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Warum Künzelsau wieder an das Bahnnetz angeschlossen werden sollte

Während im benachbarten Öhringen täglich Züge nach Karlsruhe, Schwäbisch Hall und Heilbronn fahren, ist der Bahnhof in Künzelsau seit den 1980er Jahren stillgelegt. Statt einer Bahn verkehren hier lediglich Radfahrer. Am Bahnhof kann man hier zwar lecker Pizza essen. Doch die Kreisstadt des Hohenlohekreises befindet sich seit rund 40 Jahren abgeschottet vom öffentlichen Bahnsystem.

Künzelsau I Reaktivierung der Kochertalbahn

Dabei war die Trasse, auf welcher die Kochertalbahn fuhr einst eine Strecke inmitten einer beeindruckenden Landschaft. Sie schlängelte sich durch Wälder, vorbei an Wiesen und Feldern, wo sich Hase und Igel Gute nacht sagen, mit sagenhaften Ausblicken auf das Kochertal – und mit  einer der damals steilsten Steigungen.

Billig würde der Ausbau, der nun konkret im Raum steht mit 200 bzw. 300 Millionen Euro (letztere Kostenschätzung bei einer Tunnelvariante), nicht werden. Aber noch nie wurde die Reaktivierung alter Bahntrassen von Bund und Land derart bezuschusst wie aktuell.

Die Bürger:innen und Bürger täten daher gut daran, dieses Projekt zu unterstützen, wäre es doch sowohl für den Tourismus als auch für die 10.000 tagtäglichen Berufspendler nach Künzelsau wie auch für die Student:innen ein Sprung in die Neuzeit.

Die Umfrage zur Kochertalbahn läuft noch bis 07. Januar: www.kochertalbahn.info

 

 




„Die Reaktivierung ist eine große Chance für die gesamte Region“

Sie war eigentlich schon totgeglaubt, nun soll sie im Zuge der Grünen Schienen-Wende wie zahlreiche weitere Trassen in Deutschland wiederbelebt werden: die Kochertalbahn als moderne S-Bahn, die in regelmäßiger Taktung fährt und das Kochertal wieder an das Bahnsystem andocken soll.

Der ehemalige Künzelsauer Bahnhof – und zahlreiche weitere Bahnhöfe bis Forchtenberg – erinnern bis heute an die Kochertalbahn, die bis in die 1980er Jahre hinein 100 Jahre lang fuhr. Dann setzte die Region gänzlich auf den NVH (Nahverkehr Hohenlohe), also auf Busse anstatt auf die Bahn. Längst werden die alten Bahnhofsgebäude anderweitig genutzt.  In Künzelsau etwa befindet sich dort der Jugendkulturverein Kokolores und die Pizzeria EMMAS GLÜCK.

Erstelle, was du liebst – liebe, wie du’s erstellst.

Zwischen 200 und 300 Millionen Euro Kosten – Stand heute

Das Bahn-Wiederbelebungsprojekt sollt laut derzeitigen Schätzungen zwischen rund 200 (ohne Tunnelvariante) und rund 300 Millionen Euro (mit Tunnelvariante von der Berufsschule nach Gaisbach) kosten – kein Pappenstil also, obwohl sich die kleine Kreisstadt des kleinsten Kreises im Ländle nicht beschweren kann, ist doch unter anderem der Schrauben-Riese Würth und damit auch zweitreichste Familie in ganz Deutschland dort beheimatet – und zahlreiche weitere Weltmarktführer-Unternehmen. Dennoch reitet man als echter sparsamer Baden-Württemberger auch hier nicht mit einem Goldesel durch die Gegend.

Krankenhaus weg – Kochertalbahn her?

2018 wurde das kleine Krankenhaus in Künzelsau geschlossen aufgrund der von Baden-Württemberg und Berlin vorgegebenen Krankenhausreform. Krankenhäuser sollen am besten keine roten Zahlen schreiben. Stattdessen wurden Millionen in den Neubau des Krankenhauses in Öhringen gesteckt, das, nun ja, zahlentechnisch auch keine Erfolgsbilanz aufweist.

Bürgerinitiative kämpft wochenlang  umsonst

Damals gingen die Menschen wochenlang für ihr Krankenhaus in Künzelsau auf die Straße, es formierte sich eine Bürgerinitiative, die kämpfte – umsonst. Nun befindet sich in dem alten Krankenhausgebäude unter anderem eine Hospiz. Passender geht es wohl kaum.

Darum für viele auch etwas unverständlich, wie nun wieder so viel Geld da sein beziehungswiese locker gemacht werden soll für eine Bahn, an deren Stelle man ja auch einfach mit dem Bus zum nächsten Bahnhof – in diesem Fall in Waldenburg oder Öhringen – fahren soll. Während Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann mit der „Reaktivierung eine große Chance für die gesamte Region“ sieht, hält sich Waldenburg Bürgermeister Bernd Herzog mit seinen Worten eher zurück, wenn er erklärt: „“Uns ist es wichtig, dass alle relevanten Informationen aus Waldenburg, Kupferzell und Künzelsau in das Projekt einfließen, und am Ende die beste Lösung für die Region steht. Auf dem Weg dahin begleiten wir die Planungen der Stadt Künzelsau wohlwollend und ergebnisoffen.“ Man darf dabei auch nicht vergessen: Sein Waldenburg hat ja auch schon einen Bahnanschluss. Aber auch die Worte von Christoph Spieles, Bürgermeister aus Kupferzell, klingen eher verhalten beim Bahnprojekt: „Kupferzell, Waldenburg und Künzelsau arbeiten schon lange eng für die Region zusammen. Dafür ist es wichtig, dass alle immerzu gut informiert sind. Auf das Basis begleiten wir die Bemühungen der Stadt Künzelsau zur neuen Kochertalbahn offen und interessiert.“ Das hört sich fast so an, wie wenn man als Bürgermeister vom Zuschauerrand einfach mal abwartet, was so passiert.

Auch Halt im Gewerbepark

Fakt ist: Es ist einfach komfortabler und bequemer, mit einer Bahn, die regelmäßig, etwa im 1-Stunden-Takt fährt, an den nächsten Bahnhof zu fahren Zum anderen wäre die Kreisstadt nach Jahrzehnten wieder an ein Bahnnetz angeschlossen. Die Studenten in dieser Stadt würden das sicher begrüßen – und auch die zahlreichen Arbeitnehmer:inenn, die tagtäglich zum Gewerbepark Hohenlohe zu ihren Weltmarktführer-Arbeitgeber:innen an der A6 mit ihrem Auto fahren. Dort würde die Bahn auch Halt machen.

