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Der Papst stirbt und keinen interessiert’s

Papst Franziskus ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Kardinal Kevin Farrell teilte am Ostermontag mit: „Heute Morgen um 7.35 Uhr ist der Bischof von Rom, Franziskus, in das Haus des Vaters zurückgekehrt. Sein ganzes Leben war dem Dienst des Herrn und seiner Kirche gewidmet.“

Treue, Mut und Liebe

Farrell weiter: „Er hat uns gelehrt, die Werte des Evangeliums mit Treue, Mut und universeller Liebe zu leben, insbesondere für die Ärmsten und Ausgegrenzten. In großer Dankbarkeit für sein Beispiel als wahrer Jünger des Herrn Jesus empfehlen wir die Seele von Papst Franziskus der unendlichen, barmherzigen Liebe Gottes, des Einen und des Dreifaltigen.“

Noch am Sonntag hatte Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom den traditionellen Ostersegen „Urbi et Orbi“ gespendet. Zehntausende hatten sich versammelt, um ihrem Oberhaupt ganz nah zu sein.

Schwere Lungenentzündung

Der gesundheitlich schwer angeschlagene Papst wurde im Rollstuhl auf den Balkon am Petersplatz gefahren. Er litt seit Wochen an einer schweren Lungenentzündung und hatte auf einen Großteil der Osterfeierlichkeiten verzichtet.

Der Argentinier stand seit 2013 an der Spitze der katholischen Kirche mit weltweit 1,4 Milliarden Gläubigen. Er war der 266. Amtsträger. Er war bekannt für seine Hinwendung zu den Armen, Schwachen und Ausgegrenzten. Kurz vor seinem Tod besuchte er noch Häftlinge.

Fußwaschung für Häftlinge

Trotz seiner Schwäche, trotz seiner angeschlagenen Gesundheit lässt es sich der 88-Jährige nicht nehmen, zu denjenigen zu gehen, die am Rand der Gesellschaft stehen, die Außenseiter sind. In den Jahren zuvor hatte Franziskus Häftlingen stets die Füße gewaschen, der Ritus erinnert an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Die Fußwaschung war ihm in diesem Jahr nicht mehr möglich, aber dennoch war er dort, im Gefängnis.

Der Papst stirbt an Ostern – welch ein Sinnbild – und doch, scheint es die große Masse, zumindest wenn man auf social media schaut, nicht wirklich zu interessieren. Hier regieren auch nach dem Tod des katholischen Kirchenoberhauptes die Themen Osterausflüge, Trump und Urlaub.
Er wandte sich denen zu, die am Rande der Gesellschaft stehen
Das liegt mitnichten an Franziskus, der wie kaum ein anderer, sich wieder den am Rand stehenden zugewendet hat – in der heutigen Zeit würde man sich das auch von der Politik verstärkt wünschen. Und doch gingen viele seiner Taten unter, weil sich immer mehr Menschen von der katholischen Kirche abwenden. Ausschlaggebend für viele: Die zahlreichen Missbrauchsskandale und die nur notdürftige Aufarbeitung dergleichen. Auch eine Reform des Kirchenrechts für Gleichberechtigung stünde an, so dass auch Frauen Priesterinnen und – ja, sogar Päpstin werden könnten. Auch das Zölibat ist so veraltet wie die gesamte katholische Kirche.
So wird der Mitgliederschwund weitergehen und damit die Bedeutungslosigkeit der katholischen Kirche.



Nichts wird mehr so sein, wie es mal war

„Am Anfang waren alle Besuche verboten“, erinnert sich Sabine Focken im Rahmen eines Couchgesprächs mit Dr. Sandra Hartmann über die Rolle der Kirche in der Pandemie. Im ersten Teil des Interviews sprach die 62-Jährige offen über den anfänglichen Rückzug ihrer Gemeindemitglieder und wie sie auch sich und ihre Arbeit neu definieren musste, um den veränderten Gegebenheiten gerecht zu werden.

Um wieder zu sich selbst und zueinander zu finden

Im zweiten Teil des Couchgesprächs geht es nun darum, welche Projekte die Gemeindemitglieder in Dörrenzimmern und Stachenhausen während der Pandemie ins Leben gerufen haben, um wieder zu sich selbst und zueinander zu finden.

Das wurde dann so eine Art Bewegung

„Am Anfang waren alle Besuche verboten. Daher hat unser Besuchskreisteam jeden Senior und jede Seniorin in der Gemeinde kontaktiert und gefragt: „Hast du einen Bibelspruch, der dir gut tut?  Das wurde dann eine Art Bewegung. So haben wir angefangen, den Glauben wieder nach vorne zu holen“, erzählt Sabine Focken mit sichtlicher Begeisterung. Herausgekommen ist ein kleines Büchlein mit vielen Lieblingsstellen aus der Bibel und selbstgemalten Bildern.

