Frauen an die Macht? Deutschland Schlusslicht im europäischen Vergleich
Von den insgesamt 224 baden-württembergischen Kandidaturen zur Bundestagswahl am Sonntag, den 26. September 2021, sind 96 Frauen. Das entspricht einem Frauenanteil von 42,9 Prozent. Damit liegt Baden-Württemberg bei den Landeslisten leicht über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 41,3 Prozent. Im 2017 gewählten Bundestag sind zurzeit 31,4 Prozent der Abgeordneten weiblich. Der Frauenanteil stagniert seit 2002, die Männer dominieren eindeutig in der deutschen Politik.
Männer dominieren in vielen Bereichen
Die heutige, westlich orientierte Welt ist nach wie vor hauptsächlich patriarchalisch geprägt. Das heißt, Männer dominieren, kontrollieren und repräsentieren unser gesellschaftliches System in den entscheidenden Bereichen, wie Politik, Wirtschaft und Familie. So hat die Allbright-Stiftung festgestellt, dass in der Corona-Pandemie deutsche Konzerne wieder verstärkt auf Männer in den Führungsriegen setzen und selbst junge Unternehmen, die neu an die deutsche Börse kommen, meist ohne Frauen wachsen. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat wiederum festgestellt, dass sich auch heutzutage noch die meisten Paare bei der Eheschließung für den Nachnamen des Mannes entscheiden.
Die älteste Gesellschaftsform ist das Matriarchat
Im Gegensatz dazu gilt als die älteste Gesellschaftsform der Welt das Matriarchat. Spuren dieser Strukturen wurden bereits in der Altsteinzeit entdeckt. Das Matriarchat ist laut Wikipedia nicht gleichbedeutend mit Vorherrschaft der Frauen, in der die Männer unterdrückt werden. Vielmehr ist es ein Gesellschaftstyp, in dem alle sozialen und rechtlichen Beziehungen über die Linie der Mütter organisiert wird und Frauen die alleinige politische Macht innehaben.
Unterschiede werden respektiert
Die Begründerin der Matriarchatsforschung, Dr. Heide Göttner-Abendroth, betont, dass im Matriarchat die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und Generationen respektiert werden. Es werden keine Hierarchien geschaffen, sondern es wird vielmehr Wert auf ein Gleichgewicht gelegt: zwischen den Geschlechtern, den Generationen und auch zwischen Mensch und Natur.
Die Geschlechter gelten als gleichwertig
Im Matriarchat ist die Linie der Mutter entscheidend: Großmütter, Mütter, Schwestern, Tanten, Töchter und Nichten leben mit den direkt verwandten Männern zusammen. Sie entscheiden über die Geschicke des Clans und des ganzen Dorfes, sind die Verwalterinnen des Familienvermögens und schlichten Streit. Kinder erhalten automatisch den Namen der Mutter und wachsen auch in ihrem Clan auf. Die Institution der Ehe, wie wir sie kennen, gibt es nicht, und die biologische Vaterschaft spielt keine Rolle. Häufig ist sogar unbekannt, wer der Vater eines Kindes ist. Doch gelten die Geschlechter als gleichwertig mit jeweils geschlechtsspezifischen Aufgaben.
Weltweit gibt es matriarchalisch organisierte Völker
Auch in der heutigen Zeit gibt es noch auf allen Kontinenten matriarchalisch organisierte Völker, die häufig in Rand- und Rückzugsgebieten leben. Von ihnen sind die Mosuo in China, die Minangkabau in Indonesien und die Khasi in Indien die bekanntesten. In Afrika leben zahlreiche Völker mit matriarchalischen Strukturen oder Relikten: die Luapula in Sambia, die Ashanti und Akan in Ghana, die Ila in Simbabwe, die Yoruba und Bijagos in Westafrika, Völker im Sudan und in der Kabylei in Algerien bis hin zu den Tuareg in der Sahara.
Ehescheidung ist keine Schande
Bei den Letztgenannten darf die Frau vor einer Ehe verschiedene Liebhaber haben, sie entscheidet selbst, wen sie heiratet und sie darf ihren Mann verstoßen. Eine Ehescheidung ist bei den Tuareg keine Schande. Trennt sich ein Paar, bleiben die Kinder bei der Frau. Die Söhne der Schwester werden von Männern in der Weitergabe ihrer Besitztümer bevorzugt, da man hier von einer engeren Verbindung ausgeht, als es bei eigenen Söhnen der Fall ist.
Unabhängig durch Rentiere
In Europa haben die Samen in Lappland noch matriarchalische Strukturen. Bei ihnen ist die Gleichberechtigung der Frauen eine uralte Tradition. Sie sind stimmberechtigt in den traditionellen Versammlungen, häufig ziehen die Männer bei der Heirat zur Familie der Braut. Kinder können auch den Familiennamen der Mutter tragen. Oft besitzen die Frauen von Kindheit an ihre eigenen Rentiere, was sie ökonomisch unabhängig macht. Viele haben auch ein eigenes Ren-Markierungszeichen.
Deutschland lediglich im unteren Drittel
Laut Statistischem Bundesamt waren in Deutschland im Jahr 2020 lediglich rund 28 Prozent der Führungspositionen in Unternehmen mit Frauen besetzt – was zwei Prozent weniger als im Jahr davor entspricht. Damit landete Deutschland im EU-weiten Vergleich im unteren Drittel. EU-Spitzenreiter war Lettland mit 47 Prozent, dicht gefolgt von Polen (44 Prozent) und Schweden (42 Prozent). Auf dem letzten Platz landete Zypern mit 25 Prozent.
Text: Sonja Bossert