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„Künzelsau war ein weißer Fleck auf unserer Landkarte“

Lange lag das MUSTANG-Areal brach – nun tut sich etwas, und es soll sich schnell tun: Beim symbolischen ersten Spatenstich am 16. Mai 2022 spricht Jannis Merz, Geschäftsführer der Merz Objektbau, von einer Fertigstellung bis zum 3. Quartal 2023.

Planungen laufen schon seit 2016

Jannis Merz, Geschäftsführer der Merz Objektbau. Foto: GSCHWÄTZ

Seit 2016 hat man sich bei der Merz Objektbau mit dem MUSTANG-Areal beschäftigt, 2017 habe man das Grundstück kaufen können. Schnell war klar, dass eine Kombination aus Einkaufsmarkt im Untergeschoß und darüber weiterer Nutzung das Ziel sei. Mit der iLive-Group, die Erfahrung in der Vermarktung solcher Objekte hat, fand man einen Partner, der 140 Microappartements betreiben wollte. Die Zielgruppe war klar: Mitarbeiter großer Firmen oder Studenten und Mitarbeiter der Hochschule und der Sportschule Waldenburg – das Potential war ermittelt, das Projekt sollte sich rechnen.

Und dann kam Corona

Im Frühjahr 2020 wurde der Bauantrag gestellt, im März 2020 wurden die markanten Mustang-Gebäude abgerissen und die Fläche geräumt.
Und dann kam Corona. Und mit Corona kam ein Sinneswandel der Geldgeber, „die Anleger haben das Projekt nicht mehr getragen“, sagt Merz. Drastischere Wort wählt Christian Trautmann, verantwortlicher Projektentwickler bei Merz Objektbau, er sagt: „Es ging darum, überhaupt zu bauen.“

Jobcenter mietet für 15 Jahre

„Glücklicherweise“, so Merz, konnte kurzfristig das Jobcenter als Mieter gewonnen werden, die Umplanung konnte ab November 2020 in Angriff genommen werden. Das Jobcenter wird die Räumlichkeiten für mindestens 15 Jahre mieten – für das Projekt ist das eine Sicherheit.

Nachhaltigkeit und Ökologie

Christian Trautmann, Projektentwickler, legt selbst Hand an. Foto: GSCHWÄTZ

Und so, sagt Merz, „stehen wir hier beim Spatenstich für ein nachhaltiges Projekt zusammen“. Auf einige Besonderheiten legt er wert: „Ungewöhnlich ist, dass eine Gewerbeimmobilie nach dem KfW40-Standard errichtet wird.“ Eine Heizung und Kühlung durch eine Wärmepumpe inklusive Wärmerückgewinnung ist das ökologische Highlight des Projekts. Dazu kommt eine Be- und Entlüftung, die vom CO2-Gehalt der Raumluft gesteuert wird.

EDEKA und dm als Mieter gewonnen

Mit einer weiteren Überraschung wartet Merz auf: Nicht, wie bisher immer im Gespräch, REWE, sondern EDEKA wird den Lebensmittelmarkt betreiben, und das zweite Unternehmen, das eine Fläche bewirtschaften wird, soll der Drogeriemarkt DM sein.

Innenstadtentwicklung

Bürgermeister Stefan Neumann sieht das Projekt als Zeichen für den Wandel der Gesellschaft, der auch für Wandel in der Stadt führt. „Ein großer Schritt für die Innenstadtentwicklung und die Nahversorgung von Künzelsau“. Er wünscht den beteiligten Firmen, „dass Sie gut vorankommen und unfallfrei bauen.“

Anfang 2020 wurden die Personalplanungen zurückgeschraubt

Ewald Schwenger, Managing Partner der iLive Group, erläutert nochmals die Umplanung vom Wohnbau zum Bürogebäude: „140 Micro-Appartments waren zu Beginn der Corona-Phase zu viel. Oder wir waren nicht mutig genug“, sagt er. Die großen Firmen hätten Anfang 2020 ihre Personalplanungen zurückgeschraubt. Trotzdem freue er sich jetzt auf dieses nachhaltige Projekt.

