„In Kiau bauschd ned schnell“, sagte Christian von Stetten während einer Unterbrechung der Sitzung des Künzelsauer Gemeinderats vom 18. Januar 2022. Man muß ihm recht geben, denn diese Erfahrung machen Bürger und Investoren immer wieder:
- Markantestes Beispiel dafür ist das PEKA-Gelände: Über 10 Jahre dauern diverse Planungen mehrerer Investoren an, ehe es inzwischen endlich bebaut wird.
- Der Baubeginn des ehemaligen MUSTANG-Geländes steht noch in den Sternen.
- In den Köpfen gibt es das Kinderhaus am Fluss schon lange – die Realisierung wurde am 18. Januar 2021 erneut hinausgeschoben. Dem Gemeinderat vermißte eine Verkehrsplanung rund um das Gebäude.
- Und das Projekt der Bebauung zweier „Sahnegrundstücke“ auf Taläcker wurde ebenfalls hinausgeschoben.
Grund ist – so ist es immer wieder aus dem Gemeinderat zu hören – dass sich der Gemeinderat nicht genug in den frühen Planungsphasen beteiligt fühlt, in Sitzungen dann mit fertigen Planungen überrascht wird. Umgekehrt fühlt die Verwaltung ihre Arbeit vom Rat nicht richtig gewürdigt. Vorgeblich also ein Kommunikationsproblem zwischen Verwaltung und Rat. Hört man aber genauer hin, kommt man zu ganz anderen Schlüssen und es wird rasch klar, wie ein Kinderhaus am Kocher mit einem Einkaufsmarkt auf den Taläckern und dieses wiederum mit dem MUSTANG-Gelände zusammenhängen könnte.
Das wahre Problem scheint nämlich gar nicht daran zu liegen, dass das Tischtuch zwischen Teilen des Gemeinderats und der Verwaltung zerrissen ist!
So fügt sich eins ins andere
Das Kinderhaus soll nun acht statt sechs Gruppen bekommen. Auf Taläcker besteht ein Bedarf für weitere Kindergartengruppen, eine Planung für die Erweiterung der vorhandenen Kindergärten ist angestoßen, mit Plänen – geschweige denn einer Realisierung – ist in den nächsten Monaten nicht zu rechnen. Auf Taläcker gibt es zum Glück ein Grundstück, auf dem bereits Baurecht für einen Kindergarten besteht – ausgerechnet für dieses Grundstück stellt ein Investor, die Merz Objektbau, das Konzept einer Wohnanlage und einem Einkaufsmarkt vor. Das ist ein verlockendes Projekt, das mehrere Anforderungen der Stadt vereint: Eine tolle Lage ist das, mit weitem Blick nach Osten über die Stadt. Für den Verkauf dieses und des Nachbargrundstücks könnte die Stadt Künzelsau rund 1.35 Millionen Euro erlösen. Außerdem lockt der Investor damit, dass er 80 Prozent der Wohnungen mit Mietpreisbindung („Sozialer Wohnungsbau“) errichten will. Und zu guter Letzt fehlt auf Taläcker ein Nahversorger. Mehrere Fliegen könnte man mit einer Klappe schlagen.
Kindergartenbedarfe
Wäre da nicht das Problem, dass die Kindergärten auf Taläcker bereits heute überfüllt sind und weiterer dringender Bedarf besteht. Weil diese Tatsachen bekannt waren, wurde aus diesem Grund bereits vor Jahren vorausschauend Baurecht für einen Neubau eines Kindergartens hergestellt. Eine Planung für eine Erweiterung der beiden Einrichtungen soll zwar im Gange sein – den großen Handungsdruck spürt der Betrachter von außen nicht.
Naheliegende Gedankengänge im Publikum
Wozu auch, wenn man doch die Kinder genausogut im neu zu errichtenden Kinderhaus am Fluß unterbringen kann. Es muss doch nur um zwei Gruppen erweitert werden, dann passt das recht gut. Und wenn man dann den Bedarf nach sozialem Wohnungsbau in den Vordergrund stellt, dann klappts auch mit dem Gemeinderat.
Auch naheliegend: Zusammenhang mit dem MUSTANG-Gelände?
Fakt ist, dass der Abriss der ehemaligen Mustang-Gebäude in geradezu vorbildlicher Weise planmäßig fertiggestellt wurde – das Gelände liegt baureif am Rande der Innenstadt. Der Baubeginn sollte schon lange erfolgt sein – getan hat sich nichts. Der Bauherr, dieselbe Merz Objektbau, die auch auf Taläcker bauen will, hat neu geplant und will jetzt keine Wohnbebauung auf dem Gelände mehr errichten.
Wohnbau ist allerdings notwendig, das hat die Stadt Künzelsau erkannt und als eines ihrer ganz großen Ziele definiert. Hinter vorgehaltener Hand hört man, dass es sehr wohl Zusammenhänge zwischen den beiden Bauprojekten desselben Investors geben könnte. Es wird von einer Art „Belohnung“ für einen Kompromiss beim Mustang-Gelände geflüstert. Wobei der Bau von Wohnungen auf Taläcker nicht den Bau von Wohnraum am Rande der Kernstadt ersetzen kann.