Die Wiederbelebung alter Trassen ist auch ein Trend, den man in Europa beobachten kann, was den Tourismus betrifft. Manche erreichen dabei sogar Kultstatus – bei einer Trasse in idyllischer Umgebung und/oder mit einer Bahn, die auf „old charme“ optisch aufbereitet ist. Auch die Trasse der ursprünglichen Kochertalbahn führt malerisch bergauf bergab zwischen Wäldern und Wiesen vorbei. Es war damals übrigens die Trasse mit der beeindruckendsten Steigung.

Derzeit starke finanzielle Fördermöglichkeiten von Land und Bund für die Wiederbelebung alter Trassen

Die Reaktivierung von Bahngleisten könnte laut der Stadtverwaltung Künzelsau aktuell finanziell stark von Bund und Land gemäß dem Gemeinde-Verkehrs-Finanzierungsgesetzt gefördert werden. Der Bund würde dabei, laut der Stadtverwaltung Künzelsau, 90 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten tragen. Die restlichen zehn Prozent würden zum Teil durch das Land Baden-Württemberg übernommen werden.

Entscheidend sei dabei, so betont es die Stadt Künzelsau, jetzt zügig voranzukommen, da für die ersten hundert reaktivierten Bahnkilometer übernimmt das Land-Baden-Württemberg die Kosten für den Betrieb im Ein-Stunden-Takt komplett.

Die Strecke soll sich so weit wie möglich am historischen Trassenverlauf orientierten. Das würde bedeuteten: Abfahrt in Künzelsau wäre am Kokolores / an der Pizzeria EMMAS Glück.

Bislang würde die Trasse lediglich zwischen der A6 und Künzelsau wiederbelebt werden. Möglich wäre aber – rein theoretisch – auch ein Ausbau wie ehedem bis nach Forchtenberg. In jedem Fall würde die Kochertalbahn eine Aufwertung der ländlich-touristischen Region bedeuten.

Foto: Ehemalige Kochertalbahn, die bis in die 1980er Jahre hinein über 100 Jahre lang betrieben wurde

Video: Altes Videomaterial von der Kochertalbahn

 




Kochertalbahn weiter in der Warteschleife

Seit einiger Zeit fährt die Kochertalbahn zumindest in den Köpfen vieler Menschen wieder. Bis sie vielleicht wieder real fährt, wird noch einige Zeit vergehen. Über den aktuellen Stand berichtete Landrat Neth in der Kreistagssitzung vom 18. Juli 2022 auf Anfrage von Anton Baron (AfD).

Studie war fertig

Der Kreistag hatte eine Studie in Auftrag gegeben, die die sogenannte „Standardisierte Bewertung von Verkehrswegeinvestitionen im schienengebundenen öffentlichen Personennahverkehr“ für die Kochertalbahn in Verbindung mit einer eventuellen Elektrifizierung der Hohenlohebahn zwischen Öhringen-Cappel und Schwäbisch Hall-Hessental ermitteln sollte. Diese Studie war fertig, so Landrat Dr.Matthias Neth. Doch zwischenzeitlich habe der Bund die Kriterien verändert und so müssten diese neuen Kriterien jetzt eingearbeitet werden.

Neue Kriterien

Am 1. Juli 2022 ist eine neue „Verfahrensanleitung“ zur Ermittlung der Standardisierten Bewertung in Kraft getreten. Dieses neue Verfahren soll die Kritik am bisherigen Verfahren einbeziehen und soll mehr „weiche“ Faktoren berücksichtigen. Beispielsweise städtebaulich-gestalterische Vorteile des ÖPNV gegenüber dem Individualverkehr, Erschließungspotential für Neubaugebiete oder die „Resilienz“ eines Verkehrssystems. Auch wurden vermiedene Straßenbauinvestitionen bisher nicht eingerechnet. Das soll die neue „Verfahrensanleitung“ nun besser berücksichtigen – es soll also nun leichter möglich sein, das „Nutzen/Kosten-Verhältnis“ von mehr als 1 zu erreichen als bisher.

Keine Information über das bisher errechnete Nutzen/Kosten-Verhältnis

Nur Projekte, deren Nutzen/Kosten-Verhältnis größer als 1 ist, können mit Zuschüssen von Bund und Land rechnen. Welches Verhältnis für die Kochertalbahn mithilfe der alten Kriterien errechnet wurde, teilte Landrat Dr.Neth nicht mit. „Schaumamal, was die Studie ergibt“, war alles, was er dazu sagte.
Die Berechnung ist kompliziert, Neth hofft, dass die Studie bis Ende des Jahres abgeschlossen werden kann.

Wichtig für Künzelsau

Eine baldige Entscheidung des Landes über die Kochertalbahn ist insbesondere für die Gestaltung des Stadteingangs von Künzelsau mit dem neuen Kreishaus wichtig – bisher werden in den Planungen Schienenstrecken freigehalten und es bestehen Pläne für einen Bahnhof am neuen Kreishaus.

Text: Matthias Lauterer




Helfen Baerbock und Scholz der Kochertalbahn?

In der Diskussion um die Kochertalbahn ist es ruhig geworden, neue Informationen über den Stand der Machbarkeitsstudie gibt es noch nicht. Irgendwann im Jahr 2022 soll die Studie beendet sein, danach können erst die Förderanträge gestellt werden.

Kochertalbahn nur in Verbindung mit Hohenlohebahn sinnvoll zu betrachten

Die Effizienz der geplanten Kochertalbahn muß immer in Verbindung mit der Hohenlohebahn Heilbronn-Schwäbisch-Hall betrachtet werden. Diese Strecke ist teilweise nicht elektrifiziert, weshalb die Elektrifizierung dieser Strecke eine wichtige Rolle auch für die Kochertalbahn spielt. Diese Elektrifizierung ist teuer, denn vor Schwäbisch-Hall führt die Strecke durch drei  Tunnel, deren Querschnitt eine klassische Elektrifizierung mit Oberleitung nicht zuläßt. Bisher wurde in den Gedankenspielen die Elektrifizierung mit Oberleitungen bevorzugt – unter anderem mit einem denkwürdigen Argument: „Sie kriegen hohe Zuschüsse für die Elektrifizierung, aber keinen Zuschuß für den Betrieb. Das macht den Oberleitungsbau sinnvoller.“, so Christian von Stetten in einem GSCHWÄTZ-Interview vor der Bundestagswahl.

