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Warum laufen Kinder und Jugendliche von zu Hause weg?

Im Januar 2019 wurden im Hohenlohekreis insgesamt drei Mädchen vermisst. Eine Zehnjährige konnte dank eines aufmerksamen Fahrradfahrers nach einem Tag wieder nach Hause gebracht werden. Zwei Mädchen aus Künzelsau im Alter von 15 und 17 Jahren meldeten sich selbst bei der Polizei in Leipzig.

Warum laufen Kinder von Hause weg? „Meistens sind es pubertäre oder familiäre Probleme – sei es ein Streit im Elternhaus oder der Jugendliche möchte einfach nur weg“, erklärt Dieter Ackermann, erster Kriminalhauptkommissar im Haus des Jugendrechts in Heilbronn. Aber auch schulische Probleme wie schlechte Noten oder Mobbing, oder Gewalt zu Hause können Gründe dafür sein, dass Jugendliche von zu Hause weglaufen und als vermisst gemeldet werden. Viele Vermisste seien auch aus einem Heim ausgebüchst.

Mehr Jungs als Mädchen laufen von zu Hause weg

Aber was passiert, wenn das Kind weg ist und man nicht mehr weiß, wo man noch suchen soll?
Ackermann sagt, dass Eltern meist selbst versuchen, ihr Kind oder die Freunde des Kindes telefonisch zu erreichen und schalten dann erst die Polizei ein. Die meisten Jugendlichen, die von zu Hause weglaufen, seien laut dem Kriminalkommissar zwischen 15 und 17 Jahren alt. „Mittlerweile sind es mehr Jungs, als Mädchen die von zu Hause weglaufen“, so Ackermann. Pro Jahr werden zwischen 800 und 1000 Jugendliche im Heilbronner Stadt- und Landkreis als vermisst gemeldet. Gesonderte Zahlen für den Hohenlohekreis hat die Polizei nicht. Sobald ein Kind als vermisst gemeldet wird, kommt es darauf an, wie alt das Kind ist. „Wir hatten den Fall, dass ein Vierjähriger mit dem Bobbycar losgefahren ist und nach dem fünften Abbiegen nicht mehr nach Hause gefunden hat. Die Polizeistreifen haben den Jungen dann ein paar Straßen weiter gefunden. Wenn es sich aber um einen Jugendlichen handelt, versuchen wir telefonisch oder per WhatsApp, mit dem vermissten in Kontakt zu treten“, beschreibt Ackermann die polizeiliche Suche. Dem vermissten Jugendlichen werde dabei vermittelt, dass die Polizei nach ihm sucht, aber nicht, um ihn zu bestrafen, sondern weil man sich um die Person sorgen macht und nicht weiß, ob alles in Ordnung ist. Man wäge auch ab, denn wenn ein Jugendlicher in zwei Wochen 18 Jahre alt werde und er nach einem Gespräch mit der Polizei dennoch nicht nach Hause wolle, aber in Sicherheit sei, dann wird keine Suchaktion durchgeführt.

Wenn sich Vierjährige mit dem Bobbycar verfahren

Dass eine Person erst nach 24 Stunden bei der Polizei als vermisst gemeldet werden kann, ist laut Ackermann falsch: „Natürlich muss man unterscheiden, ob es ein Kind oder Rentner ist, der vermisst wird und die Menschen hilflos sein könnten. Oder ob es sich um das Klischee handelt, dass der Ehemann nur mal schnell Zigaretten holen geht und dann nicht mehr nach Hause kommt.“

Zu allererst werde das Haus der vermissten Person durchsucht, damit sichergestellt werden kann, dass das Kind sich nicht irgendwo im Haus oder im Keller versteckt. Wenn auch die Kontaktaufnahme über das Handy und die Überprüfung bei den Freunden erfolglos bleibt, kämen die sozialen Medien ins Spiel.

Sinah Moll, Polizeihauptmeisterin des Polizeipräsidiums Heilbronn, erklärt: „Social-Media-Kanäle wie Facebook und Twitter bieten die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit sehr viele Menschen zu erreichen. Dies geschieht aber nur nach enger Absprache mit den Eltern.“

Vermisstes Mädchen schlief in hohem Gras

Die Polizei sei natürlich immer auf Zeugenhinweise angewiesen. Denn ohne Anhaltspunkt ist es schwer, nach der vermissten Person zu suchen. Es werden Polizeistreifen und auch Hubschrauber bei der Suche nach den Vermissten eingesetzt. Moll erzählt von ihrem persönlichem Erfolgserlebnis: „Ein Mädchen wurde vermisst. Wir wussten, dass sie zuletzt am einem Waldstück gesehen wurde. Wir liefen das Gebiet ab. Das Mädchen lag im Gras und schlief. Da das Gras aber so hoch war, konnten wir sie nicht finden. Der Hubschrauber konnte uns aber dank seiner Wärmebildkamera per Funk zu der Stelle lotsen, an der das Mädchen lag.“

Auch die Schulen helfen mit. Wenn ein Kind nach drei Tagen unentschuldigt fehle, melde sich die Schule umgehend bei der Polizei. Einige Schulen haben Schulsozialarbeiter, an die sich die Kinder mit ihren Problemen wenden können. Der Kinderschutzbund in Heilbronn hat das Projekt „Anna & Marie“ ins Leben gerufen. Es ist ein großes Schwesterprojekt, „bei dem ehrenamtliche Frauen mit Jugendlichen einfach mal ein Eis essen gehen und ein offenes Ohr für deren Probleme haben“, beschreibt Ackermann.

„Meist kommen die Jugendlichen von alleine wieder nach Hause. Ihnen geht das Geld aus, sie haben Hunger oder wissen nicht, wo sie hin sollen“, erläutert Ackermann. Aber er weist auch auf die Gefahren hinsichtich vereinfachter Mobilität und den sozialen Medien hin: „In der heutigen Zeit ist es nicht schwer, wegzulaufen. Es gibt den FlixBus oder andere Möglichkeiten, um wegzukommen. Die Jugendlichen lernen auch über das Internet Freunde kennen und können so viel leichter bei, für die Eltern, unbekannten Personen unterkommen.“

Aber auch zwischen untereinander bekannten Familien kann es zu Kommunikationsschwierigkeiten kommen: „Für viele Eltern ist es kein Problem, wenn ein Freund des eigenen Kindes bei ihnen übernachtet. Aber es ist wichtig, dass die Eltern in Kontakt mit den anderen Eltern treten, um nachzufragen. Es könnte sein, dass niemand weiß, wo das Kind ist, weil das Kind zu Hause nicht davor gesagt hat, dass es bei einem Freund übernachtet“, so Ackermann.

In den letzten 14 Jahren seien laut Ackermann alle vermissten Jugendlichen im Stadt- und Landkreis Heilbronn gefunden worden. Selbst die Vermissten, die Opfer eines tragischen Unglücksfalls geworden sind, sind laut Ackermann gefunden worden. Ackermann betonte, dass es bei der Suche nach Vermissten niemals um Schuldzuweisungen gehe. Eltern können Glück haben, wenn ihr Kind nicht von zu Hause wegläuft oder einfach Pech, falls es doch passiert. Meist gäbe es keinen bestimmten Grund, nur ein Schlüsselerlebnis, dass die Jugendlichen dazu bewegt, von zu Hause wegzulaufen. Auch Moll sagt, dass Kinder einfach nur ernst genommen werden wollen und manchmal keine andere Möglichkeit sehen als wegzulaufen.