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„Bakterialisierungsaktionen“ – Kunst aus der Hexenküche

„Die Natur ist meine beste Mitarbeiterin und inspirierendste Lehrerin“, lacht Wolfgang Ganter. In seiner Ausstellung mit dem Titel „Stoffwechsel“ im Kunstverein Schwäbisch Hall, lässt der Berliner Künstler ab dem 18. März auf zwölf fotografischen Arbeiten die Besucher in ein bisher unsichtbares Universum der Mikrobiologie und chemischen Reaktionen eintauchen. Die Wirkung der Bakterienkulturen wird dabei zum ästhetischen und inhaltlichen Ausdrucksmittel: Einerseits schaffen sie eine neue, faszinierende Wirklichkeit, in der es brennt, glüht, fasert und verschwimmt, andererseits entlarven sie die analoge Fotografie in ihrem dokumentarischen Anspruch, indem sie die materiellen Bestandteile des Filmmaterials sichtbar machen. „Das Ergebnis sind bizarre Gebilde von faszinierender Schönheit, die einen unsichtbaren Kosmos präsentieren. Das scheinbar unkontrollierbare zu kontrollieren ist für Ganter immer wieder reizvoll“, erklärt die Öhringer Kuratorin Monika Pfau.

Dias werden von Bakterien zerfressen

Ganters Arbeitsweise klingt erst einmal simpel, ist aber in dem ständigen Wechsel von Analog zu Digital, von Mikro zu Makro, äußerst komplex: Ganter „beimpft“ Dias, vergessene Relikte der analogen Fotografie, mit Bakterienkulturen und brütet sie in einem umgebauten Inkubator aus. Die Bakterien beginnen die Gelatineschicht des Dias zu verstoffwechseln. Ist ein „guter Moment“ gefunden, stoppt Ganter den biologischen Prozess und beginnt, das Dia unter dem Mikroskop abzufotografieren. Dabei teilt er es in bis zu 2000 Einzelbilder, die in 5 bis 20-facher Vergrößerung fotografiert werden. Anschließend fügt er die Aufnahmen auf dem Computer nahtlos zu einem Bild in extrem hoher Auflösung zusammen. Dieses wird als Echtpigmentprint abgezogen, auf selbstgebaute Glasfaserträger kaschiert und abschließend mit einer Schicht aus gegossenem, klarem Kunststoff versiegelt.

„Erhaben präsentiert sich das Mikrouniversum der organischen Welt“

Der Sog seiner Arbeiten wird besonders in der Werkgruppe der „Mikropaintings“ sichtbar. Dort zeigt Ganter die dramatische „Explosionskraft“ von Chemikalien und Haushaltsflüssigkeiten. Das Großformat sprengt den Blick wie eine Supernova. Zugleich findet das Auge nah am Bild auf jedem Quadratzentimeter Überraschendes. Detailreich spinnen sich Fäden und kristallisieren sich Auswüchse. Erhaben präsentiert sich das Mikrouniversum der organischen Welt, die ihre eigenen Gesetze hat.

 

 

Seit gut 20 Jahren experimentiert Ganter mit Mikrolebewesen und chemischen Bestandteilen von Dias. „Zur Arbeit mit Dias kam ich eher zufällig. Während meines Studiums fand ich viele ausrangierte Diakästen im Sperrmüll. Mich packte da Interesse. Das waren doch echte Momente aus dem Leben dieser Menschen, die darf man nicht wegschmeißen!“, betont Ganter. „Am Anfang arbeitete ich total experimentell. Zehntausende Dias lagen in Eimern mit Flüssigkeiten im Badezimmer meiner Eltern. Ich wusste nicht, was zu sehen sein wird. Manchmal ging auch was schief und ich habe mich selbst infiziert. Die Quittung war mal ein übel geschwollenes Auge. Zum Glück war das nach einer Woche verschwunden“, lacht Ganter. „Natürlich stinkt es auch in meinem Labor. Generell ist meine Ekelgrenze mittlerweile ziemlich niedrig. Mich interessiert einfach, wie sich die Dinge zueinander verhalten, sich beeinflussen, wachsen und wie ich das alles beeinflussen kann.“

„Kein reines Zufallsprodukt, sondern stark erzwungener Zufall“

Nach jahrzehntelangen wilden Experimenten mit geschätzt über zwei Millionen Dias, hat Ganter von jedem Bild gelernt und seine Technik perfektioniert. „Insofern ist das Ergebnis mittlerweile kein reines Zufallsprodukt, sondern stark erzwungener Zufall“, sagt der Künstler. Mithilfe renommierter Forschungslabore, u.a. an der Rockefeller University New York, kam er zu neuen Bakterienkulturen und hat gelernt, wie man sicher, steril und gezielt arbeitet, um Malerei auf Fotografie zu betreiben. Diese neue Form der mikrobiologischen Malerei, sieht man in der zweiten Werkgruppe der Ausstellung mit dem Titel „Works in Progress“. Sie umfasst Ikonen der Kunstgeschichte, u.a. Gemälde von Lucas Cranach, die Ganter selbst in renommierten Museen wie dem Louvre, dem MET New York oder der Alten Nationalgalerie Berlin abfotografiert, und dann Bakterienkulturen als „Nahrung“ zur Verfügung gestellt hat. „Die Arbeit, die die Bakterien leisten, könnte ich, könnte kein Maler der Welt, so in der Form tun. Das fasziniert mich, diese Welt, die uns immer umgibt, die wir aber nicht wahrnehmen.“ Ganter positioniert klassische Ölmalerei neben organischer Bakterienmalerei. Dabei entsteht nicht nur ein neues narratives, traumweltliches, spielerisches und manchmal augenzwinkerndes Moment, sondern auch die Frage danach, was Malerei eigentlich ausmacht. Ganter verlässt damit die eindeutigen Pfade der Zuschreibung. Sind Ganters Arbeiten nun Fotos oder Malerei?

„Die organische Zerstörung des Bildes entlarvt die Fotografie als illusionsstiftendes Medium.“

Medientheoretisch bergen Ganters Arbeiten zusätzlich einen weiteren spannenden Verweis. „Was sehen wir eigentlich, wenn wir ein Foto oder ein Dia anschauen?“, fragt Monika Pfau. „Die meisten sehen ‚etwas’ auf dem Bild und sagen: ‚Das ist meine Familie’, oder ‚Das ist unser Ferienhaus‘. Aber ein analoges Dia ist Schichtträger, Gelatine, Emulsion, Silbersalz, Farbstoff, UV-Filter. 14 Schichten türmen sich übereinander. Ein Dia ist nicht flach, sondern ein dreidimensionales Objekt. Die organische Zerstörung des Bildes entlarvt die Fotografie als illusionsstiftendes Medium. Ganter lässt uns damit in die zweite unsichtbare Welt des Motivträgers in seiner Materialität blicken, durch die wir sonst normalerweise bei der Bildbetrachtung hindurchschauen“, sagt Kuratorin Monika Pfau.

Termine

Die Werke sind vom 20. März bis zum 8. Mai 2022 im Kunstverein Schwäbisch-Hall zu sehen. Eröffnet wird die Ausstellung mit einer Vernissage am 19. März 2022, 18:00 Uhr.

Pressemeldung Kunstverein Schwäbisch-Hall