Auch sie selbst haderte immer wieder

Aber so einfach war es nicht immer während der Pandemie. Auch sie selbst haderte immer wieder, wie auch andere Menschen in ihrer Gemeinde. „Am Anfang waren wir naiv. Wir dachten: Nach der ersten Welle haben wir sicher das Meiste überstanden. Dann kam die nächste und die nächste Welle. Das hat auch bei mir früher Frust ausgelöst. Jetzt entspanne ich mich schneller und warte ab.“ Dankbar ist Sabine Focken, weil sich viele Türen nicht nur geschlossen, sondern auch geöffnet haben in dieser Zeit. „Ich habe Gott als aktiv Handelnden erlebt, etwa durch die vielen Impulse, die ich von anderen bekommen habe, als ich zunächst still wurde.“

Nichts wird mehr so sein, wie es mal war

Sie sieht auch jetzt nicht das große Ende der Pandemie nahen, sondern weiß, dass nach einer derartigen Ausnahmezeit nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Man kann die Zeit nicht einfach zurückdrehen, auch wenn sich viele nach diesem Zustand sehnen. aber nicht nur hinsichtlich Corona, auch hinsichtlich vieler anderer Dinge wie dem Klimawandel bedarf es nun einem großen Veränderungswillen: „Ich glaube, wir brauchen einen großen Umbruch in der Gesellschaft. Wir müssen alle vom Konsum runter.“

„Da ist so eine Kraft in dem Ausgebremst-Sein drin“

Und genau darin sieht sie die Energie, die eine derartige Krise auch freisetzen kann: „Da ist so eine Kraft in dem Ausgebremst-Sein drin.“ Die Gemeinde wurde erfinderisch, um ihre Mitglieder in der Pandemie trotz Abstandsgebote und Ängste zu erreichen. Das Kirchenteam verteilte Osterbriefe an alle Senioren, jeden Sonntag werden bis heute die Predigten und Lieder per WhatsApp verschickt. Mitte-der-Woche-Impulse ebenso. Anfangs kam sich Sabine Focken komisch vor, am Schreibtisch zu sitzen und ihre Predigt in ihr Handy zu sprechen, um sie danach per WhatsApp zu verschicken. Heute lacht sie, wenn sie an die Anfänge des digitalen Umbruchs zurückdenkt.

Beispiel eines Mitte-der-Woche-Impuls, den Sabine Focken per WhatsApp verschickt.

„Christliche Botschaften muss man hier viel kürzer und in nichtkirchlicher Sprache auf den Punkt bringen“

„Christliche Botschaften muss man hier viel kürzer und in nichtkirchlicher Sprache auf den Punkt bringen“, habe sie dabei gelernt. Auf der gleichen Spur ist sie als Hochschulseelsorgerin in Künzelsau mit ihrem Instagram-Account genannt „Soulfood“ (seelische Nahrung, zu finden auf Instagram unter: Instagram: soulfood_hhn). Zudem sind Glaubensabende entstanden, zunächst als Gemeindeangebot gedacht, coronabedingt gestrichen und aus großer Lust im Kirchengemeinderat ganz neu entwickelt. „Gemeinsam sind wir sprachfähiger geworden in Sachen Glauben und sind sehr gespannt, wie es damit in der Gemeinde weitergeht.“

Die Diskussion, ob Gottesdienste auch in Hochzeiten der Pandemie stattfinden dürfen – Sabine Focken hat hierzu eine klare Meinung

Was ihr während unseres Gesprächs wichtig ist, immer wieder zu betonen, dass nicht nur in ihrer Gemeinde viel geleistet wurde und sich einiges geändert hat, sondern überall. Und dass ganz viele Menschen daran beteiligt waren und sind.

Immer wieder gab und gibt es Diskussionen auch im Hohenlohekreis, ob Gottesdienste in den Höhepunkten der Pandemie noch stattfinden dürfen oder nicht. „Wir haben hier klare Richtlinien des Oberkirchenrates gehabt“, sagt Focken. Diese orientierten sich an den Inzidenzen. Innerhalb dieser Regeln gab es für die Gemeinden jedoch Entscheidungsspielräume. Sabine Focken: „Wir haben uns angesichts unserer großen Kirche immer für so viel wie möglich Präsenz entschieden ABER gleichzeitiger Berücksichtigung der SicherheitErst wenn Apotheken und Arztpraxen schließen müssen, dann muss auch die Kirche ihre Pforten zu machen, denn die Menschen brauchen einen Glauben beziehungsweise Glaubensangebote in dieser Zeit. Das ist Fockens klare Meinung dazu. Denn: „Glaube stärkt das Immunsystem“, davon ist die Pfarrerin überzeugt.

Solosängerteam singt von der Empore

Nicht alle in ihrer Gemeinde sehen das so beziehungsweise hatten den Wunsch, einen Gottesdienst zu besuchen. Das Schichtmodell (2 Gottesdienste hintereinander, um einer vollen Kirche entgegenzuwirken) stellten sie wieder ein, da die Angst unter den Gemeindemitgliedern zu groß vor Ansteckung war. Es blieb daher bei einem Gottesdienst. Während die Gemeindemitglieder in der Kirche nicht singen dürfen wegen der Coronaverordnung, hat Dörrenzimmern seit Beginn ein Solosängerteam hierfür, das von der Empore singt. Das ist erlaubt.

Kirchenmäuse-WhatsApp-Gruppe mit den neuesten kirchlichen Nachrichten für die jüngsten Gemeindemitglieder

Viel hat sich getan in diesen zwei Jahren, bunt bemalte Glaubenssteine wurden um die Kirche gelegt, der Kirchplatz hat ein von den Konfirmanden gebautes Insektenhotel bekommen, ein neu gegründeter Zwergentreff unter der Leitung von Eva-Maria Schmidt trifft sich immer draußen, es gibt eine Kirchenmäuse-WhatsApp-Gruppe  die die jüngsten Gemeindemitglieder über Neuigkeiten in der Kirche informiert, umgesetzt von Nicole Vogt von den Hochholzhöfen und Renate Denner vom Eschenhof. „GoodNews“ (gute Nachrichten = frohe Botschaft) war im vergangenen Jahr ein zeitlich begrenztes, aber sehr erfolgreiches WhatsApp-Gruppen-Angebot für Kinder und Jugendliche. Hier durfte jeder gute Nachrichten einstellen. „Glaube stärkt, auch die Jugend braucht Stärke, vor allem für die Aufgaben, die noch anstehen“, sagt die Pfarrerin.

Meditative Gottesdienste

Raus in die Natur ging es beim Osterweg in Stachenhausen oder bei der von Mädchen aus dem Ort gestalteten Kirchenrallye in Dörrenzimmern. Holger Hartmann vom evangelischen Jugendwerk (ejk) schaute mit seinem EJK-Mobil vorbei und töpferte mit den Kindern. Es fanden meditative Gottesdienste mit Sabine Otterbach statt, um zur Ruhe zu kommen.

Sabine Focken erlebte und erlebt in dieser Zeit als Pfarrerin eine viel intensivere Seelsorge. „Über den Glauben passiert so viel Gesundung. Wir brauchen mehr Glauben in unserem Land, er muss wieder neu entdeckt werden.“

„Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu klagen“

Das Seniorenkreis-Team schenkte jedem Senior und jeder Seniorin in der Gemeinde in der Adventszeit eine Kerze mit einem Tannenzweig und einer Karte, auf der stand: „Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu klagen.“

Focken weiß um die schwindenden Mitgliederzahlen der Kirchen. Aber sie sieht in der Pandemie auch eine Chance, alte Verkrustungen abzuschütteln. „Man entdeckt andere, neue Dinge, die vielleicht sogar besser als die alten sind und vor allem merkt man, wie gut es ist, die Kraft und den Segen Gottes zu brauchen und zu finden.“

 




Dörrenzimmern: Der Urknall und die Gottesfrage

Zu einem besonderen Gottesdienst lädt der Evangelische Kirchenbezirk Künzelsau am Sonntag, den 26. Januar 2020, ab 18 Uhr in der Kirche in Dörrenzimmern. Dabei beschäftigt sich der Physiker Prof. Dr. Thomas Schimmel von der Universität Karlsruhe mit dem Urknall und der Gottesfrage. Er nimmt die Zuhörer mit auf einen Streifzug vom Inneren der Atome bis an die Grenzen des Universums.

Nach dem Gottesdienst gibt es einen Stehempfang. Der Eintritt ist frei.




Erschütternd für Christen – Landessynode-Kandidaten nehmen Stellung zu den Missbrauchsskandalen

Am 1. Advent am 01. Dezember 2019 wählen rund zwei Millionen Wahlberechtigten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg neue Kirchengemeinderäte und eine neue Landessynode. Etwa 10.000 neue Kirchengemeinderäte leiten die 1.244 Kirchengemeinden der Landeskirche zusammen mit ihrem Pfarrer. Die 90 ebenfalls zu wählenden Landessynodalen bestimmen den Kurs der gesamten Kirche auf landeskirchlicher Ebene mit.

Im Wahlkreis Künzelsau-Schwäbisch Hall-Gaildorf sind drei Wahlvorschläge der Landessynodalen mit jeweils einem Laien und Theologen eingegangen:

Wahlvorschlag ‚Lebendige Gemeinde‘
Laien: Bleher, Andrea, Dipl.-Agr.-Ing. (FM), Hausfrau, Untermünkheim
Theologen: Matthias Bilger, Pfarrer, Rosengarten

Wahlvorschlag ‚Evangelium und Kirche‘
Laien: Sawade, Annette, Dipl.-Chemikerin, Schwäbisch Hall-Wackershofen
Theologen: Schatz, Kurt Wolfgang, Schuldekan, Schwäbisch Hall

Wahlvorschlag ‚Offene Kirche‘
Laien: Sulek, Falk, Pädagoge, Künzelsau
Theologen: Stähle, Holger, Pfarrer, Schwäbisch Hall

GSCHWÄTZ hat die einzelnen Kandidaten um ein Interview gebeten und Ihnen vier Fragen gestellt. Die Antworten von Holger Stähle liegen bislang noch nicht vor.

 

Andrea Bleher –  ‚Lebendige Gemeinde‘

Andrea Bleher möchte missioniarisch  tätig und möchte sich für eine starke Kirche im ländlichen Raum einsetzen. Auf die Missbrauchsskandale der katholische Kirche angesprochen, sagt sie, dass diese Fälle sensibel aufgearbeitet werden müssen und eine starke Präventionsarbeit wichtig ist.

GSCHWÄTZ: Was sind Ihre Beweggründe, sich als Kandidat für die Wahl zur evangelischen Landessynode aufstellen zu lassen?

Bleher: Mein Glaube an Jesus Christus bewegt mich, mich ehrenamtlich einzusetzen und Kirche mitzugestalten, damit Menschen mit der befreienden und froh machenden Botschaft des Evangeliums erreicht werden, wie Jesus es sagt. Ich bin durch die Jugendarbeit in meiner Heimatgemeinde zum Glauben gekommen, deshalb sind mir Jugendarbeit und Gemeindearbeit besonders wichtig.

 

GSCHWÄTZ: Welche Ziele hoffen Sie nach Ihrer Wahl zu erreichen?

Bleher: Für mich sind die wichtigsten Ziele: missionarisch Kirche sein. Alles, was dazu dient, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, ist zu unterstützen. Bibellesen, Glaubenskurse oder neue Aufbrüche gehören auf jeden Fall dazu. Gemeinden haben Vorfahrt. In der Gemeinde vor Ort ist Kirche mit ihrer Botschaft in Wort und Tat nah bei den Menschen und bietet Heimat. Ehrenamt stärken und fördern. Ehrenamtliche sind die Säulen der Gemeinde. Wir sollten in der nächsten Synode einen großen Kongress für das Ehrenamt durchführen und Ehrenamtliche unterstützen. Pfarramt lebbar gestalten. Damit wir für die Zukunft genügend Pfarrerinnen und Pfarrer haben brauchen wir neben dem universitären Studium weitere Zugänge zum Pfarramt, zum Beispiel Masterabsolventen der Theologie. Freiraum für Innovation. Kirche muss sich erneuern. Die Botschaft ist klar, doch Formen von Gottesdiensten, Gemeinden oder Musikstile können sehr unterschiedlich sein. Kirche muss zukünftig mehr Spielraum für Innovation bieten. Dafür sind finanzielle und gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Familien stärken. Von Anfang religiöse Bildung und Erziehung unterstützen. Familie, Kindergarten, Kinderkirche, Jugendarbeit, konfessioneller Religionsunterricht sind die klassischen kirchlichen Handlungsfelder und sollen einen Schwerpunkt erhalten. Kirche im ländlichen Raum. In der Fläche präsent sein, Kirche im ländlichen Raum zu stärken, weil die Menschen dort eine große Verbundenheit zu ihrer Kirche haben und aktiv an der Gemeindearbeit beteiligt sind. Landwirtschaftliche Familien in unseren Kirchengemeinden müssen mehr als bisher beteiligt werden, wenn sich Kirche zu Umwelt- und Klimathemen äußert, denn die Landwirte prägen mit ihrer Arbeit den ländlichen Raum und sorgen für unsere Ernährung.

 

GSCHWÄTZ: Welche Rolle, glauben Sie, kann die Kirche in unserer heutigen Zeit noch spielen? Spricht sie die Menschen überhaupt noch an?

Bleher: In Württemberg spielt nach meiner Beobachtung die Kirche eine wichtige öffentliche Rolle. In kleineren Gemeinden wird sie als Partner und wichtiger Akteur vor Ort wahrgenommen. Besonders bei der Kindergartenarbeit, im diakonischen Handeln wie den kirchlichen Pflegediensten und wenn Pfarrerinnen und Pfarrer in der Schule am Ort Reli unterrichten. Oft begegnen sich Bürgermeister und Pfarrer bei den Besuchen von Jubilaren und in vielen Kirchengemeinden werden Gottesdienste im Jahreslauf gemeinsam mit Vereinen gefeiert. Aber auch in den Städten in unserer Region ist Kirche als Gegenüber und Partner wichtig, das zeigen die gute Zusammenarbeit bei Flüchtlingshilfe und Integration. Aber auch bei der Bearbeitung von Fragen, bei denen es um ethische Entscheidungen wie zum Beispiel zu Beginn und am Ende des Lebens geht, friedensethische und soziale Gerechtigkeit oder Umgang mit künstlicher Intelligenz ist Kirche ein gefragt. Glaube ist keine Privatsache und wirkt vom Auftrag her in die Öffentlichkeit als eine Kirche, die hilft, begleitet und bildet.

Kirche wird dann im Leben der Menschen eine Rolle spielen, wenn sie lebensrelevant ist, wenn sie Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit anspricht und Möglichkeiten für Gemeinschaft bietet und sinnstiftende Antworten auf die Fragen hat, die Menschen heute bewegen. Antworten, die das Licht und die Zuversicht des Glaubens wohltuend verbreiten. Ich denke wiederum an neue Formen von Gemeinschaft z.B. in einem Muskelhauskreis für junge Männer im Fitnessstudio oder an  ein Nähtreffen im Gemeindehaus mit Nähmaschine und inspirierendem Nähen.

 

GSCHWÄTZ: Inwieweit tangieren die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche der jüngsten Zeit – auch die evangelische Kirche?

Bleher: Wir wissen, dass ein Skandal in der katholischen Kirche auch bei uns Kirchenaustritte bewirkt. Wir wollen in unserer Kirche achtsam sein und sexualisierte Gewalt wahrnehmen und überwinden. Das ist seit vielen Jahren Thema in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Dazu gehört eine sensible Aufarbeitung, wo es traurigerweise dazu gekommen ist, klare Verfahrensregeln und eine umfangreiche Prävention, damit künftige Grenzverletzungen geahndet und verhindert werden.

Andrea Bleher –  ‚Lebendige Gemeinde‘. Foto: Kirchenwahl

 

Matthias Bilger -‚Lebendige Gemeinde‘

Matthias Bilger möchte Menschen zum Glauben einladen und setzt sich dafür ein, dass „Jesus das Zentrum der Kirche bleibt“. Er sieht es kritisch an, dass sich die Kirche zu viele „politische Nebenschauplätze eröffnet“ habe. Das wäre bei ihm künftig weniger der Fall.

GSCHWÄTZ: Was sind Ihre Beweggründe, sich als Kandidat für die Wahl zur evangelischen Landessynode aufstellen zu lassen?

Bilger: Ich bin in der Evangelischen Landeskirche aufgewachsen und dort auch zum lebendigen Glauben an Jesus Christus gekommen. Auch heute haben landeskirchliche Gemeinden noch großartige Möglichkeiten, Menschen zum Glauben einzuladen und eine geistliche Heimat zu bieten. Ich möchte dazu beitragen, dass diese Möglichkeiten gut genutzt werden und dass Jesus das Zentrum der Kirche bleibt.

 

GSCHWÄTZ: Welche Ziele hoffen Sie nach Ihrer Wahl zu erreichen?

Bilger: Zunächst einmal die Stärkung der Gemeinden vor Ort. Statt die mittlere oder höhere Ebene zu erweitern (finanziell oder auch von den Kompetenzen her) muss möglichst viel Gestaltungsspielraum vor Ort sein. Außerdem geht es mir um eine klare Fokussierung auf unseren Kernauftrag: Jesus und das Vertrauen zu ihm. Die Kirche hat m. E. zu viele (politische) Nebenschauplätze eröffnet und meint sich zu jedem und zu allem äußern zu müssen. Da wäre weniger in jedem Fall mehr!

 

GSCHWÄTZ: Welche Rolle, glauben Sie, kann die Kirche in unserer heutigen Zeit noch spielen? Spricht sie die Menschen überhaupt noch an?