Schon ganz früh miteinander gesprochen

„Eine Behörde ist nicht der schlechteste Mieter“, meint Dieter Meßner, Immobilienbetreuer der Jobcenter. Er ist froh, dass er die 1775 m2 Bürofläche auf zwei Etagen direkt neben dem heutigen Arbeitsamt bekommen konnte: „Jobcenter und Arbeitsagentur, das ist politisch so gewollt, sollten unter einem Dach sein“, sagt er und bestätigt auch, dass die Arbeitsagentur an ihrem Platz bleiben soll, ebenfalls ein ehemaliges MUSTANG-Gebäude. Er berichtet, dass man bereits in den frühen Phasen des Projekts miteinander gesprochen habe, aber dann sie die Prämisse Wohnbau gewesen. Als das Thema wieder aufkam, „waren wir forsch und schnell“.
Meßners Pläne sind schon sehr konkret: Etwa 50 Mitarbeiter:innen sollen im Oktober oder November von der Würzburger Straße in das neue Gebäude wechseln, in einem Stockwerk die Abteilung für Leistungsgewährung, im anderen die Vermittlung. Er rechnet mit etwa 80-100 Menschen, das Jobcenter nennt sie „Kunden“, die täglich dort aus- und eingehen werden.

Künzelsau war ein weißer Fleck auf der Landkarte

„Künzelsau war ein weißer Fleck auf unserer Landkarte“, sagt Hauke Flöter von DM. Er war wohl schon länger auf der Suche nach einem geeigneten Objekt für sein Unternehmen, aber „Gut Ding will Weile haben“. Jetzt ist er zufrieden – dass wenige Meter entfernt ebenfalls ein Drogerie-Discounter in einer modernen Immobile einen Standort haben wird, stört ihn nicht: „Das entscheiden die Kunden“, außerdem würden sich die Sortimente der beiden Drogisten doch deutlich unterscheiden.

Die ersten Arbeiten begannen bereits vor dem Spatenstich. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

Text: Matthias Lauterer

 

 




„Da stimmt die Reihenfolge nicht“

Ein weiteres Bauprojekt beschäftigte den Künzelsauer Gemeinderat am 18. Januar 2022: Die Firma Merz Objektbau, die auch das ehemalige Mustang-Gelände projektiert, präsentiert eine Planung, die zwei noch unbebaute städtische Grundstücke auf Taläcker mit Wohnraum und einem Verbrauchermarkt bebauen soll. Eine auf den ersten Blick bestechende Lösung: Ein Verbrauchermarkt auf Taläcker wird von der dortigen Bevölkerung gewünscht, Wohnungen sind in Künzelsau ohnehin Mangelware. Darüber hinaus will der Investor 80 Prozent der Wohnungen im Rahmen des „sozialen Wohnungsbaus“ errichten, einzig die oberen Penthousewohnungen – aus denen man eine wunderbare Aussicht nach Osten über die Stadt haben dürfte, sollen auf dem freien Wohnungsmarkt angeboten werden.

Blau umrandet: Die mögliche Baufläche. Foto: Sitzungsunterlagen

Genaugenommen handelt es sich bei der Fläche um zwei Grundstücke, das südliche hat rund 3.000 Quadratmeter, das nördliche ist doppelt so groß. Auf diesen Grundstücken will Jannis Merz, Architekt und Geschäftsführer der Merz Objektbau, drei zusammengehörige Gebäude erstellen: Im Süden ein L-förmiges Wohngebäude mit 3 Vollgeschossen und einem Penthousegeschoß, in der Mitte einen Verbrauchermarkt, dessen Dach – das Grundstück hat ein Gefälle – begrünt werden und als Park und Begegnungsort genutzt werden soll sowie eine weitere Wohneinheit mit 3 Stockwerken plus Penthouse im Norden.

Verwaltung will die Grundstücke an Investor veräußern

Der Antrag der Verwaltung lautet nun, die beiden Grundstücke an die Merz Objektbau zu veräußern, um das geplante Projekt verwirklichen zu können.

Die Vision von Jannis Merz: Blick von Südwest in die Max-Beckmann-Strasse. Foto: Sitzungsunterlagen

Ernüchterung für den Architekten

Auch diese Diskussion beginnt mit großer Ernüchterung für den Architekten – hat doch Hans-Jürgen Saknus herausgefunden, dass der Südteil des Grundstücks ursprünglich für einen Kindergarten vorgesehen ist und bereits Baurecht für einen Kindergarten vorliegt.

Zusammenhang mit dem Streitpunkt Kinderhaus?

Da gerade vorher über die umstrittene Erweiterung des Kinderhauses am Fluß um 2 Gruppen diskutiert wurde, denkt der unbefangene Beobachter sofort an einen Zusammenhang: Sollen die beiden zusätzlichen Gruppen für das Kinderhaus am Kocher etwa die Kinder aus Taläcker aufnehmen, damit das Projekt der Firma Merz Objektbau dieses Projekt umgesetzt werden kann?

