Auf einmal standen diese Schilder da am Straßenrand. Zwischen Ohrnberg und Möglingen waren sie im vergangenen Herbst plötzlich aufgetaucht. „Biberwechsel“ steht darauf und: „19-7 h“. Gibt es so viele Biber in Ohrnberg, dass sich ein Schild lohnt, um auf sie hinzuweisen wie andernorts auf die Schulwege der Kinder?
Gibt es so viele Biber, das sich ein Schild lohnt?
Die Frau, die das weiß, ist Petra Kuch. Die Öhringerin ist im Auftrag des Landratsamtes seit 15 Jahren ehrenamtliche Naturschutzwartin und seit 2012 ehrenamtliche Biberberaterin. Sie betreut rund 50 Biberreviere am Kocher und seinen Nebenflüssen. Außerdem geht sie in Nicht-Corona-Zeiten mit ihrer Biberschule in Schulen und Kindergärten, bringt den Kindern mit einem ausgestopften Biber, Spielen, Filmen und Bildern das Tier näher.
Der Duft von Äpfel zieht die Biber magisch an
„Schon seit zehn Jahren leben Biber am Kocher zwischen Ohrnberg und Möglingen“, sagt sie. „Das ist das älteste Biberrevier am Kocher im Hohenlohekreis.“ Sie hat auch veranlasst, dass die Schilder, die vor dem Straßenseiten wechselnden Biber warnen, aufgestellt werden: „Das war nach einer Gewässerschau im Frühjahr, das Straßenbauamt der Stadt Öhringen hat sie aufgestellt. Das Problem an der Stelle: Auf der anderen Seite der Straße stehen alte Apfelbäume, deren Früchte nicht mehr abgeerntet werden. Sobald diese reif sind, fallen sie auf den Boden und fangen an zu faulen. Der Duft zieht die Biber magisch an. Sie machen sich auf den Weg, kreuzen die Straße – natürlich ohne auf den Verkehr zu achten. „Erst im vergangenen Jahr ist dort ein Biber überfahren worden“, erklärt Petra Kuch. Und ein solches Treffen sei nicht nur für das Tier gefährlich, sondern es könne auch zu erheblichem Schaden am Fahrzeug kommen. „So ein Biber kann rund 30 bis 40 Kilogramm wiegen“, sagt die Biberbeauftragte, die hauptberuflich beim Regierungspräsidium als Technikerin im Bereich Gewässertechnologie tätig ist. Weil der Biber, das größte Nagetier in Europa, keine jagdbare Art sei, übernehmen die Kfz-Versicherungen den Schaden oft nicht. Eine weitere Gefahr gerade an dieser Stelle: Schon öfters seien Fahrzeuge im Vorgarten der Anwohner gelandet. Wenn ein Autofahrer hier einem Biber ausweichen müsse, könnte das jederzeit wieder passieren. Denn auf das Schild, das dort den Verkehr auf 70 Stundenkilometer abbremsen soll und das ebenfalls dort steht, achte kaum jemand.
Leben im kleinen Familienverband
Biber leben monogam – das heißt, sie bleiben zeitlebens mit einem Partner zusammen. Sie bekommen zwei bis drei Junge im Frühjahr, von denen meist nur eins überlebt. „Der Biber ist sehr territorial, sein Wohngebiet ist rund zwei Kilometer lang“, erklärt Petra Kuch. Meist leben noch die Jungtiere vom vergangenen Jahr bei den Eltern und helfen ihnen bei der Aufzucht des neuen Wurfs. Im zweiten Jahr verjagen die Elterntiere ihren älteren Nachwuchs. Im Sommer ernähren sich die Tiere von Gras und Kräutern. Sobald es aber im Herbst kalt wird, stellen sie sich auf Baumrinde und dünne Zweige um – und auch wenn es so aussehe, der Biber frisst kein Stammholz. „Weil der Biber nicht klettern kann, fällt er kurzerhand die Bäume“, erklärt die Öhringerin das Treiben des Nagers. „Er hält keine Winterruhe ein, ist zwar im Winter wenig aktiv, legt sich dafür aber einen Vorrat quasi wie einen Kühlschrank an.“ Deshalb plädiert die Biberberaterin auch dafür, die gefällten Bäume liegenzulassen: „Nimmt man dem Biber diesen Vorrat weg, fällt er einfach einen anderen Baum.“ Der Biber neigt zur Anarchie – er macht, was er will.
Angepasst an ihr Umfeld
„Mittlerweile haben sich Biber und Baum an ihr Lebensumfeld angepasst“, so Petra Kuch weiter. „Das Vorgehen der Biber ist eher etwas Gutes, denn sie verjüngen die Bäume.“ Denn die treiben anschließend aus dem Stumpf wieder aus. Und auch, wer denkt, man müsse den Biber-Bestand regulieren, belehrt Petra Kuch eines Besseren. „Die Natur reguliert das von alleine, erst wenn der Mensch eingreift, kippt das System“, sagt sie. Außerdem gebe es hier noch sehr viel Platz für neue Biberwohnungen. „An Ohrn und Brettach gibt es viel mehr.“ Zudem: Der Biber steht nicht im Jagdgesetz als Tier, das gejagt werden darf. Das sei – zumindest in Baden-Württemberg nur mit Ausnahmegenehmigung erlaubt.
Text: Sonja Bossert

Biber. Foto: Rolf Hartbrich

Da hatte ein Biber ganze Arbeit geleistet: Die Feuerwehr Weißbach räumt einen Baum von der Straße. Foto: Feuerwehr Weißbach

Der Biber hatte sich noch an weiteren Bäumen ausgetobt. Foto: Feuerwehr Weißbach