch bei Castings muss man immer ein eCasting-Video hinschicken. Videocastings sind durch Corona verstärkt gekommen. Ich habe auch eine Zeit gehabt, in der ich mir klar werden musste: Wer bin ich, was präsentiere ich und wofür stehe ich überhaupt?

GSCHWÄTZ: Und was präsentierst Du beziehungsweise für was möchtest Du stehen?

Beyer: In jeden Fall Offenheit und dass dieses Körperbild, das existiert, breiter wird. Ein Model sollte die Werte nicht genau vorschreiben, wie jeder sein sollte. Ich finde es gut, dass es curvy models gibt, body positivity nennt sich das. Es werden mittlerweile Models mit Zahnlücken gefragt, Sommersprossen, mit dicken Augenbrauen. Das finde ich gut. Es wird von den Kunden gezielt nach etwas Besonderem gesucht.

GSCHWÄTZ: Du selbst hast ja Modelmaße. Bei einer Größe 1,77m wiegst Du um die 56 kg. War das schon immer so?

Beyer: Ich muss auf mein Gewicht achten. Ich gehe jeden zweiten Tag für 1 Stunde ins Fitnessstudio. Dort mache ich gemeinsam mit Freundinnen Ausdauer- und Krafttraining. Ich achte auf eine gesundere Ernährung, ernähre mich vegetarisch und esse viel Obst und Gemüse.

GSCHWÄTZ: Wie bist Du denn zu Deiner Modelagentur Most Wanted Models gekommen?

Beyer: Ich habe gegoogelt, welche Agenturen gut und seriös sind (=> Welma). Dann habe ich mir einen Tag von der Schule freigenommen und bin mit meiner Fotomappe nach München gefahren und habe mich persönlich bei 7 oder 8 Agenturen vorgestellt. Die Fotos hatte ich zuvor noch bei Rossmann ausgedruckt. Bei der ersten Agentur war ich noch ein bisschen aufgeregt, aber das hat sich dann ganz schnell gelegt. Die Leute in den Agenturen waren alle sehr nett. Jeder hat Polaroids von mir gemacht. Rückmeldungen kamen dann nach zirka zwei Wochen. Die meisten Mädchen bewerben sich online, aber ich fand‘s besser, persönlich hinzugehen.

Jasmin Beyer hat dann gleich mehrere Angebote von Agenturen erhalten. Für ihre jetzige Agentur hat sie sich entschieden, weil die Mitarbeiter:innen dort gleich „sehr offen, freundlich und herzlich“ zu ihr waren. „So kann dann auch eine gute Zusammenarbeit gewährleistet sein“, sagt sie.

GSCHWÄTZ: Wolltest Du schon immer Model werden?

Beyer: Nein, ich bezeichne das auch als mein Hobby. Ich mache das aus Leidenschaft. Es ist aber derzeit tatsächlich mein Hauptberuf.

GSCHWÄTZ: Gibt es unter den Modellkolleginnen auch Zickenkriege?

Beyer: Bisher habe ich nur gute Erfahrungen mit anderen Models gemacht. Anfang September 2021 gehe ich nach Mailand in ein Modelappartment. Zufälligerweise sind bereits andere Models, Stylisten und Fotografen dort, die ich schon kenne. Das macht es leichter. Models, die etwas abgehoben sind, werden, wenn sie Pech haben, nicht wieder gebucht. Man muss als Model schon sehr flexibel sein und anpassungsfähig.

Model Jasmin Beyer aus Kupferzell. Foto: privat

In Mailand ist Jasmin für mindestens sechs Wochen. Vertreten wird sie dort nicht von ihrer deutschen Modelagentur, das ist quasi ihre Mutteragentur, sondern von einer Agentur vor Ort, von der sie zu verschiedenen Castings geschickt wird.  

Beyer: Bei den Castings ist es schon schwierig. Da muss man sich hervorheben. Mit der Kleidung, aber auch nicht zu auffällig, mit der Frisur, mit dem Charakter.

GSCHWÄTZ: Welche Charaktere sind denn derzeit gefragt?