Die Fraktion von SPD und GRÜNEN sieht auf jeden Fall die Belange von Familien mit Kindern durch das Projekt hintenangestellt und setzt eine klare Bedingung: sie will nur zustimmen, falls auf dem Gelände sowohl ein Verbrauchermarkt als auch ein Kindergarten verwirklicht werden – denn genau das seinen die Anforderungen der Bevölkerung.

Bürgermeister Neumann herrscht Saknus an „Was wollen Sie eigentlich bezwecken?“ und wirft ein, dass das Projekt doch 80 Prozent Wohnungen für den sozialen Wohnungsbau bereitstellt, was eines der gemeinsam beschlossenen Ziele der Stadt sei. Er bezeichnet das Vorpreschen von Saknus als „unfair“ und betont, dass für den Kindergarten weitere Grundstücke bereitstünden – welche, sagt er nicht.

Inhalte alter Protokolle werden durch den Raum geworfen

Und wieder, wie auch beim Kinderhaus, gehen zwischen Verwaltung und Räten Zitaten aus alten Protokollen hin und her.
Neumann wirkt angegriffen, es „geht lediglich um die Sicherung der Grundstücke“, sagt er – das entspricht allerdings nicht dem Antrag aus seiner Verwaltung, der von „Veräußerung“ spricht.

Jannis Merz schüttelt von Zeit zu Zeit den Kopf.

„Ich komme langsam nicht mehr mit“

Robert Volpp (CDU) zeigt sich überrascht: „Wir wollten mietpreisgebundene Wohnungen und jetzt haben wir diese. Ich komme langsam nicht mehr mit, was dieser Gemeinderat will.“ Und Erhard Demuth (SPD/GRÜNE) fühlt sich gar als ein „gebranntes Kind“, wenn er bei Merz Objektbau ans Mustang-Areal denkt.

Auf die Sachebene zurück kommt endlich Reintraud Lindenmaier mit ihrer Forderung „Vor einer Veräußerung muss geklärt sein, wo ein Kindergarten hinsoll“. Da ist sie einer Meinung mit Boris d’Angelo (UBK), der sagt: „Die Reihenfolge stimmt nicht. Erst müssen wir die Kindergartenplanung fertigstellen. Es ist schwierig, anderswo Baurecht für einen Kindergarten zu schaffen.“ Was Boris d’Angelo mit der falschen Reihenfolge meint: Die Planung für eine eventuelle Erweiterung der beiden bestehenden Kindergartenstandorte, die in mehrerlei Hinsicht nicht mehr auf dem aktuellen Stand sind, ist zwar im Gang, aber Stefan Neumann kann aber noch keinen Zeitpunkt nennen, bis wann ein Konzept auf dem Tisch liegen wird. Trotzdem liegt ein möglicherweise schnell realisierbarer Vorschlag auf dem Tisch, der den Verlust des möglicherweise einzigen Alternativstandorts bedeuten würde.

„Wir sind keine Haie, die sich das ganze Grundstück krallen wollen“

Jannis Merz. Bild: Merz Objektbau

Schließlich bringt Jannis Merz selbst einen Vorschlag ins Spiel: „Wir sind keine Haie, die sich das ganze Grundstück krallen wollen.“ Er will Sicherheit, dass die bereits investierte Zeit und die folgenden Arbeiten nicht fruchtlos sind: „Unser Ziel ist es, ein Grundstück zu sichern, egal wie groß. Wir brauchen Sicherheit. Und die größte Sicherheit ist, dass der Gemeinderat hinter dem Projekt steht.“  Ursprünglich hat er auch nur das nördliche, größere Grundstück geplant. Er betont, dass aus Kreisen der Stadt Künzelsau die Anregung gekommen sei, beide Grundstücke zu planen. Für ihn sei wichtig, eine konkrete Zusage des Gemeinderates zu haben, da er die Verhandlungen mit dem Discounter finalisieren wolle.

Kompromißlösung

Auf dieser Grundlage kann sich der Gemeinderat darauf verständigen, das größere Grundstück an die Merz Objektbau zu verkaufen – unter der Voraussetzung, dass Merz bis Ende des zweiten Quartals eine Vertrag mit dem Unternehmen NETTO sowie eine detailliertere Planung vorlegen kann – auch der Gemeinderat braucht Sicherheit. Merz sichert die Erfüllung dieser Bedingungen zu. Sollte er die Bedingungen erfüllen, steht einem Verkauf zum Ende des zweiten Quartals 2022 nichts mehr im Wege.

Verständigung, aber keine Einigkeit

Einig war sich der Gemeinderat allerdings nicht: Der Beschluß erging mit 13 Ja-Stimmen, 7 Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen.

