Dornröschenschlaf für Deutschland
Ab Montag, den 02. November 2020, sinkt Deutschland für einen Monat in einen Dornröschenschlaf. So zumindest will es die Bundesregierung, die versucht, mit diversen Maßnahmen (wir berichteten https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/dateien/PDF/Coronainfos/201028_Corona_Massnahmen_A4_lang_V3.pdf), den steigenden Coronazahlen Herr zu werden (aktuelle Zahlen für den Hohenlohekreis gibt es hier: https://www.corona-im-hok.de/). Kurz – und vielleicht auch etwas überspitzt – gesagt: Alles, was Spaß macht, ist ab Montag wieder weitestgehend verboten beziehungsweise es wird einem davon abgeraten, wie etwa Freunde und Familie zu treffen, Sport in einem Verein zu machen, ins Theater oder ins Kino zu gehen, auch Schwimmbäder müssen schließen, ebenso wie Restaurants und Kneipen. Dadurch sollen die Coronazahlen wieder sinken.
Erkältungszeit und schon gehen die Coronazahlen wieder hoch – das ist wenig überraschend
Das Paradox: Dass die Zahlen wieder steigen, liegt weniger an Hotspots, die in Restaurants oder Kinos entstanden sind. Diese haben in der Regel vorbildlich versucht, die zahlreichen Hygienevorschriften bestmöglich umzusetzen. So stand etwa am Eingang der Therme in Sinsheim ein Körpertemperaturscanner. Die Kinobesucher hielten Abstand zu anderen Besuchern, fast überall gab es die Möglichkeit von Onlinereservierungen wegen eines reduzierten Platzangebots aufgrund der Abstandsregelungen. Die steigenden Coronazahlen rühren vielmehr auch von der kälteren Jahreszeit, die Erkältungen sowie grippale Infekte befördern. Diese wiederum bringen Coronasymptome als Begleiterscheinung mit, ergo lassen sich wieder mehr Menschen auf Corona testen, was wiederum dazu führt, dass bei mehr Menschen Corona festgestellt wird, die sich ohne derartige Symptome vermutlich gar nicht hätten testen lassen. Des Weiteren ist ein schwächelndes Immunsystem etwa in einer kälteren Jahreszeit anfälliger für Coronaviren.
Was bringt das Herunterfahren des Freizeitbereiches?
Die Gesundheitsämter auch im Hohenlohekreis haben ihre Personalkapazität mithilfe der Bundeswehr aufgestockt (wir berichteten). Das Ziel: Schneller Hotspots entdecken und die Menschen benachrichtigen, die Kontaktpersonen von Coronaerkrankten sind, um eine weitere Ausbreitung zu vermeiden.
Was aber bringt das Herunterfahren des Freizeitbereiches im November? Nicht viel, warnen doch Ärzte und Wissenschaftler eher davor, dass psychische Krankheiten und Angstzustände seit Corona sowieso schon zunehmen und Lockdowns die Situation verschärfen. Denn: Sport und Spaß sind eigentlich gute Heilsbringer für ein starkes Immunsystem. Nun kann man noch diszipliniert alleine im Wald joggen gehen, aber das soziale Miteinander fehlt irgendwann dann doch. Die Vereinsamung unter der Maske droht – gerade in Stimmungstief-Zeiten wie dem Herbst. Da hilft dann auch nicht die Aussicht auf Weihnachten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel postuliert, weil jeder weiß: Auch an Weihnachten wird nichts normal sein. Die Maske wird uns noch lange begleiten.
Auch an Weihnachten wird nichts normal sein
Zum einen werden also nun entgegen der Meinung von diversen angesehen Wissenschaftler und Ärzte (wir berichteten) Freizeitaktivitäten auf ein Minimum reduziert. Zum anderen soll aber das Volk weiterhin arbeiten – bestenfalls im staatlich empfohlenen home office. Nur: Auch Büroarbeit klappt langfristig häufig besser von Angesicht zu Angesicht, insbesondere wenn man komplexere Sachverhalte gemeinsam anschauen muss. Abgesehen davon können Krankenschwestern, Pfleger, Kassierer, Ärzte und Müllarbeiter auch nicht einfach ins home office verschwinden. Sie sollen angesichts steigender Zahlen weiterhin arbeiten, aber der Freizeitausgleich wird ihnen gestrichen. Psychologisch gesehen setzt das Menschen noch mehr unter Druck – und Aggressionen und Gewalt können daraus entstehen. Auch Polizisten bekamen dies zu spüren, unter anderem unlängst in Frankfurt https://www.hessenschau.de/panorama/mit-steinen-flaschen-pfefferspray-jugendliche-attackieren-polizisten-in-frankfurt-,angriff-polizeistreife-100.html
Die Polizei – dein Freund oder Feind?
Andererseits denken führende Politiker laut darüber nach, die Kompetenzen der Polizei zu erweitern. So ruderte unlängst der SPD-Politiker Karl-Lauterbach nach heftiger Kritik unlängst wieder zurück, nachdem er angesichts der drastisch gestiegenen Corona-Infektionszahlen zuvor Kontrollen in privaten Räumen gefordert hat. „Wir befinden uns in einer nationalen Notlage, die schlimmer als im Frühjahr werden kann. Die Unverletzbarkeit der Wohnung darf kein Argument mehr für ausbleibende Kontrollen sein“, sagte Lauterbach der Rheinischen Post. „Wenn private Feiern in Wohnungen und Häusern die öffentliche Gesundheit und damit die Sicherheit gefährden, müssen die Behörden einschreiten können.“ https://www.hna.de/politik/corona-zahlen-news-lauterbach-kontrollen-polizei-privatwohnungen-coronavirus-merkel-kassel-hna-90083279.html
Es haben sich zwei Lager gebildet
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es ist richtig und wichtig, dass man Maßnahmen, die tief in die deutschen Grundrechte eingreifen, kritisch hinterfragt oder auch demonstriert. Das fordert schon die deutsche Geschichte von uns ein. Aber bei Gewalt hört das Verständnis auf. Auch wir merken anhand der Kommentare, die uns täglich erreichen zu diesem Thema, dass sich zwei Lager gebildet haben – die Menschen, die den Kurs der Regierung befürworten und alle Maßnahmen bestmöglich versuchen umzusetzen und diejenigen, die die Maßnahmen kritisch sehen oder gänzlich ablehnen. Zusätzlich gibt es diejenigen, die Covid-19 gänzlich in Frage stellen.
Was ist richtig, was ist falsch?
Was ist richtig, was ist falsch? Das wird sich erst rückblickend in einigen Jahren sagen lassen. Aber was jetzt wichtig ist: Dass wir einen offenen Diskurs zulassen über diese Pandemie und die Maßnahmen, mit der wir ihr begegnen. Dass wir uns trauen, unsere Meinung zu sagen, wohlwissend, dass die durch ständig neue Erkenntnisse diese nicht in Stein gemeißelt werden kann. Dass wir immer im Diskurs bleiben mit anderen, die nicht dieselbe Meinung haben wie wir. Durch den Dialog können wir vielleicht dafür sorgen, dass sorgen wir dafür der Riss, der sich allmählich durch alle gesellschaftliche Schichten zieht, nicht noch tiefer wird und eine endgültige Spaltung verursacht. Amerika dient hier als eine nicht zu unterschätzende Blaupause.
Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann

