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„Wir bewegen uns auf vermintem Terrain“

Es regnet seit Wochen in Strömen, New York versinkt langsam in den Fluten. Während Umweltaktivisten vor den Toren des Uno-Hauptquartiers in Booten demonstrieren, tagen im Innern des Gebäudes Politiker, Wirtschaftsbosse und Lobbyisten. Interviewt von einem Team des Senders Planet Earth Media zeigt sich schnell, dass jeder der Beteiligten nicht das Klima im Blick hat, sondern eigene Interessen verfolgt. Währenddessen steigen draußen die Fluten immer höher. Die Klimakonferenz beginnt, die Teilnehmer streiten noch vehement um die Sitzordnung, als urplötzlich die Wassermassen einbrechen. Alles gerät in Panik. Die Konferenzteilnehmer kämpfen um ihr Leben – umkreist von unbeeindruckten Fischen und anderen Wassertieren.

„Dieses Thema hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt“

Was als hanebüchene Idee von einer vielleicht doch nicht mehr so fernen Zukunft daherkommt, ist die Fabel „Ein paar Grad plus – die Klimakonferenz“, ersonnen von Detlef Schmelz und Marlene Gmelin vom Marionettentheater Pendel in Hermuthausen. „An dem Stück haben viele Menschen zusammengeschrieben und dazu ihre Ideen eingebracht.“ Auf sozialkritische und satirische Weise haben sie die großen Themen unserer Zeit hineingepackt: Gentechnik, Klima, Flüchtlinge. Einzelne Ideen zu diesem Stück wurden schon beim Marionettenfestival 2012 aufgeführt und nun weiterentwickelt. „Dieses Thema hat seitdem ja nichts von seiner Aktualität eingebüßt“, bedauert Detlef Schmelz.

Festival Ende Oktober 2021

Eigentlich wollte das Paar gemeinsam mit rund 15 Amateurmarionettenspielern die Fabel beim Festival der Marionette 2020 in Waldenburg-Hohebuch erneut aufführen, doch Corona machte die Pläne zunichte. „Bereits im März, als wir unseren großen Vorbereitungskurs absagen mussten, haben wir beschlossen, dass das Festival nicht stattfinden wird“, erklärt Marlene Gmelin. Nun also soll es Ende Oktober 2021 soweit sein. Weil noch unklar ist, wie dann die Lage sein wird, entwickelt das Künstlerpaar zurzeit einen Plan B, damit das Festival wie geplant stattfinden kann.

„Irgendwann bleibt einem das Lachen im Hals stecken“

„Eigens für die neue Aufführung haben wir schöne, neue und auch sehr komplizierte Figuren gebaut“, erklärt Detlef Schmelz. „Für das Stück brauchen wir unglaublich viele Marionetten.“ Stolz zeigt das Paar die neuen Figuren. Wie es sich für eine ordentliche Fabel gehört, bevölkern unzählige, nicht zufällig ausgewählte Tiere das Stück: Rosafarbene Schweine sonnen sich auf einem Kreuzfahrtschiff, der Finanzexperte kommt als Wolf daher und der Politiker ist ein Gockel. Die agile Reporterin wird von einer Katze verkörpert. Hinzu kommen die Meeresbewohner sowie Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten. Auf der Suche nach neuem Lebensraum flüchten diese auf winzigen Booten nach Faltergonien, einer Insel, wo alles noch wachsen darf, wie es will. Bald aber droht eine Überbevölkerung – eine Anspielung auf die Flüchtlingsproblematik. „Man lacht“, haben Gmelin und Schmelz festgestellt. „Aber irgendwann bleibt einem das Lachen im Hals stecken.“

„Wir bewegen uns dabei auf vermintem Terrain“

„Es ist ein unglaublich komplexes Stück“, sagt Marlene Gmelin. „Und wir bewegen uns dabei auf vermintem Terrain, denn das wird ganz schnell moralisch.“ Mit ihrem Stück wollen sie aber nicht moralisieren, sondern die Menschen auf poetische Weise zum Nachdenken über das eigene Handeln anregen. „Gutes Marionettenspiel erreicht den Zuschauer auf der emotionalen, seelischen Ebene. Es kann verzaubern und den Menschen nachhaltig tief im Innern berühren“, ergänzt Schmelz. Für die beiden Marionettenspieler ist das Stück eine Herzensangelegenheit und sie hoffen auf eine Reichweite über die Region hinaus.

