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Und der Inzidenzwert steigt und steigt und steigt

Am Wochenende hat das Gesundheitsamt des Hohenlohekreises insgesamt 44 neue Corona-Infektionen an das Landesgesundheitsamt gemeldet, davon 42 am Samstag, den 19. Dezember 2020, und zwei am Sonntag, den 20. Dezember 2020. Die 7-Tage-Inzidenz war am Samstag voon 175 auf 182,0 gestiegen und liegt am Sonntagabend bei 182,9 pro 100.000 Einwohner.

Bestätigt wurden unter anderem 13 Fälle in bereits betroffenen Pflegeeinrichtungen im Kreis. Weitere Informationen zum Coronavirus sowie das Dashboard mit den einzelnen Zahlen pro Gemeinde sind unter www.corona-im-hok.de zu finden.

 




Kretschmann verkündet Ausgangssperre

In einer Sonderkabinettsitzung der Baden-Württembergischen Landesregierung stellte die Physikerin Viola Priesemann dar, dass das hohe Ansteckungsniveau nicht kontrollierbar sei. Die Dunkelziffer im Sommer war wegen Nachverfolgbarkeit sehr gering, diese Nachverfolgung sei derzeit nicht mehr möglich, nach ihrer Schätzung könnte die Dunkelziffer 4-5mal so  hoch wie die erkannten Infektionen sein.

Ministerpräsident Kretschmann erläuterte, dass bei über 4.000 Infektionen täglich keine Schwerpunkte mehr zu erkennen seien. 516 Intensivpatienten und 374 Todesfälle allein in Baden-Württemberg in der letzten Woche seien eine „wirkliche Krisensituation“.

„Wir hatten gehofft, dass wir die zweite Welle mit vergleichsweise milden Maßnahmen brechen können. Von dieser Hoffnung müssen wir uns jetzt verabschieden. Wir müssen die Zahl der Neuinfektionen schnell und radikal runterdrücken“, sagt Kretschmann und verkündet neue Maßnahmen:

Ganztägig allgemeine Ausgangsbeschränkung ab 12. Dezember

Ab dem 12. Dezember gilt eine allgemeine Ausgangsbeschränkung für ganz Baden-Württemberg. Nur bei triftigem Grund wie zum Beispiel Arbeit, Einkauf, Arztbesuch, privaten Veranstaltungen mit bis zu maximal 5 Personen aus 2 Haushalten, Wahrnehmung des Umgangsrechts oder Sport darf das Haus verlassen werden. Die Einzelhandelsgeschäfte dürfen geöffnet offen bleiben. Über eventuelle Schulschließungen machte der Ministerpräsident vorläufig keine klaren Aussagen.

In der Nacht weitere Verschärfungen

Zwischen 20 und 5 Uhr gilt eine verschärfte Ausgangsbeschränkung: Nur beispielsweise aus beruflichen Gründen, zur Inanspruchnahme medizinischer Leistungen, zur Begleitung von Unterstützungsbedürftigen oder zur Versorgung von Tieren darf man während der Nacht unterwegs sein.

Für private Veranstaltungen im privaten Bereich gibt es zwischen 23. und 27. Dezember Ausnahmen, allerdings werden die Regeln mit der Ministerpräsidentenkonferenz nochmals besprochen. Für Silvester wurden keine Ausnahmen genannt.

Dauer der Massnahmen 4 Wochen

Diese Maßnahmen sind für 4 Wochen beschlossen.

Verbot des öffentlichen Alkoholausschanks

Auch der Ausschank von alkoholischen Getränken an öffentlichen Verkaufsstellen wird untersagt.

Ministerpräsident Kretschmann betonte: „Leben und Gesundheit steht an erster Stelle, wir können das nicht hinnehmen, dass Tag für Tag Menschen schwerste Gesundheitsschäden erleiden. Die Menschenwürde gilt für alle gleichermaßen“

Text: Matthias Lauterer




„Viele Studios wird es nächstes Jahr nicht mehr geben“

80 Prozent der Menschen, die ins Fitnessstudio gehen, verfolgen beim Training medizinische Ziele. Das Training verschafft ihnen Schmerzlinderung, einen physischen und psychischen Ausgleich und eine Besserung von ernst zu nehmenden Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck. Nicht zu vergessen ist der Reha-Sport, der Patienten nach schweren Krankheitsverläufen wieder ein normales Leben ermöglicht.

