„Zehn Prozent eines Jahrgangs erscheinen gar nicht auf dem Arbeitsmarkt“
„Guten Tag, ich suche was Neues und habe noch 29 Jahre zu arbeiten“. Mit diesen Worten begrüßt ein Bewerber seine Gesprächspartner eines Unternehmens beim Karrieretag Familienunternehmen, der am 01. Juli 2022 im Carmen-Würth-Forum stattfand.
An diesem Karrieretag hatten rund akkreditierte 600 Bewerber die Möglichkeit, sich bei führenden Familienunternehmen der Region und aus ganz Deutschland vorzustellen. Die Bewerber wurden vorab vom Veranstalter aus rund 1.200 Bewerbungen ausgewählt. Initiiert wird dieser Event von „Der Entrepreneurs Club“, der Stiftung Familienunternehmen und einigen führenden Familienunternehmen. WÜRTH richtete das Event schon zum zweiten mal aus.
Offensive Bewerbungen inzwischen üblich
Derartig offensive Vorstellungen seien heute üblich, bestätigt Björn Hindersin, Personalleiter der Joseph Dresselhaus GmbH & Co. KG. „Der Arbeitsmarkt hat sich gedreht: Nicht der Bewerber präsentiert sich, sondern das Unternehmen“. Er sieht vielfach ein regelrechtes Anspruchsverhalten bei den Bewerbern, manchmal gehe es mehr um Benefits als um die Arbeitsinhalte.
Gesucht werden Talente für alle betrieblichen Bereiche und in allen Qualifikationsstufen. Nicht alle Bewerber können aus dem eigenen Haus kommen, auch wenn die klassische duale Berufsausbildung in kaufmännischen und technischen Berufen und darauf folgend eine innerbetriebliche Weiterentwicklung weiterhin eines der Standbeine für die Talentgewinnung sind.
Hohe Qualität der Bewerber
Eine vor Corona wachsende Wirtschaft und geburtenschwache Jahrgänge tragen zur Knappheit von qualifizierten Kräften bei, dazu kommt, so Ralf Sturm von ebm-papst: „10 Prozent eines Jahrgangs erscheinen gar nicht auf dem Arbeitsmarkt.“ Die Gründe dafür kennt er nicht. Von Hauke Hannig, Pressesprecher von ebm-papst, ist zu erfahren, dass ebm-papst drei große und rund 15 kleinere derartige Messen jährlich besucht. „Bei diesem Karrieretag finden wir eine sehr hohe Qualität vor. 28 Bewerbergespräche wurden bei ebm-papst terminiert – darunter nur fünf Frauen. Das mag aber daran liegen, dass man sich auf technische Stellen fokussiert haben.
Beginn eines Trends? Einige Bewerber kommen aus der Automotive-Industrie
Heike Siegmeth, Personalverantwortliche bei GEMÜ, nutzt alle Kanäle zur Personalgewinnung. Besonders angetan hat es ihr das SpeedDating, das jetzt zum viertenmal durchgeführt wird. „Hier haben wir eine gute Trefferquote“, berichtet sie. Die Punkte, die sie Bewerbern über das Familienunternehmen GEMÜ nennt, sind: GEMÜ arbeite für die Wachstumsbranchen Pharma und Ernährung – das seien positiv besetzte Branchen-, zeige ein stetiges Wachstum, sei innovativ und investitionsfreudig. Ausserdem gebe es persönliche Entwicklungsschancen, allerdings „nicht immer alles für jeden zu jeder gewünschten Zeit“. Ihr ist aufgefallen, dass sich vermehrt Bewerber anbieten, die bisher in der Automotive-Branche unterwegs waren. Den Wandel der Automotive-Branche sieht sie daher als Chance für andere Branchen, aber auch für die Menschen selbst.