Koalitionsvertrag will Elektrifizierung und Beschleunigung von Projekten

Möglicherweise ändern sich mit der neuen Bundesregierung aber die Prämissen der Bezuschussung, sodass auch andere Möglichkeiten in den Vordergrund rücken könnten. Zwei Sätze aus dem Koalitionsvertrag lassen aufhorchen:

  • Zur Erreichung der Klimaziele liegt (…) der Ausbau elektrifizierter Bahntrassen im öffentlichen Interesse
  • Bis 2030 wollen wir 75 Prozent des Schienennetzes elektrifizieren und  innovative Antriebstechnologien unterstützen.

Zusätzlich soll die Elektrifizierung der Bahn beschleunigt durchgesetzt werden, dazu benötigt es neben erleichterter Planung auch ein wenig Phantasie.

Beispielhaftes Projekt in der Pfalz

Innovative Antriebstechniken sind inzwischen für das Umfeld der Hohenlohebahn verfügbar, das zeigt ein Beispiel aus der Vorderpfalz: Dort ist die Strecke Neustadt/Weinstraße –  Landau – Wörth, die eine wichtige und gut frequentierte Pendlerstrecke ist, nicht elektrifiziert. Ein Antrag auf Zuschüsse für die Elektrifizierung wurde Anfang des Jahres vom Bundesverkehrsministerium abgelehnt.  Der dort zuständige „Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz-Süd“ hat reagiert und innerhalb eines halben Jahres eine Alternative gefunden, finalisiert und bereits Nägel mit Köpfen gemacht:

Hybridelektrische Züge auf nicht-elektrifizierten Streckenabschnitten

„Rheinland-Pfalz beschreitet im Bahnverkehr völlig neue Wege. Auf einem Teil der nicht-elektrifizierten Strecken in der Pfalz, die bisher nur von Diesel-Zügen befahren werden konnten, kommen künftig batteriehybride Fahrzeuge zum Einsatz. Das entsprechende Vergabeverfahren wurde nun erfolgreich abgeschlossen.
Das europaweite Vergabeverfahren des Zweckverbandes Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz Süd ist deutschlandweit eines der ersten großen Verfahren, mit dem die Abkehr vom Dieseltriebwagen hin zu batteriehybriden Fahrzeug gemacht wird. Batteriehybrid bedeutet, dass die Fahrzeuge unter der Oberleitung der DB konventionell als elektrischer Triebwagen fahren und abseits davon den Strom aus Batterien beziehen.“, so der Zweckverband in einer Pressemitteilung.

Auch längere Strecken mit Batterie möglich

Der Hersteller, die Stadler Rail AG, beschreibt seine Züge so: „Die zweiteiligen FLIRT Akku-Fahrzeuge fahren vollständig elektrisch und eignen sich insbesondere für Netze, in denen sich – wie zukünftig im Pfalznetz – elektrifizierte Abschnitte mit solchen ohne Oberleitung ablösen. Auf den elektrifizierten Strecken fahren die Züge wie klassische Elektrotriebwagen unter Fahrdraht und laden dabei gleichzeitig die Batterien. Wo der Fahrdraht endet, fahren die Züge im Batteriebetrieb weiter. Dabei liegt die betriebliche Reichweite im Batteriemodus bei mindestens 80 Kilometern – nachgewiesen hat Stadler auf Testfahrten bereits 185 Kilometer im Batteriebetrieb. Im Pfalznetz liegt nach der Fertigstellung von Teilelektrifizierungen der längste Streckenabschnitt ohne Elektrifizierung bei rund 48 Kilometern.“ Auch zum Beispiel Siemens oder Bombardier bieten vergleichbare Züge an.

Mit der Elektrifizierung der Hohenlohebahn wären ohnehin neue Züge notwendig, sodass in einer Wirtschaftlichkeitsrechnung nur die Mehrkosten für den hybridelektrischen Zug gegen die Kosten des Oberleitungsbaues gegengerechnet werden müssten. Und wer weiß, ob die neue Bundesregierung nicht gerade die Umrüstung vom Dieseltriebwagen auf solche neuartigen Züge in besonderem Maße fördern wird.

Tunnelbauarbeiten könnten vermieden werden – früherer Einsatz möglich

Die Bahnstrecke Heilbronn – Schwäbisch-Hall ist zwischen Heilbronn und Cappel elektrifiziert – von Cappel bis Schwäbisch-Hall ist die Strecke auf ungefähr 25km nicht elektrifiziert. Ein Zug, wie er in der Pfalz eingesetzt wird, könnte also auch die Strecke Cappel-Schwäbisch-Hall und zurück ohne Oberleitung bewältigen.
Durch den Einsatz dieser Art von hybridelektrischen Zügen würden Tunnelbauarbeiten und die damit verbundenen Streckensperrungen unnötig. Der rein elektrische Verkehr auf der Strecke könnte dadurch möglicherweise erheblich früher und mit erheblich geringeren Investitionen starten als mit aufwändigen Tunnelbauarbeiten, die auch mit Streckensperrungen einhergehen würden.

Auch hybridelektrische Trambahnen auf dem Markt

Auch für die Kochertalbahn selbst gäbe es, wenn man an eine durchgehende Verbindung nach Schwäbisch-Hall oder Heilbronn denken will, hybridelektrische Möglichkeiten der großen Hersteller – mit einem derartigen System könnte man die Strecke Waldenburg-Cappel (rund 11 km) oder Waldenburg-Schwäbisch-Hall (rund 15 km) auch oberleitungsfrei befahren. Außerdem könnte beispielsweise innerhalb der Stadt Künzelsau auf den teuren Bau von Oberleitungen verzichtet werden. An Haltepunkten könnten Ladestationen eingerichtet werden, sodaß die Züge bei jedem Halt „Strom tanken“ könnten.

Text: Matthias Lauterer

 




Staatssekretär verbreitet Optimismus für den Bau der Kochertalbahn

„Es hat mir niemand das mit den 90 Prozent geglaubt“, sagt Christian von Stetten am Samstag, 04. September auf einer Veranstaltung mit Staatsekretär Steffen Bilger aus dem Verkehrsministerium, „deswegen habe ich den Staatssekretär gebeten, bei seinem nächsten Besuch in der Gegend  vorbeizukommen“. Der Veranstaltungsort war passend gewählt: Vor dem ehemaligen Bahnhofsgebäude in Künzelsau.