„Jeder hat seine Hausaufgaben gemacht, nur unser Staat nicht“

„Ich spreche jetzt einmal für alle Selbstständigen, die etwas zu verlieren haben“, sagt Michael Maibaum, Leiter des Fitnessstudios Corpus 2000 in Künzelsau-Gaisbach. „Wir alle haben akribisch danach geschaut, dass Regeln eingehalten und Vorgaben erfüllt werden. Ich kenne keinen einzigen Fall – auch von den Kollegen – wo es in einem Fitnessstudio einen nachweisbaren Corona-Fall gegeben hätte.“

Dem 54-Jährigen ist der Schock über die erzwungenen Schließungen aller Fitnessstudios ab dem zweiten November deutlich anzumerken. Diese Maßnahmen seien unverhältnismäßig und willkürlich. „Jeder hat seine Hausaufgaben gemacht, nur unser Staat nicht. Bei uns im Studio herrscht eine einhundertprozentige Transparenz, wir können jeden Besuch nachvollziehen, haben stimmige Konzepte. Jetzt stellt sich die Frage, wo man die Schlange zuerst köpft. Natürlich am Kopf! Das sind aber nicht die Fitnessstudios. Ich komme aus dem Kopfschütteln schon gar nicht mehr heraus.“

„Da kannst du deine Hausaufgaben machen, wie du willst – du hast keine Chance“

Der vierfache Vater ist enttäuscht: „Wir haben die letzten Monate hart dafür gearbeitet, alle Vorgaben umzusetzen. Es fühlt sich einfach scheiße an, jetzt trotzdem schließen zu müssen. Ich fühle mich verarscht von unserer Regierung, ganz einfach! Was haben die für ein Recht, in einer Demokratie, einfach meinen Laden zuzumachen, weil irgendwelche Zahlen in den Raum geschmissen werden? Was können wir dafür, wenn sich Menschen in den Ballungsgebieten nicht an die Regeln halten und sich Corona deshalb dort rasend schnell verbreitet? Hier auf dem Land bekommt man davon nichts mit! Doch da werden jetzt wir dafür bestraft! Wir müssen jetzt dafür büßen! Manche mit ihrer Existenz und manche mit sehr, sehr viel Geld. Es geht nicht nur um diesen einen Monat, in dem wir keine Beiträge gezahlt bekommen, sondern es geht um die Folgeschäden. Der November ist eigentlich unser umsatzstärkster Monat, im November schließen wir die meisten Neuverträge ab. Nun haben wir keine Möglichkeit mehr dazu, doch die Kündigungen kommen trotzdem. Da kannst du deine Hausaufgaben machen, wie du willst – du hast keine Chance! Jetzt waren wir gerade am Abfangen des letzten Lockdowns, haben gesagt: ‚Okay, es geht langsam wieder aufwärts‘ – Jetzt machen sie uns wieder zu.“

„Ich fühle mich beschissen, auf den Arm genommen, verarscht“

Auch im EnergieLaden in Künzelsau ist der Leidensdruck groß. Patric Donner, der Inhaber des Studios, sieht vor allem „dem Rattenschwanz“, der auf die Schließungen folgen wird, mit Schrecken entgegen. Außerdem merke man nun besonders, welche Branchen eine schlagfertige Lobby hätten: „Man stelle sich einmal vor, dass Mercedes geschlossen würde. Das ist unvorstellbar. Sanktioniert werden die Kleinen. Wir haben in Hygienekonzepte investiert und die Verordnungen, wie vorgeschrieben, umgesetzt. Nun müssen wir trotzdem schließen. Ich fühle mich beschissen, auf den Arm genommen, verarscht – Was soll ich sagen? Die Botschaft aus Frau Merkels Ansage war ja, dass die Gesundheitsämter nicht mehr nachvollziehen könnten, woher die Infektionen kämen. Als Reaktion darauf müssen nun Fitnessstudios und Kneipen geschlossen werden, die wiederum absolut transparent darlegen können, wer wann bei ihnen trainiert hat. Das ist absolut widersprüchlich. Ganz nach dem Motto: ‚Wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen, also schließen wir eben die, die man am einfachsten nehmen kann.‘“

„Ich ernähre meine Kinder, muss unser Zuhause bezahlen“

Der 50-Jährige sieht, wie so viele in seiner Branche, einer ungewissen Zukunft entgegen. Er sagt ganz klar: „Ich möchte mir überhaupt nicht ausmalen, noch mehr Mitglieder zu verlieren. Ich ernähre meine Kinder, muss unser Zuhause bezahlen. Ich muss ja auch die Geräte im Studio noch abbezahlen. Wenn ich keine Mitglieder mehr habe, habe ich keine Kohle mehr. Der Rattenschwanz zieht sich da weiter, so wie überall.“

„Wir können keinerlei staatliche Hilfen erwarten, denn diese beziehen sich immer auf die Umsätze des Vorjahres.“

