„Es gibt Bilder und Eindrücke, die sich einbrennen“
Sie kommen bei Unfällen, plötzlichen Todesfällen, Bränden oder wenn jemand vermisst wird: die Mitarbeiter der Notfallseelsorge im Hohenlohekreis. Sie stehen Menschen bei, die sich in einer akuten Krisensituation befinden – beispielsweise Angehörigen von Unfallopfern – aber auch Mitgliedern von Hilfs- und Rettungsdiensten, Feuerwehr und Polizei. „Etwa zehn bis 20 Prozent der Gesamteinsätze sind nach Unfällen“, sagt Diakon Hans-Peter Hilligardt, Leiter der Hohenloher Notfallseelsorge. „Auf häusliche Einsätze wie plötzliche Todesfälle entfallen rund 70 Prozent.“ Wegen der Corona-Pandemie gab es rund zehn Prozent weniger Einsätze, schätzt er. Der 62-Jährige vermutet, dass die „Verantwortlichen uns nur rufen, wenn es absolut unbedingt nötig ist, um auch uns vor möglichen Infektionen zu schützen“.
Unabhängig von der Konfession oder religiösen Überzeugung
Die Notfallseelsorge wird im Hohenlohekreis in Zusammenarbeit mit dem Notfallnachsorgedienst (NND) des DRK von den evangelischen Dekanaten Öhringen und Künzelsau sowie dem Katholischen Dekanat getragen. Das Angebot ist aber unabhängig von der Konfession oder religiösen Überzeugung der Personen, die diese Hilfe benötigen. „Wir haben rund 35 Mitarbeitende“, berichtet Hilligardt weiter. „Der harte Kern besteht aus etwa 15 Personen.“ Die Mitarbeiter sind in Alarmgruppen zu je acht Personen zusammengefasst. Diese wiederum delegieren an Regionalgruppen weiter. Den Einsatz selbst lösen die zuständigen Leitstellen aus. „Unsere Mitarbeiter in Rufbereitschaft sind mit Piepsern und Meldeempfängern ausgestattet“, sagt der gebürtige Löchgauer. „Seit 2019 haben wir auch ein gut funktionierendes App-System, so kann der Alarm auch übers Handy empfangen werden.“ Denn bei Schwabbach beziehungsweise Eschental sei Funkgrenze und so müsse der Mitarbeiter nicht zwangsweise im Landkreis sein. „Wenn es ganz ungünstig läuft, muss durchaus auch mal der Diensthabende übernehmen“, erklärt Hilligardt. „Das ist dann der Letzte, den es erwischt.“
„Unsere Mitarbeiter sind aus dem ganz normalen Leben“
Fünf Hauptamtliche und drei Ehrenamtliche bilden den Alarmkopf, der immer wieder mal wechsele. „Das muss auch nicht unbedingt jemand sein, der im pastoralen Bereich tätig ist“, erklärt der Pfedelbacher. So gebe es Ehrenamtliche, die in der Verwaltung tätig sind. „Unsere Mitarbeiter sind aus dem ganz normalen Leben, haben sich einen gewissen Hintergrund angeeignet und müssen natürlich psychisch stabil sein“, nennt er Kriterien. Bevor neue Mitarbeiter loslegen können, müssen sie zunächst an drei Wochenenden einen seelsorgerischen Grundkurs absolvieren. Dem schließt sich ein Grundkurs in Notfallseelsorge an. Diese Fortbildung dauert zwei Wochen innerhalb eines Jahres. Die ersten Einsätze werden stets mit jemand Erfahrenem absolviert. Hilligardt selbst ist seit 20 Jahren bei der Notfallseelsorge, seit fünf Jahren ist er deren Leiter. Davor war der ausgebildete Sanitäter 20 Jahre ehrenamtlich im Rettungsdienst tätig.
„Bei Familien ist auf jeden Fall stets eine weibliche Einsatzkraft dabei“
„Es hängt vom Einzelfall ab, ob zwei oder mehr unserer Mitarbeiter kommen“, so Hilligardt. „Eine zweite Person, die kurzfristig dazukommen kann, haben wir immer in Reserve und bei Einsätzen in Familien ist auf jeden Fall stets eine weibliche Einsatzkraft dabei.“ Es könnten aber auch mal drei Einsatzkräfte sei, wenn es um Familien oder Personen mit Migrationshintergrund gehe.
„Wenn ich durch den Landkreis fahre, habe ich oft Flashback“
Es gibt Einsätze, die auch Hilligardt im Gedächtnis geblieben sind: „Es gibt Bilder und Eindrücke, die sich einbrennen“, sagt er. Dinge, die man mit sich trage, auch wenn man emotional nicht so sehr beteiligt sein solle. So erinnert er sich noch lebhaft an einen Unfall wegen eines technischen Defekts, der bereits 30 Jahre her ist: „Weil ein Scheinwerfer an einem Auto kaputt war, hat der Fahrer im entgegenkommenden Wagen gedacht, das sei ein Motorrad. Es gab damals drei Tote.“ Die Erinnerung daran hat ihn selbst an dem Tag, an dem das GSCHWÄTZ-Gespräch stattfand, dazu veranlasst, seinen eigenen Wagen zur Reparatur in die Werkstatt zu bringen. „Wenn ich durch den Landkreis fahre, habe ich oft Flashbacks an Dinge, die passiert sind.“ Aber das seien Extremsachen.
Text: Sonja Bossert

Das Leitungsteam der Nofallseelsorge im Hohenlohekreis (v.l.): Pfarrer Arnim Speck (Stellv. Leiter), Geschäftsführerin Ute Karle und Diakon Hans-Peter Hilligardt (Leiter). Foto: NFS im Hohenlohekreis