Bilger: Die Stärke der evangelischen Kirche war eigentlich immer eine klare Botschaft und eine hohe Flexibilität bei den Formen. Deshalb sollten wir alle neuen Medien, alternative Beteiligungsformen und verschiedenste Musikstile etc. nutzen, solange die Botschaft stimmt. Die Kirche als anerkannte Institution in unserem Land wird wohl an Bedeutung verlieren, nicht jedoch der zeitlose Inhalt, der eine Antwort gibt auf die Frage nach dem Sinn, dem Umgang mit Schuld und dem Leben nach dem Tod. Außerdem können die Gemeinden vor Ort Halt bieten in einer immer komplizierter und unübersichtlicher werdenden Zeit.

 

GSCHWÄTZ: Inwieweit tangieren die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche der jüngsten Zeit – auch die evangelische Kirche?

Bilger: Sie tangieren uns insofern, als wir Christen, egal zu welcher Konfession wir gehören, letztlich in einem Boot sitzen. Unser „Steuermann“ ist Jesus Christus und unser Handbuch die Bibel. Deswegen kann uns das Thema nicht egal sein. Wir haben auch keinen Anlass mit dem Finger auf die katholische Kirche zu zeigen. Wichtig finde ich, dass die Sensibilität für das Thema gewachsen ist und sowohl katholische als auch evangelische Kirche in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen verschiedene Maßnahmen ergriffen haben, damit solche Fälle verhindert oder zumindest frühzeitig erkannt werden.

Theologe Matthias Bilger -‚Lebendige Gemeinde‘. Foto: Kirchenwahl

 

Annette Sawade -‚Evangelium Kirche‘

Annette Sawade möchte bestimmte Strukturen und Regelungen hinterfragen und gegebenfalls ändern im Sinne einer lebendigen evangelischen Kirche.

GSCHWÄTZ: Was sind Ihre Beweggründe, sich als Kandidat für die Wahl zur evangelischen Landessynode aufstellen zu lassen?

Sawade: Als Tochter eines evangelischen Pfarrers bin ich mit der evangelischen Kirche großgeworden. Mein größtes und geliebtes Engagement war sehr lange die Kirchenmusik und eher nicht die Arbeit in den innergemeindlichen Strukturen. Diese waren außerdem in der DDR, wo ich fast 30 Jahre bis zur unserer Ausreise gelebt habe sehr viel anders als die, die ich dann in Baden-Württemberg kennengelernt habe. Dort die strenge Trennung von Staat und Kirche mit vielen Restriktionen für kirchlich Engagierte, im Westen oft eine es gehört „zum guten Ton“ Teilnahme. Nun habe ich vor etwa acht Jahren den Vorsitz des Vereins für Diakonie und Nachbarschaftshilfe in meiner Gemeinde übernommen. das war eine richtig gute Möglichkeit, wieder stärker im Gemeindeleben aktiv zu werden. Die Anfrage für die Synode zu kandidieren hat mich sehr gefreut vor allem die Anfrage von  Evangelium und Kirche, da ich das große Engagement für die Diakonie aber auch die Bereitschaft sich in die großen gesellschaftspolitischen Diskussionen einzumischen gern stärker unterstützen möchte.

 

GSCHWÄTZ: Welche Ziele hoffen Sie nach Ihrer Wahl zu erreichen?

Sawade: Die Arbeit der Synodalen verstärkt in die Gemeinden zu tragen und das Feedback von dort mitzunehmen. Denn es sind doch unsere Gemeinden, die die Kirche lebendig erhalten. Dazu gehört aber auch, bestimmte Strukturen oder Regelungen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern im Sinne einer lebendigen, Modernen aufgeschlossenen evangelischen Kirche. Es gilt dabei Tradition zu wahren aber auch sich dadurch nicht den Blick in die Zukunft zu verstellen.

 

GSCHWÄTZ: Welche Rolle, glauben Sie, kann die Kirche in unserer heutigen Zeit noch spielen? Spricht sie die Menschen überhaupt noch an?

Sawade: Die Kirche hat auch in unserer Zeit ihre Existenzberechtigung. Was wäre denn die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR ohne die Kirche gewesen? Und heute und hier? Viele Menschen suchen in unserer so komplexen Welt nach Hilfe und Erklärungen. Hier kann, nein muss doch gelebter Glaube in einer Kirchlichen Gemeinschaft Hilfestellung, Vermittlung unserer christlichen Werte und damit Beispielgebend sein, um z.B. Hass und Diskrimierung abzulehnen. Die Menschen suchen Spiritualität, Zusammenhalt und Unterstützung aber oft wenden sie sich dann dubiosen Heilsverkündern zu. Hier kann Kirche aufklären, helfen natürlich ohne Demagogie. Aber wir müssen unsere Ansprache auch so gestalten, dass die Menschen uns finden und sich an uns wenden. Wir müssen Kirchentüren und Gemeinden offen halten, für jede und jeden, ob alt oder jung, egal woher. Und wir müssen aufsuchende Kirche werden, nicht nur wenn jemand nicht mehr laufen kann, sondern auch andere Möglichkeiten der Begegnung anbieten und suchen. Für mich gehört dazu auch der offene Diskurs auf Augenhöhe mit anderen Religionen, der Respekt vor dem Gegenüber, was ich natürlich dann auch vom anderen erwarte.

 

GSCHWÄTZ: Inwieweit tangieren die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche der jüngsten Zeit – auch die evangelische Kirche?

Sawade: Auch ein einziger Missbrauchsfall – egal in welcher Kirche – ist nicht tolerierbar. Das Ausnutzen von Abhängigkeiten zum eigenen Vorteile – egal in welcher Form – ist nicht tolerierbar. Es ist auf jeden Fall Aufklärung des Fälle und entsprechende Transparenz das Gebot der Stunde. Ja die Kirche hat dadurch und zu Recht erheblichen Vertrauensverlust erhalten. Deshalb müssen wir alles tun, durch Aufklärung und Prävention und besonderen Schutz der uns Anvertrauten, um solches in Zukunft zu verhindern.

 

Annette Sawade -‚Evangelium Kirche‘. Foto: Kirchenwahl

 

Kurt Wolfgang Schatz – ‚Evangelium und Kirche‘

Kurt Wolfgang Schatz hat sich schon in jungen Jahren bis jetzt in verschiedenen Bereichen der Kirche engagiert. Er möchte ein Vermittler zwischen den Menschen in den Gemeinden und den kirchlichen Entscheidungsträgern sein.

GSCHWÄTZ: Was sind Ihre Beweggründe, sich als Kandidat für die Wahl zur evangelischen Landessynode aufstellen zu lassen?

Schatz: Ich stamme aus einer kirchlich geprägten Familie und habe mich von klein auf in der Kirche bewegt und später auch engagiert: im evangelischen Kindergarten unter der Leitung einer Diakonisse, in der Kinderkirche, in der evangelischen Jugendarbeit (CVJM); später als Jugendleiter und Kinderkirche-Mitarbeiter. Ich habe mich im Religionsunterricht für die Sinnfragen des Lebens interessiert und deshalb auch Theologie studiert. Ich war danach Gemeindepfarrer und 15 Jahre Religionslehrer im staatlichen Schuldienst. Heute möchte ich alle diese Erfahrungen in die aktuellen Entscheidungsprozesse unserer Landeskirche einbringen. Mir ist dabei besonders wichtig, in allen Feldern kirchlichen Handelns die Bildung zu stärken, damit die Menschen aller Generationen ihre in ihnen angelegte Begabungen zur Entfaltung bringen können.

 

GSCHWÄTZ: Welche Ziele hoffen Sie nach Ihrer Wahl zu erreichen?

Schatz: Ich möchte Vermittler sein zwischen den Menschen in den Gemeinden, an der kirchlichen Basis und den kirchlichen Entscheidungsträgern. Kirchliche Entscheidungen sollten transparent diskutiert werden. Keine Entscheidung sollte über die Köpfe der betroffenen Menschen gefällt werden. So müssen die Pfarrplan-Kürzungen abgefedert werden, damit gerade auch in den ländlichen kleinen Gemeinden die Kirche präsent bleibt. Wir müssen Menschen motivieren, sich in der Kirche zu engagieren. Christlicher Glaube und christliche Spiritualität muss überall in unserer Kirche erfahrbar und erlebbar bleiben. Das sollte in den Gottesdiensten und den generationenübergreifenden Bildungsangeboten unserer Kirche geschehen.

 

GSCHWÄTZ: Welche Rolle, glauben Sie, kann die Kirche in unserer heutigen Zeit noch spielen? Spricht sie die Menschen überhaupt noch an?

Schatz: Die gesellschaftliche Rolle der Kirche unterscheidet sich deutlich von der Bedeutung der Kirche in früheren Zeiten. Man kann heute von einem großen Bedeutungsverlust sprechen. Das muss wahrgenommen und kritisch beleuchtet werden. Dennoch ist Kirche auch für die Gegenwart wichtig – und in ganz besonderer weise auch für die Zukunft (junge Generation/ Klimawandel/ Umwelt/ Frieden…). Als Kirche müssen wir uns aktiv und hörbar in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und offen die christliche Botschaft vertreten. Wir müssen gegen Hass und Gewalt Stellung beziehen und gegen alle gesellschaftlichen Ausgrenzungen . Ziel muss ein friedliches Miteinander sein und ein stets gewaltfreier Dialog in allen Lebensbereichen.

 

GSCHWÄTZ: Inwieweit tangieren die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche der jüngsten Zeit – auch die evangelische Kirche?

Schatz: Viele Menschen unterscheiden heute nicht mehr zwischen den Kirchen und Konfessionen. Für unsere Kirche ist es wichtig jegliche Form des Missbrauchs zu erkennen, zu benennen und zu verurteilen. Man muss sofort und nach klar festgelegten Vorgaben eingreifen und handeln. Dabei muss Opferschutz vor Täterschutz kommen.

 

Kurt Wolfgang Schatz – ‚Evangelium und Kirche‘. Foto: Kirchenwahl

 

 

Falk Sulek – ‚Offene Kirche‘

Falk Sulek möchte sich für eine weltoffene Kirche einsetzen und überkommene Traditionen aufbrechen. Er möchte sich für mehr Freiheit, Fortschritt, soziale Gerechtigkeit und Mut in der Kirche einsetzen.

GSCHWÄTZ: Was sind Ihre Beweggründe, sich als Kandidat für die Wahl zur evangelischen Landessynode aufstellen zu lassen?

Sulek: Mit meiner Kandidatur möchte ich für eine plurale und weltoffene Kirche eintreten. Wir brauchen eine Kirche, die sich von der Liebe Gottes getragen weiß, die aktiv handelt und die nah bei den Menschen ist. Und vor allem möchte ich die Kirche und die Theologie nicht denen überlassen, die meinen, an festgefahrenen, überkommenen Traditionen und engstirnigen Weltbildern kleben zu müssen. Wir brauchen mehr Freiheit, Fortschritt, soziale Gerechtigkeit und Mut.

 

GSCHWÄTZ: Welche Ziele hoffen Sie nach Ihrer Wahl zu erreichen?

Sulek: Ich setze mich zum Beispiel für die absolute Gleichstellung homosexueller Paare ein, was auch die Einführung der Trauung für alle umfasst. Aber auch sonst spielen Geschlechtergerechtigkeit und die Akzeptanz menschlicher Vielfalt eine große Rolle für mich. Ein persönliches Herzensanliegen ist mir auch die Friedensarbeit der Kirche sowie die Vertiefung und Förderung des interreligiösen Dialogs, insbesondere mit dem Islam. Aber auch die Themen Klimagerechtigkeit, Bildungsarbeit und ein stärkerer Einsatz der Kirche für soziale Gerechtigkeit stehen bei mir ganz oben auf der Prioritätenliste.

 

GSCHWÄTZ: Welche Rolle, glauben Sie, kann die Kirche in unserer heutigen Zeit noch spielen? Spricht sie die Menschen überhaupt noch an?

Sulek: Die Rolle der Kirche ist auch heute noch vielfältig. Einerseits auf der ganz persönlichen Ebene als Ort der Gemeinschaft, der Beziehungserfahrung und des Kontakts zu anderen Menschen. Vielen Menschen ist die Kirche eine wichtige Begleiterin an den Wendepunkten des Lebens (Taufe, Trauung, Beerdigung, …). Vergessen werden dürfen auch nicht die zahlreichen diakonischen Aufgaben, die die Kirche übernimmt und worin Menschen Zuwendung und Hilfe in persönlichen und sozialen Notlagen erfahren. Hinzu kommt dann auch die Kirche als Raum für das Heilige: Die Verkündigung der christlichen Botschaft, Gottesdienste, Räume für Gebet, Stille und Meditation. Und natürlich ist der Glaube auch immer politisch und die Kirche eine bedeutsame gesellschaftspolitische Kraft. Wichtig ist: Wenn die Kirche auch in Zukunft ernstgenommen werden will, dann muss sie sich auch den Menschen zuwenden, offen für alle sein, präsent sein, authentisch sein. Kirche braucht den Mut, neue Wege zu gehen, sich selbst neu zu denken und überkommene Traditionen auch mal fallen zu lassen.

 

GSCHWÄTZ: Inwieweit tangieren die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche der jüngsten Zeit – auch die evangelische Kirche?

Sulek: Die Missbrauchsskandale erschüttern auch evangelische Christ*innen – das steht außer Frage. Es darf auch nicht verkannt werden, dass es in der Vergangenheit auch innerhalb evangelischer Landeskirchen schon zu Missbrauchsfällen gekommen ist, die dringend aufgearbeitet werden müssen. Die Strukturen, die solche Fälle überhaupt erst möglich werden lassen konnten, müssen aufgedeckt werden. Es bedarf klarer Präventivmaßnahmen, Schutzkonzepte in allen Bereichen, aber auch konkrete und schnelle Beratungs- und Hilfsmaßnahmen für Betroffene sowie Entschädigungsleistungen.

 

Falk Sulek – ‚Offene Kirche‘. Foto: Kirchenwahl