Von Waldenburg nach Künzelsau

Mit den 90 Prozent meint von Stetten den Bundeszuschuß für den Bau der geplanten Kochertalbahn. Wie bereits berichtet, hat der Kreistag eine Studie in Auftrag gegeben, die in eine standardisierte Bewertung münden soll. Mit dieser Bewertung kann der Bau der Kochertalbahn vom Bahnhof in Waldenburg bis nach Künzelsau beim Verkehrsministerium in Stuttgart beantragt werden, ein entsprechendes Förderprogramm der Landesregierung wurde bereits auf den Weg gebracht.

Verbundprojekt Kochertalbahn und Elektrifizierung der Hohenlohebahn

Von Stetten erklärt nochmals das Konzept, einerseits die Kochertalbahn  zu reaktivieren, auch um andererseits mit den damit entstehenden Passagierzahlen die Elektrifizierung der Hohenlohebahn zwischen Cappel und Schwäbisch-Hall voranzutreiben.

Machbarkeitsstudie von 2012 war nicht erfolgreich

Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann faßt die Historie zusammen: „Eine Machbarkeitsstudie im Jahr 2012 war nicht erfolgreich. Aber seitdem hat sich Vieles geändert: Neue Wohngebiete wurden errichtet, die Hochschule wurde erweitert und durch die geplante Anbindung an die Firma WÜRTH sind hohe Fahrgastzahlen zu erwarten.“ Mehrere Trassen seien diskutiert worden, auch eine mit Endstation auf Taläcker und Anschluß an die Bergbahn. Aber Neumann  weiß: „Mit jedem Umsteigepunkt verlieren Sie 20 Prozent der Fahrgäste.“

Bei Reaktivierung von Strecken sogar 90 Prozent

Den Geldkoffer hatte Staatssekretär Steffen Bilger zwar noch nicht dabei, dafür brachte er gute Nachrichten mit: „Es spricht alles dafür, solche Strecken zu finanzieren, wir haben ambitionierte Klimaziele. Deshalb haben wir die Laufzeit des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes verlängert und die Mittel auf 2 Milliarden Euro jährlich erhöht“. Er bestätigt von Stettens Zahl von 90 Prozent: „Der Zuschuss beträgt 75 Prozent, bei Reaktivierung von Strecken sogar 90 Prozent“.

Voraussetzungen für Zuschüsse wurden erleichtert

Außerdem, und das sei seine zweite gute Nachricht, sagt Bilger: „Die standardisierte Bewertung wurde reformiert, sodass viele Projekte die den Faktor 1 bisher nicht erreicht haben, jetzt über 1 liegen. Es ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, solche Projekte voranzutreiben.“ Experten des Verkehrsministeriums hätten die sich die vorläufigen Planungen angesehen und seien zum Ergebnis gekommen „das sieht gut aus.“

Das Land ist jetzt in der Verantwortung

Bilger verspricht auf Seiten des Bundes schnelle und unbürokratische Bearbeitung: „Das Land muss die Unterlagen beim Verkehrsministerium einreichen. Wir machen dann nur noch den Haken dran.“

Von Stetten ist optimistisch, dass das Land schnell entscheiden wird: „Stuttgart ist bereit, verschiedene Schritte parallel statt sequentiell abzuwickeln.“ Neumann hat ebenfalls positives Feedback aus der Landesregierung zu vermelden: „Der Förderverein Wir bauen die neue Kochertalbahn e.V. hat gute Vorarbeit geleistet. Das Land hat das erkannt.“

Weiterführung der Trasse durchs Kochertal?

Die Frage aus dem Publikum, ob die Trasse eventuell über Künzelsau hinaus nach Ingelfingen, Niedernhall und Forchtenberg führen kann, antwortet von Stetten: „In dem Augenblick, wo das Verkehrsministerium den Haken dran gemacht hat, ist es Aufgabe der Bürgermeister von Ingelfingen, Niedernhall und Forchtenberg, weiterzudenken.“

Wermutstropfen

Einen kleinen Wermutstropfen hat Bilger allerdings auch mitgebracht: „Für die A6 mache ich mir Sorgen“, sagt er. Um den geplanten Ausbau der A6 auf sechs Spuren scheint es also nicht so gut zu stehen wie um die Kochertalbahn.

Einzigartige Finanzierung

Abschließend verweist von Stetten darauf: „So eine Finanzierung hat es noch nie gegeben. Ich freue mich, dass der Landtag und die Bundesregierung dahinterstehen.“

Text: Matthias Lauterer

 

Große Pläne für die Kochertalbahn: Christian von Stetten, Steffen Bilger und Stefan Neumann (v.r.). Foto: GSCHWÄTZ

Christian von Stetten und Staatssekretär Steffen Bilger. Foto: GSCHWÄTZ




„Die Menschen machen das, was schnell geht und bequem ist“

Für eine große Überraschung sorgte Prof. Dr. Otto Weidmann (FWV), als er in der Kreistagssitzung vom 07. Dezember 2020 vorschlug, doch anstelle der Kochertalbahn eine Shuttlebuslinie mit Elektrofahrzeugen zu planen. GSCHWÄTZ hat bei Prof.Dr. Weidmann nachgefragt, warum er einen Bus anstelle einer Bahn bevorzugt.

Defizite im Hohenlohekreis: Verkehr, Studienplätze, Digitalisierung

Er holt ein wenig aus und beschreibt drei Defizite, die er im Hohenlohekreis sieht: Verkehr, Versorgung mit Studienplätzen und Digitalisierung. Mit einer überregionalen Lösung der Verkehrssituation, die zum Beispiel die Hochschulstandorte in Heilbronn, Schwäbisch-Hall und Künzelsau anbindet, könnte das Angebot für Studierende aus dem Hohenlohekreis verbessert werden.

Blick über die Grenzen des Hohenlohekreises hinaus

Dazu bräuchte es aber, so Weidmann, einen Blick über die Grenzen des Hohenlohekreises hinaus: Die Anbindung auf dem Schienenweg nach Schwäbisch-Hall und darüber hinaus nach Crailsheim sowie nach Heilbronn müsse verbessert werden. Dazu könnte eine häufigere und schnellere Anbindung von Bad Mergentheim nach Künzelsau das System ergänzen.

