„Der TSV Ingelfingen fühlte sich wohl überfahren“
Auf dem Sportplatz in Niedernhall geht es an diesem Nachmittag lautstark zu. Zwei Jugendmannschaften spielen, Eltern und Trainer stehen am Spielfeldrand und feuern lautstark an. Es ist ein Freundschaftsspiel der F-Jugend der Kickers Mittleres Kochertal gegen die Mannschaft aus Öhringen. Drei der Jugendleiter der Kickers, Mike Smolny, Timo Winkler und Michael Link, sowie der sportliche Leiter Ralf Stehle beobachten das Geschehen.
Kinder lieben Fußball
Die meisten Kinder – vor allem Jungs – lieben Fußball. Für ein Spiel braucht es nicht viel: Schnell sind mit ein paar Jacken zwei „Tore“ aufgebaut und irgendwer hat immer einen Ball dabei. Große Worte sind nicht nötig und die einfachste Regel kennt eigentlich jeder: Das Runde muss in das Eckige. Die Jubelposen haben selbst die Allerkleinsten schnell drauf. Irgendwann entsteht dann bei vielen Kindern der Wunsch, im Verein aktiv Fußball zu spielen – und den großen Stars wie Messi oder Ronaldo nachzueifern.
Geteilte Jugendleitung
Um Kinder wieder zum Fußball zu bringen und gleichzeitig den sportlichen Leistungsgedanken zu fördern und zu fordern, haben sich im Sommer fünf Vereine unter dem Namen Kickers Mittleres Kochertal zusammengetan: TSV Niedernhall, TSV Weißbach, TG Forchtenberg und SG Sindringen/Ernsbach. Die Leitung teilen sich jeweils ein Vertreter der beteiligten Vereine. Neben Mike Smolny vom SG Sindringen/ Ernsbach, Timo Winkler vom TG Forchtenberg und Michael Link vom TSV Niedernhall ist das noch Andre Ostermaier vom TSV Weißbach. Sportlicher Leiter ist Ralf Stehle vom TSV Niedernhall. Alle haben selbst schon Fußball gespielt und Kinder in den Vereinen. Die Kosten teilen sich die Vereine: Die Kickers haben ein eigenes Budget, finanziert über die Heimatvereine. Jeder Verein zahlt gleich viel in die Kasse. „Die Kosten hatten wir auch vorher schon“, so Michael Link. „Die Vereine zahlen auch weiter, wenn mal kein Kind aus ihren Reihen dabei ist.“ Natürlich wolle man vor allem die guten Spieler halten. Und jedes Kind, das im Training ist, sollte dann auch bei den Spielen auflaufen, denn „es geht auch um die Entwicklung der Kinder“.
„Wir wollen Kindern einen Platz abseits der Spielekonsole bieten.“
„Die Idee hatten wir schon seit zehn Jahren“, sagt Michael Link. „Die Kinder gehen gemeinsam zur Schule, also war es eigentlich eine logische Konsequenz.“ Es gibt ein gemeinsames Konzept und einen Leitfaden, der für alle bindend ist. Sichtbares Zeichen des Zusammenschlusses ist das gemeinsame Vereinswappen. Seine fünf Säulen stehen für die fünf beteiligten Vereine. „Mit der Vereinskleidung wollen wir allen gleichermaßen gerecht werden“, sagen die Jugendleiter. Außerdem: „Bei uns dürfen alle Kinder mittrainieren und sie sollen so lange wie möglich dabeibleiben“. Früher sei ein Verein groß gewesen, heutzutage aber gebe es unzählige weitere Möglichkeiten, sich zu entfalten. „Wir wollen Kindern einen Platz abseits der Spielekonsole bieten“, so die Männer. Sport solle für jeden zugänglich und finanzierbar sein, deshalb stehe ihre Türe auch jedem offen – auch Mädchen und Frauen. „Bei den C-Junioren spielt ein Mädchen und bei den Bambinis und der D-Jugend haben wir auch Frauen als Trainerinnen“, erzählen die Männer. „Das ist ein anderer Umgang, der bei den Kindern aber gut ankommt.“ Um die Gemeinschaft weiter zu fördern, gibt es außerdem Stadionbesuche, Kanufahrten oder Grillabende. Die Kinder sollen sich wohlfühlen.
