Unlängst haben wir von einem Landwirt aus dem Kochertal berichtet, der aufgrund der voraussichtlich schlechten Ernte aufgrund der Dürre einen Teil seiner Rinder im Herbst schlachten muss, weil er seine Tiere vermutlich nicht alle satt bekommt. Wir haben daraufhin bei Helmut Bleher, dem Kreisgeschäftsführer des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg, nachgefragt, ob es sich hier um einen Einzelfall handelt oder ob noch weitere Betriebe drohen, in diese Notlage zu rutschen.
Kein Futter für die Tiere
GSCHWÄTZ: Sieht es bei den anderen landwirtschaftlichen Betrieben ähnlich aus, wie bei dem Landwirt im Kochertal?
Bleher: Die Trockenheit bereitet derzeit große Sorge. Vor allem die Futtergrundlage für die Tiere ist stark gefährdet, weil die Sommerschnitte ausfallen und der Mais verdorrt und keine guten Kolben ausbildet. Landwirte, die nicht noch Reserven aus Vorjahren haben, werden den Viehbestand abstocken müssen. Denn Grobfutter wie Heu oder Silage kann nicht einfach so zugekauft werden.
Mittelfristig werde Milch und Rindfleisch knapper
GSCHWÄTZ: Wenn Rinder geschlachtet werden müssen, müsste doch eigentlich der Rindpreis fallen?
Ob der Rindfleischpreis unter Druck gerät, wenn in Teilen Deutschlands Herden abgestockt werden müssen, ist so nicht einfach zu beantworten. Der Rindfleischpreis hängt von weltweiten Einflüssen ab. Nach einer Schwäche in den letzten Monaten stabilisiert er sich aktuell wieder. Eher ist durch die jetzt befürchteten Herdenverkleinerungen damit zu rechnen, dass mittelfristig, Rindfleisch – übrigens wie auch Milch – knapper wird. Inwiefern dies sich in steigenden Preisen niederschlägt, hängt aber vor allem vom Verbrauch ab: Denn die Menschen reagieren auf steigende Milch- und Fleischpreise recht schnell mit Änderung des Konsumverhaltens und Einsatz von pflanzlichen Ersatzprodukten (zB Margarine statt Butter). Die sind aber aufgrund des Ukrainekriegs auch knapp. Die Märkte sind in Bewegung und sehr volatil. In welche Richtung es geht, ist nicht absehbar. Vermutlich können wir mit weiter steigenden Preisen rechnen, weil alles knapp ist.
Ukrainekonflikt treibt die Preise für landwirtschaftliche Bedarfsmittel in schwindelerregende Höhen
GSCHWÄTZ: Müssen Verbraucher künftig mit steigenden oder fallenden Preisen von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in den kommenden Monaten rechnen?
Wir gehen davon aus, dass die Preise für landwirtschaftliche Produkte durch die Bank steigen werden. Dies hängt zum einen mit der erzeugten Mindermenge infolge des Ukrainekonflikts zusammen. Vor allem aber sind die landwirtschaftlichen Bedarfsstoffe wie Düngemittel und Treibstoff, zum Teil um das sechsfache teurer geworden. Landwirte werden nur dann arbeiten, wenn sie ihre Kosten gegenfinanzieren können. Sonst ist es günstiger, nichts zu erzeugen. Dies findet z.B. gerade in der Schweinehaltung in Deutschland statt. Die Versorgung wird dann über andere Wege, entweder über das Ausland oder über Austauschprodukte erfolgen. Insgesamt steigen dadurch die Preise zwangsläufig in allen Bereichen.
Verbraucher verzichten auf hochwertige Bio-Lebensmittel
Interessant ist momentan das Phänomen, dass die Verbraucher auf hochwertige Lebensmittel verzichten, also sparen, und dadurch ausgerechnet die politisch gewollte Umstrukturierung zu mehr „Bio“ ins Straucheln gerät. Auch Biolandwirte müssen Geld verdienen und haben ähnliche Kostensteigerungen wie konventionelle Landwirte. Trotzdem stagnieren dort die Preise, weil die teureren Produkte nicht mehr nachgefragt werden. Biomilchprodukte sind zwischenzeitlich in einigen Läden billiger als konventionelle. Den Mechanismen des Marktes kann sich keiner entziehen. Unsere stets geäußerte Auffassung, dass mehr auf den Markt und weniger auf Ideologie geachtet werden sollte, bewahrheitet sich aktuell schneller als wir gedacht hatten.
