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Das Geheimnis der Franken im Hohenloher Jagsttal

Im Jahr 1964 begannen in Klepsau im Jagsttal archäologische Grabungen. Man war auf ein merowingisches Gräberfeld aus dem 6. oder 7. Jahrhundert gestoßen und über mehrere Jahre hinweg fanden immer wieder Ausgrabungen statt.

„von hohem Interesse“

„Das Klepsauer Gräberfeld ist archäologisch von hohem Interesse“, sagt Dr. Astrid Wenzel, Kuratorin im Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Man könne aus dem Gräberfeld wichtige Erkenntnisse über das Leben in der merowingischen Zeit erfahren, aus der es in unserer Region so gut wie keine schriftlichen Zeugnisse gibt.

Seit dem 1. Jahrhundert seien vom Taubertal nach Süden vordringend, germanische Besiedlungen nachgewiesen. Einige Kilometer südlich von Klepsau befand sich mit dem Limes die Außengrenze des römischen Reiches, das dann im 5. Jahrhundert zerfiel. Im 6,. und 7. Jahrhundert lebten im Jagsttal Franken, ein germanisches Volk, das sich aus dem Bereich des Niederrheins über die Mittelgebirge hinweg ausgebreitet hatte. Diese Franken waren wohl den Merowingerkönigen, die meist im heutigen Nordfrankreich lebten, untertan, die genauen Herrschaftsverhältnisse in der Region sind größtenteils unbekannt. Namen und Ereignisse in der Region sind nicht überliefert.

Funde aus einer Zeitenwende

Diese Franken im Jagsttal standen an der Schwelle einer neuen Zeit. Die Merowingerkönige in Nordfrankreich waren ab dem Jahr 498 oder 499 Christen, bis ins Jagsttal war das Christentum im 7. Jahrhundert noch nicht wirklich vorgedrungen, der Missionar der Franken, der Heilige Kilian, soll erst um 689 nach Würzburg gekommen sein. Das läßt sich an den Grabstätten erkennen, denn die Gräber waren voll von Grabbeigaben. Bei Männern waren es meist Waffen, bei Frauen Schmuckstücke oder Gebrauchsgegenstände. Spätere christliche Gräber zeigen diese Beigaben nicht mehr. Allerdings findet sich in den Klepsauer Gräbern auch ein Kreuzsymbol: Das Christentum war zwar offenbar im 7. Jahrhundert noch nicht vorherrschend, aber es war bereits an der Jagst angekommen.

Handel war weiterhin möglich

Aus diesen Beigaben können Archäologen und Kunsthistoriker Schlüsse ziehen. Die Funde zeigen beispielsweise, dass es auch trotz des Niedergangs des römischen Reiches und des Verfalls der Straßeninfrastruktur Handelsbeziehung quer über Europa, vom äußersten Westen bis zur Krim gegeben hat: So wurden beispielsweise Bernstein aus dem Baltikum und Edelsteine von der Krim in der Region gefunden. Besonders schön zeigt sich dieser Handel an zwei Vogelfibeln, die in Klepsau gefunden wurden und die Goldschmiedekunst, Edelsteinbearbeitung und Glasherstellung zeigen.

Die doppelköpfige Vogelfibel hat ein goldenes Bodenblech und Perldraht auf dem umgebördelten Rand. Auf der Vorderseite befindet sich goldenes Stegwerk. Die Mittelzelle ist ohne Einlage, in den anderen Zellen liegen flache Almandine auf gewaffelter Goldfolie. In drei Zellen befinden sich grüne Glaseinlagen. [Bad. Landesmuseum]

Sowohl Gold, als auch die Almandine und das Glas kommen an der Jagst nicht vor, auch ist aus der Region kein Zentrum der Goldschmiedekunst bekannt. Die Stücke müssen also von mehreren Orten zu einem Goldschmied gebracht worden sein, der sie bearbeitet hat und von dort ins Jagsttal gekommen sein. Wo genau die Stücke hergestellt wurden, weiß man nicht. Dr. Astrid Wenzel vermutet die Herkunft in „einem der Zentren am Rhein, Speyer, Worms, Mainz, vielleicht Köln“, wohin nicht nur der Wassertransport von Waren möglich war, sondern sich vielleicht auch noch römisches Handwerk erhalten hat. Ein Beleg für den Fernhandel sind auch Münzen, die beispielsweise ostgotischer Herkunft sind.