Beyer: Offene Body-positity-Charactere sind gesucht. Aber das ist schwer zu sagen, denn es gibt für jeden Kunden und jede Message, die vermittelt werden soll, einen anderen Modelltyp.

GSCHWÄTZ: Ist Germanys next topmodel (GNTM) mit Heidi Klum ein guter Einstieg ins Modelleben?

Beyer: Es ist schwierig, nach GNTM als Model zu arbeiten, denn viele arbeiten zunächst im Influencerbereich. Dennoch ist es natürlich ein ein guter Einstieg und eine gute Möglichkeit, wenn man es richtig macht.

GSCHWÄTZ: In Kupferzell lebst Du derzeit noch bei Deiner Ma. Was sagt sie zu Deiner steilen Karriere mit nur 20 Jahren?

Beyer: Meine Mama ist sehr stolz und unterstützt mich sehr viel, auch schon früher, wenn ich irgendwo hingefahren werden musste.

GSCHWÄTZ: Und deine Freundinnen?

Beyer: Meine Freundinnen finden es auch interessant, ich habe auch schon eine Freundin mitgenommen zu Shootings. In der Schule habe ich es anfangs gar nicht erzählt, das war mir eher ein bisschen unangenehm. Manchmal haben Menschen Vorurteile. Manche gehen dann anders auf einen zu, wenn sie wissen, was Du beruflich machst oder sind ein bisschen eingeschüchtert. Manchmal habe ich auch nur gesagt, ich arbeite im Fotografiebereich.

GSCHWÄTZ: Was findest Du besonders schön an Deinem Beruf, außer natürlich, tolle Fotos zu machen?

Beyer: Ich finde es gut, dass man Sachen, die einem wichtig sind, weitergeben kann. Ich setze mich zum Beispiel für den Tierschutz ein. Wir haben selbst einen Hund. In Kroatien habe ich vor kurzem einen Straßenhund mitgenommen.  Anstatt einer Autofahrt von 12 Stunden, wurden das 48 Stunden mit der Bahn. Der Hund lebt heute bei einer Familie in Ellwangen. Früher als Kind habe ich auch schon alle möglichen Tiere mit nach Hause gebracht, einen Hasen, einen Igel, ja sogar eine Fledermaus.

GSCHWÄTZ: Wenn wir jetzt noch ganz indiskret fragen dürfen: Was verdient ein Modell denn so?

Beyer: Das ist ganz unterschiedlich: Pro Job bekommt man Geld, das kann von Null Euro gehen, dann bekommt man quasi nur die Fotos für die Fotomappe, bis zu 800 Euro pro Tag. Bei den sehr bekannten Models ist der Tagessatz natürlich wesentlich höher.

Jasmin, wir danken Dir für das Gespräch.

 

 

Info:

Jasmin Beyer wurde am 26. Januar 2001 in Künzelsau geboren. Seit rund vier Jahren arbeitet die 20-Jährige als Model. 2021 hat sie das Abitur an der Wirtschaftsschule in Öhringen gemacht. Jasmin hat 2 ältere Brüder und einen Golden Retriever. Vor drei Jahren musste ihr Haflinger Nico eingeschläfert werden, weil er krank war. Jasmin wohnt gemeinsam mit ihrer Mutter in Kupferzell. Die 20-Jährige ist in festen Händen. Ihr Freund kommt von Nürnberg und ist Mediendesigner.

Das Interview führte Dr. Sandra Hartmann

Fotograf: Matthias Lauterer

Wir haben Jasmin Beyer als eine beeindruckende 20-Jährige kennengelernt, die sehr freundlich, höflich und offen ist. Es liegen, wie sie uns gesagt hat, mehrere Jahre harte Arbeit hinter ihr, bis sie den Schritt in eine Agentur gewagt hat. Voraus gingen viele Übungsstunden, wie man sich am besten vor der Kamera in Szene setzt, wo fallen Licht und Schatten hin, auf welche Details gilt es zu achten. Netzwerken ist in dieser Branche das A und 0. Und auch hier gilt, wie fast überall: Wie man in den Wald hineinruft…