„Das lief alles ohne uns.“
Nicht mit im Boot bei den Kickers sind allerdings der TSV Ingelfingen und die Vereine aus Zweiflingen und Ohrnberg, die vorher Partner in Spielgemeinschaften waren. „Von dieser Seite gab es vor allem die Befürchtung, dass die Vereinsidentität verloren geht“, sagen die Jugendleiter. Ein Vertreter des TSV Ingelfingen, der nicht namentlich genannt werden möchte, bedauert die Trennung, „denn man sei ewig lange Partner gewesen.“ Auch wenn man nie so zusammengewachsen sei, was vorher definitiv gefehlt habe. Zu dem Konzept der Kickers meint er: „Wir haben relativ spät davon erfahren, das lief alles ohne uns.“ Man hätte von den Plänen gewusst, doch erst auf Anfrage sei man darüber informiert worden, wie weit das Konzept gediehen ist. „Es gab dann eine Einladung zu einem Gespräch, doch das fertige Konzept gab es nur aufs Handy“, blickt er zurück. „Wir haben nur zwei Wochen Bedenkzeit bekommen, außerdem haben ein paar der geplanten Dinge nicht zu unserem Verein gepasst.“ So hätten die Kickers nicht bedacht, dass „Ingelfingen eine Flächengemeinde ist, wir müssen teils jetzt schon weite Wege fahren“. Was dem Ingelfinger außerdem sauer aufstößt: Die Versuche von Seiten der Kickers, gute Spieler des TSV Ingelfingen abzuwerben – was er als weder fair noch offen empfunden hat. „Es gab einen Aderlass an Spielern“, berichtet er. Außerdem saß den ausscheidenden Vereinen die Meldefrist im Nacken, sie mussten schnellstmöglich neue Partner finden. „Die Kickers Mittleres Kochertal wollen den Fußball qualifizierter machen und alle Mannschaften in die Bezirksliga bringen“, sagt der Ingelfinger. Bereits vor zehn Jahren hätte es ein ähnliches Konzept gegeben – damals mit den Vereinen aus Ingelfingen, Weißbach und Niedernhall – das aber nicht umgesetzt wurde.
„Der TSV Ingelfingen fühlte sich wohl überfahren.“
„Das war ein Kommunikationsproblem auch von unserer Seite“, bedauern die Kickers-Jugendleiter. Man habe aber mit allen offen und ehrlich gesprochen. Allerdings habe es von Seiten der ehemaligen Partner kein Feedback gegeben. „Der TSV Ingelfingen fühlte sich wohl überfahren und streckte deshalb die Fühler nach Künzelsau aus“, sagt Michael Link. Es sei schwer, in Corona-Zeiten in Kontakt zu bleiben. Aber man habe jetzt keine Probleme mit den anderen Vereinen und komme nach wie vor gut mit einander aus. „Wir wünschen den ehemaligen Partnern das Beste“, sagen die Kickers-Leute versöhnlich. „Wir haben uns ja nicht im Schlechten getrennt und treffen uns auf dem Platz wieder.“ Man müsse andere Wege akzeptieren.