Die doppelköpfige Vogelfibel hat ein goldenes Bodenblech und Perldraht auf dem umgebördelten Rand. Auf der Vorderseite befindet sich goldenes Stegwerk. In der pilzförmigen Mittelzelle liegt grünes Glas, in den anderen Zellen flache Almandine auf gewaffelter Goldfolie. Um zwei Einfassungen hellgrünes, stark korrodiertes Glas. Das Mittelfeld ist eingetieft und zeigt geperlte Golddrähte auf niedrigen Goldstegen.  [Bad. Landesmuseum]

Woher genau die Almandine aus den beiden Schmuckstücken herkommen, wurde nicht untersucht. Almandine, eine Form des Granats, wurden auch im Odenwald gefunden. Wegener vermutet, dass die Almandine aus den Schmuckstücken weit aus dem Osten kommen, wahrscheinlich von der Krim. Untersuchungen eines geschmückten Schwerts, das allerdings nicht aus Klepsau stammt, haben das ergeben.

Die Rolle der Frau

Aus den Frauengräbern kann man weitere Schlüsse ziehen, da die gefundenen Fibeln regionaltypische Gestaltung aufweisen. So spricht Wenzel davon, dass eine Fibel aus Thüringen kommen dürfte. Möglicherweise waren es Hochzeitsgeschenke oder eine Mitgift, meint sie, denn meist trugen nur verheiratete Frauen derartige wertvolle Accessoires. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass zur damaligen Zeit eine „Patrilokalität“ vorherrschte, dass der Grund also Männern gehörte und dass Frauen aus anderen Sippen auf den Grund ihres Mannes zogen.
Kaum anders als heutige Frauen führten übrigens die fränkischen Frauen aus dem 7.Jahrhundert gerne ein Täschchen mit sich, das an einem schräg über die Schulter befestigten Riemen getragen wurde – und genau wie heute waren in dem Täschchen unter anderem die Schmuckuntensilien. Ein bemerkenswerter Kamm aus Bein mit einem Schutzetui aus demselben Material zeigen das.
Frauen hatten aber, zumindest in den wohlhabenden Familien, eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Zwar gehörte wohl das Land dem Mann – aber die Frau hatte die Schlüsselgewalt. Das zeigt ein seltener Fund: Reste eines metallenen Kästchens, das laut Wegener ein Schlüsselkästchen gewesen sein dürfte.

Soziales Gefüge

Nicht nur wohlhabende Menschen waren in Klepsau beigesetzt. Die eindrucksvollsten und künstlerisch hochwertigsten Funde stammen aus nur wenigen Gräbern, die von Wohlstand zeugen. In den meisten Gräbern wurden allerdings weniger wohlhabende Menschen begraben, sodass man den Unterschied zwischen Arm und Reich nachvollziehen kann: Liegen in den Gräbern der Wohlhabenden künstlerisch gestaltete Fibeln, so findet man das in den ärmeren Gräbern nicht: Fibeln waren wichtige Gebrauchsgegenstände, die weiterverwendet wurden. Man konnte es sich wohl nicht leisten, derartig nützliche Gegenstände einer Toten mit ins Grab zu legen.

Die Funde aus Klepsau liegen heute im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloß. Öffnungszeiten und weitere Informationen unter www.landesmuseum.de.
Überblick über die Funde von Klepsau: „klepsau“ – Digitaler Katalog – Badisches LandesmuseumLiteratur:
Dr. Klaus Eckerle, Neue Funde aus frühmittelalterlichen Adelsgräbern in Klepsau und Hüfingen
Ursula Koch, Das fränkische Gräberfeld von Klepsau im Hohenlohekreis. (= Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg ; Bd. 38 )
(antiquarisch erhältlich)

Schriftliche Überlieferung

Schriftlich ist über die Franken im Jagsttal aus der merowingischen Zeit des 7.Jahrhundert fast nichts bekannt. Das römische Reich, aus dem es Berichte von Reisenden gibt, war zerfallen. Aufgeschriebene Geschichte wird es erst mit der fortlaufenden Christianisierung im 8. Jahrhundert geben, als in den neu gegründeten Zellen und Klöstern beispielsweise Besitzverhältnisse dokumentiert wurden. Aus Nordfrankreich, wo die Merowingerherrscher seit dem 6. Jahrhundert getauft waren und sich eine kirchliche Infrastruktur entwickelt hat, weiss man mehr, da die dortigen Könige ihr Leben von Chronisten aufschreiben ließen. Insofern bleiben den Historikern und Archäologen, die sich mit der Region beschäftigen, nur die erhaltenen Gegenstände der damaligen Zeit und der Vergleich mit den Überlieferungen der Chronisten, die – den merowingischen Herrschern sagt man Blutrünstigkeit nach – sicherlich ganz im Sinne des jeweiligen Königs geschrieben sind. Stoffe aus Flachs oder Leinen, Holz und ähnliche Naturmaterialien sind im Lauf der Jahrhunderte verrottet, steinerne Zeugnisse gibt es wenige. So bleibt nur, aus den Hinterlassenschaften, die man den Verstorbenen mitgab, auf die Lebensweise der damaligen Jagsttäler zu schließen.

Auch wenn man vieles weiß oder ahnt: ein Geheimnis bleibt.

Text: Matthias Lauterer