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„Das ist anti-demokratisch“

Reinhold Würth ist nicht nur ein Meister in kaufmännischen Dingen, sondern auch im Bereich PR. Wenn er etwas zu sagen hat an seine Mitarbeitenden schreibt er gerne Briefe – und diese verfehlen in der Regel nie ihre Wirkung, zumal sie auch gerne in die Öffentlichkeit getragen werden. Früher ging es dabei unter anderem um die Frage, wann seine Außendienstmitarbeitenden tanken sollen. Aktuell rät der Schrauben-Milliardär seinen 25.000 Mitarbeitern in Deutschland, bei den anstehenden Wahlen in diesem Jahr nicht das Kreuz bei der AfD zu machen (hier lesen Sie den Brief in voller Länge).

Kretschmann lobt Würth für seinen Brief

Diese Wahl-Empfehlung fand diversen positiven Anklang, unter anderem bei Kunden, Mitarbeitenden und der Politprominenz – wie etwa Winfried Kretschmann (Die GRÜNEN). Kretschmann lobt den Brief und dass sich Würth damit für eine „stabile Demokratie“ einsetze. Nach aktuellen Umfragewerten kommt die AfD derzeit auf 15 Prozent und belegt damit Platz 3 direkt hinter der CDU und der SPD.

Doch es gibt auch andere Stimmen

Doch es gibt auch Bedenken, dass die Wahlempfehlung von Reinhold Würth, „anti-demokratisch“ sei. Das zumindest findet unter anderem Nikolaos Boutakoglou. Er ist Inhaber eines Sanitär- und Heizungsbetriebes in Vaihingen/Enz und hat in einem Schreiben an die Firma Würth, das in den sozialen Netzwerken für Wirbel gesorgt hat, „mit sofortiger Wirkung“ sein Kundenkonto gekündigt, nachdem er den Brief von Reinhold Würth an seine Mitarbeitenden gelesen hat. Der Grund: „Ihre Aktion finde ich sehr befremdlich und erinnert mich an finstere Zeiten in unserem Land“, heißt es in seinem Kündigungs-Schreiben an Reinhold Würth. In einem Telefonat mit der Redaktion GSCHWÄTZ erklärt Boutakoglou: „Ich habe die Zusammenarbeit mit Würth nach acht Jahren beendet, weil ich auch mir selbst nie anmaßen lassen würde, meinen Arbeitnehmern zu empfehlen, wenn Sie wählen würden.“ Der Handwerker ist seit 2017 AfD-Mitglied, kandidierte für die Partei als Landtagskandidat und stand schon wegen Volksverhetzung vor Gericht, wurde aber für nicht schuldig befunden. Er führt näher aus: „Das ist das private, persönliche Wahlrecht. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man als Arbeitgeber politisch wird.“ Er betont aber in diesem Zusammenhang auch, dass die Qualität der Firma Würth nach wie vor „super“ sei. „Herr Würth hat in der Region zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen. Aber Ich sehe das als Angriff auf die Demokratie. Es sollten alle Parteien respektvoll miteinander umgehen. Ich habe Freunde, die mit der AfD nichts anfangen können. Deswegen sind es trotzdem meine Freunde.“ Würth habe hier seiner Meinung nach eine „rote Linie überschritten“.

Die Schreiben ähnlich sich teilweise in ganzen Absätzen

Ähnlich empfindet das auch Wolfgang Werz Er ist ist Inhaber von Media 66 in Mössingen. Auch er hat einen Brief an Würth geschrieben mit Kündigung seines Kundenkontos aufgrund des Briefes von Reinhold Würth. Auch dieser Brief geistert derzeit in den sozialen Netzwerken herum. Auffällig dabei ist: Teilweise sind die Schreiben in manchen Absätzen deckungsgleich. Sowohl Werz als auch Boutakoglou betonen aber, das Schreiben selbst verfasst zu haben. Boutakoglou sagt, sein Brief sei der „Ursprungsbrief“ gewesen. Vielleicht habe es dann weitere Menschen gegeben, die sich daran angeschlossen und den Brief in Teilen übernommen haben. Werz betont ebenfalls, seinen Text selbst geschrieben zu haben. Werz ist im Gegensatz zu Boutagoglou kein AfD-Mitglied, sondern laut eigenen Aussagen parteilos. Aber auch er sieht in dem Würth-Schreiben ein „Angriff auf die Demokratie. Es erinnert schon ein wenig an die Zeit von früher, als gesagt wurde, was man wählen soll.“ Er ist sich sicher: „Das gehört nicht in eine Firma rein. Das ist undemokratisch. Ich werde mich hüten, meinen Miarbeitenden irgendetwas dahingehen zu sagen.“

