Andrea heißt nicht Andrea. Andrea ist ein Name, den sowohl ein Mann als auch eine Frau tragen könnte. Andrea will anonym bleiben, denn Andrea erzählt GSCHWÄTZ ihre Erfahrungen als Mobbingopfer in einem Hohenloher Unternehmen. Andrea schildert hier ihre persönliche Sicht der Dinge.*
Andrea ist nicht mehr ganz jung
Andrea ist nicht mehr ganz jung, wie denn auch: Schon seit über 20 Jahren arbeitet Andrea erfolgreich in einem Unternehmen, hat sich ein Netzwerk an Kontakten bei den Geschäftspartnern des Unternehmens aufgebaut und ist als vertrauenswürdig und zuverlässig bekannt. Der langjährige Vorgesetzte von Andrea sieht das ganz ähnlich: Andrea bekommt von ihm regelmäßig gute Leistungsbeurteilungen. Längere Ausfallzeiten hat Andrea nicht vorzuweisen.
Der Anfang: Wechsel des Vorgesetzten – und eine längere Krankheitsphase
Nachdem der langjährige Vorgesetzte in den Ruhestand verabschiedet wurde, bekommt die Arbeitsgruppe, in der Andrea beschäftigt ist, einen neuen Vorgesetzten: Dieser, er soll hier Bert heißen, ist gut 10 Jahre jünger als Andrea, aber auch bereits seit rund 5 Jahren im Unternehmen.
Im Jahr 2018 muss Andrea operiert werden, benötigt eine Reha und kehrt 2019 mittels einer Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell wieder an die Arbeit zurück. Es war zwar eine langwierige Erkrankung, aber keine Erkrankung, die für die Zukunft die Arbeitsfähigkeit wesentlich beeinträchtigen dürfte.
Wöchentliches „Abstimmungsgespräch“
Nach der Rückkehr aus der Krankheit, so berichtet es Andrea, sei das Arbeitsklima nicht mehr gewesen wie vorher: „Nach 20 Jahren in meinem Sachgebiet führt man mit mir plötzlich ein wöchentliches Abstimmungsgespräch“. Um andere Mitarbeiter habe sich Bert weniger intensiv gekümmert, sagt Andrea, „mit den Kollegen führte er keine solchen Gespräche“. Es kommt Andrea so vor, als dienten diese Gespräche einzig einer intensiven Fehlersuche. „Er geht tief in die Details, um Fehler zu finden“. Andrea ist bereits zu diesem Zeitpunkt stark verunsichert.
Aufbau von Druck
In einer Zeit, in der Überstunden verboten und Zeitkontoabbau angesagt war, wird Andrea von Bert mit Arbeit überhäuft und fühlt sich mehr und mehr unter Druck gesetzt. Aus dem Familienkreis kommt der Tipp, dem Vorgesetzten die Überlast darzulegen, ihn zur Priorisierung aufzufordern. Das wirkt offenbar: „Ich wäre untergegangen, das nagt ja an einem“, so Andrea.
Abschneiden von der Kommunikation
Die Unsicherheit wird verstärkt, als Andreas Arbeitsplatz aus dem Teamverband weg an einen Einzelarbeitsplatz verlegt wird. „Da hat man mich von der Kommunikation ganz abgeschnitten.“ In Andreas Arbeitsbereich ist die Kommunikation im Kollegenkreis essentiell.
Fehler gefunden
Und wie es überall vorkommt, wo Menschen arbeiten, unterläuft Andrea irgendwann tatsächlich ein Fehler. Ein Fehler, der der Firma auf den ersten Blick einige Hundert Euro kostet. Auf den zweiten Blick konnte der Fehler ausgebügelt werden, denn genaugenommen – so schildert es Andrea – lag der Fehler bei einem Geschäftspartner, der seinen Fehler umgehend rückgängig gemacht habe. Bert macht Andrea dafür verantwortlich, diesen Fehler des Partners nicht erkannt zu haben. Andrea erhält eine Abmahnung.
Trotz der wöchentlichen Gespräche hat Bert den ursprünglichen Fehler nicht bemerkt, sondern erst, als der kumulierte Schaden eine bestimmte Höhe erreicht hatte. Andrea weiß nicht, was davon zu halten ist. Um die Abmahnung kümmern sich Anwälte.