Verbund von Stadtbahn, Regionalbahn und e-Shuttle-Bus

Eine Verdichtung des Takts der Stadtbahn, sowie eine Weiterführung der Strecke über Cappel hinaus bis Waldenburg mit nur einem weiteren Halt in Neuenstein, sieht er als unbedingt notwendig an. Die Strecke bis Waldenburg müßte dafür elektrifiziert werden. Genauso sei es unabdingbar, die Regionalbahnstrecke nach Schwäbisch-Hall zu intensivieren. Immer wieder angeführtes Problem sei der Ausbau des Tunnels vor Schwäbisch-Hall, der zu niedrig für eine Oberleitung sei. Die Lösung könnten Hybridfahrzeuge sein, die diese Strecke ohne Tunnelbauarbeiten bedienen könnten. Sowohl Lokomotiven mit Dieselmotor als auch S-Bahn-Züge mit Wasserstoff-Brennstoffzellenantrieb sind derzeit bereits im Einsatz. Er kann sich einen Viertelstundentakt auch auf der Regionalbahnstrecke vorstellen.

„Die Menschen machen das, was schnell geht und bequem ist“

In Ergänzung zum intensivierten Schienenverkehr schlägt Weidmann einen schnellen und elektrischen Shuttlebus vor. „Mit einem elektrischen Antrieb und regenerativ erzeugtem Strom ist der ökologische Vorteil der Bahn weg“, meint Weidmann. Den Geschwindigkeitsvorteil, den die Bahn bei einem Stau auf der B19 hätte, sieht er nicht: Einerseits sei ja der 4-spurige Ausbau der B19 in Planung, andererseits könnte der Bus auch auf gut ausgebauten Landwirtschaftswegen neben der B19 fahren – versenkbare Poller würden den Zugang zu diesen Wegen regeln. Man habe in Öhringen mit einem derartigen System schon gute Erfahrungen gemacht. Vor allem sieht er aber mit dem Bus eine umsteigefreie Anschlußmöglichkeit des Hochschulstandorts Hofratsmühle. Für ihn ein ganz wichtiges Argument, denn „Die Menschen machen das, was schnell geht und bequem ist“. Eine Befragung von Studierenden habe ergeben, dass diese einen direkte Verbindung zur Hofratsmühle wünschten. Und vor allem könne man mit einer Buslinie das Problem des „Begleitverkehrs“ vermeiden, da keine zwei unterschiedlichen Verkehrsmittel im Nahverkehr dieselbe Strecke bedienen dürfen.

Hohenlohekreis hat bereits Erfahrungen mit Elektrobussen

Der NVH nutzt bereits heute Elektrobusse, wie sie in Weidmanns Konzept vorkommen im Linienverkehr und hat daher beim Betrieb dieser Fahrzeuge schon Erfahrungen gesammelt.

Anbindung Jagsttal und Bad Mergentheim

Als Ergänzung zum E-Shuttle von Waldenburg bis Künzelsau könnte, so Weidmann,  ein Schnellbus nach Bad Mergentheim dienen, der möglicherweise nur einen Haltepunkt in Dörzbach hat.

Schnittstelle Individualverkehr zu Kollektivverkehr

„Sie werden auf dem Land nicht auf das Auto verzichten können“, sagt Weidmann. Er plädiert daher für „Schienenverkehr in der Stadt, auf der Straße übers Land“, das heißt: Mit dem Auto zum Shuttlebus und mit dem Shuttlebus zur Bahn. „Damit die Leute mit dem Zug fahren, braucht es drei Dinge: Schnelligkeit, Takt und Anschlüsse“ – genau das sieht er mit seinen Ideen gewährleistet.

Kosten und Finanzierung

Ökonomisch spreche vieles für eine Shuttlebuslösung: Die Investitionskosten seien sehr gering, da die „Strecke“ bereits vorhanden ist und der Streckenausbau ohnehin in Planung ist. Anschaffungs- und Betriebskosten der Busse dürften auch niedriger sein als für die Bahnen. „Mit 10 bis 20 Millionen können Sie da eine ganze Menge machen.“ Für einen Bruchteil des eingesparten Geldes könne man die Regionalbahnstrecke für einen besseren Taktverkehr ertüchtigen, meint Weidmann fast schon euphorisch.

„Das Ganze steht und fällt mit der Förderung“

Die in Aussicht gestellten Fördergelder für die Kochertalbahn kommen allerdings aus einem Programm für die „Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken“. „Wir können uns ausrechnen, wann wir so viel Geld noch einmal bekommen“, sagt Weidmann und sieht es als Aufgabe der Politik, Alternativen mit Druck aus der Region zu ermitteln. Der Hohenlohekreis als die Mitte der Region, könne hier der Treiber sein. Weidmann sieht in seinem Konzept eine „Win-Win-Win-Win“-Situation, da einfach alle Beteiligten einen Vorteil bekämen, Schwäbisch-Hall, der Hohenlohekreis sowie Kreis und Stadt Heilbronn, denn „Heilbronn ersäuft im Verkehr“. Zwar geht Weidmann  von weiteren Programmen in der Zukunft aus, aber „Wenn der politische Wille da ist, kann man die Mittel in Berlin sicherlich umwidmen“.

Er begrüßt, dass auch die vom Kreistag in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie nicht nur die Kochertalbahn betrachtet, sondern auch die Anforderungen an die übergeordneten Verkehre. „Die Kochertalbahn-Diskussion kann sehr nützlich sein.“

Viele ÖPNV-Projekte in Baden-Württemberg

Im Kreis Schwäbisch-Hall hat man den Anschluß ans S-Bahn-Netz der Stadt Nürnberg beschlossen, Verkehrsminister Winfried Hermann will den Anteil des ÖPNV verdoppeln und das landesweite e-Ticket für den ÖPNV ist in der Erprobung. Der prinzipielle politische Wille im Land Baden-Württemberg zur Verbesserung des ÖPNV-Angebots ist also vorhanden.

Text: Matthias Lauterer

Wasserstoff-Brennstoffzellen-Zug im Liniendienst. Foto: Alstom

 




Kochertalbahn: Pendlerverkehr völlig unterschätzt?

Ein “hohes Nachfragepotenzial“ bescheinigt die PTV Transport Consult GmbH, die im Auftrag des Verkehrsministeriums die 42 Bahnstrecken bewertet hat, der Kochertalbahn. Man rechnet bei PTV mit einer „Einsteigerzahl“ von 1.390 Personen an einem Schultag, die im Durchschnitt bei jeder Fahrt fast 9 Kilometer mit der Bahn zurücklegen.

Schülerbeförderung vorrangig bewertet

Hohen Wert legt PTV bei ihren Kriterien auf die Schülerbeförderung – hier erreicht die Kochertalbahn die Höchstpunktzahl, da sich mehr als 5.000 Schulplätze im unmittelbaren Einzugsbereich (bis 1.000 Meter Entfernung) der Bahn befinden.

Wenige Punkte konnte die Kochertalbahn bei den beiden Bewertungskriterien Infrastruktur und Netzwirkung holen: Da die Gleise komplett abgebaut sind und PTV daher mit einer längeren Realisierungszeit rechnet und da es sich „nur“ um eine Stichstrecke und nicht um eine Verbindungsstrecke handelt, kann die Kochertalbahn in diesem Bewertungskatalog nicht punkten.

Pendler angemessen berücksichtigt?

Nur über den Umweg über die geschätzten Personenkilometer ist der Pendlerverkehr in den Bewertungskriterien der PTV enthalten. Gerade die besondere Struktur mit den beiden Arbeitsplatzzentren Gewerbegebiet und Stadt Künzelsau mit Gaisbach an den Endpunkten der Bahn, jeweils mit sehr vielen Arbeitsplätzen, hätten sicherlich zu Vorteilen bei der Bewertung geführt.

5.000 Schul- und 15.000 Arbeitsplätze im unmittelbaren Einzugsbereich

Schließlich sind im Pendlerverkehr gut gefüllte und damit rentable Bahnen in beiden Richtungen zu erwarten, denn den 5.000 Schulplätzen stehen im unmittelbaren Einzugsbereich mehr als 15.000 Arbeitsplätze gegenüber. Eine deutliche Verkehrsverlagerung von der B19 auf die Bahn könnte auch eine höhere CO2-Einsparung ergeben als die PTV annimmt.

Es liegt jetzt an der lokalen Politik, dem Landratsamt und den Gemeinden Künzelsau, Kupferzell und Waldenburg, diese Vorteile in den folgenden Kosten-Nutzen-Analysen und der standardisierten Bewertung deutlich herauszuarbeiten.

Andere Strecken in der Region

Zwei weitere stillgelegte Bahnstrecken gibt es in der Region. Zum einen die Jagsttalbahn zwischen Dörzbach und Möckmühl, deren Reaktivierung immer wieder in den Raum gestellt wurde. Die Chancen auf eine neue Jagsttalbahn dürften allerdings nahezu auf Null gesunken sein, da sie in diesem Wettbewerb nicht mehr vertreten war. Außerdem mehren sich im Jagsttal die Stimmen, die die Flächen der ehemaligen Bahnhofsgelände anderweitig nutzen wollen.

Die zweite regionale Strecke ist die Strecke Blaufelden-Langenburg, die von einem Verein restauriert wird. Diese Strecke hat es zwar in die 42 Strecken geschafft, die vom Verkehrsministerium untersucht wurden, belegte allerdings im Rahmen der Bewertungskriterien der PTV den letzten Platz. Eine Förderung ist daher sehr unwahrscheinlich.

Text: Matthias Lauterer

Im Norden Baden-Württembergs wurden nur wenige Bahnstrecken bewertet. Foto: Verkehrsministerium BW




Landrat Neth: „Ich freue mich sehr, dass die Landesregierung das Potenzial erkannt hat, das in der Strecke steckt“

Wie berichtet hat die Landesregierung grünes Licht für die Reaktivierung der Kochertalbahn gegeben. Der Landrat und Bürgermeister im Hohenlohekreis freuen sich sehr über diese Entscheidung. Anbei veröffentlichen wir hierzu eine Pressemitteilung der Stadtverwaltung Künzelsau:

Christian von Stetten: „Einsatz hat sich gelohnt“

„Seit Gründung der Bürgerinitiative haben wir auf diese positive Entscheidung der Landesregierung hingearbeitet und freuen uns jetzt sehr, dass sich die Arbeit gelohnt hat“, so Bundestagsabgeordneter Christian Freiherr von Stetten. „Wenn wir mit unserer Machbarkeitsstudie zu einer positiven Bewertung im Verkehrsministerium in Stuttgart beitragen konnten, hat sich der Einsatz unserer Vereinsmitglieder gelohnt.“

„Meilenstein“

Auch Hohenlohes Landrat Dr. Matthias Neth freut sich über diese Entscheidung: „Ich freue mich sehr, dass die Landesregierung das Potenzial erkannt hat, das in der Strecke steckt. Damit ist ein weiterer Meilenstein geschafft. Die Verwaltung wird für den Kreishaushalt 2021 Mittel für eine neue Machbarkeitsstudie einstellen.“

Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann kann sich diesen Worten nur anschließen: „Die Freude ist riesengroß. Ich danke allen, die sich für die Reaktivierung der Kochertalbahn eingesetzt haben und nenne stellvertretend Landrat Dr. Neth und den Kreistag, die Bürgermeister von Kupferzell und Waldenburg und besonders die Bürgerinitiative und unseren Bundestagsabgeordneten Christian Freiherr von Stetten.“

Künzelsaus Bürgermeister dankt allen Beteiligten für ihr Engagement

Neumann betont: „Der Anschluss ans Schienennetz ist für Künzelsau und für die gesamte Region enorm wichtig und eine hervorragende Grundlage für eine gute Entwicklung unseres Raumes in der Zukunft. Die Erfahrung zeigt, dass die Schiene besser angenommen wird als der Bus. Deshalb haben wir die historische Trasse der Kochertalbahn und Trassenvarianten, die durch Gaisbach führen, freigehalten. Flächen für einen Bahnhof in den Kocherwiesen mit Park- und Ride-Parkplätzen können dort geschaffen werden – und sind im Eigentum der Stadt“

Von Waldenburg über den Gewerbepark Hohenlohe, nach Gaisbach bis zum Bahnhof nach Künzelsau soll die Bahn fahren

„Die starke Trasse wird nicht nur den Gewerbepark Hohenlohe mit knapp 4.000 Arbeitsplätzen und Künzelsau mit rund 13.000 Arbeitsplätzen ans Schienennetz anbinden. Das Landratsamt, das neue Kreishaus, bekommt eine Bahn-Haltestelle (Bahnhof Künzelsau) quasi vor die Haustüre. Rund 11.000 Berufseinpendler kommen täglich nach Künzelsau und mehr als 7.000 Schüler und Studenten. Die Pendler zur Firmenzentrale Würth, zu den Museen Würth und zum Carmen Würth Forum sind außerdem potenzielle Bahnnutzer und Frequenzbringer“, so Neumann.

