„Besorgniserregend ist, dass man nicht mehr beliebige Mengen bekommt“
Weit jenseits der zwei Euro kostet der Liter Kraftstoff inzwischen an den Tankstellen, sogar kurz vor der 2,50-Euro-Marke. Die Auswirkungen auf das Portemonnaie spürt jeder, der sein Auto intensiv nutzt. Über 50 Euro mehr pro Tankfüllung zu bezahlen ist schon happig. Genauso stark sind die Preise für Heizöl und Gas gestiegen – wer den Tank noch gut gefüllt hat, merkt das noch nicht. Mieter werden die Preissituation spüren, wenn die Nebenkostenabrechnung kommt. Und da alle Produkte nur mithilfe von Energie produziert und zum Kunden gebracht werden können, wird sich der Energiepreis auf die Preise sämtlicher Produkte auswirken.
„Die Stimmung wird deutlich aggressiver“
Was die Ursache der hohen Preise ist, ist nicht eindeutig, der Ukraine-Krieg ist sicherlich eine der Ursachen. „Das kann gerade niemand richtig beurteilen“, meint Roland Weissert von EDI Hohenlohe. Er kann seine Kunden derzeit ausreichend versorgen, sagt er, stellt aber auf den Beschaffungsmärkten Veränderungen fest: „Besorgniserregend ist, dass man nicht mehr beliebige Mengen bekommt.“ Politisch sieht er die Situation kritisch: „Rußland den Geldhahn abzudrehen, würde gesellschaftliche Verwerfungen mit sich bringen“. Die Ansätze davon bekommt das Personal an seinen Tankstellen bereits zu spüren: „Die Stimmung wird deutlich aggressiver, das hat man so noch nie gehört. Das kann man sich teilweise nicht mehr anhören.“ Vor allem für Landwirte und Speditionen sieht er durch die Preisentwicklung unmittelbar eine kritische Situation: „Die triffts hart“.
„Verhältnisse wie in England“
Rolf Hambrecht, Spediteur aus Künzelsau, stimmt ihm zu: „Die Industrie ist nicht unbedingt bereit, die Preise umzusetzen.“ Für einen Umlauf nach Hamburg und zurück – er ist stark im Seehafenverkehr engagiert – hat er bereits jetzt durch den Kraftstoffpreis Mehrkosten von 200 Euro. „Wir müssen auch schon Fahrten absagen“ – bei den Preisen, die die Kunden bereit sind zu zahlen, rechnen sie sich einfach nicht. Er denkt aber nicht nur an sein eigenes Unternehmen, sondern gesamtwirtschaftlich und sieht „Verhältnisse wie in England“ auf uns zukommen.
„Das hat Preisauswirkungen auf alle Lebensbereiche“
Ein Versorgungsengpaß scheint ihm wahrscheinlich, einige osteuropäische Spediteure seien bereits nicht mehr verfügbar. „Was passiert in den nächsten vier Wochen, wenn die ersten aufgeben?“ Das führt dann zum Versorgungsengpaß, wenn nicht mehr genug Laderaumkapazität zur Verfügung steht: „Das hat Preisauswirkungen auf alle Lebensbereiche“. In der politischen Verantwortung sieht er vor allem die GRÜNEN, denn bei Gesprächen der Verbände mit dem Wirtschaftsministerium habe sich herausgestellt, dass „die Grünen-Politiker nicht interessiert“ seien.
„Die Servicekette ist seit der Pandemie nie mehr hochgekommen“
„Im Moment tut’s noch“, berichtet Axel Kunze, der eine der beiden ARAL-Tankstellen in der Mergentheimer Straße in Künzelsau betreibt. Er berichtet auch von Hamsterkäufen – ein Engpass sei aber noch nicht zu verzeichnen gewesen: Bisher seien alle Lieferungen wie geplant angekommen. Obwohl im Moment alle Kraftstoffe vorrätig seien, sei die Gesamtsituation „ganz komisch“, denn: „Das Öl ist da“.
„kapitalistische Gewinnmitnahme“
Er sieht die Ursache der aktuellen Preise vor allem in einer „kapitalistischen Gewinnmitnahme“ und sieht eine Bereicherung. Die Konzerne würden momentan noch billig eingekauftes Öl teuer verkaufen. Auch er macht die Politik mitverantwortlich, allerdings benennt er einen FDP-Politiker: „Auf der einen Seite haben wir hohe Steuereinnahmen, aber Lindner hat kein Geld.“ Auch die Privatisierung der Grundversorgung stößt ihm bitter auf: „Warum müsssen wir einen Speicher an GAZPROM verkaufen?“ Aufgefallen ist ihm seit der Corona-Pandemie die Anfälligkeit der Lieferketten: „Die Servicekette ist seit der Pandemie nie mehr hochgekommen“.
Er selber bekommt für die Kraftstoffe eine gleichbleibende Provision pro Liter – der hohe Benzinpreis ändert also an seiner Einnahmesituation nichts. Wenn aber im Spätjahr der Mindestlohn erhöht wird, bedeutet das für ihn Zusatzkosten: „Das wird interessant“, orakelt er.
Text: Matthias Lauterer