Warum er glaubt, dass Reinhold Würth das getan hat?, möchten wir von ihm wissen. „Er sieht die AfD offensichtlich als gefährlich an“, vermutet Werz.




„Wesentlich weniger Kunden als vorher“

Es ist wolkig und windig an diesem Donnerstagmorgen, den 21. Mai 2020, in Künzelsau. Dennoch sind einige Menschen in den Gassen und auf der Hauptstraße von Künzelsau unterwegs. Im Außenbereich der Cafès sitzen Kunden, Kinder spielen und auf den Bänken genießen andere die spärlichen Sonnenstrahlen. An den Eingangstüren der Geschäfte weisen Plakate auf die Abstandsregeln und Maskenpflicht hin. Die Kunden, die in die Läden gehen, ziehen wie vorgeschrieben Nase-Mund-Bedeckungen auf. Doch sobald sie rauskommen, nehmen sie diese wieder ab. Nur ganz wenige Menschen bedecken auch auf den Straßen Mund und Nase. Wie ist die momentane Situation für die Künzelsauer Einzelhändler und ihre Kunden zwischen Abstandhalten und Maskentragen? GSCHWÄTZ hat sich umgehört, jedoch wollten nicht alle der Angesprochenen Auskunft geben.

„Es kommt kein Einkaufsfeeling auf“ 

Ingrid Bauer von der Landmetzgerei Bauer bedauert, dass „wesentlich weniger Kunden als vor der Corona-Krise“ in den Laden kommen. Maximal vier Personen dürften sich dort gleichzeitig aufhalten. Lediglich der Mittagstisch laufe gut, allerdings gibt es die Gerichte nur zum Mitnehmen. Insgesamt 33 Mitarbeiter hat die Landmetzgerei Bauer. Zwei der sechs Mitarbeiter in Künzelsau sind zurzeit in Kurzarbeit, in den beiden anderen Geschäftsstellen in Pfedelbach und Neuenstein wird dagegen ganz normal weitergearbeitet. „Obwohl Pfedelbach ein Hotspot war, war unser Laden dort immer gut besucht“, erzählt sie. In Künzelsau hätten sie es dagegen schon bemerkt, als die umliegenden Geschäfte noch geschlossen hatten. Die Leute würden eher in einen Laden gehen, in dem sie alles bekommen könnten, und dann schnell wieder heimgehen, so ihre Einschätzung. „Es zieht jetzt wieder an, allerdings schleppend“, so Ingrid Bauer weiter. Gefragt nach der Gesichtsmaske sagt sie: „Es muss halt sein, aber ein ganzer Tag ist schwierig“. Die Mund-Nase-Bedeckung erschwere das Sprechen und Verstehen. Dennoch hätten sie schon vor der Maskenpflicht im Laden Mund und Nase bedeckt, um sich selbst als auch die Kunden zu schützen.

„Die Leute sind entspannter und ruhiger“

Renate aus Ingelfingen – ihren vollen Namen möchte sie nicht nennen – wartet vor dem Friseurshop Ralf Poslovski. Sie hat einen Termin, auf den sie ganz schön lange warten musste – nämlich vier Wochen. Vorher sei nichts frei gewesen. Jetzt muss sie in dem Laden ihre Haare waschen lassen, das habe sie vor Corona immer zuhause erledigt. Die Kundin rechnet mit einer Preissteigerung, was sie stört. „Man hatte acht Wochen zu und jetzt sollte man eben acht Wochen von Montag bis Samstag durcharbeiten, um das Verlorene wieder aufzuholen“, meint sie. „Ich habe schließlich auch nicht mehr im Geldbeutel.“ Doch kann sie in der Corona-Krise auch etwas Positives sehen: „Ich beobachte, dass die Leute Abstand halten, insgesamt entspannter und ruhiger sind und bedachter miteinander umgehen“. So mancher lasse auch mal anderen den Vortritt. Sie hofft, das sich die Menschen in Zukunft eher darüber Gedanken machen, was nötig sei und auf was man verzichten könne.