Ebenfalls Produkte für die Pharmaindustrie stellt Bausch & Ströbel aus Ilshofen her: „Wenn Sie gegen Corona geimpft sind, dann ist die Chance hoch, dass wir im Herstellungsprozeß für den Impfstoff beteiligt waren“. Auch hier sieht man eine hohe Qualität bei den Bewerbern: „Wir haben rund 15 Gespräche vereinbart, dazu kommen spontane Gespräche“, gesucht werden Mitarbeiter für die Konstruktion, für die Automatisierung und die IT. Gefahren sieht man bei Bausch und Ströbel vor allem durch die Entwicklung der Inflation. „Steuerfreie Einmalzahlungen als Alternative zu Lohnerhöhungen“ könnten ein Mittel sein, wenn die Inflation hauptsächlich von kurzfristigen Effekten getrieben werde. „Die Corona-Prämien waren eine gute Sache.“
Unternehmen geben der Politik Ratschläge zur Abmilderung des Fachkräftemangels
Auf Nachfrage stellt auch Jule Noe, Personalreferentin bei Ziehl-Abegg, fest, dass es vermehrt Bewerber:innen mit Automotive-Hintergrund gibt. „Der Effekt ist spürbar und von dort kommen qualifizierte Fachkräfte.“ Sie sieht in einer Zeit des demografischen Wandels auch die Politik in der Verantwortung: „Das Bildungssystem müsste vermehrt Bildungswege aufweisen“, meint sie und stellt fest, dass das Digitalisierungs-Know-How an den Schulen teils veraltet sei. Ein weiterer Ansatzpunkt, der auch in der Verantwortung der lokalen Politik liegt: „Der Wohnungsmarkt ist begrenzt, die Preise sind entsprechend hoch. Das macht es für Bewerber unattraktiv“ – das ist ein klarer Appell an die Gemeinden, Wohnraum auch für Familien zu schaffen.
Wohnraum für Familien notwendig
Andere Anforderungen an die Politik nennen Sara Müller und Sascha Zillich von Berner: „Die Politik soll sich nicht einseitig auf die Förderung der Studiengänge konzentrieren, sondern auch Ausbildungsberufe und das Ansehen der Ausbildung an sich fördern.“ Außerdem soll die Politik generell die Infrastruktur im ländlichen Raum fördern, dazu gehöre insbesondere schnelles Internet und der Handyempfang, aber auch der Wohnungsbau. „So können wir junge Leute auch hier halten.“
Bei Berner habe man auf diesem Karrieretag keinen engen Fokus gesetzt, man sei in einem Wachstumsprozess und habe einen breiten Bedarf. Rund 30 Gespräche habe man vereinbart. Die Vorteile eines Familienunternehmens auf dem Arbeitsmarkt lägen darin, dass man noch Werte leben kann, die Kollegialität und dass „alle an einem Strang ziehen“. Auch dass kein Quartalsdenken vorherrsche, und man Produkte oder Prozesse aufbauen könne, „die 10 – 15 Jahre Bestand haben“, sei ein Argument. Die Unternehmensstruktur mache es aber auch möglich, in die Millionenstadt Köln zu gehen, explizite Programme dafür gebe es allerdings nicht.
Inflation als Gefahr für die Unternehmen
Robert Schwarz vom Modehaus Röther aus Schwäbisch-Hall formuliert ebenfalls Anforderungen an die Politik: „Die Politik muß die Teuerung eindämmen“ – als Anbieter von nicht lebensnotwendigen Güter merkt er den Effekt der Inflation natürlich unmittelbar. Außerdem sieht er, dass die Rahmenbedingungen, um Mitarbeiter aus dem Ausland zu beschäftigen, zu kompliziert sind. Die Modebranche ist international, „man muß einfach Mitarbeiter aus dem Ausland einbinden“, meint Schwarz.
Veranstalter zeigt sich zufrieden
Veranstalter Stefan Klemm vom Entrepreneurs Club zeigte sich zufrieden: „Wir freuen uns sehr und bedanken uns herzlich, bereits zum zweiten Mal zu Gast bei Würth die Fach- und Führungskräfte von morgen mit den großen Familienunternehmen persönlich zusammenzubringen. Das Arbeitsumfeld hier kommt gerade den Nachwuchstalenten mehr entgegen und der Trend wird sich noch verstärken. Die heute anwesenden Firmen haben weit über 3.000 Stellen offen und es finden heute über 1.000 vorterminierte Einzelinterviews statt“ – es dürften deutlich mehr Gespräche geworden sein.
Text: Matthias Lauterer