Häufung von Extremwettersituationen
GSCHWÄTZ: Sind das Ausnahme-Trocken-Sommer oder müssen sich Landwirte auf veränderte klimatische Bedingungen hierzulande einstellen?
Trockene Sommer hat es immer gegeben und das wird so bleiben. Trotzdem sehen wir eine gewisse Häufung von Extremwettersituationen, die vermutlich dem Klimawandel geschuldet sind. Die Landwirte stellen sich laufend auf veränderte Situationen ein. Man züchtet hitze- und trockenresistente Sorten und setzt die auch ein. Man ändert die Bodenbearbeitung, achtet noch mehr auf wassersparende Bewirtschaftung. Wir brauchen aber als Landwirte jetzt die Unterstützung und vor allem die Einsicht der Politik, dass wir vernünftig arbeiten können und nicht durch künstliche Vorgaben wie zum Beispiel Düngeverbote oder Verbot von Pflanzenschutzmitteln zusätzlich beeinträchtigt werden. Vieles was aus ackerbaulicher Sicht zur Ernährungssicherung dringend notwendig ist, steht im Widerspruch zu den am Grünen Tisch verfügten, oft ideologisch begründeten falsch verstandenen Maßnahmen zum Arten- Umwelt und Klimaschutz. Landwirte tragen mit ihrer sich stets an die Bedingungen anpassenden Arbeit am allerbesten aus Eigeninteresse zu einem effektiven Schutz unserer Ressourcen und zur nachhaltigen Erhaltung unserer Böden bei.
„Wenn wir aufgrund einer „Ökologisierung unserer Landwirtschaft in Europa oder Deutschland“ 1/3 weniger erzeugen, wird andernorts der Regenwald gerodet, der unbestreitbar für das Weltklima wichtig ist“
GSCHWÄTZ: Wie könnten Maßnahmen ausschauen, um sich an den Klimawandel auch in der Landwirtschaft optimal anzupassen?
Zu allererst müssen Landwirte in die Lage versetzt werden, selbstständig und angepasst arbeiten zu dürfen. Denn der beste Klimaschutz entsteht dadurch, dass je produzierter Lebensmitteleinheit (kg Getreide, Liter Milch, kg Obst oder Gemüse oder Fleisch) möglichst wenig klimaschädliche Ressourcen verbraucht werden und man in regenerativen Kreisläufen denkt. Dies ist aber bei der Politik und der Gesellschaft noch nicht angekommen. Viele glauben, dass durch Extensivierung der Böden und der Produktion das Klima umso mehr geschützt wird. Dies ist aber nicht der Fall. Denn die rund 8 Mrd Menschen auf der Welt müssen ernährt werden. Das was wir auf unseren hoch ertragreichen Böden nicht erzeugen, wird irgendwo auf der Welt, zum Teil mit katastrophalen Folgen erzeugt werden. Wenn wir aufgrund einer „Ökologisierung unserer Landwirtschaft in Europa oder Deutschland“ 1/3 weniger erzeugen, wird andernorts der Regenwald gerodet, der unbestreitbar für das Weltklima wichtig ist. Wenn in Deutschland CO2 eingespart wird, ist das schön. Es hilft aber nichts, wenn dafür in den entlegensten Steppen großflächig mit immensem Einsatz von Treibstoff und Düngung viel mehr CO2 verbraucht wird. Man muss daneben auch erkennen, dass zur Landwirtschaft eine ausgewogene Tierhaltung gehört. Denn Grünland, Wiesen und Weiden können eben nur über Rindvieh genutzt werden. Andernfalls würden diese verwalden und stünden nicht mehr der menschlichen Existenzsicherung zur Verfügung.
Kurz: wir brauchen eine faktenorientierte Klimapolitik, die den Landwirten zutraut, Lösung und nicht das Problem zu sein.
Text: Dr. Sandra Hartmann