Text: Matthias Lauterer




Statt Appartements soll es nun Büros geben

Seit gut einem Jahr ist das MUSTANG-Gebäude nun Geschichte, der Abraum ist abgefahren und die Fläche ist leer. Die Natur holt sich einen Teil der Fläche zurück, auf einem weiteren Teil parken Baufahrzeuge. Von einem Baubeginn ist nichts zu sehen.

Geplant waren Appartements

Gebaut werden soll auf diesem Gelände eine Tiefgarage und darüber ein Komplex, der im Erdgeschoß einen großen Lebensmittelmarkt sowie einem oder mehreren kleineren Geschäften Platz bieten soll. Darüber waren 108 Micro-Appartements und 36 Serviced-Appartements geplant.

Sind die Planungen überholt?

Diese Planungen scheinen inzwischen obsolet zu sein. Noch vor kurzer Zeit war die iLive, die die Appartements betreiben wollte, im Gemeinderat sehr optimistisch, dass diese Appartements genau das Richtige für Künzelsau sind. Die Appartements sollten unter anderem die Wohnungsnot der Studenten mildern und dafür sorgen, dass Studenten aus Wohngemeinschaften in die neuen Appartements ziehen würden – und somit Wohnraum für Familien im Stadtgebiet frei würde. So argumentierten die Projektbetreiber im Gemeinderat.
Auf der Webseite der ILive ist das Wort Künzelsau nicht mehr zu finden, auch sind keine Pressemeldungen über das Projekt mehr online. Am grundsätzlichen Bedarf für derartigen Appartements auch in kleineren Städten scheint sich nichts geändert zu haben, schließlich hat ILive im Jahr 2021 in Heilbronn und Schwäbisch-Gmünd zwei ganz ähnliche Projekte eröffnet.

Merz Objektbau listet das Projekt noch

Screenshot Merz Objektbau 20.09.2021.

Auf den Seiten des Bauherrn, der Merz Objektbau GmbH & Co. KG, ist das Projekt noch in der ursprünglichen Form gelistet, auch die iLive Holding ist dort noch als Partner genannt – der letzte Statusbericht datiert allerdings auch schon aus dem Mai 2020.

ILive will wohl keine Appartements mehr

Am 14. September wurde im Gemeinderat berichtet, dass der Projektbetreiber seine Planung geändert habe: Es sollen nun keine Appartements mehr gebaut werden, stattdessen soll es nun Büros geben und die Tiefgarage soll deutlich verkleinert werden.

Christian Trautmann, zuständiger Projektentwickler bei Merz Objektbau, bestätigt am Telefon prinzipiell diese geänderten Pläne. Mehr will er nicht sagen, dazu müsse er direkt mit den Eigentümern sprechen. Auch über die Gründe der Veränderung sagt er nichts. Bei einem früheren Gespräch war von Einsprüchen von Anwohnern die Rede. Trotz mehrfacher Nachfragen von Seiten GSCHWÄTZ hat Trautmann wohl keine Freigabe bekommen. Auch von ILive wollte sich bisher niemand äußern.

Konsequenzen für die Stadtentwicklung Künzelsaus

Insbesondere Reintraut Lindenmaier sieht statt einer Lösung nun die alten Probleme wiederkehren: „Solange das Mustang-Areal nicht mit Wohnungen bebaut ist, ist das Thema Wohnen nicht vom Tisch. Wir haben zwar Wohnraum, aber keinen bezahlbaren Wohnraum“. Erhard Demuth verweist darauf, dass man einen Bebauungsplan verabschiedet hat, der Wohnbau an dieser Stelle zwingend vorsieht. Und schließlich haben man anderswo auf die Festschreibung von Wohnraum verzichtet, weil ja auf dem MUSTANG-Gelände Wohnraum entstehen sollte.

Langwieriges Verfahren

Sollte der Bebauungsplan neu aufgestellt werden müssen, ist mit einem längerfristigen Verfahren zu rechnen. Es besteht die Gefahr, dass auch dieses Gelände, wie das PEKA-Areal über lange Jahre eine innerstädtische Brachfläche bleiben wird. Künzelsau scheint mit seinen großen Bauprojekten kein glückliches Händchen zu haben, schließlich wartet man auch beim Sigloch-Areal auf Neuigkeiten.

Am 1. Oktober tagt der Gestaltungsbeirat der Stadt Künzelsau. Das Thema MUSTANG-Areal dürfte dann auf der Tagesordnung stehen.

Text: Matthias Lauterer