Den Studio-Betreibern steht eine Entschädigung von bis zu 75 Prozent des Umsatzes im November 2019 zu. Doch diese ist ungleich verteilt und nur oberflächliche Symptombekämpfung, wie Maibaum erklärt: „Also vom Grundgedanken her ist die Idee mit den 75 Prozent schon in Ordnung, doch das Problem sind die Folgeschäden, die langfristig definitiv Schwierigkeiten bereiten werden. Das hat man nach dem ersten Lockdown schon bemerkt und jetzt kommt das zweite Mal. Alleine heute sind schon wieder fünf oder sechs Kündigungen reingekommen. Denken Sie doch einmal weiter: Unsere Kinder und deren Kinder können diese Scheiße noch abbezahlen. Was glauben Sie, wo die Regierung das Geld für die zig Milliarden her nimmt, die die Wirtschaft wieder ankurbeln sollen?“ Doch einige Studios fallen komplett durch das Netz der staatlichen Hilfen. „Wir haben unser MG Studio in Kupferzell im Februar dieses Jahres eröffnet“, erklärt Lisa Löchner, Studioleiterin des MG Studios in Kupferzell. Die 25-Jährige hat eine positive, dynamische Ausstrahlung und ein Lachen, das ansteckt. Wenn sie über die Zukunft ihres Studios spricht, wirkt sie plötzlich ganz nachdenklich: „Wir können keinerlei staatliche Hilfen erwarten, denn diese beziehen sich immer auf die Umsätze des Vorjahres. Wenn es die eben nicht gibt, dann kann man 75 Prozent von nichts erwarten.“ Die junge Frau appelliert an ihre Mitglieder: „Bleibt geduldig und schenkt uns weiterhin Euer Vertrauen!“

Das MG Studio bezieht in seiner Pressemitteilung klar Stellung: „Im Frühjahr haben wir die Maßnahmen wegen der unsicheren Faktenlage respektiert. Heute fehlt hierfür aus unserer Sicht jegliche Grundlage.“

Text und Video: Priscilla Dekorsi

 




„Ich bin überzeugt davon, dass die Gastronomie kein Corona-Verteiler ist“

„Ich finde es übertrieben, dass die komplette Gastronomie schließen muss“, sagt Tobias Stuber aus Künzelsau. Er sitzt am vergangenen Freitagabend in der „Emma“ in Künzelsau. „Ich möchte der Gastro noch einmal etwas Gutes tun, bevor am 02. November 2020 alles dicht gemacht wird. Die Schließungen stoßen bei mir auf Unverständnis.“

„Das Gesundheitsamt hat sich noch kein einziges Mal bei uns gemeldet“

Diese Einschätzung teilt auch die achtzehnjährige Nathalie Riegel: „Ich finde die Schließungen ganz schlimm, besonders für die Gastronomen. Ich bin überzeugt davon, dass die Gastronomie kein Corona-Verteiler ist.“ Das kann Daniel Brunner, Inhaber des Bistros Emma und der Pizza-Manufaktur Zum Glück in Künzelsau bestätigen: „Seit einem halben Jahr praktizieren wir jetzt die Kontaktnachverfolgung. Das Gesundheitsamt hat sich noch kein einziges Mal bei uns gemeldet, um uns einen Fall zu melden. Auch von Kollegen habe ich noch nichts Ähnliches gehört.“

Für Gastronomen und Hotelgewerbe existenzbedrohend

„Das ganze Thema ist für uns Gastronomen und für das Hotelgewerbe existenzbedrohend“, erklärt der zweifache Vater weiter. „Es geht ja nicht nur um den einen Monat. Es geht auch darum, dass es die ganze Zeit über Menschen gibt, die Angst haben und nicht mehr ausgehen. Unsere Besucherzahlen haben sich generell verringert.“

„Was wird außerdem nach Weihnachten und Silvester sein?“

„Wir bekommen staatliche Hilfen für den Monat“, erläutert Brunner. „Das sind bis zu 75 Prozent des Umsatzes vom November des Vorjahres, abzüglich des Kurzarbeitergeldes und der Hilfen, die man bisher in Anspruch genommen hat. Das ist besser als nichts. Das Problem ist aber, dass die Folgen des Lockdowns sich weit über den November hinaus erstrecken werden. Was wird außerdem nach Weihnachten und Silvester sein? Was ist, wenn die Zahlen wieder ansteigen? Ich wünsche mir von den Politikern, dass sie mit gesundem Menschenverstand abwägen, was wirklich notwendig ist. Einen Lockdown-Marathon können wir sicherlich nicht überstehen. Das wäre auch verheerend für die ganze Gesellschaft. Unser Zusammenleben definiert sich doch auch über Kontakte, Ausgehen, zusammen Spaß haben… “ Doch der 40-Jährige bleibt hoffnungsvoll: „Ich bin überzeugt davon, dass wir eines Tages wieder zum Normalzustand zurückkehren werden. Ich hoffe es! Besonders für die Kinder.“

„Man kann doch nicht wahllos Lockdowns verhängen“

Auch Sabrina Binder und Bianca Rothacker fordern, für die Gastronomie einzustehen. Rothacker fragt: „Für was haben wir denn die ganzen Hygienevorschriften? Jeder hält sich daran. Alle Betriebe haben investiert und umgerüstet. Es war doch von vornherein klar, dass im Herbst die Zahlen wieder ansteigen. Deshalb sind die Schließungen für mich sehr, sehr unverständlich. Man kann doch nicht wahllos Lockdowns verhängen.“

Text und Video: Priscilla Dekorsi

EMMA in Künzelsau. Foto: GSCHWÄTZ

EMMA in Künzelsau. Foto: GSCHWÄTZ

EMMA in Künzelsau. Foto: GSCHWÄTZ

EMMA in Künzelsau kurz vor dem Lockdown ab dem 02. November 2020. Foto: GSCHWÄTZ