„Die Einbußen merkt man natürlich“

Bei Blumen-Laichinger ist es noch eher ruhig. „Es kommen schon Leute“, sagt Birgit Laichinger. „Allerdings nicht mehr so viele wie vorher.“ Weil nicht klar war, ob Gärtnereien und Blumenhandlungen öffnen dürfen, hätten auch sie den Laden einige Zeit geschlossen. Die Gärtnerei in Mäusdorf hat schon früher öffnen dürfen, der Laden in Künzelsau erst etwas später. Der Start verlief stockend. „Die Einbußen merkt man natürlich“, bedauert sie. Was sie außerdem aufrege: BAGeno, Baumärkte und Discounter wie Lidl hätten weiterhin Gärtnerisches verkauft. Manche ihrer Kunden würden vergessen, Masken aufzusetzen. Andere seien ganz erstaunt, dass man auch bei ihr Mund und Nase bedecken müsse. In einem Einzelfall hatte der Kunde sogar Probleme mit dem Abstand halten. Ihn habe sie deutlich auf die Abstandsregeln hingewiesen. „Natürlich nehme auch ich die Maske mal ab, wenn sonst niemand im Laden ist“, sagt sie. Sie findet aber, „dass es Schlimmeres gibt“.

„Es läuft gut hier“

Im Erdbeerstand vom Obst- und Gemüsehof Heinrich wartet Marina Maier aus Künzelsau hinter einer Plexiglasscheibe auf Kundschaft. Sie muss keine Maske tragen, „solange die Trennung da hängt“, sagt sie. Auch die Kunden müssten an dem Stand Mund und Nase nicht bedecken, aber die Abstände einhalten. „Es läuft gut hier, eigentlich wie vorher auch“, erzählt sie weiter. Die Meinungen der Erdbeerkäufer zur Maskenpflicht sei „mal so, mal so“.

„Der Nachschub ist gerettet.“

Bei der Drogerie Müller geht es an diesem Morgen ruhig zu. „Wir hatten durchgehend offen“, erzählt eine der Verkäuferinnen. „Aber auch wir haben weniger Kunden, es geht ruhiger zu.“ Viele Leute kommen wegen Masken, Desinfektionsmittel und sonstiger Hygieneartikeln. „Da ist der Nachschub gerettet“, bemerkt sie lächelnd. Der Run aufs Toilettenpapier sei aber vorbei. Wie in jedem anderen Geschäft auch sind für jede anwesende Person zehn Quadratmeter nötig – das schließt auch das Vekaufspersonal ein. „Den Abstand können wir locker halten“, sagt die Müller-Mitarbeiterin. Lange Schlange im oder vor dem Laden häten sich noch nicht gebildet.

„Wir freuen uns über den Zulauf.“

„Am Anfang der Eröffnung war natürlich noch Alles ein bisschen seltsam, erst die Abstandsregeln und dann noch die Maskenpflicht“, so Babette Bauer vom lindele. „Aber ich muss sagen, die Kunden und auch wir haben uns schnell daran gewöhnt“. Schließlich seien es Regeln zu aller Sicherheit und die Kunden würden sich daranhalten. Mitten in dem Laden werden Masken genäht und auch verkauft, was zusätzlich viel neue Kunden gebracht habe. Doch auch sonst kämen viele Kunden – „und wir freuen uns über den Zulauf“.