Finanzierung ist noch zu klären.

Die Finanzierung sei allerdings laut Neumann noch zu klären: „Wie sich die Beteiligung der Kommunen und des Landkreises finanziell, beim Bau und beim Betrieb der Bahn darstellt, ist noch zu klären und auch abhängig von der Unterstützung des Bundes und Landes. Heute können wir dazu keine Aussage treffen – nur so viel: Wir möchten den Schienenanschluss und sind, auch gestärkt nach der Reaktivierungs-Entscheidung des Verkehrsministeriums, bereit uns dafür zu engagieren.“

Auch Kupferzells Bürgermeister freut sich

Christoph Spieles, Bürgermeister in Kupferzell, hält die Reaktivierung der Kochertalbahn ebenfalls für sinnvoll: „Aus verkehrspolitischen und ökologischen Gründen ist das eine gute Nachricht. Jetzt müssen wir schauen, wie es weitergeht und welche Streckenvariante realisiert werden kann. Offene Fragen werden wir gemeinsam lösen.“

Waldenburgs Bürgermeister a.D. sieht einen klaren Wettbewerbsvorteil mit der Bahn

„Ich freue mich sehr, dass das Land die Kochertalbahn fördert und unser Einsatz dadurch honoriert wird. Der Gewerbepark Hohenlohe hat sich zu einem Anziehungspunkt für Unternehmen entwickelt. Alle Menschen, die dort tätig sind, sind potentielle Stadtbahnfahrer. Außerdem sehe ich einen klaren Wettbewerbsvorteil für unsere Stadt und unsere Region.“

 




Kochertalbahn: Alle Signale auf Grün

Seit dem 15. Mai 1991 ist die Kochertalbahn zwischen Bahnhof Waldenburg und Forchtenberg Geschichte, die Personenbeförderung wurde bereits zum 31. Mai 1981 eingestellt. Die damalige Trasse ist heute größtenteils ein gut frequentierter Radweg. Nur ein paar vereinzelte Reste von Signalanlagen oder Kilometersteinen erinnern noch daran, dass auf diesem Radweg früher Menschen und Güter transportiert wurden.

Verein treibt Planungen voran

In den fast  40 Jahren seit der Stilllegung des Personenverkehrs haben sich die verkehrspolitischen Akzente verschoben, insbesondere der ökologische Aspekt einer Bahnstrecke wird inzwischen anders bewertet. Daher hat sich im Herbst 2017 eine „Bürgerinitiative: Wir bauen die neue Kochertalbahn“ gegründet. Seit 2019 ist diese als gemeinnütziger Verein mit inzwischen etwa 200 Mitgliedern im Vereinsregister eingetragen. Christian von Stetten, Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Vereins sagt: „Die 200 Mitglieder unserer Bürgerinitiative sind fest davon überzeugt, dass aus verkehrspolitischen und ökologischen Gründen nun der richtige Zeitpunkt für eine Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Waldenburg und Künzelsau gekommen ist.“ In Hohenlohe habe sich seit der Streckenstilllegung im Jahr 1981 viel verändert: Künzelsau sei zum Schul- und Hochschulstandort mit vielen Schülern und Studenten herangewachsen, die Bevölkerungszahl in Künzelsau und Kupferzell ist gestiegen, und allein im Gewerbepark Hohenlohe seien etwa 6.000 Arbeitsplätze entstanden. All das spreche für eine Reaktivierung der Bahnstrecke.

Private Machbarkeitsstudie

Daher hat der Verein im Dezember 2018 ein Gutachten zur Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Waldenburg und Künzelsau – unter Berücksichtigung neuer Haltepunkte im „Gewerbepark Hohenlohe“ und in Künzelsau-Gaisbach – im Dezember 2018 in Auftrag gegeben. Von Stetten: „Das Gutachten wurde im Frühjahr 2020 fertiggestellt und hat zahlreiche positive technische Entwicklungen mit berücksichtigt.“

Die Kochertalbahn ist dabei

Parallel dazu wurde im Bund beschlossen, dass derartige Projekte mit bis zu 75% bezuschusst werden und der Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg hat ein Programm zur Reaktivierung alter Bahnstrecken aufgelegt. 41 Strecken habe eine erste Ausscheidungsrunde überwunden, heute, am 03. November 2020, gab das Verkehrsministerium die Entscheidung bekannt, welche der 41 Strecken weiterverfolgt werden: Da das Land mit Fahrgastzahlen von bis zu 1500 Passagieren täglich rechnet, ist die Kochertalbahn dabei.

Detailplanungen können jetzt beginnen

Die Landesregierung wird jetzt, so von Stetten, die weiteren Planungen an sich ziehen und den Hohenlohekreis um eine tiefergehende Detailuntersuchung bitten.

Text: Matthias Lauterer
GSCHWÄTZ berichtete:
https://www.gschwaetz.de/2020/06/19/kommt-die-kochertalbahn/
https://www.gschwaetz.de/2020/07/17/christian-von-stetten-wir-koennen-das-aus-eigener-kraft-stemmen-einzugsbereich-bis-nach-ingelfingen-und-ins-jagsttal-moeglich/
Die Machbarkeitsstudie auf der Seite der „Bürgerinitiative Wir bauen die neue Kochertalbahn e.V.“: http://www.kochertal-bahn.de/gallery/FINAL_Abschlussbericht_Kochertalbahn_Machbarkeitsstudie.pdf

Planungsalternativen für die Kochertalbahn. Quelle: kochertal-bahn.de




Christian von Stetten: „Wir können das aus eigener Kraft stemmen“ – Einzugsbereich bis nach Ingelfingen und ins Jagsttal möglich

Am 10. Juli 2020 wurde von Christian von Stetten und den Bürgermeistern der am Gewerbepark beteiligten Gemeinden, Markus Knobel (Waldenburg), Stefan Neumann (Künzelsau) und Christoph Spieles (Kupferzell), eine Flixbushaltestelle mit dem Namen „Gewerbepark Hohenlohe / Kochertalbahn“ eröffnet. Die Bushaltestelle trägt diesen Namen nicht ohne Grund – sozusagen als Hinweis darauf, was hier künftig noch herkommen beziehungsweise fahren kann.

