Drei große Luftreiniger erlauben dem Künzelsauer Gemeinderat seit einiger Zeit wieder öffentliche Sitzungen im Ratssaal. Und trotzdem schienen einige Anwesende verwundert, als Verena Löhlein-Ehrler gleich zu Beginn der Sitzung vom Dienstag, den 27. Juli 2021, einen Antrag einbrachte, dass Kinder bis zwölf Jahre nur noch in Räumen beschult werden sollen, die mit Luftreinigern ausgestattet sind.
Die Konsequenz ist allen klar: Bei Annahme des Antrags wäre die Stadt Künzelsau als Schulträger verpflichtet, schnellstmöglich die entsprechenden Geräte zu beschaffen, aufzustellen und zu betreiben.
Rainer Süßmann begründet den Antrag
Rainer Süßmann, kommissarischer Leiter der Georg-Wagner-Schule, hat bereits Erfahrung mit Luftreinigern. Er hat in seiner Schule derzeit sechs solche Geräte, die in Räumen eingesetzt werden, die schlecht zu belüften sind. Süßmann berichtet davon, dass es in den Klassenzimmern, in denen die Geräte eingesetzt waren, keinen Coronafall gegeben habe, in anderen Klassenräumen schon. Er weist aber sofort darauf hin, dass das nur eine Einzelbetrachtung ist, die nicht statistisch signifikant sein muss.
Süßmann begründet den Antrag seiner Fraktionskollegin – er ist dabei emotional und sichtlich aufgewühlt: Das allerhöchste Ziel müsse es sein, den Kindern einen geregelten Schulbetrieb zu ermöglichen.“Es muss alles getan werden, dass die Menschen, die Kinder, im geregelten Tagesablauf bleiben.“ Er hat mehrfach Quarantänesituationen einzelner Klassen mitbekommen: „Die Politik macht es sich einfach – Ein Fall in der Klasse und alle gehen in Quarantäne.“ Mit allen Konsequenzen für die Familien: Es muss für Betreuung gesorgt werden, das können in diesem Fall nur die Eltern sein, die dann aus dem Beruf gerissen werden.
Kinder können noch nicht geimpft werden
Süßmann weist darauf hin, dass Kinder bis zwölf Jahre momentan noch nicht geimpft und daher leicht angesteckt werden können. Sie können, da die Infektion meist nur leicht oder gar unmerklich verläuft, das Virus weiterverbreiten. „Ich mache mir ehrlich Sorgen“, sagt Süßmann, „Die nächste Welle wird die Welle der Kinder und Jugendlichen.“
Effekt der Luftreinigung durch Studie belegt
Die Empfehlung, einfach noch öfter zu lüften, sei im Sinne eines geregelten Unterrichts nicht umsetzbar, oder deutlicher: „Alle zehn Minuten lüften, das ist Schwachsinn“ – man merkt ihm an, dass er mit dem Herzen bei der Sache, bei seinen Schülern ist. Süßmann zitiert eine „Stuttgarter Studie“, deren Ergebnisse eindeutig seien: Die Aerosolbelastung könne durch Luftreinigung deutlich reduziert werden.
Ob die Stadt Künzelsau als Schulträger wirklich bereits alles versucht hat? Süßmann zweifelt das an: Man habe die Geräte im Gemeinderat, man habe den Einzelhandel durch den Aufbau einer Teststation unterstützt, aber die Kinder?
Jetzt seien die Lieferanten noch lieferfähig – wenn man zu spät bestelle, hätte man die Geräte im Sommer 2022. Seine Begründung schließt er mit einem eindringlichen Appell: „Wenn wir jetzt nichts machen, dann wird es nicht mehr so sein, dass zwanzig Kinder beim Therapeuten sitzen, sondern 40 oder 60 … die sind dann nicht leistungsfähig.“
Neumann eher defensiv
Bürgermeister Stefan Neumann ist eher defensiv eingestellt: Die Stadt habe bereits derartige Geräte und für schlecht zu lüftende Räume könne man durchaus weitere Geräte bestellen. Er weist darauf hin, dass man diesen Antrag in dieser Sitzung nicht abstimmen könne, sondern gegebenenfalls eine Sondersitzung in der Urlaubszeit einberufen müsse. Außerdem sei das „keine finanzielle Entscheidung, sondern eine Grundsatzentscheidung“.
Stimmung im Gemeinderat größtenteils unterstützend
Herbert Schneider ist auch der Meinung, dass eine schnelle Entscheidung nötig ist. Die Schulen sollten seiner Meinung nach unmittelbar die notwendigen Zahlen ermitteln, damit man eine Sondersitzung einberufen kann. Überschlägig schätzt er mit 100.000 Euro Kosten.
Der Bundestagswahlkampf wird bemerkbar
Parteipolitik im Wahlkampf mag sich Christian von Stetten nicht verkneifen: Er verweist darauf, dass der Bund 500 Millionen Euro bereitgestellt habe. Das Land Bayern fördere die Anschaffung von Luftreinigern mit 50 Prozent. „Das Kultusministerium in Stuttgart sieht das völlig anders.“ Weiter sagt er: „Ich würde abraten, ins Blaue hinein die Geräte zu beschaffen.“ Erst solle man in Stuttgart eine Förderanfrage stellen.
Anderer Meinung ist Hans-Jürgen Saknus: Er meint, dass auch das Land Baden-Württemberg ein Förderprogramm hat – aber das sei nun Sache der Stadt, sich kundig zu machen. Seine Fraktion würde den Antrag jedenfalls unterstützen. „Delta trifft vor allem die Jungen, daher ist diese Initiative wichtig. Ich hoffe, dass das Land alles tut, damit kein Lockdown bei den Schulen passiert.“
Auch Robert Volpp kann sich der Notwendigkeit der Geräte anschließen.
Süßmann pflichtet Saknus bei und zitiert eine Aussage von Ministerpräsident Kretschmann, der von einem 50-prozentigen Zuschuss, nicht nur für schlecht zu lüftende Räume, gesprochen haben soll. Er nennt noch einmal Zahlen: Es seien ungefähr 40 bis 60 Geräte notwendig, die teureren Geräte lägen bei etwa 4.000 Euro. Das würde Anschaffungskosten von bis zu 240.000 Euro bedeuten – eventuelle Zuschüsse von Bund oder Land nicht eingerechnet.
Löhlein-Ehrler betont nochmals, dass ein Warten auf Stuttgart gefährlich sein kann: „Wir müssen ein wenig schneller sein als die anderen, wegen der Lieferfähigkeit.“
Sondersitzung des Gemeinderats in Aussicht gestellt
Bürgermeister Neumann weist nochmals darauf hin, dass es sich um eine Grundsatzentscheidung handle und der Gemeinderat sich über die Finanzierung Gedanken machen müsse. Er stellt eine Sondersitzung in der Urlaubsperiode zum Thema in Aussicht, die dann auch hybrid stattfinden könne. Einen Entscheid im Umlaufverfahren hält er für nicht problemangemessen.
Text: Matthias Lauterer

ebm-papst und Sauter Heizungstechnik installieren Luftreiniger und Sensoren zur digitalisierten Luftqualitätsmessung in der Johann-Friedrich-Mayer-Schule in Kupferzell. Foto: Sauter Heizungstechnik

In der Grundschule Kocherstetten werden kleinere Luftreiniger getestet. Bild: Steffen Gahm/Grundschule Kocherstetten