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Lieber Gott – Haben Sie das von den Nachbarn gehört?

Bei uns geht immer alles geordnet zu. Wir sind eine Musterfamilie. Wir streiten auch nie. Nie. Niemals. Sie etwa? Schön, wenn zumindest nach außen der Schein gewahrt werden kann, man wäre Teil einer harmonischen kleinen Familie. Schade nur, dass unser Haus so viele Türen und Fenster hat. Da bei uns ein reger Durchgangsverkehr herrscht, kann es schon mal passieren, dass die Haustür für Stunden sperrangelweit offen steht und es keiner bemerkt. Etwas ungünstig ist diese Situation nicht nur, wenn Einbrecher gerade ihre Runde drehen, sondern auch, wenn ein kleiner Streit zwischen zwei Erwachsenen ein bisschen eskaliert. Anfangs war der Übeltäter unser Sohn, der gelogen hat. Nach einer Stunde war ich der Übeltäter, weil ich nicht konsequent durchgriff, und mein Mann, weil er zu selten zu Hause ist.

Wer hat nun mehr Schuld an dem Pinoccio-Dasein unseres Sohnes?

Mein Sohn war irgendwann verschwunden, während wir uns noch immer darüber stritten, wer von uns nun mehr Schuld an dem Pinoccio-Dasein unseres Sohnes hatte. Nun gibt es ja zwei Sorten einer Austragung eines Streits. Zum einen die gesittete, geordnete, ruhige, wohlbesonnene, bei der Erwachsene rationelle Argumente austauschen, um sich am Ende mit einem Kompromiss zu einigen. Und es gibt unsere Art des Streits.

Mein Mann führt heimlich eine Liste

Mein Mann und ich denken beide, dass derjenige, der lauter schreit, auch mehr Recht hat. Zwischendurch kann es auch passieren, dass wir ausfallend werden und beide neigen wir dazu, längst zurückliegendes Fehlverhalten des Partners nun wieder auf den Tisch zu bringen (Verhalten, das selbstverständlich rein gar nichts mit dem aktuellen Fall zu tun hat) und alles, wirklich alles, aufzusummieren, was man in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten falsch gemacht hat.

Haben Sie den Streit bei den Müllers gehört? Heute wieder in Stereolautstärke.
Karikatur: GSCHWÄTZ / Natalis Lorenz

Ich muss gestehen, mein Mann ist dabei viel besser als ich, weil er einfach ein besseres Gedächtnis hat. Ich vergesse sofort alles wieder, bin dafür auch nicht lange nachtragend, weil ich irgendwann gar nicht mehr weiß, warum. Bei meinem Mann habe ich eher das Gefühl, dass er heimlich eine Liste schreibt mit allem, was ihm so an mir auffällt und ihn stört und anstatt gleich etwas zu sagen, entlädt sich diese Fehlverhaltensliste, bäng, in so einem Streit. Nach zwei Stunden Vorhaltungen fühle ich mich dann immer wie die schlechteste Mutter und Ehefrau der Welt.

Dann kommt der Höhepunkt. Wenn sich die Gemüter Gott sei Dank irgendwann wieder beruhigt haben und wir nach draußen gehen wollen, um mit den Nachbarn noch ein Schwätzchen zu halten, stellen wir fest, dass unsere Haustür sperrangelweit offen steht. In Scham und Schande schließen wir so geräuschlos wie möglich die Tür und bleiben erstmal drin.

Eine Kolumne von Christine Müller

Jeden Monat nimmt Christine Müller unsere Leser mit in ihren hohenlohischen Alltag. Christine Müller ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Karikatur: Natalis Lorenz