Christian von Stetten: „Wir haben einen Anschluss an eine Bahn“

Berlin und Saarbrücken kann man jetzt vom Gewerbepark mit dem Flixbus ohne Umsteigen erreichen, genauso wie man mit den Bussen des NVH Waldenburg, Kupferzell und Künzelsau ohne Umsteigen erreichen kann. Von einer Kochertalbahn ist aber nichts zu sehen. Das sei „ein Wink mit dem Zaunpfahl nach Stuttgart“, sagt Christian von Stetten. „Wir haben einen Anschluß an eine Bahn, die es noch nicht gibt“. Etwa 15 stillgelegte Bahnstrecken will das Land Baden-Württemberg reaktivieren lassen, aus einer Liste von 41 Kandidaten, auf die es auch die Linie Waldenburg-Künzelsau geschafft hat.

3. Machbarkeitsstudie bringt das positive Ergebnis, das die Bahn sich lohnen würde

Zwei Machbarkeitsstudien gab es in der Vergangenheit, die beide zu einem negativen Ergebnis kamen. Eine dritte Studie, die jetzt ein positiveres Ergebnis zeigt, wurde unlängst der Bürgerinitiative Wir bauen die neue Kochertalbahn e.V. erstellt: Die gute Entwicklung des Gewerbeparks, in dem immer mehr Menschen Arbeit finden, die geplante Anbindung des Würth-Geländes, des neu zu errichtenden Landratsamtes in Künzelsau sowie der neuen Wohngebiete in Kupferzell und Gaisbach lassen die Chancen auf eine neue Kochertalbahn steigen. Die Stadt Künzelsau hat ein Grundstück im Industriegebiet am Kocher erworben, auf dem sich die Planer ein Park&Ride-Parkhaus mit integriertem Haltepunkt vorstellen: Der Einzugsbereich der geplanten Bahn könnte sich dadurch nochmals erweitern, Richtung Ingelfingen und Jagsttal. Eine öffentliche Präsentation dieser Studie durch die Bürgerinitiative konnte wegen Corona bisher nicht stattfinden.

Geplante Anbindung an das Würth-Gelände

„Wir können das aus eigener Kraft stemmen“, ist sich von Stetten sicher: Die Trasse der alten Kochertalbahn wurde größtenteils freigehalten, was die Baukosten relativ niedrig halten würde. Die aktuelle Schätzung der Baukosten beläuft sich auf etwa 100 Millionen Euro. Laut von Stetten würde der Bund davon voraussichtlich 75 Prozent tragen, das Land würde sich voraussichtlich mit 15 Prozent beteiligen, sodass für den Kreis und die drei Gemeinden ein Aufwand in der Größenordnung von 10 Millionen Euro verbleiben würde. Heruntergebrochen auf 5 Jahre ergäbe sich für jede der Gemeinden und den Kreis eine durchaus überschaubare Summe in der Größenordnung von 500.000 Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Für den Krankenhausneubau in Öhringen wird der Eigenanteil des Kreises um 50 Millionen Euro betragen, auch für den Neubau des Landratsamtes wurden bereits Kosten jenseits der 50 Millionen Euro genannt. Die Kosten für die Bahn könne man auch mit Ersparnissen gegenrechnen, zum Beispiel könne man beim Neubau des Landratsamtes weniger Parkflächen ansetzen.

Einzugsbereich bis nach Ingelfingen und ins Jagsttal möglich

Die Erfahrung bei der Stadtbahnerweiterung zum Öhringer Limespark und nach Cappel habe gezeigt, dass der dortige Wohnraum sehr begehrt ist, viele Familien hätten auch ein Auto abschaffen können. „Das ist bares Geld für die Menschen“, stellt von Stetten fest.

Bahn mache wohnen hier noch attraktiver

Die Planer gehen derzeit davon aus, dass elektrische Strassenbahnen, wie man sie zum Beispiel von der Stadtbahn nach Öhringen kennt, eingesetzt werden. Auf diese Weise könnte eine umsteigefreie  Verbindung entweder nach Öhringen und Heilbronn oder nach Schwäbisch-Hall realisiert werden und es könnten bestehende regionale Verkehrsflüsse teilweise von der Strasse auf die Schiene verlagert werden. Außerdem lassen sich Strassenbahnen leichter in innerörtlichen Verkehr integrieren als eine klassische Eisenbahn.

Eventuell noch Ende 2020 Entscheidung

Von Stetten ist überzeugt, dass die Chancen auf eine Realisierung des Projekts gut sind, immer wieder sagt er Sätze wie „wenn wir dabei sind, und davon gehe ich aus.“ Er sieht jetzt den Landkreis und die Gemeinden am Zug, das Projekt in Stuttgart entsprechend zu präsentieren. Die nächsten Gespräche sollen bereits im Sommer stattfinden, die Benennung der 15 Linien, die laut dem Land realisiert werden sollen, könnte eventuell noch Ende 2020 erfolgen.

Die reine Bauzeit könnte etwa zwei Jahre betragen, davor liegen aber noch Planungs- und Genehmigungsverfahren, die in der Verantwortung des Landesverkehrsministeriums lägen. Einsprüche von Naturschützern und Anwohnern seien wie immer bei derartigen Projekten zu berücksichtigen. Auch mache die neue Trassenführung Grunderwerb nötig. Aber von Stetten ist optimistisch, daß das keine unüberwindbaren Hindernisse sind: „Ich gehe davon aus, dass das Projekt als ein positives Projekt empfunden wird.“

Wenn der Kreis, die 3 Gemeinden sowie der Gewerbepark an einem Strang ziehen, dann könnte das für die Entscheidung des Landes und auch für die zügige Durchführung der Planungs- und Genehmigungsverfahren letztendlich ausschlaggebend sein.

Text: Matthias Lauterer

Christian von Stetten (links) sieht gute Chancen, dass nach dem Flixbus auch die Kochertalbahn für den Kreis Künzelsau kommt. Foto: GSCHWÄTZ