Zeitlicher Ablauf wird unklar
Der zeitliche Ablauf der weiteren Vorkommnisse geht aus Andreas Bericht nicht mehr exakt hervor. Immer aufgewühlter wird Andrea. Die Sätze werden kürzer und unzusammenhängender und enden nicht immer mit einem Punkt. Das Gespräch wird jetzt sehr emotional, Andrea fühlt sich auch nach Monaten noch immer tief getroffen, verweist mehrmals auf „über 20 Jahre in der Firma“ und nennt die Firma sogar „Heimat“.
Verweis auf minderwertigen Arbeitsplatz
Aber Andreas Leidensweg ist noch nicht zu Ende: Andrea soll die Abteilung komplett verlassen, auf einen Arbeitsplatz, der keine Verantwortung mehr beinhaltet und auch schlechter bezahlt wird.
Dieses Angebot will Andrea nicht annehmen.
Von einem Gespräch mit Vorgesetzten und Personalabteilung mit falscher Ankündigung berichtet Andrea. Zu einem als „Personalgespräch“ angekündigten Termin hätte Andrea eine Vertrauensperson, etwa einen Betriebsrat, mitbringen können.
Als Andreas Firmenrechner im Home-Office nicht funktionieren wollte und Andrea vorschlägt „da nehm ich doch lieber meinen eigenen“, wird das als Verweigerung ausgelegt. Das sei aber nur eine kleine Anekdote am Rande, meint Andrea.
Aufhebungsvertrag angeboten
Irgendwann während dieser Zeit, jedenfalls nach der Rückkehr aus der Reha, bietet der Arbeitgeber Andrea einen Aufhebungsvertrag an, den Andrea nicht unterschreibt. Irgendwann wird Andrea freigestellt. Als Andrea nach Ablauf der Freistellung wieder an den Arbeitsplatz gehen will, ist die Zugangskarte gesperrt. Nur mithilfe eines freundlichen Kollegen erreicht Andrea den Arbeitsplatz – nur um dort von Bert regelrecht hinausgeworfen zu werden. Wie laut es dabei wurde und ob tatsächlich mit dem Sicherheitsdienst gedroht wurde, wissen nur die, die dabei waren. Und die haben eine unterschiedliche Wahrnehmung. Andrea empfindet „diese Bloßstellung vor den Kollegen“ als demütigend.
„Welchen Preis zahlst Du als Mensch?“
„Man hat mir den Job komplett weggenommen“, sagt Andrea. Sich jetzt vor Gericht detailliert rechtfertigen zu müssen, fällt Andrea schwer. Andrea seufzt: „Welchen Preis zahlst Du als Mensch?“
„Ohne den familiären Rückhalt wäre ich verloren“
Die Räume der Firma, mit der sich Andrea seit vielen Jahren identifiziert hat, hat Andrea seit mehreren Monaten nicht mehr betreten, denn Andrea ist seit vielen Wochen arbeitsunfähig, erhält inzwischen Krankengeld. „Ohne den familiären Rückhalt wäre ich verloren“, betont Andrea. Andrea ist psychisch schwer angeschlagen und sieht das als Folge des Mobbings durch den Vorgesetzten Bert. Ob Andrea jemals wieder arbeiten kann, steht in den Sternen.
Noch ist Andrea formal bei der Firma beschäftigt – aber auch um dieses Thema kümmern sich inzwischen Rechtsanwälte.
Text: Matthias Lauterer
*Andrea ist ein realer Mensch. Andreas Geschichte ist nicht fiktiv. Möglicherweise würde ein Vertreter der Firma einige geschilderte Episoden ganz anders erklären – trotzdem zeigt der Beitrag ganz bewußt nur die subjektive Perspektive von Andrea, weil Andrea anonym bleiben möchte. Der Fall Andrea zeigt, wie gewisse Vorgehensweisen, die möglicherweise arbeitsrechtlich nicht zu beanstanden sind, von den Betroffenen empfunden werden und welche Auswirkungen sie auf die Menschen haben können.