Eine undefinierte Rolle spielt immer wieder der Gestaltungsbeirat
Vor alle größeren architektonischen Projekte hat die Stadt Künzelsau einen „Gestaltungsbeirat“ gesetzt: „Der Gestaltungsbeirat soll als unabhängiges Sachverständigengremium über die planerischen und baulichen Herausforderungen in der Kreisstadt beraten und zu nachhaltigen Lösungen in hoher baukultureller Qualität beitragen“ definiert das Wirtschaftsministerium die Rolle eines Gestaltungsbeirats. Dieser Beirat ist mit drei externen Architekturprofessor:innen sowie mit Gemeinderät:innen und Bürgermeister Neumann besetzt.
Hinterfragenswert ist die Arbeit des Beirats, wenn – wie beim Thema Sigloch-Gelände geschehen – sich herausstellt, dass der Gestaltungsbeirat das Gelände, über das er urteilen sollte, nicht einmal gemeinsam besichtigt hat. Seit einem guten Jahr steht dieses Projekt still, ganz gewiß auch, weil der Beirat einen Ratschlag gegeben hat, ohne über die tatsächlichen lokalen Verhältnisse informiert zu sein.
Der Gestaltungsbeirat sollte allerdings sich und seine Rolle auch selber hinterfragen: Bei nahezu jedem Bauprojekt wird der Gestaltungsbeirat unmittelbar zum Spielball unterschiedlicher Interessen von Verwaltung und Gemeinderäten.
Mehr als nur hinterfragenswert wird es aber, wenn in einer Gemeinderatssitzung auf den Tisch kommt, dass aus dem Gestaltungsbeirat Anregungen kommen, etwas zu projektieren, was vorher nicht zur Debatte stand. Sollte das stimmen, dann spielt mindestens ein Mitglied des Gestaltungsbeirats ein seltsames Spiel. Der Gestaltungsbeirat ist schließlich ein Beratungsorgan, das einzig dafür eingesetzt ist, Empfehlungen an die Entscheidungsträger, und das ist letztlich der Gemeinderat, der Stadt Künzelsau auszusprechen – aber ganz sicher nicht dazu, potentielle Investoren zu beraten.
Rolle aller Beteiligten dringend zu überdenken
Die Stadt Künzelsau wäre gut beraten, die Rollen von Beteiligten an größeren Bauprojekten und die Kommunikationsstrukturen bei derartigen Projekten in einem transparenten Rahmen zu definieren, zu formulieren und zu publizieren. Die ewiggleichen und inzwischen ritualisierten Diskussionen bei größeren Bauprojekten sind gegenüber den Bürgern und potentiellen Investoren nicht mehr zu vermitteln:
- Es kann nicht sein, dass immer wieder Architekten nach der Präsentation ihrer Projekte kopfschüttelnd und vor den Kopf gestoßen den Saal verlassen, weil sie von ganz anderen Rahmenbedingungen ausgingen, als tatsächlich vorherrschen. Das ging dem Architekten des Sigloch-Geländes so, das ging in der Sitzung vom 18. Januar 2022 dem Architekten des Kinderhauses so – und das ging in derselben Sitzung dem Architekten des Komplexes auf Taläcker so. Wer hatte diese bedauernswerten Menschen vorher gebrieft?
So etwas spricht sich herum und wirkt sich schnell auf das Renommée der Stadt Künzelsau als verläßlicher Partner aus.
- Es kann ebenfalls nicht sein, dass sich der Gemeinderat bei jedem vorgestellten Projekt von der Verwaltung überfahren vorkommt.
- Und es kann genausowenig sein, dass die Verwaltung bei jedem Projekt mit „Aber wir haben doch informiert“ kontert.
Der Bürgermeister ist offensichtlich nicht Herr der Kommunikation
Es besteht ganz offenbar ein massives und inzwischen regelrecht ritualisiertes Organisationsproblem, das sich als Kommunikationsproblem zwischen (zumindest Teilen) der Verwaltung und (zumindest teilweise) dem Gemeinderat äußert und das letzendlich bei jedem der genannten Projekte zu mehrmonatigen Verzögerungen führt.
Bürgermeister Neumann, als Verwaltungschef, ist in der Pflicht, die Entscheidungs- und Kommunikationswege für alle Beteiligten festzulegen und transparent zu machen und allen Beteiligten die notwendigen Informationen rechtzeitig und umfassend zu vermitteln.
Wer kommuniziert im Namen der Stadt?
Das betrifft offenbar schon die einfache Frage, wer denn überhaupt im Namen der Stadt kommuniziert. Aber es betrifft auch die Frage der Information aller relevanten Menschen und Stellen, wenn die Verwaltung – mutmaßlich aus guten Gründen – anders plant, als es bisher in den Gremien vereinbart wurde. Es braucht zumindest bei derart großen und komplexen Projekten keine Laissez-Faire-Politik („Änderungen am Verkehr können wir immer noch vornehmen.“), sondern eine klare Organisation, auf die sich alle Beteiligten vertrauensvoll stützen können.
Die Frage der Verläßlichkeit
Wenn es weiter so geht, wie bisher, hat Künzelsau bald den Ruf eines nicht verläßlichen Partners. Und das größte Bauprojekt, die komplette Neugestaltung des Stadteingangs im Rahmen des neuen Kreishauses, hat noch gar nicht richtig begonnen.
Wenn Stefan Neumann seine eigene Verwaltungsorganisation nicht in den Griff bekommt, werschd in Kiau no lang ned schnell baue.
Ein Kommentar von Matthias Lauterer