„Die Maske muss man annehmen“

Im Sportivo dürfen sich wegen der Personenbegrenzung vier Personen gleichzeitig aufhalten – also zwei Kunden und zwei Verkäufer. „Manchmal stehen die Kunden außen Schlange“, sagt Mitarbeiterin Thea, die dankbar ist, dass die Kunden kommen. „Wir haben aber auch schon beobachtet, dass so mancher wieder geht, wenn es ihm zu lange dauert, und am nächsten Tag wiederkommt oder in einen unserer anderen Läden geht.“ Die meisten Kunden des Ladens sind Stammkunden, „die uns gerne unterstützen möchten“. Bereits bei der Neueröffnung seien viele da gewesen, „glücklich und geduldig“. Zwar sei es schwierig mit der Maske, ein Shopping-Gefühl zu bekommen, aber „man müsse sie annehmen“. Die Kunden würden auch nicht bummeln, sondern ganz gezielt einkaufen und den Laden schnell wieder verlassen, vor allem wenn noch andere Leute draußen warten. „Das ist aber auch vom Wetter abhängig“, sagt Thea, die momentan wie die anderen Sportivo-Mitarbeiter halbtags und in Schichten arbeitet. „Sobald die Sonne scheint, will jeder ein Sommerteilchen.“

Lindele verkauft selbst genähte Masken

Dem Lindele gehe es ganz gut in der Coronazeit, sagt Babette Bauer. „Am Anfang der Eröffnung war natürlich noch alles ein bisschen seltsam , erst die  Abstandsregeln und dann noch die Maskenpflicht, aber ich muss sagen, die Kunden und auch wir haben uns schnell  daran gewöhnt. Es sind Regeln zur aller Sicherheit und die Kunden halten sich daran. Da wir im lindele auch selbst Masken nähen und verkaufen , haben wir viel neue Kunden dazugewonnen. Und auch sonst kommen zu uns viele Kunden und wir freuen uns über den Zulauf.“

„Wir wollen es so hinkriegen, dass es für alle gut ist.“

„Die Situation ist für alle schwierig“, findet Reintraut Lindenmaier von der Buchhandlung R. Lindenmaier u. A. Harsch. Es sei anstrengend mit Maske für die Verkäufer als auch die Kundschaft. Zurzeit würden alle Mitarbeiter eine Stunde Mittagspause „zum Durchatmen“ machen. „Abends sind wir platt“, sagt die Buchhändlerin. „Manche Kunden bestellen und kommen nur schnell zum Abholen“, erzählt sie. Es komme kein Einkaufsfeeling auf. „Es hat sich viel verändert“, findet sie. Während der Schließzeit hätten sie in der Buchhandlung ganz normal weitergearbeitet. „Online ging ganz gut und telefonisch wurde auch viel bestellt“, erzählt die Buchhändlerin. Innerhalb von Künzelsau hätten sie die bestellte Ware ausgefahren. Auch jetzt noch würden sie Bestellungen von Personen, die nicht in die Buchhandlung kommen können oder wollen, per Post und mit Rechnung verschicken. Kunden ohne Mund-Nase-Bedeckung schickt Reintraut Lindenmaier wieder raus. „Manche bleiben auch draußen stehen und wir bedienen sie durch die hintere Tür“, sagt sie weiter. „Wir versuchen, es so hinzukriegen, dass es für alle gut ist.“ Doch Reintraut Lindenmaier sieht auch etwas Positives: „Vielen gehen jetzt öfter in die Natur raus“. Die Menschen würden sich ihrer Umwelt wieder bewusster werden. Dennoch fürchtet sie eine zweite Corona-Welle im Herbst, „denn im Cafè verliert man den Gedanken an Abstand und dann wird es schwierig“.

 

Text: Sonja Bossert

Solche Plakate hängen – wie hier bei Blumen-Laichinger – an allen Künzelsauer Läden und weisen auf die neuen Regeln hin. Foto: GSCHWÄTZ

 

 

Am Stand von Erdbeer-Verkäuferin Marina Maier läuft es gut. Foto: GSCHWÄTZ

 

In der Buchhandlung R. Lindenmaier u. A. Harsch müssen Kunden verschiedene Ein- und Ausgänge benutzen: Foto: GSCHWÄTZ