„Sportlich ist das ein Schritt nach vorne.“
Nun wollen die Vereine nach vorn blicken. Ab der Saison 2020/21 bilden die Ingelfinger Fußballer mit den Vereinen aus Gaisbach und Kuperzell eine Spielgemeinschaft ab der D-Jugend. „Sportlich ist das ein Schritt nach vorne“, so der Vereinsvertreter. Außerdem kennen sich die Jugendleiter bereits. Trainiert wird in Kuperzell und Gaisbach, in Ingelfingen eventuell ab nächstem Jahr. „Die Eltern der meisten Spieler haben positiv reagiert, manche sind aber auch nach Niedernhall gewechselt“, erzählt der Vereinsmann, der weiterhin hofft, dass manche zurück nach Ingelfingen kommen. Kupferzell und Gaisbach brächten laut dem Ingelfinger eine hohe fußballerische Qualität mit. „Jetzt geht es darum, wie wir das Ganze als Konzept ausarbeiten“, sagt er. Ein weiterer Pluspunkt: In Gaisbach gibt es auf dem Sportplatz Kunstrasen, sodass auch im Winter trainiert werden kann. Außerdem stünden auch Hallen zur Verfügung, die von D- und C-Jugend für ihre Hallenrunden genutzt werden könnten. „Nach dem ersten Training waren die Kinder hell begeistert“, so der Ingelfinger, der froh darüber ist. „Die Trennung von unserem langjährigen Partner war auch für die Kinder ein Riesen-Einschnitt und in vielen Familien ein großes Thema.“
„Als Papa rutscht man da so rein.“
Auch bei den Kickers geht der Blick nach vorne. „Die Kinder freuen sich riesig, dass sie nun endlich gemeinsam mit ihren Freunden aus der Schule spielen können“, so Michael Link. „Die würden am liebsten jeden Tag gehen.“ Trainiert werde jetzt zweimal die Woche. Rund 20 Kinder spielen pro Jugend mit, in der D-Jugend fast 30. Durch die Kooperation seien Synergien entstanden. So hätten sie nun pro Mannschaft bis zu vier Trainer – alles Väter und ehrenamtlich, wie die Jugendleiter und Ralf Stehle übrigens auch – „als Papa rutscht man da so mit rein“. Einziger Wermutstropfen: Wegen Corona findet keine Runde statt, lediglich Freundschaftsspiele sind erlaubt – „eine entbehrungsreiche Zeit“. Trainiert werden darf unter Beachtung der entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln.
„Der Start war schon mal gut.“
„Die Eltern und Kinder haben durchweg positiv auf die Gründung der Kickers Mittleres Kochertal reagiert“, sind sich die Jugendleiter einig. „Es gab keinerlei Gegenwind.“ Für die Jugendleiter ist der eingeschlagene Weg der richtige. „Die Fahrwege sind nicht länger geworden“, sagt Michael Link. Bis zur E-Jugend gebe es feste Standorte, ab der D-Jugend muss jeder Jahrgang in jede Ortschaft fahren. Gerne hätten sie auch auf ihren jeweiligen Vereinsnamen verzichtet. Denn eine weitere Zielsetzung sei es gewesen, einen Bezug zur Region zu schaffen und alte Hierarchien einzureißen. „Die Kickers sind zwar noch sehr jung, aber der Start war schon mal gut“, so die Jugendleiter. „Die gemeinsamen Trainings verlaufen gut und von Anfang an ist eine Gemeinschaft da gewesen.“ Das sei auch bei den Trainern so. „Es gab sofort das Gefühl, das könnte toll werden“, ist Timo Winkler überzeugt. „Alte Befindlichkeiten wollten wir nicht mit reinnehmen.“ Jeder solle sich gleich behandelt fühlen in Rechten und Pflichten.
Text: Sonja Bossert

Michael Link, Mike Smolny und Timo Winkler (v.l.n.r.) sind Jugendleiter und Trainer bei den Kickers Mittleres Kochertal. Foto: GSCHWÄTZ

Freundschaftspiel der F-Jugend der Kickers Mittleres Kochertal gegen Öhringen. Foto: GSCHWÄTZ

Der sportliche Leiter der Kickers Mittleres Kochertal, Ralf Stehle. Foto: GSCHWÄTZ