Arte-Film über das Marionettentheater

Der Fernsehsender Arte hat 2020 einen Film über Gmelin und Schmelz gedreht, die beiden und Kursteilnehmer beim Spiel mit den Marionetten beobachtet. Nun hoffen sie, dass daraus noch mehr entsteht, vielleicht sogar ein Film über das Klimastück gedreht wird. Aber: „Ein Film ist ein riesengroßer Aufwand“, bekennen die beiden. Dazu müsste das Bühnenbild entsprechend gebaut werden, denn es wird immer aus verschiedenen Blickwinkeln gefilmt. Und für 20 Minuten Film könnten schnell rund 14 Tage Dreharbeiten nötig sein. „Das könnte eine Stufe zu groß für uns sein“, bekennen sie.

Proben im April und September

Zurzeit planen sie die Proben für das Klimastück im April und September. Bis zu acht Spieler stehen dabei gleichzeitig auf der Bühne – da muss auch geprobt werden, wie sie sich während des Spiels harmonisch aneinander vorbeibewegen können. Weil sie recht eng beieinanderstehen, müssten sie in der momentanen Lage zudem eine Maske tragen. Eigentlich sollte, angeleitet von einer Stimmbildnerin, live gesprochen werden. Aber weil das mit Maske unmöglich ist, werden nun professionelle Tonaufnahmen in einem Tonstudio nötig. Insgesamt sind etwa 20 Personen beteiligt. Weil die Leute aus ganz Deutschland kommen, ist es nicht einfach, sie alle zusammenzubekommen. Und gegenwärtig haben manche Angst vor einer Ansteckung und sind sich nicht mehr sicher, ob sie weiterhin dabeibleiben wollen.

Spieler als Schemen sichtbar

Gespielt wird auf offener Bühne, die schwarz ausgekleidet ist. Während die Marionetten gut ausgeleuchtet sind, sind die ebenfalls schwarz gekleideten Spieler im Hintergrund als Schemen sichtbar. Wenn sie gut spielen, drücken sie mit ihrem Körper aus, was gespielt wird und wirken dann wie ein Schatten der Marionette.

Festival als Schlusspunkt

Alles läuft auf das Festival hinaus, zu dem die Besucher teils von weit herkommen. Es ist der Schlusspunkt einer mehr als zweijährigen Arbeit. Natürlich üben die Leute auch für sich zu Hause, aber man müsse „das ganze Bild im Tun“ erleben. „Das Stück dauert rund eineinhalb bis zwei Stunden“, erzählt Schmelz. „Alles wird in Einzelteile zerlegt, die dann bei den Proben wieder zusammengefügt werden.“ Die Teilnehmer bekommen verschiedene Aufgaben. „So wird daraus ein großes Erlebnis und zeigt das Einmalige des Theaters – wir alleine hätten das nicht gekonnt“, bekennen Gmelin und Schmelz. Zurzeit planen sie mit 90 Zuschauern, müssen dafür ein Hygienekonzept erstellen. „Ein paar Grad plus – die Klimakonferenz“ wird am Freitag und Sonntag aufgeführt. Dazwischen gibt es noch viele andere Aufführungen, in denen die Spieler eigene Stücke zeigen. Für das Klimastück bleibt es vermutlich bei diesen beiden Aufführungen – es ist sehr unwahrscheinlich, dass man die vielen Beteiligten noch einmal so zusammenbringen kann. Aber vielleicht entsteht aus diesem Stoff noch ein Film oder ein Buch.

Das Festival der Marionette soll vom 29. bis 31. Oktober 2021 in Waldenburg-Hohebuch stattfinden. Weitere Informationen unter www.pendelmarionetten.de

Text: Sonja Bossert

 

Fische kochen Tee mit ausgebrannten Brennstäben. Foto: PendelMarionettenTheater

Detlef Schmelz und Marlene Gmelin vom Marionettentheater Pendel in Hermuthausen

Detlef Schmelz und Marlene Gmelin vom Marionettentheater Pendel in Hermuthausen. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv